Spottsucht

An der ersten Erscheinung bemerkte ich, dass sie vom Scheitel des Kopfes bis zu den Hüften die Gestalt eines jungen Mannes hatte, von den Hüften abwärts aber die Form eines Krebses, so nämlich wie ein Krebs vom Kopf abwärts gestaltet ist. Sie trug schwarzes Kopfhaar, während der übrige Körper ganz nackt war. Und sie sprach:

Netze will ich ausspannen mit meinen Worten und alles einfangen, was ich nur kann. Je mehr ich fange, um so mehr habe ich in meinem Besitz. Denn auf diese Weise vermehre ich mein Ansehen, so dass alle bei meinem Wort schon von mir erröten.

 

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Umherschweifen

Und ich sah eine weitere Gestalt … Sie hing in der geschilderten Finsternis in einem Tuche wie in einer Wiege, die vom Winde hierhin und dorthin geschaukelt wurde. Und sie sprach:

Drum bin ich nun mal so, mit all meiner Gescheitheit und Gewitztheit, bin wie dieses Gras, komme in meiner Schönheit zur Blüte und zeige mich hier wie dort und überall in voller Deutlichkeit.

 

 

 

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Magische Kunst

Die dritte Gestalt hatte den Kopf eines Wolfs und den Schweif eines Löwen, während der übrige Körper einem Hund glich … Ein außergewöhnliches Getöse der Winde brauste auf in ihren Ohren, auf das diese Gestalt eifrig hinhorchte, um herauszubekommen, was das wohl sei und woher es käme. Sie jauchzte ihm zu, als wenn dies Götter wären. Darauf hob sie ihren rechten Vorderfuß hoch und stemmte ihn gegen diesen gewaltigen Wind, der vom Norden her wehte, während sie mit dem linken Vorderfuß das Schnauben der Winde aus den Elementen an sich zog. Und sie sprach:
Von Merkur und anderen Philosophen möchte ich manches erzählen. Mit ihren Forschungen haben sie die Elemente derart unterjocht, dass sie alles, was sie nur wollten, mit Sicherheit entdeckten. Solches konnten die äußerst kühnen und besonders klugen Männer teils mit Gottes Hilfe, teils aber auch über die bösen Geister ausfindig machen. Und was har es ihnen geschadet? So gaben sie sich auch selber die Namen von Planeten, weil sie von Sonne und Mond wie auch über die Gestirne große Weisheit und zahlreiche Erfindungen erhielten. Ich aber, ich herrsche und befehle in diese Künsten soweit ich nur will. Weiterlesen

Geiz
Die vierte Erscheinung erschien in der Gestalt eines Menschen, dem jedoch die Kopfhaare fehlten und der dafür einen Ziegenbart trug … In der Nähe stand weiterhin ein Baum, der mit seinen Wurzeln in der Hölle verankert war und als Früchte Äpfel aus Pech und Schwefel trug. Diesen Baum schaute unser Mann voller Leidenschaft an, er raffte mit dem Mund seine Früchte und verschlug sie in höchster Gier … Und er sprach:

Ich raffe alles an mich und sammele alles in meinen Schoß. Je mehr ich zusammenbekomme, um so mehr besitze ich.

 

 

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Weltschmerz

Eine fünfte Erscheinung sah ich, welche die Gestalt einer Frau hatte. Hinter ihrem Rücken ragte ein Baum hervor, der aber ganz vertrocknet war und keine Blätter mehr trug. Von seinen dürren Ästen war diese Gestalt ganz überwuchert. Ein Ast hatte den Scheitel ihres Hauptes bedeckt, ein anderer den Hals und die Kehle umschlungen, ein weiterer sich um den rechten Arm verstrickt und einer um den linken: So vermochte sie die Arme nicht mehr auszustrecken, hielt diese vielmehr an sich verschränkt … Und sie begann zu sprechen:

Weh mir, dass ich geschaffen bin! Weh! Was soll mein Leben! Wer wird mir beistehen, wer mich retten? … Geschaffen zum Unglück und im Unglück geboren, lebe ich ohne jeden Trost dahin. Ach, was nützt denn das Leben ohne Freude! Und warum bin ich überhaupt auf Erden, wo mir doch nichts Gutes mehr begegnen kann? Weiterlesen

