„Es sieht alle Menschen, die ins Leben kommen, genau voraus,
mögen sie einst verworfen oder gerettet werden.“ (Scivias I. 4. 9.)

Der kosmologischen dritten Vision folgt eine Vision mit anthropologischen Ansätzen. Sie schildert den Weg des Menschen von den ersten Regungen im Mutterschoß bis zur Trennung der Seele vom Leib. Dem reichen Gedankengut entsprechend gehören zu der Vision drei Miniaturen. Die erste, die wir nun betrachten, mutet auf den ersten Blick kompliziert an, aber die Auslegung Hildegards hilft, die einzelnen Elemente zu verstehen.
Die liegende Frau mit einem Kind im Schoß auf dem linken Feld lässt vermuten, dass es hier um die Empfängnis des Menschen geht. Das glänzende Viereck bedeutet das Vorauswissen Gottes: „Es sieht alle Menschen, die ins Leben kommen, genau voraus, mögen sie einst verworfen oder gerettet werden.“ (SV I.4. 9.) Es stellt sich sofort die Frage: “Was soll der Mensch tun, wenn Gott im voraus alles weiß, was er verfügen wird?“ (ebd.) Die Frage nach dem Verhältnis zwischen göttlichem Vorauswissen und menschlicher Freiheit durchzieht die ganze christliche Geschichte. Weiterlesen

„Gott, hast nicht Du mich erschaffen?
Siehe, gemeine Erde drückt mich nieder!“ (Scivias I.4.4.)

Hildegard spricht in ihrer Vision von einer Kugel, auf die viele Stürme eindringen. Der Künstler malt auf der Miniatur bereits die hinter den visionären Bildern stehende Wirklichkeit: den Menschen, der Anfechtungen ausgesetzt ist und um Gottes Hilfe fleht. Indem sich die Menschenseele ihrer Situation bewusst wird, wachsen in ihr Selbsterkenntnis und Gotteserkenntnis in gleichem Maße.
Der Mensch nimmt seinen irdischen Zustand als ein Fremdsein wahr, das von äußeren und inneren Versuchungen gekennzeichnet ist. Einerseits lauert der Teufel auf den Menschen, um sich seiner zu bemächtigen, was auf der Miniatur sehr anschaulich dargestellt wird: teuflische Gestalten zielen mit ihren Pfeilen auf den Menschen. Andererseits erfährt der Mensch seine Widersprüchlichkeit, indem die fleischliche Begierde ihn am guten Werk hindert. Gott hat den Menschen als Leib-Seele-Einheit erschaffen, deswegen ist die Leiblichkeit des Menschen eine Gottesgabe. Infolge des Sündenfalls ist aber das harmonische Verhältnis zwischen Leib und Seele gebrochen, und der Mensch erlebt die Begierden des Leibes als Gefährdung. Weiterlesen

„Ich ziehe aus meinem Zelt aus.
Aber ich Elende, Leidvolle, wohin werde ich gehen?“
(Scivias I.4.8.)

Parallel zu Tafel 5, die den Anfang des Menschenlebens zum Gegenstand hat, gestaltet sich diese Miniatur, die die letzten Augenblicke des menschlichen Daseins auf Erden und die Ankunft im Jenseits veranschaulicht.
Jeder Mensch muss sich mit dem Tod konfrontieren. Für den mittelalterlichen Menschen war diese Tatsache selbstverständlicher als für uns, die wir Kinder des 21. Jahrhunderts sind, eines Zeitalters, in dem der Tod im allgemeinen Bewusstsein ausgeblendet wird.
Der Tod bedeutet die Trennung der Seele vom Leib. Wie am Anfang die Seele in der Form einer Feuerkugel den menschlichen Leib in Besitz genommen hat, scheidet sie aus dem Körper, dessen uralte Metapher das Zelt ist. Die Auseinandersetzung mit der Realität des Todes ruft sicherlich in jedem Menschen zunächst Angst hervor. Sei es ein Mensch im 12. Jahrhundert oder im 21. Jahrhundert, die Frage bleibt dieselbe: „Ich ziehe aus meinem Zelt aus. Aber ich Elende, Leidvolle, wohin werde ich gehen?“ (Scivias I.4.8.) Weiterlesen

