Gerechtigkeit und Heiligkeit (Tafel 23 – 30)
Wenn es um Formung und Bildung geht, ist der einzelne Mensch gefragt. Ohne Zweifel ist er der verantwortliche und tatkräftige Verwalter der Tugenden.
Man kann nicht die ganze Welt gerecht machen, wohl aber sein eigenes Herz. Das bedeutet aber nicht, dass Tugendleben ohne Gemeinschaft gelingen kann. Der Mensch gehört in die Gemeinschaft hinein – in die Familie, das Volk, den Freundeskreis, die Klostergemeinschaft. Die Wahrhaftigkeit der Herzensbildung erweist sich in der Gemeinschaft. Weiterlesen

Ungerechtigkeit

Die erste Gestalt hatte einen Kopf wie den eines jungen Hirsches und den Schwanz wie ein Bär, während der übrige Körper einem Schwein glich. Und die Gestalt sprach:

Auf wen soll ich meine Gerechtigkeit setzen? Auf keinen! Würde ich nämlich immer nur auf dies oder jenes achten müssen, so wäre ich kein Geschöpf Gottes mehr, sondern ein Esel, der träge dahertrottet, solange ihn nicht die Peitsche treibt.

 

 

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Stumpfsinn

Die zweite Gestalt trug ein kindliches Gesicht unter weißen Haaren. Sie war mit einem ausgebleichten Hemd bekleidet … Und sie sprach:

Ich finde in der Bequemlichkeit und bei meiner Flucht vor aller Arbeit ein besseres Leben als die anderen, und ich will keine Mühe. Wenn ich aber solcher Mühsal wie auch anderen Schädlichkeiten aus dem Wege gehe, warum sollte Gott mich just deswegen verderben?

 

 

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Gottvergessenheit

Und ich sah eine dritte Gestalt, deren Kopf aussah wie der Kopf einer Sterneidechse, während der übrige Leib dem Körper einer gewöhnlichen Eidechse glich. Vor ihr erschien eine Wolke, die schwarz, stürmisch und nebelig war, dabei untermischt von einer dichten weißen Wolke. Die Gestalt hatte ihre vorderen Füße auf die oben erwähnte Wolke gelegt und sprach:

Da Gott mich nicht kennt, und da ich auch nichts von ihm weiß, warum sollte ich denn von meinem eigenen Willen lassen, wo doch Gott mich nicht will, wie auch ich von ihm nichts zu spüren bekomme? Deshalb, wo mir eine Sache nützt, und was ich selber will, darauf will ich überall achten.

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Unbeständigkeit

In den erwähnten Finsternissen sah ich nun ein Rad wie ein Rad eines großen Lastkarrens, das wie vom Wind getrieben wurde, um einen Mühlstein zu bewegen. An seinen Speichen waren vier Stöcke eingebunden und auf die Gestalt eines Menschen gerichtet … Und die Gestalt sprach:

Was ich bin, das bringe ich auch zum Ausdruck, und was ich will, das setze ich auch durch. Was ich besitze, davon lasse ich nicht ab, und was ich kann, das setze ich schon ins Werk, soweit mir das Vermögen dazu reicht; anders wäre ich ja verrückt!

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Sorge für das Irdische

Eine fünfte Gestalt sah ich, die die Form eines Menschen und bleiche Haare hatte. Sie stand nackt in der Finsterniss wie in einem Fass. Und sie sprach:

Welche Besorgnis ist besser als die Sorge um diese Welt, wo Kräuter, Obstbäume, wo Weintrauben und alles zum Leben Notwendige wachsen, durch all das die Menschen sich erquicken und ihren Unterhalt bekommen. Würde ich nämlich aus meinen Augen Tränen vergießen, oder im Seufzen meine Brust schlagen oder meine Knie beugen, so hätte ich bei all dem weder etwas zum Essen noch zum Kleiden, würde vielmehr zugrunde gehen. Und würde ich auch zum Himmel aufschreien, um mir von Sonne und Mond und den Sternen den Lebensunterhalt zu erbetteln, so würde mir dies gar nichts bringen.

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Hartnäckigkeit

Die sechste Gestalt sah aus wie ein Büffel und sprach:

Wäre die Erde von Regen und Fettigkeit immer nur aufgeweicht und hätte keine Härte, dann würde daraus kein Nutzen kommen, weil die Früchte auf diese Weise nicht reifen könnten. Und wäre sie zart, dann würden sie die Wasserfluten, die sich darüber ergießen, vollends zerstören … Warum sollte ich mir für etwas Mühe machen, das ich doch nicht zu Ende bringen kann? Wenn nämlich einer etwas sucht, was er doch nicht finden kann, so nützt ihm das gar nichts.

 

 

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Begierde

Die siebte Gestalt glich bis zu den Beinen einem Weibe, dessen Waden und Füße jedoch von der erwähnten Finsternis so bedeckt waren, dass ich diese vor der Finsternis nicht sehen konnte. Ihr Haupt hatte sie nach Frauenart verhüllt und hatte ein weißes Gewand an. Sie sprach:
Ich habe ein großes Verlangen und einen gewaltigen Trieb, jedes Ding, das reich, ehrenhaft und schön ist, an mich zu ziehen. Jedes noch so kleine Geschenk, was zu geben und zu haben ist, möchte ich entgegennehmen, weil je mehr ich habe, um so mehr vermehrt sich mein Wissen. Mit schönen Ringen, prächtigen Armbändern und Ohrgehängen und mit anderen Schätzen werde ich richtig als weise erkannt und in den feinen Ursachen unterscheide ich alles richtig.

 

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Zwietracht

Und ich sah eine Gestalt, die mit hochgereckten Füßen in der erwähnten Finsternis hing. Sie hatte ein Leopardenhaupt, während der übrige Körper einem Skorpion glich. Und sie wandte sich gegen Süden und Westen und sprach:

Den Osten verleugne ich und den Süden will ich nicht. Denn der Ost will alles haben, der Süden aber alles festhalten. Was nun werden West und Nord in Besitz halten? Das Morgenlicht, das die strahlende Sonne hält, leuchtet rötlich auf, der Westen aber trägt nur Finsternis. Und kann der Norden etwas machen? Ja, er kann! Denn die Finsternis verdüstert die Sonne, während die Sonne nicht an die Finsternis herankommt, um sie zu verscheuchen. So behält jeder Teil für sich seine eigene Stärke. Der Norden hält fest, was in der Finsternis bewegt wird.

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V. Wo und worauf es ankommt
Entfaltung und Ziel des Weges (Tafel 31 – 35)

Die letzte Wegstrecke markieren Haltungen, die mit kleinen Varianten an vorherige Gotteskräfte mit ihren Lasterpaaren erinnern. Dadurch entwickelt sich ein spiralartiger Prozess, wo keine Leistung in dem Sinne erwartet wird, dass man immer größere und bessere Tugenden hervorbringt. Ausschlaggebend ist das Unterwegssein, das vom Ursprung und vom Ziel gehalten wird. Mit einer Zielrichtung auf dem Weg zu sein, verlangt eine Beständigkeit, die vor jeder Art von Unbeständigkeit und Umherschweifen bewahrt. Die Beständigkeit hebt den Zustand des Auf-dem-Weg-Seins nicht auf, aber gibt für dieses noch nicht vollendete irdische Dasein Heimat und Bleibe, wenn nicht anderswie, dann als Geborgenheit in der Sehnsucht nach der ewig bleibenden Stätte. Weiterlesen