An diesem Pfingstfest hatten wir besonderen Grund zur Freude: Aus unserer Postulantin Judith Maurer wurde in der Feier der Einkleidung unsere neue Novizin Sr. Johanna. Ihr Namenspatron ist der heilige Evangelist Johannes, der ihr viel bedeutet.

 

Unsere Äbtissin Sr. Katharina sagte in ihrer Ansprache ermutigende Worte: „Der Heilige Geist möge Dich mit Liebe zu Deiner Berufung erfüllen, der Berufung zur Gottsuche in einer Gemeinschaft mit Menschen, die Gott zusammen mit Dir berufen hat. Damit wird Dir ein großer Reichtum geschenkt, denn jede Mitschwester birgt in sich viele Schätze, aber natürlich auch viel zugemutet. Und das umso mehr in einer Zeit, in der sich unsere ohnehin bunte vielfältige Mehrgenerationen-Gemeinschaft in einen offenen Zukunftsprozess begeben hat und viele Konstanten in Gesellschaft und Kirche wegbrechen. Da braucht es Mut, Pioniergeist, ein offenes Auge für die Chancen im Umbruch und nicht zuletzt den Glauben und die Hoffnung, dass Gott in allem und in allen gegenwärtig ist.“

Sr. Johanna, geb. 1977, war vor ihrem Klostereintritt viele Jahre Sakristanin im Kölner Dom. Im Rahmen ihrer Noviziatszeit hilft sie in der Sakristei und Hausmeisterei mit und engagiert sich eifrig in der Schola.  

 

 

 

 

Seit fünf Jahrenb beten immer donnerstags Menschen in verschiedenen Ländern das Donnerstagsgebet «Schritt für Schritt» um Reformen in der Kirche. Inzwischen ist ein großes Gebetsnetz entstanden, an dem sich auch viele benediktinische Klöster beteiligen. Das Gebet schenkt den Teilnehmenden Mut und Zuversicht, eine weitere Woche den Weg in und mit der Kirche zu gehen – Schritt für Schritt. Seit Pfingsten 2024 ist nun auch ein «Dank am Donnerstag» entstanden. Nach fünf Jahren Bittgebet, ist es Zeit zu danken: mit einem Gebet, das den freien, zukunftsweisenden Raum im Geist weitet.

 

Dankgebet am Donnerstag

Gott, für uns wie eine Mutter und ein Vater, Du hast die Welt geschaffen und am
Ende gesehen: alles war sehr gut. Du sendest uns immer wieder deine Geistkraft, die
unsere Herzen öffnet und Wandlung möglich macht hin zum noch Besseren. Vieles ist
schon geschehen. Für vieles braucht es Mut und vieles ist noch möglich.

Wir vertrauen auf die Geistkraft und singen:
Veni creator, veni creator, veni creator spiritus! V/A

Wir danken Dir:
Für alle, die trotz allem in der Kirche bleiben, weil sie sie lieben
Für alle, die die Strukturen von innen verändern wollen
Für alle, die sich über Regeln der Kirche hinwegsetzen, wenn sie der Menschenwürde
widersprechen
Veni creator…

Für alle, die sexuellen und spirituellen Missbrauch zur Sprache bringen
Für alle, die aufhören, zu vertuschen
Für alle, die über das sprechen, was ihnen widerfahren ist
Veni creator…

Für alle, die sich für Menschenrechte in der Kirche einsetzen
Für alle, die den Mut haben, sich in der Kirche zu outen
Für alle, die die Türen der Kirche für alle weit offenhalten
Veni creator…

Für alle, die den je eigenen Reichtum der Ortskirchen nutzen und weiterentwickeln
Für alle Priester und Diakone, die die Anliegen des Gebets am Donnerstag mittragen
und unterstützen
Für alle, die auf die Geistkraft hören und ihr Raum geben
Veni creator…

Für alle, die Deinen Ruf hören und ihm folgen, trotz aller Widerstände
Für alle, die sich als Diakoninnen ausbilden lassen und sich auf ihre Weihe
vorbereiten
Für alle, die sich weihen lassen, obwohl das Kirchenrecht es verbietet
Veni creator…

