„ Eine große Stadt – Mond und Sonne braucht sie nicht, Jesus Christus ist ihr Licht, ihre Herrlichkeit.“
Von Äbtissin Clementia Killewald OSB
Liebe Schwestern und Brüder im Herrn,
wie in jedem Jahr treffen wir uns heute am Fest der Heiligen Hildegard mit vielen anderen Gläubigen und Pilgern in Eibingen zur Reliquienprozession. Wir werden, wenn wir gleich durch die Straßen betend ziehen, das Lied singen: „Eine große Stadt ersteht, die vom Himmel niedergeht in die Erdenzeit, Mond und Sonne braucht sie nicht, Jesus Christus ist ihr Licht, ihre Herrlichkeit“ Das Lied, ein Lied voller Hoffnung, knüpft an das Bild des „Neuen Jerusalems“ an und verkündet einen Ort wahren Lebens. In dieser großen Stadt Gottes sollen die Menschen Zuflucht, Geborgenheit, Licht und Hoffnung finden.
https://abtei-st-hildegard.de/wp-content/uploads/2025/05/Logo-auf-Grau-248x300.gif00Administratorhttps://abtei-st-hildegard.de/wp-content/uploads/2025/05/Logo-auf-Grau-248x300.gifAdministrator2011-12-13 09:54:312018-03-13 16:27:29Ansprache von Äbtissin Clementia Killewald + am 17. September 2011
„O Mensch, schau den Menschen an!
Der Mensch hat nämlich Himmel und Erde in sich.
Er ist eine Gestalt, und doch ist in ihm alles verborgen.“ (Causa et curae S. 6)
Die Frage nach der Schöpfung und wie der Mensch mit dieser ihm von Gott gegebenen Schöpfung umgeht, wird heute von vielen diskutiert. Hildegard von Bingen schaute als Benediktinerin, geprägt von der Meditation der Heiligen Schrift und der Regel des heiligen Benedikt, auf die Fragen und Probleme ihrer Zeit. Heute betrachtet man in einer säkularisierten Welt die Schöpfung hauptsächlich unter wissenschaftlichen Gesichtspunkten. Im 12. Jahrhundert wird das wissenschaftliche Interesse erst langsam lebendig. Hildegard von Bingen hat Interesse an Wissenschaft und damit den Fortschritten ihres Zeitalters. Die Schöpfung jedoch ist für sie nicht vom wissenschaftlichen Aspekt her interessant, sondern als Werk Gottes. Die Schöpfung ist der erste Akt Gottes, der die Vorbereitung für den zweiten Akt ist: Die Inkarnation, die Menschwerdung Gottes. Gott, der Mensch wurde, um den Menschen zu retten – das ist für Hildegard von Bingen das zentrale Thema in ihren Werken.
Der Hauptgedanke Gottes in der Schöpfung ist der Gedanke der Beziehung. Er erschafft die Dinge, um den Menschen das Leben zu ermöglichen; er erschafft den Menschen, um mit ihm ins „Gespräch“ zu kommen. Weiterlesen
https://abtei-st-hildegard.de/wp-content/uploads/2025/05/Logo-auf-Grau-248x300.gif00Administratorhttps://abtei-st-hildegard.de/wp-content/uploads/2025/05/Logo-auf-Grau-248x300.gifAdministrator2011-12-11 14:48:432012-02-13 11:34:19Die mystische Dimension in der Schöpfungsspiritualität der Hildegard von Bingen
Wenn Hildegard im Buch der Lebensverdienste 35 Tugenden und Laster vorstellt, ist es kein bloßes Aufzählen von zwei Reihen negativer und positiver Haltungen. Durch die Gestalten zeichnet sich eher ein Weg ab, der eine innere Logik hat: Der eine Schritt folgt dem anderen, von der Weltliebe bis zum Weltschmerz in die eine Richtung, von der Liebe zum Himmlischen bis zur himmlischen Freude in die andere Richtung. Der Mensch wird in eine Dynamik einbezogen, aber keineswegs determiniert. Selbst die Tatsache, dass in der großen Vision Hildegards die Laster und die ihnen antwortenden Gotteskräfte auf fünf Gruppen verteilt sind, zeigt, dass immer wieder Neuanfänge gesetzt werden können, wo der Mensch sich wieder aufrichten und nach dem Guten ausrichten kann. Weiterlesen
https://abtei-st-hildegard.de/wp-content/uploads/2025/05/Logo-auf-Grau-248x300.gif00Administratorhttps://abtei-st-hildegard.de/wp-content/uploads/2025/05/Logo-auf-Grau-248x300.gifAdministrator2011-12-10 18:45:222012-02-13 11:34:29Der Weg der Lebenskräfte
I. Wo es anfängt Entscheidung und Ordnung der Liebe (Tafel 1 – 7)
Die Weichen, die die Richtung des Weges bestimmen, werden gleich zu Beginn im ersten Tugend-Laster-Paar gestellt: in der Liebe zum Himmlischen und in der Liebe zur Welt. An diesem Anfangspunkt steht es dem Menschen zu, sich zu entscheiden, worauf er seine Liebe ausrichtet. Aus dieser inneren Einstellung erwachsen dann die folgenden Haltungen.
