Die achte Gestalt glich einem Turm, der in seiner Höhe ein Schutzdach trug, in dem drei Fenster waren. Darunter erschienen beide Arme eines Menschen, dessen Hände über das Dach ausgestreckt waren. Die Arme waren in der Finsternis wie mit Ärmeln eingehüllt, während die Hände nackt waren, aber feurig. Und die Gestalt sprach:
Welche Verdienste und was für einen Lohn habe ich? Feuer … Ich fliehe vor allem Lichtvollen, und lehne es ab, lichtvollen Werken zu folgen, und ich will keinen Schmuck der lichtvollen Dinge, da ich zur Plünderung der Seelen da bin. Dies ist nämlich mein Werk, denn so will es jener, von dem ich stamme. Ich bin der Fluch, den er getan hat.
Hildegard von Bingen (1098-1179) gilt als eine der bedeutendsten Frauen des deutschen Mittelalters und ist heute weit über die Grenzen ihrer rheinischen Heimat hinaus bekannt. Ihre Zeitgenossen zog sie gleichermaßen in ihren Bann wie die Menschen, die heute nach Orientierung im Glauben, nach Ganzheit und Heil suchen. Am 7. Oktober 2012 wurde Hildegard von Papst Benedikt XVI. zur Kirchenlehrerin erhoben, eine Ehrung, die bisher in der Geschichte der Kirche nur 30 Männern und vier Frauen zu Teil wurde.
Hildegards theologisches, philosophisches, musikalisches und naturkundliches Werk und Selbstverständnis trägt stark visionäre und prophetische Züge. Göttlicher Ursprung dessen, was sie im „Lebendigen Licht“ geschaut und gehört hat, und Sendungsbewusstsein der Prophetin zeichnen es gleichermaßen aus. Die heilige Hildegard wollte die Menschen ihrer Zeit aufrütteln und der Gottvergessenheit entgegentreten. Dabei predigte sie keineswegs eine weltlose Innerlichkeit. Ihr ging es um die religiöse Deutung des gesamten Kosmos, um ein konsequent gelebtes christliches Leben. Alles, Himmel und Erde, Glaube und Naturkunde, das menschliche Dasein in all seinen Facetten und Möglichkeiten, war für sie ein Spiegel der göttlichen Liebe, war Geschenk und Aufgabe zugleich. Weiterlesen
https://abtei-st-hildegard.de/wp-content/uploads/2011/12/Bildschirmfoto-2011-12-06-um-16.13.39.png477258Administratorhttps://abtei-st-hildegard.de/wp-content/uploads/2025/05/Logo-auf-Grau-248x300.gifAdministrator2011-12-10 14:41:052024-06-10 20:15:33Prophetin durch die Zeiten
III. Gottes Weg und unser Weg Die Geheimnisse des menschgewordenen Gottes und des gottförmigen Menschen (Tafel 16 – 22)
Gott nähert sich auf vielen Wegen den Menschen, die er nicht nur als Mitarbeiter, sondern als Mitliebende erschaffen hat. Um eine liebende Begegnung möglich zu machen, hat Gott die Welt geschaffen. Den unmittelbarsten Weg zu den Menschen hat er in der Menschwerdung eingeschlagen.
Der Gehorsam, der zugegen gewesen war, als Gott sein „Fiat! – Es werde!“ gesagt hat und die Schöpfung aus diesem Wort entstand, war die Haltung der Jungfrau Maria, als sie zur Menschwerdung des Gottessohnes ihr „Fiat! – Es werde!“ sagte. So ist es verständlich, dass im Leben Christi, durch den die Welt geworden ist und der Mariens Sohn ist, der Gehorsam besonders zum Tragen kommt. Weiterlesen
https://abtei-st-hildegard.de/wp-content/uploads/2025/05/Logo-auf-Grau-248x300.gif00Administratorhttps://abtei-st-hildegard.de/wp-content/uploads/2025/05/Logo-auf-Grau-248x300.gifAdministrator2011-12-10 14:37:502011-12-10 14:37:50III. Gottes Weg und unser Weg (Tafel 16 – 22)
Die erste Gestalt hatte das Gesicht einer Frau, deren Augen im Feuer brannten, während die Nase vor Dreck strotzte und der Mund geschlossen war. Arme aber und Hände hatte sie nicht, vielmehr ragte an jeder Schulter der Flügel einer Fledermaus heraus, und zwar so, dass der rechte Flügel gegen Osten, der linke aber nach Westen zeigte … Und die Gestalt sprach:
Über den Bergen schreie ich. Wer ist´s, der mir gleichen könnte? Ich breite meinen Mantel über die Hügel und Felder und will nicht, dass auch nur eine mir Widerstand leiste. Ich weiß, dass keiner mir ähnlich ist.