Einführung

Zur Bekanntheit des Liber „Scivias“ (Wisse die Wege), der ersten Visionsschrift Hildegards von Bingen, haben die 35 Miniaturen in erheblichem Maße beigetragen. Diese Bilder befinden sich in der sogenannten Illuminierten Prachthandschrift und sind inzwischen vielleicht populärer als der geschriebene Text des Werkes selbst. Über das Entstehen und das Wesen der Miniaturen gibt es noch keine endgültigen Forschungsergebnisse. Allgemein anerkannt ist die Datierungszeit der Handschrift zu Lebzeiten Hildegards, also vor 1179. Auch das Kloster Rupertsberg als Entstehungsort erscheint unstrittig. Obwohl die Originalhandschrift des Scivias-Kodex seit 1945 verschollen ist – aus Sicherheitsgründen wurde er kurz vor Kriegsende aus der Nassauischen Landesbibliothek Wiesbaden nach Dresden verlagert – verfügen wir dank der akribischen Arbeit unserer Mitschwestern, die die Handschrift in den Jahren 1927-1933 aufs Getreuste handkopiert haben, über ein wertvolles Faksimile.

 

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„Da legte ich Hand ans Schreiben.“

Die erste Miniatur des Rupertsberger „Scivias“-Kodexes stellt Hildegard dar, während sie mit feurigen Flammen überströmt in ihrer Schreibstube arbeitet und der vertraute Mönch und jahrzehntelang treue Helfer, Volmar, ihr beisteht. Dieses sogenannte Autorenbild erfüllt verschiedene Funktionen.
Der illuminierte Scivias-Kodex fängt mit diesem Bild an. Es ist also das Eingangstor zum ganzen Werk.
Diese Miniatur dient außerdem als Kommunikationsinstrument zwischen dem Text und dem Leser und schafft damit einen ersten Zugang zum Haupttext des Scivias. Weiterlesen

„Der große, eisenfarbige Berg bedeutet die Kraft
und die Ständigkeit des ewigen Reiches Gottes.“

Der überaus große Lichtglanz, der Hildegard in der Protestificatio überströmt, nimmt in der ersten Vision konkrete Gestalt an. Auf der dazu gehörigen Miniatur sehen wir den Bilderreichtum, der Hildegards Schau auszeichnet.
In dieser Eröffnungsvision richtet sich der erste Blick der Wahrnehmung auf Gott, dessen Stimme in der Protestificatio erscholl und dessen Gegenwart das ganze Buch Scivias erfüllt: „Ich schaute und ich sah etwas wie einen großen, eisenfarbigen Berg. Darauf thronte ein so Lichtherrlicher, dass seine Herrlichkeit meine Augen blendete.“ Gott, der Allherrscher und Allmächtige, ist zugleich auch behütender Schutz: im Schatten seiner Flügel gewährt er Geborgenheit. Weiterlesen

„Die Übertretung, die im Garten der Wonne geschah, sollte einst liebreich und barmherzig getilgt werden.“ (Scivias I.2.26.)

Nachdem sich in der Eröffnungsvision das Gottesreich vor unseren Augen entfaltet hat, werden nun die ersten Seiten der Heiligen Schrift in ungewöhnlich anmutenden Bildern ausgelegt. Die Meditationen dieser Vision kreisen um drei Themen: den Anfang des Bösen, das Verhältnis zwischen Mann und Frau und die Erlösung. Theologisch gesehen stehen sie in engem Zusammenhang zueinander. Die Miniatur leistet Großartiges, indem sie diese heilsgeschichtlichen Momente in einem Bild zusammenfügt. Weiterlesen

„Nicht nur das Sichtbare und Zeitliche tut Gott durch seine Schöpfung kund, sondern auch das Unsichtbare und Ewige.“ (Scivias I.3.1.)

Der im Glauben verwurzelte Mensch des Mittelalters erfasste die Seinswirklichkeiten in symbolischer Weltanschauung. Er war fähig, den Verweischarakter der sinnlichen Dinge auf das Übernatürliche hin zu verstehen, die vergängliche Welt galt ihm als Gleichnis der unvergänglichen. Hildegard, die über eine feine Sensibilität für Gottes Wirklichkeit verfügte, stand auch mit der Natur in Fühlung. In dieser dritten Vision lehrt sie uns, das Heilswirken Gottes in der Schöpfung zu lesen. Weiterlesen