Augustinus spricht in seinem großen Werk „Der Gottesstaat“ von zweierlei Liebe: von der bis zur Verachtung Gottes gesteigerten Selbstliebe und von der bis zur Verachtung seiner selbst gehenden Gottesliebe. Beide gründen ihren Staat, die eine den Weltstaat, die andere den himmlischen Staat (De civitate Dei 14, 28.). Ähnlich setzt Hildegard an. Die Liebe zur Welt erscheint in ihrer Vision als eine Äthiopierin, die auf einen Baum voller Blüten klettert und sie an sich reißt. Weiterlesen
https://abtei-st-hildegard.de/wp-content/uploads/2025/05/Logo-auf-Grau-248x300.gif00Administratorhttps://abtei-st-hildegard.de/wp-content/uploads/2025/05/Logo-auf-Grau-248x300.gifAdministrator2011-12-10 18:44:262011-12-10 18:51:16I. Wo es anfängt (Tafel 1 – 7)
Die erste Gestalt sah aus wie ein Mensch, war aber schwarz wie ein Mohr. Ganz nackt stand sie da. Mit ihren Armen und Beinen hielt sie einen Baum unterhalb seines Astwerks umklammert, aus dem die schönsten Blüten hervorsprossen. Mit seinen Händen griff sie nun hinein in die Blüten, riss sie herunter und sprach:
Wieso sollte ich hinwelken, wo ich doch vor grünender Lebenskraft strotze? … Solang ich noch dieser Welt Schönheit genießen kann, will ich sie mit Wonne umfangen.
Kaum hatte die Gestalt diese Worte geendet, da verdorrte der Baum bis auf die Wurzeln. Er stürzte in die Finsternis und riß die ganze Erscheinung mit sich in die Tiefe.
https://abtei-st-hildegard.de/wp-content/uploads/2025/05/Logo-auf-Grau-248x300.gif00Administratorhttps://abtei-st-hildegard.de/wp-content/uploads/2025/05/Logo-auf-Grau-248x300.gifAdministrator2011-12-10 18:43:272011-12-10 18:43:271. Tafel Liebe zur Welt – Himmlische Liebe
Die zweite Gestalt sah aus wie ein Hund, der zu streunen pflegt. Er stand auf seinen Hinterpfoten und hatte die Pranken an einen aufrecht stehenden Stock gelegt, während sein Schwanz spielerisch hin- und herwedelte. Und er sprach:
Was könnte dem Menschen schon eine Freude schaden, die ihm wenigstens etwas zum Lachen bringt? … Drum lasst uns fröhlich sein, solange es hier noch etwas zum Freuen gibt!
Die dritte Erscheinung glich einem Menschen, der eine völlig verunstaltete Nase hatte … Und die Gestalt sprach:
Wieviel besser ist es doch, sich zu verlustieren statt Trübsal zu blasen! … Mensch und Tier und Tier und Mensch, sie treiben lustig ihr Spiel miteinander! So ist es recht, so soll es sein!
Die vierte Erscheinung ballte sich wie ein dichter Rauch zu einer menschlichen Gestalt zusammen. Menschliche Glieder besaß sie jedoch nicht, nur große schwarze Augen glotzten aus ihr heraus … Und sie sprach:
Warum sollte ich mich um etwas bemühen und gar kümmern? So was werde ich schön bleibenlassen. Ich will mich für niemanden stärker einsetzen, als auch er mir nützlich sein kann … Würde ich auch nur einen Ton von mir geben und mich eine Spur nur in die Angelegenheiten anderer einmischen, was würde das mir nützen?