„Die Mutter der Menschwerdung des Gottessohnes“
(Scivias I.5.1.)
Eine traurige Frauengestalt begegnet uns auf dieser Miniatur. Sie stellt die Synagoge dar. Wer schon einmal mittelalterliche Figuren der Synagoge meistens zusammen mit der Kirche gesehen hat, auf der die Synagoge als eine Frau mit verbundenen Augen und gebrochenem Zepter dargestellt ist, der mag staunen über die ehrenvolle und würdige Haltung dieser Synagoge des Scivias.

Zum tieferen Verständnis dieser Vision führen einige Überlegungen aus dem Umfeld. Das Verhältnis der Christen zu den Juden bildet seit der urchristlichen Zeit ein Thema theologischer Reflexion. Wie Michael Zöller bemerkt, steht der Scivias „mit seiner Kritik, aber auch mit seiner Solidarität und Hoffnung gegenüber der Synagoge im Horizont der Theologie seiner Zeit“ (Gott weist seinem Volk seine Wege. Weiterlesen

„Alle diese Reihen tönten in jeglicher Art von Musik
und kündeten in wundersamen Harmonien die Wunder,
die Gott in heiligen Seelen wirkt
– ein Hochgesang der Verherrlichung Gottes“
(Scivias I.6.)
Die minuziöse Ausarbeitung aller Details und die sorgfältige Kunstfertigkeit des Künstlers faszinieren jeden Betrachter dieser Miniatur. Bei genauem Hinschauen erkennt man, dass hier neun Engelchöre dargestellt werden.

Die Vorstellung von den Engelchören reicht zurück in die biblische, liturgische und patristische Tradition. Hildegard wird diese Lehren gekannt haben durch ihre monastische Bildung, was aber die Originalität ihrer Vision nicht einschränkt. Die neun Engelchöre werden nämlich bei ihr auf eigenartige Weise gegliedert: statt dreimal drei bilden die ersten zwei, dann die folgenden fünf und schließlich die letzten beiden Chöre eine zusammen-gehörende Einheit. Hinter diesen Zahlen stehen geistliche Deutungen: Die ersten beiden Reihen weisen darauf hin, dass „Leib und Seele des Menschen Gott dienen müssen“ (Scivias I.6.1.). Sie schließen sich um fünf andere Reihen, wobei die Zahl fünf die fünf Sinne des Menschen bedeutet, die durch die fünf Wunden Jesu Christi gereinigt sind (vgl. Scivias I.6.3.). Die innersten Engelchöre sind zwei an der Zahl, weil sie die zweifache Liebe, zu Gott und zu dem Nächsten, darstellen. Weiterlesen

„Der lebendige Gott, der alles durch sein Wort erschuf, führte durch dieses fleischgewordene Wort das menschliche Geschöpf, das sich in die Finsternis gestürzt hatte, zur Erlösung im Glauben zurück.“ (Sc II, 1)
Auf dieser Miniatur sind die Schöpfung und der Sündenfall, die Menschwerdung, die Erlösung und Verherrlichung in einem einzigen Bild dargestellt, das Hildegard, „vom geheimnisvollen Hauch befruchtet,“ schaute. Von dem helleuchtenden Feuerkreis in der oberen Bildhälfte, der den allmächtigen und lebendigen Gott bezeichnet, und der einen himmelblauen Lichtkreis in sich trägt, geht das Leben aus. Aus dem helleuchtenden Feuer mit der blauen Flamme im Inneren schlägt eine Lichtflamme nach unten in eine dunkle Luftkugel, die mit dem Schöpfungswerk Gottes angefüllt ist. Das Sechstagewerk der Schöpfung leuchtet in der Luftkugel in kleinen Bildern auf. Weiterlesen