Für alle, die Brot und Wein miteinander teilen
Für alle, die Kinder taufen, Kranke segnen, mit anderen um Vergebung beten
Für alle, die sakramental handeln
Veni creator…

Für alle, die sich ihrer Taufwürde bewusst sind
Für alle, die priesterlich, königlich und prophetisch wirken
Für alle, die das Wort Jesu weitergeben, damit andere sich öffnen und sich von ihm
heilen lassen können
Veni creator…

Für alle die Jesu Botschaft in ihrem Handeln weitertragen und am Leben erhalten
Für alle, die Macht teilen
Für alle Frauen, die das Bild der Kirche verändern, indem sie predigen und hinter dem
Altar stehen
Veni creator…

Für alle Frauen, die zum priesterlichen und diakonischen Dienst berufen sind und das
aussprechen
Für alle, die ihre anerkannte priesterliche Berufung schon leben in den anglikanischen
und altkatholischen Kirchen
Für alle, die ihre Talente und Charismen einsetzen, um die Welt im Sinne Jesu zu
gestalten
Veni creator…

Für alle, die in den Klöstern Schritt für Schritt vorwärtsgehen und Wandlung möglich
machen
Für alle, die verstummt sind und deren stilles Gebet trotzdem wirkt
Für alle, die im Gebet am Donnerstag miteinander verbunden sind
….
Du unser Gott. Was bei Menschen unmöglich scheint, ist schon möglich bei Dir. Wir
danken Dir für alles, was Deine Geistkraft inspiriert. Heute und alle Zeit bis zu unserer
Ewigkeit. Amen.

 

©Dorothee Becker, Priorin Irene Gassmann, Jeanine Kosc

 

 

 

Transfiguration – Verklärung

Bis Ende August 2022 gibt es in der Basilika Johannisberg eine Ausstellung von 6 lebensgroßen Säulenskulpturen von Sr. Christophora. Dargestellt sind die in der biblischen Geschichte der Verklärung genannten Personen und dazu jeweils eine weibliche Person, mit der diese in Beziehung stehen.

Vom 18. Juni bis zum 6. August wird es in den Sonntagvorabendmessen um 17.00 Uhr Impulse zu den dargestellten Personen geben.

Vor 10 Jahren wurde Hildegard von Bingen offiziell heiliggesprochen. In dankbarer Erinnerung daran ein paar Gedanken zu ihrer Botschaft:

Die Original-Texte zur Heiligsprechung sind auf unserer Homepage hier zu finden. Wer sich für die Werke Hildegards interessiert, im Original oder mit Hinführungen und Erklärungen dazu, wird auf der Hildegard-Seite in unserem Online-Shop fündig werden.

Jede Zeit braucht ihre Propheten, heißt es – Menschen, die ansagen, was die Stunde geschlagen hat. Manchmal weisen die Propheten aber auch über ihre Zeit hinaus und haben den Menschen aller Zeiten etwas zu sagen. Benedikt von Nursia und Hildegard von Bingen waren solche Menschen. Sie können auch heute richtungweisend sein – durch ihr Wort und durch ihr Lebensbeispiel. Beide hatten den Mut, gegen den Strom zu schwimmen und die Welt prophetengleich aus wahrhaft ‚ver-rückter‘ Perspektive zu betrachten. Benedikt, der mit seiner Lebensregel die ganze abendländische Kultur geprägt und ihr die entscheidenden Werte vermittelt hat, und Hildegard von Bingen, die in ihrer Zeit im Geist benediktinischer Lebensordnung lebte und ihn in ganz eigenständiger Weise neu geprägt und weitergegeben hat.

Es lohnt sich, diesem Geist und diesen beiden Persönlichkeiten nachzuspüren.