Ich sah eine zweite Gestalt, ganz scheußlich im Aussehen. Kopf und Schultergürtel samt den Armen glichen einem Menschen; anstatt der Hände aber trug sie die Klauen eines Bären … Ihr Kopf war feurig, und sie stieß Flammenlohen aus ihrem Mund. Andere Kleider trug sie nicht; sie hüllte sich vielmehr ganz in die erwähnte Finsternis … Und die Gestalt sprach:
Meine Redensarten entsende ich wie Pfeile im Dunkeln, und alle, die sich gerecht im Herzen nennen, verletze ich. Meine Kräfte sind wie der Nordwind. Alles, was ich besitze, werde ich dem Haß überliefern; denn dieser stammt von mir ab, und er ist geringer als ich.
Die dritte Erscheinung hatte die Gestalt eines Menschen, nur dass ihre Hände stark behaart waren und Füße und Beine den Beinen und Füßen eines Kranichs glichen. Auf dem Kopf trug sie eine Mütze, die aus Grashalmen geflochten war, und war schwarz gekleidet … Und sie sprach:
Alle Gründe untersuche ich auf das genaueste, und ich bin mein eigener Zeuge dafür, dass ich sie in meiner Rechtschaffenheit aufs beste begreife. Wie würde es deswegen in Ordnung sein, wenn ich die Ehre in dem brach liegen lassen würde, was ich sehe und was ich erkenne? Ich vertraue sogar darauf, dass ich in meiner Fähigkeit durch die Dörfer und Straßen fliegen kann, wie die Vögel, die in den Wäldern wohnen und singen, was sie nur wollen.
Die Gestalt bewegte sich Hals über Kopf hierin und dorthin, als würde sie von einem Sturmwind geschaukelt und geschüttelt, wobei sie die erwähnten Finsternisse in Unruhe versetzte. So wandte sie sich dem Norden zu und stieß eine starke Feuerlohe aus ihrem Munde. Und sie sprach:
Warum huldigen wir den Befehlen anderer? Wenn wir so handeln, dann sehen wir nicht und noch erkennen, was wir sind. Wir treten als die rechtmäßigen Philosophen auf, und wir sind weiser als alle anderen. Sollten wir also nicht tun, was wir kennen? Um so mehr sollen wir es tun!
Die fünfte Gestalt hatte wie die Form eines Menschen, mit der Ausnahme des Kopfes, und von den Knien bis zur Fußsohle steckte sie in der erwähnten Finsternis. In ihrem Kopf erschien keinerlei Form, außer dass diese Region überall mit schwärzlichen Augen voll war … Und sie sprach:
Ein anderes Leben kenne ich nicht als dieses hier, das ich sehe und fühle und das ich fassen kann. Welchen Lohn wird mir ein ungewisses Leben geben? Von diesem aber kann ich sagen: Das ist da, oder es ist nicht da. Und wenn ich sonst suche und forsche, sehe, höre und erkenne, finde ich das Nichts.
Vor dem Angesicht dieser Gestalt erschien wie ein brennender Schwefelberg, ähnlich auch an ihrer rechten und linken Seite stand wie ein gleicher Schwefelberg, der in die erwähnte Finsternis abstürzte, was ein großes Getöse verursachte … Und indem die Gestalt vollends in die Düsternisse untertauchte, rief sie aus:
Ich bin furchtbar erschrocken! Wer könnte mich trösten? Wer könnte mir beistehen, um dieser Katastrophe, die mich zermalmt, zu entreißen? Das Höllenfeuer ist aufgeloht rings um mich her, und Gottes Strafeifer warf mich weg in den Höllenschlund. Was bleibt übrig für mich, wenn nicht der Tod? Keine Freude im Guten habe ich und auch keinen Trost mehr in der Sünde. In der ganzen Schöpfung gibt es nichts Gutes mehr.
Die siebente Gestalt hatte wie die Form einer Frau, die auf ihrer rechten Seite lag. Die Beine hatte sie gekrümmt und hochgezogen, so wie ein Mensch dies tut, der es sich auf seinem Lager bequem macht. Ihre Haare waren wie Feuerflammen und ihre Augen weiß wie Kreide … Und sie sprach:
Die Gestalt des Ebenbildes Gottes ziehe ich in den Schmutz, was Gott sehr lästig ist. Und auf diese Weise werde ich alles verderben. Ich bin nämlich ruhmreich und hoch und ziehe alles an mich, was mir erlaubt ist durch die eingegebene Natur, die mir angeboren ist. Warum sollte ich enthaltsam leben und die Gefälligkeiten eines fröhlichen Lebens und der hüpfenden Sinnlichkeit von mir abschneiden? Weiterlesen
15. Tafel Unheil – Seelenheil
Das Buch der LebensverdiensteDie achte Gestalt glich einem Turm, der in seiner Höhe ein Schutzdach trug, in dem drei Fenster waren. Darunter erschienen beide Arme eines Menschen, dessen Hände über das Dach ausgestreckt waren. Die Arme waren in der Finsternis wie mit Ärmeln eingehüllt, während die Hände nackt waren, aber feurig. Und die Gestalt sprach:
Welche Verdienste und was für einen Lohn habe ich? Feuer … Ich fliehe vor allem Lichtvollen, und lehne es ab, lichtvollen Werken zu folgen, und ich will keinen Schmuck der lichtvollen Dinge, da ich zur Plünderung der Seelen da bin. Dies ist nämlich mein Werk, denn so will es jener, von dem ich stamme. Ich bin der Fluch, den er getan hat.