Der Leib dieser Gestalt glich dem Körper eines Wurms, eines knochenlosen Weichtieres … Bebend vor Angst begann dieses Wesen zu sprechen:
Solange ich unter Menschen weile, will ich in Frieden mit ihnen leben. Ob sie Böses oder Gutes treiben, ich werde schön den Mund halten. Für mich kommt mehr dabei heraus auch mal zu lügen oder zu täuschen, als immer nur die Wahrheit zu sagen.
Hildegardisvesper
Ansprache von Äbtissin Clementia Killewald + am 17. September 2011
Jesus Christus ist ihr Licht, ihre Herrlichkeit.“
Von Äbtissin Clementia Killewald OSB
Liebe Schwestern und Brüder im Herrn,
wie in jedem Jahr treffen wir uns heute am Fest der Heiligen Hildegard mit vielen anderen Gläubigen und Pilgern in Eibingen zur Reliquienprozession. Wir werden, wenn wir gleich durch die Straßen betend ziehen, das Lied singen: „Eine große Stadt ersteht, die vom Himmel niedergeht in die Erdenzeit, Mond und Sonne braucht sie nicht, Jesus Christus ist ihr Licht, ihre Herrlichkeit“ Das Lied, ein Lied voller Hoffnung, knüpft an das Bild des „Neuen Jerusalems“ an und verkündet einen Ort wahren Lebens. In dieser großen Stadt Gottes sollen die Menschen Zuflucht, Geborgenheit, Licht und Hoffnung finden.
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Die mystische Dimension in der Schöpfungsspiritualität der Hildegard von Bingen
Der Mensch hat nämlich Himmel und Erde in sich.
Er ist eine Gestalt, und doch ist in ihm alles verborgen.“ (Causa et curae S. 6)
Die Frage nach der Schöpfung und wie der Mensch mit dieser ihm von Gott gegebenen Schöpfung umgeht, wird heute von vielen diskutiert. Hildegard von Bingen schaute als Benediktinerin, geprägt von der Meditation der Heiligen Schrift und der Regel des heiligen Benedikt, auf die Fragen und Probleme ihrer Zeit. Heute betrachtet man in einer säkularisierten Welt die Schöpfung hauptsächlich unter wissenschaftlichen Gesichtspunkten. Im 12. Jahrhundert wird das wissenschaftliche Interesse erst langsam lebendig. Hildegard von Bingen hat Interesse an Wissenschaft und damit den Fortschritten ihres Zeitalters. Die Schöpfung jedoch ist für sie nicht vom wissenschaftlichen Aspekt her interessant, sondern als Werk Gottes. Die Schöpfung ist der erste Akt Gottes, der die Vorbereitung für den zweiten Akt ist: Die Inkarnation, die Menschwerdung Gottes. Gott, der Mensch wurde, um den Menschen zu retten – das ist für Hildegard von Bingen das zentrale Thema in ihren Werken.
Der Hauptgedanke Gottes in der Schöpfung ist der Gedanke der Beziehung. Er erschafft die Dinge, um den Menschen das Leben zu ermöglichen; er erschafft den Menschen, um mit ihm ins „Gespräch“ zu kommen. Weiterlesen
Der Weg der Lebenskräfte
Das Buch der LebensverdiensteWenn Hildegard im Buch der Lebensverdienste 35 Tugenden und Laster vorstellt, ist es kein bloßes Aufzählen von zwei Reihen negativer und positiver Haltungen. Durch die Gestalten zeichnet sich eher ein Weg ab, der eine innere Logik hat: Der eine Schritt folgt dem anderen, von der Weltliebe bis zum Weltschmerz in die eine Richtung, von der Liebe zum Himmlischen bis zur himmlischen Freude in die andere Richtung. Der Mensch wird in eine Dynamik einbezogen, aber keineswegs determiniert. Selbst die Tatsache, dass in der großen Vision Hildegards die Laster und die ihnen antwortenden Gotteskräfte auf fünf Gruppen verteilt sind, zeigt, dass immer wieder Neuanfänge gesetzt werden können, wo der Mensch sich wieder aufrichten und nach dem Guten ausrichten kann. Weiterlesen
I. Wo es anfängt (Tafel 1 – 7)
Das Buch der LebensverdiensteI. Wo es anfängt
Entscheidung und Ordnung der Liebe (Tafel 1 – 7)
Die Weichen, die die Richtung des Weges bestimmen, werden gleich zu Beginn im ersten Tugend-Laster-Paar gestellt: in der Liebe zum Himmlischen und in der Liebe zur Welt. An diesem Anfangspunkt steht es dem Menschen zu, sich zu entscheiden, worauf er seine Liebe ausrichtet. Aus dieser inneren Einstellung erwachsen dann die folgenden Haltungen.