Die Suche nach dem transzendenten DU
Hildegard von Bingen verstand sich als Prophetin. Vor allem anderen sah sie sich berufen, ihre Zeitgenossen aus dem „Schlaf der Gottvergessenheit“ wachzurütteln. In immer neuen Bildern beschreibt sie in ihren Werken, daß solche Gottvergessenheit, wie sie es nennt, ins Chaos führt – ins Chaos der individuellen menschlichen Beziehungen, aber auch zur Zerstörung des Kosmos insgesamt. Ohne Einschränkung verweist sie die Menschen auf Gott als den Schöpfer aller Dinge. Nur in Ihm kann der Mensch den wirklichen und wahren Sinn seines Lebens finden. Spüren nicht auch wir heute immer deutlicher, daß der Mensch sich selbst niemals genug sein kann und nur dann Sinn findet, wenn er über sich selbst hinausschaut?. Kein innerweltliches Glück, weder Erfolg noch Macht, weder Konsum noch Leistung vermögen ihn auf Dauer zu befriedigen – das wußte Hildegard, und das wissen im Grunde auch wir. Seine Ursehnsucht und seine Suche nach Sinn verweisen den Menschen auf das Absolute und auf das Ewige. Das ist eine Wahrheit, die zu allen Zeiten ihren Bestand hatte.

Nicht umsonst steht die Suche nach Gott für Benediktinerinnen und Benediktiner seit jeher im Mittelpunkt ihres Lebens. Auch Hildegard war und blieb immer eine Suchende und Fragende. Gott und seinen Willen suchen in allen Dingen, in den großen Vollzügen des Lebens, aber auch in den scheinbaren Banalitäten des Alltags – das war ihr Lebensprogramm. Dabei blieb sie allerdings stets nüchtern und illusionslos, fest verwurzelt im Glauben und im Vertrauen auf eine immer neue Zukunft in Gott. Die Suche nach dem Transzendenten also – wäre sie nicht auch heute im wahrsten Sinne des Wortes not-wendend für unsere Zeit? Suchen nicht auch wieder zunehmend viele Menschen nach diesem sie selbst übersteigenden Ursprung und Ziel – oft allerdings auch dabei steckenbleibend im Vorletzten? Der personale Gott läßt sich finden, wenn wir ihn suchen. Aber „machen“ können wir dies nicht – nicht durch noch so ausgefeilte Techniken, Meditationsübungen oder Kurse. Das Bild der leeren Hände und offenen Herzen, in die sich die Gnade ergießt, ist dabei keineswegs ein frommer Überbau. Es wird Realität, wenn es uns gelingt, von uns selbst weg auf den ganz Anderen zu schauen.

Ehrfurcht – ein vergessener Wert?
Hildegard verweist ihre Zeitgenossen in einem weiteren Schritt auf die Dankbarkeit. Für sie ist das Leben Geschenk, sie weiß sich verdankt und ruft dazu auf, den Irrglauben einer falschen Autonomie über Bord zu werfen. Wer sich verdankt weiß, erfährt, daß eben nicht alles machbar ist, daß vieles, ja das Wesentliche unseres Lebens, Geschenk ist und nur dankbar staunend angenommen werden kann. Wer sich verdankt weiß, der wird auch mit dem Leben, mit allem Leben, ehrfürchtig und mit Achtung umgehen. Auch hier war Hildegard ganz Benediktinerin, heißt es doch in der Regel des hl. Benedikt: „Die Brüder und Schwestern sollen einander in Ehrfurcht zuvorkommen“, und an anderer Stelle: „sie sollen alles wie heiliges Altargerät behandeln“. Alles – jeden Menschen ohne Ausnahme, jedes Tier und jede Pflanze, auch alle Dinge – in Ehrfurcht betrachten, im Wissen um die Größe und Schönheit allen Lebens und das Wunder Gottes, das uns in allem Geschaffenen begegnet. Hildegard hat gezeigt, daß dies kein Traum bleiben muß. Jeder kann bei sich selbst anfangen, kann der Wegwerfmentalität im eigenen Herzen begegnen. Und vielleicht wird mancher staunen, wie sehr sich auch durch kleine Schritte die Welt verändern kann. Wäre die Wiederentdeckung der Dankbarkeit und der Ehrfurcht nicht ein Schritt zur Wiederherstellung gesunder menschlicher Beziehungen – im Großen wie im Kleinen, in Politik, Wirtschaft und Gesellschaft ebenso wie im normalen Alltag?