Weiterlesen
Prophetin durch die Zeiten
Geistliche Impulse / Hildegard von Bingen, Werk und WirkenHildegard von Bingen (1098-1179) gilt als eine der bedeutendsten Frauen des deutschen Mittelalters und ist heute weit über die Grenzen ihrer rheinischen Heimat hinaus bekannt. Ihre Zeitgenossen zog sie gleichermaßen in ihren Bann wie die Menschen, die heute nach Orientierung im Glauben, nach Ganzheit und Heil suchen. Am 7. Oktober 2012 wurde Hildegard von Papst Benedikt XVI. zur Kirchenlehrerin erhoben, eine Ehrung, die bisher in der Geschichte der Kirche nur 30 Männern und vier Frauen zu Teil wurde.
Hildegards theologisches, philosophisches, musikalisches und naturkundliches Werk und Selbstverständnis trägt stark visionäre und prophetische Züge. Göttlicher Ursprung dessen, was sie im „Lebendigen Licht“ geschaut und gehört hat, und Sendungsbewusstsein der Prophetin zeichnen es gleichermaßen aus. Die heilige Hildegard wollte die Menschen ihrer Zeit aufrütteln und der Gottvergessenheit entgegentreten. Dabei predigte sie keineswegs eine weltlose Innerlichkeit. Ihr ging es um die religiöse Deutung des gesamten Kosmos, um ein konsequent gelebtes christliches Leben. Alles, Himmel und Erde, Glaube und Naturkunde, das menschliche Dasein in all seinen Facetten und Möglichkeiten, war für sie ein Spiegel der göttlichen Liebe, war Geschenk und Aufgabe zugleich.
Weiterlesen
III. Gottes Weg und unser Weg (Tafel 16 – 22)
Das Buch der LebensverdiensteIII. Gottes Weg und unser Weg
Die Geheimnisse des menschgewordenen Gottes und des gottförmigen Menschen (Tafel 16 – 22)
Gott nähert sich auf vielen Wegen den Menschen, die er nicht nur als Mitarbeiter, sondern als Mitliebende erschaffen hat. Um eine liebende Begegnung möglich zu machen, hat Gott die Welt geschaffen. Den unmittelbarsten Weg zu den Menschen hat er in der Menschwerdung eingeschlagen.
Der Gehorsam, der zugegen gewesen war, als Gott sein „Fiat! – Es werde!“ gesagt hat und die Schöpfung aus diesem Wort entstand, war die Haltung der Jungfrau Maria, als sie zur Menschwerdung des Gottessohnes ihr „Fiat! – Es werde!“ sagte. So ist es verständlich, dass im Leben Christi, durch den die Welt geworden ist und der Mariens Sohn ist, der Gehorsam besonders zum Tragen kommt. Weiterlesen
16. Tafel Hochmut – Demut
Das Buch der LebensverdiensteDie erste Gestalt hatte das Gesicht einer Frau, deren Augen im Feuer brannten, während die Nase vor Dreck strotzte und der Mund geschlossen war. Arme aber und Hände hatte sie nicht, vielmehr ragte an jeder Schulter der Flügel einer Fledermaus heraus, und zwar so, dass der rechte Flügel gegen Osten, der linke aber nach Westen zeigte … Und die Gestalt sprach:
Über den Bergen schreie ich. Wer ist´s, der mir gleichen könnte? Ich breite meinen Mantel über die Hügel und Felder und will nicht, dass auch nur eine mir Widerstand leiste. Ich weiß, dass keiner mir ähnlich ist.
Weiterlesen
17. Tafel Neid – Liebe
Das Buch der LebensverdiensteIch sah eine zweite Gestalt, ganz scheußlich im Aussehen. Kopf und Schultergürtel samt den Armen glichen einem Menschen; anstatt der Hände aber trug sie die Klauen eines Bären … Ihr Kopf war feurig, und sie stieß Flammenlohen aus ihrem Mund. Andere Kleider trug sie nicht; sie hüllte sich vielmehr ganz in die erwähnte Finsternis … Und die Gestalt sprach:
Meine Redensarten entsende ich wie Pfeile im Dunkeln, und alle, die sich gerecht im Herzen nennen, verletze ich. Meine Kräfte sind wie der Nordwind. Alles, was ich besitze, werde ich dem Haß überliefern; denn dieser stammt von mir ab, und er ist geringer als ich.