„Der Mensch unterlasse nicht, mich, den einzigen Gott, in diesen drei Personen anzurufen. Ich habe sie dem Menschen geoffenbart, dass er um so heißer in der Liebe zu mir entbrenne, da ich ihm zuliebe meinen Sohn in die Welt sandte.“ (Sc II,2)

Hildegard schaute „ein überhelles Licht und darin eine saphirblaue Menschengestalt, die durch und durch im sanften Rot funkelnder Lohe brannte.“ Die Bildebene der Vision bringt am schönsten zum Ausdruck, wie sich die drei göttlichen Personen in ihrer Einheit gegenseitig durchdringen, ohne aufzuhören, Person zu sein, schreibt Michael Zöller in „Gott weist seinem Volk seine Wege“
Die Miniatur zeigt inmitten einer goldfarbenen Kreisfläche, umgeben von breitem silbernen Rand, die saphirblaue Menschengestalt. Von oben einströmendes Licht hebt deren Umrisse hervor. Weiterlesen

„Aus lebenden Seelen wird der himmlische Bau aus lebendigen Steinen errichtet. Wie eine riesige Stadt umfasst er die große Schar der Völker und wie ein weites Netz eine ungeheure Menge Fische.“ (Sc II,3)

Nachdem in den ersten beiden Miniaturen des zweiten Buches Scivias das Erlösungswerk des dreifaltigen Gottes erläutert wird, beschreiben die folgenden Bilder die Vergegenwärtigung der Erlösung in der Kirche und ihren Sakramenten. „Gott schenkt den Menschen durch die Kirche das Heil, indem er ihnen durch die Sakramente seinen Weg in die Nachfolge seines Sohnes eröffnet, sie auf ihm festigt und stärkt und die Menschen, wenn sie gesündigt haben, in der Buße wieder auf den Weg Gottes zurückführt.“ (Zöller, S. 248)
Die Miniatur zeigt in Teildarstellungen das Wesen der Kirche und das Sakrament der Taufe. Weiterlesen

„Wie die Kirche, die neue Braut des Lammes, vom Leuchten der Sonne der Gerechtigkeit überstrahlt und mit der Glut des Heiligen Geistes ausgestattet, zur Vollendung ihrer Schönheit gelangt, so muss auch der gläubige Mensch, der die Wiedergeburt in Geist und Wasser (die hl. Taufe ) empfangen hat, mit der Salbung des himmlischen Lehrers gestärkt werden.“
( Sc II, 4 )
Ein großer runder Turm aus einem weißen Stein mit der Frauengestalt, der Kirche, in der Menschen hindurchziehen, prägen diese Miniatur. Der Turm aus einem einzigen weißen Stein symbolisiert den Heiligen Geist in seiner leuchtenden Klarheit, der alle Geschöpfe umkreist. Aus den drei Fenstern des Turmes, die mit Smaragden besetzt sind (diese bedeuten die Tugenden und Mühen der Apostel) bricht ein heller Glanz hervor. Der Dreifaltige Gott tut sich in der Ausgießung der Gaben des Heiligen Geistes kund. Sowie die Kirche vom Heiligen Geist erfüllt, gestärkt und geführt ist, so sollen auch die Getauften gefirmt, d.h. mit Heiligem Geist erfüllt werden. Weiterlesen

Gott weist seine Wege in den Ständen der Kirche und ruft so alle Menschen in die Nachfolge seines Sohnes. Diese Darstellung vermittelt nur andeutungsweise, welche Durchblicke Hildegard zum Mysterium der Kirche geschenkt wurden.

„Betrachte nur Sonne, Mond und Sterne. Ich bildete die Sonne als Tageslicht, sie bezeichnet meinen Sohn, und Mond und Sterne, dass sie nachts leuchten. Der Mond bezeichnet die Kirche, die meinem Sohn in himmlischer Vermählung angetraut ist. Die Sterne deuten auf die Angehörigen der verschiedenen Ständen des kirchlichen Lebens hin.“ (II, 5)
Die Miniatur zeigt die Kirche als mystischen Leib, der von den Ständen der Weltlichen, der Kleriker, der Ordensleute gebildet wird. Weiterlesen