Das Maß aller Dinge
Auf dem Weg zu einer neuen Ehrfurcht nennt Hildegard von Bingen als wichtiges Hilfsmittel die „Discretio“, die weise Maßhaltung und Unterscheidung, die Benedikt in seiner Regel einst als „Mutter aller Tugenden“ bezeichnet hat. Die Maßlosigkeit war und ist offenbar zu allen Zeiten die Versuchung schlechthin. Liegt ihr Ursprung nicht im Bestreben des Menschen, in allem autark und autonom zu sein, niemanden zu brauchen und alles selbst zu beherrschen? Doch nicht erst wir Heutigen wissen, sondern auch Hildegard wußte bereits, daß solche Art Unmäßigkeit und Maßlosigkeit im wörtlichen Sinne weitreichende Folgen haben kann. Die vielen verschiedenen Formen der Sucht in unserer Zeit – Alkohol, Tabletten-, Drogen-, aber auch Arbeits-, Freizeit-, und Spielsucht – sprechen davon eine beredte Sprache. Sie alle, das wissen wir nur zu gut, sind Fehlformen, die aus ungestillter Sehnsucht nach heilem Leben erwachsen. Ausgewogene und maßvolle Lebensführung dagegen kann solchen „Krankheiten“ vorbeugen und darüberhinaus die Grundlage für eine neue Kultur des Alltags schaffen. „Ordo“ und „Regula“, Schlüsselbegriffe benediktinischen Lebens, weisen den Weg zu einer Lebensordnung, die zu heilen vermag. Das gilt für alle Bereiche des Lebens: für Essen und Trinken, Schlafen und Wachen, Bewegung und Ruhe, Schweigen und Kommunikation, Arbeit und Muße, Einsamkeit und Gemeinschaft. Hildegard, die Zeit ihres Lebens in der Ausgewogenheit des benediktinischen „Ora et Labora“ lebte, hat eine solche im wahrsten Sinne heil-bringende Ordnung immer neu im Bild der Harmonie beschrieben. Sich einfügen in das Ordnungsgefüge der Welt, Mitschwingen in der Harmonie des Kosmos und des Lebens, darum geht es. Und um das rechte Verhältnis der Lebensvollzüge, um das, was man heute Lebenstil nennen würde. Der Mensch braucht die Anstrengung ebenso wie das Zur-Ruhe-Kommen, die Stille ebenso wie die Unterhaltung, die Hinwendung zum Mitmenschen ebenso wie die Hinwendung zu Gott. Mit dem, was manche Zeitgenossen heute als Lustprinzip bezeichnen, hat das nur wenig zu tun. Auch die vielzitierten, sogenannten „Sachzwänge“ würde Hildegard nicht gelten lassen. Denn meist genügt schon ein kleiner Schritt, um die Meßlatte für Sinn, Inhalt und Ausrichtung des alltäglichen Lebens im Sinne der „Discretio“ wieder zurechtzurücken. Allerdings braucht es dazu den konkreten Willen zur Veränderung. Die Möglichkeit der Einsicht dazu hat der Mensch durch seinen Verstand. Er ist eben nicht dem eigenen Sosein hoffnungslos ausgeliefert, sondern kann sein Leben ändern. Er ist in der Lage, in Freiheit das rechte Maß zu finden und das Gute zu tun, denn, so wußte Hildegard von Bingen schon vor 900 Jahren: „O Mensch, du hast das Wissen um das Gute und Rechte in dir selbst. Deshalb kannst du dich durch nichts entschuldigen“. Womit entschuldigen wir uns?

