8. Dezember – Was bist Du schön!

„Tota pulchra es Maria, et macula originalis non est in te.“ – „Boah, was bist du schön!“ – Was für ein staunender, liebender Ausruf; und nicht nur etwas an Maria ist schön, das Gesicht, die Nase…, nein: ganz schön bist du, tota pulchra. Von Grund auf schön, können wir sagen, oder: von Seele auf.

Denn diese Seele, so sagt uns das Dogma, hat Gott vor, sagen wir, 2040 Jahren ohne jeden Makel im Augenblick ihrer Zeugung ursprünglich neu geschaffen.

Das ist schwer zu verstehen, schwer zu erklären, und wohl auch schwer zu preisen, denn das Kapitel der Vesper schießt dann auch über das Ziel heraus, wenn es dogmatisch nicht einwandfrei, weil unsere Kirche nicht an die Präexistenz der Seele glaubt, Maria die Worte der Weisheit aus dem Buch der Sprichwörter in den Mund legt: „Der Herr hat mich besessen am Anfang seiner Wege, bevor er irgendetwas geschaffen hat am Ursprung. Von Ewigkeit her bin ich geweiht, aus der Vorzeit, bevor die Welt wurde. Als die Abgründe noch nicht waren, da war ich schon empfangen.“ (Spr 8,22-24)

Im Überschwang sagt er Schönes, Staunendes, eben das: „ganz, ganz besonders“ aus.

Noch etwas ist auffallend an diesem Text: Maria wird beschrieben als „ordinata“, als Geweihte. Wir kennen sonst als Ordinierte nur die Priester. Maria ist aber genau das, was religionsphänomenologisch den Priester ausmacht: Mittlerin. Als solche rufen wir sie heute an, als eine, die ganz nahe bei Gott steht. In der 2. Antiphon z.B. „Vestimentum tuum candidum quasi nix, et facies tua sicut sol.“ –„Dein Kleid ist weiß wie Schnee und dein Antlitz wie die Sonne.“ Sie hat diesen Glanz als Abglanz von Gott und das leuchtende Kleid und Gesicht, so wie ihr Sohn auf Tabor.

Ich schaue gerne Familienfotos an, suche in den Gesichtern nach Ähnlichkeiten über Generationen hinweg. Beim Anschauen von überlieferten Bildern des Antlitzes Jesu kam mir der Gedanke, ob und wie er wohl seiner Mutter ähnlich sah. Und jetzt preisen wir sie: ganz schön bist du, dein Gesicht ist wie die Sonne. Dein Gesicht ist wie das Gesicht Christi.

Und darum durften wir in der 5. Antiphon singen: Ziehe uns, unbefleckte Jungfrau, dass wir hinter dir hereilen in den Duft deiner Salben. Nicht nur Jesus ist schön, nicht nur Maria ist schön, auch wir sollen eilen, im Hinterherlaufen an ihrem Duft und ihrer Schönheit Anteil erhalten. Im Eilen werden wir in ihren Duft, in ihre Aura hineingezogen. Vielleicht gilt dann irgendwann das Wort auch für uns: Boah, was sind die schön!

Bild: Pfingsten. Detail Nordwand der Abteikirche St. Hildegard, 1911.

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