Augustinus spricht in seinem großen Werk „Der Gottesstaat“ von zweierlei Liebe: von der bis zur Verachtung Gottes gesteigerten Selbstliebe und von der bis zur Verachtung seiner selbst gehenden Gottesliebe. Beide gründen ihren Staat, die eine den Weltstaat, die andere den himmlischen Staat (De civitate Dei 14, 28.). Ähnlich setzt Hildegard an. Die Liebe zur Welt erscheint in ihrer Vision als eine Äthiopierin, die auf einen Baum voller Blüten klettert und sie an sich reißt. Weiterlesen
1. Tafel Liebe zur Welt – Himmlische Liebe
Das Buch der LebensverdiensteDie erste Gestalt sah aus wie ein Mensch, war aber schwarz wie ein Mohr. Ganz nackt stand sie da. Mit ihren Armen und Beinen hielt sie einen Baum unterhalb seines Astwerks umklammert, aus dem die schönsten Blüten hervorsprossen. Mit seinen Händen griff sie nun hinein in die Blüten, riss sie herunter und sprach:
Wieso sollte ich hinwelken, wo ich doch vor grünender Lebenskraft strotze? … Solang ich noch dieser Welt Schönheit genießen kann, will ich sie mit Wonne umfangen.
Kaum hatte die Gestalt diese Worte geendet, da verdorrte der Baum bis auf die Wurzeln. Er stürzte in die Finsternis und riß die ganze Erscheinung mit sich in die Tiefe.
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2. Tafel Ausgelassenheit – Disziplin
Das Buch der LebensverdiensteDie zweite Gestalt sah aus wie ein Hund, der zu streunen pflegt. Er stand auf seinen Hinterpfoten und hatte die Pranken an einen aufrecht stehenden Stock gelegt, während sein Schwanz spielerisch hin- und herwedelte. Und er sprach:
Was könnte dem Menschen schon eine Freude schaden, die ihm wenigstens etwas zum Lachen bringt? … Drum lasst uns fröhlich sein, solange es hier noch etwas zum Freuen gibt!
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3. Tafel Vergnügungssucht – Schamhaftigkeit
Das Buch der LebensverdiensteDie dritte Erscheinung glich einem Menschen, der eine völlig verunstaltete Nase hatte … Und die Gestalt sprach:
Wieviel besser ist es doch, sich zu verlustieren statt Trübsal zu blasen! … Mensch und Tier und Tier und Mensch, sie treiben lustig ihr Spiel miteinander! So ist es recht, so soll es sein!
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4. Tafel Herzenshärte – Barmherzigkeit
Das Buch der LebensverdiensteDie vierte Erscheinung ballte sich wie ein dichter Rauch zu einer menschlichen Gestalt zusammen. Menschliche Glieder besaß sie jedoch nicht, nur große schwarze Augen glotzten aus ihr heraus … Und sie sprach:
Warum sollte ich mich um etwas bemühen und gar kümmern? So was werde ich schön bleibenlassen. Ich will mich für niemanden stärker einsetzen, als auch er mir nützlich sein kann … Würde ich auch nur einen Ton von mir geben und mich eine Spur nur in die Angelegenheiten anderer einmischen, was würde das mir nützen?
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5. Tafel Trägheit – Göttlicher Sieg
Das Buch der LebensverdiensteDer Leib dieser Gestalt glich dem Körper eines Wurms, eines knochenlosen Weichtieres … Bebend vor Angst begann dieses Wesen zu sprechen:
Solange ich unter Menschen weile, will ich in Frieden mit ihnen leben. Ob sie Böses oder Gutes treiben, ich werde schön den Mund halten. Für mich kommt mehr dabei heraus auch mal zu lügen oder zu täuschen, als immer nur die Wahrheit zu sagen.
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