Weiterlesen
18. Tafel Eitle Ruhmsucht – Gottesfurcht
Das Buch der LebensverdiensteDie dritte Erscheinung hatte die Gestalt eines Menschen, nur dass ihre Hände stark behaart waren und Füße und Beine den Beinen und Füßen eines Kranichs glichen. Auf dem Kopf trug sie eine Mütze, die aus Grashalmen geflochten war, und war schwarz gekleidet … Und sie sprach:
Alle Gründe untersuche ich auf das genaueste, und ich bin mein eigener Zeuge dafür, dass ich sie in meiner Rechtschaffenheit aufs beste begreife. Wie würde es deswegen in Ordnung sein, wenn ich die Ehre in dem brach liegen lassen würde, was ich sehe und was ich erkenne? Ich vertraue sogar darauf, dass ich in meiner Fähigkeit durch die Dörfer und Straßen fliegen kann, wie die Vögel, die in den Wäldern wohnen und singen, was sie nur wollen.
Weiterlesen
19. Tafel Ungehorsam – Gehorsam
Das Buch der LebensverdiensteDie Gestalt bewegte sich Hals über Kopf hierin und dorthin, als würde sie von einem Sturmwind geschaukelt und geschüttelt, wobei sie die erwähnten Finsternisse in Unruhe versetzte. So wandte sie sich dem Norden zu und stieß eine starke Feuerlohe aus ihrem Munde. Und sie sprach:
Warum huldigen wir den Befehlen anderer? Wenn wir so handeln, dann sehen wir nicht und noch erkennen, was wir sind. Wir treten als die rechtmäßigen Philosophen auf, und wir sind weiser als alle anderen. Sollten wir also nicht tun, was wir kennen? Um so mehr sollen wir es tun!
Weiterlesen
20. Tafel Unglaube – Glaube
Das Buch der LebensverdiensteDie fünfte Gestalt hatte wie die Form eines Menschen, mit der Ausnahme des Kopfes, und von den Knien bis zur Fußsohle steckte sie in der erwähnten Finsternis. In ihrem Kopf erschien keinerlei Form, außer dass diese Region überall mit schwärzlichen Augen voll war … Und sie sprach:
Ein anderes Leben kenne ich nicht als dieses hier, das ich sehe und fühle und das ich fassen kann. Welchen Lohn wird mir ein ungewisses Leben geben? Von diesem aber kann ich sagen: Das ist da, oder es ist nicht da. Und wenn ich sonst suche und forsche, sehe, höre und erkenne, finde ich das Nichts.
Weiterlesen
21. Tafel Verzweiflung – Hoffnung
Das Buch der LebensverdiensteVor dem Angesicht dieser Gestalt erschien wie ein brennender Schwefelberg, ähnlich auch an ihrer rechten und linken Seite stand wie ein gleicher Schwefelberg, der in die erwähnte Finsternis abstürzte, was ein großes Getöse verursachte … Und indem die Gestalt vollends in die Düsternisse untertauchte, rief sie aus:
Ich bin furchtbar erschrocken! Wer könnte mich trösten? Wer könnte mir beistehen, um dieser Katastrophe, die mich zermalmt, zu entreißen? Das Höllenfeuer ist aufgeloht rings um mich her, und Gottes Strafeifer warf mich weg in den Höllenschlund. Was bleibt übrig für mich, wenn nicht der Tod? Keine Freude im Guten habe ich und auch keinen Trost mehr in der Sünde. In der ganzen Schöpfung gibt es nichts Gutes mehr.
Weiterlesen
22. Tafel Wollust – Reinheit
Das Buch der LebensverdiensteDie siebente Gestalt hatte wie die Form einer Frau, die auf ihrer rechten Seite lag. Die Beine hatte sie gekrümmt und hochgezogen, so wie ein Mensch dies tut, der es sich auf seinem Lager bequem macht. Ihre Haare waren wie Feuerflammen und ihre Augen weiß wie Kreide … Und sie sprach:
Die Gestalt des Ebenbildes Gottes ziehe ich in den Schmutz, was Gott sehr lästig ist. Und auf diese Weise werde ich alles verderben. Ich bin nämlich ruhmreich und hoch und ziehe alles an mich, was mir erlaubt ist durch die eingegebene Natur, die mir angeboren ist. Warum sollte ich enthaltsam leben und die Gefälligkeiten eines fröhlichen Lebens und der hüpfenden Sinnlichkeit von mir abschneiden? Weiterlesen