Die armen Reichen und die reichen Armen
Eng verbunden mit der „Discretio“ ist für Hildegard der Wert der Armut im umfassenden Sinne. Armut hat im heutigen Sprachgebrauch einen ausschließlich negativen Klang. Im benediktinischen Sinne geht es bei der Armut nicht um die Idealisierung von Not oder Mangel, sondern um ein konkretes Mehr an Leben, um ein Reicherwerden an Freiheit – im Loslassen der Dinge, die uns binden. Mehr Lebensqualität kann durchaus darin bestehen, sich zu bescheiden und die eigenen Grenzen anzuerkennen, nicht aus Zwang, sondern freiwillig, großmütig und gern. Gewinn durch Verzicht – wäre das nicht auch heute ein ganz und gar alternatives Lebensmodell? Dabei muß freilich der ganze Mensch in den Blick genommen werden. Zu allen Zeiten strebten die Menschen danach, zu haben, zu besitzen, mehr zu haben und immer mehr zu besitzen – und das nicht nur in materiellem Sinne. Der Mensch kann vieles, ja nahezu alles haben wollen: Begabung, Wissen, Zeit, Ehre, Ansehen, Beruf, Erfolg, Geld, Freiheit, Sicherheit, Gesundheit, Schönheit, Macht, Recht, Liebe, um nur einiges zu nennen. Wer aber alles haben will, der hat am Ende nichts. Wenn Hildegard und lange vor ihr der heilige Benedikt von Armut und Demut – diesem heute so vielfach verkannten Wert – sprechen, dann geht es ihnen darum, von „Menschen des Habens“ zu „Menschen des Seins“ zu werden. In der Freiheit des Loslassen-Könnens, des Verzichts z.B. auf bestimmte Lebensmöglichkeiten, Ausdrucksformen, Ideen und Ideale liegt für sie der eigentliche, oft ungeahnte Reichtum des Lebens. Nur, wer sich selbst loslassen kann, ist auch in der Lage, sich selbst zu überschreiten – hinein in die Unendlichkeit. Ahnen wir eigentlich noch, daß es durchaus möglich sein kann, sich selbst zu verwirklichen, in dem man sich selbst zurücknimmt? Wissen wir noch – oder vielleicht wieder – , daß das Wesentliche des Lebens eben nicht darin besteht, alles zu haben und alles zu tun, was wir tun möchten und tun können? Dies alles hat nichts mit Einschränkung und Minderung zu tun, viel aber mit wahrer Freiheit und mit Verantwortung. Vielleicht brauchen wir heute eine neue Befreiung, eine Emanzipation von der Versklavung an die Selbstsucht – hinein in eine neue Freiheit in Gebundenheit und Verantwortung.

Weltgestaltung in Freiheit und Verantwortung
Die Spannungseinheit von Freiheit und Verantwortung ist vielleicht der für uns heute wichtigste Kerngedanke, den uns Hildegard von Bingen ans Herz legt. Zwar ist der Mensch frei erschaffen, aber diese Freiheit darf keineswegs mit Beliebigkeit oder gar Willkür gleichgesetzt werden. Der Mensch ist Geschöpf und von daher eingebunden in die Schöpfungsordnung. Er ist immer und von jeher Gerufener, Hörender und Antwortender zugleich. Es lohnt sich an dieser Stelle, einen Blick in die Benediktus-Regel zu werfen, aus der Hildegard gelebt und geschöpft hat. Nicht umsonst beginnt dieser auch nach 1400 Jahren noch faszinierende Text mit dem Wort „Höre!“ – „Obsculta o fili, praecepta magistri“ (Höre, mein Sohn, auf die Weisung des Meisters). Hören setzt Schweigen voraus, ebenso aber die Bereitschaft, dem Anruf in Freiheit zu antworten. Ant-wort und Ver-antwort-ung gehören dabei untrennbar zusammen. Für Hildegard wie für Benedikt ist der Mensch nicht nur „Opus“, freies Geschöpf Gottes, sondern zugleich auch „Operarius“, Mitschöpfer Gottes, der die Weltkräfte kultiviert und sie zum Wohle aller gebraucht. Der Mensch hat einen Auftrag in der Welt und an der Welt und trägt Verantwortung für sich selbst wie für die gesamte Schöpfung. Das gilt für jede und jeden, nicht nur für die Großen und Mächtigen. Hildegard betont dabei immer wieder die Wechselwirkung zwischen dem Handeln des einzelnen und den Auswirkungen dieses Handelns auf das Ganze dieser Welt. Mikro- und Makrokosmos sind wechselseitig Spiegel füreinander. Das gilt im positiven wie im negativen Sinne. Nichts geht verloren oder ist unwichtig. Kein Bemühen ist umsonst. Ist dies nicht ein tröstlicher, aber auch ein ungeheuer herausfordernder Gedanke angesichts des in unserer Zeit oft so entsetzlichen Gefühls der Ohnmacht und des Ausgeliefertseins an anonyme Mächte und Gewalten? Wissen wir überhaupt noch um diese einmalige Würde des Menschen, die ihn befähigt, sich selbst und die ganze Welt sinnvoll zu gestalten? Schaffen wir uns noch Raum für das Schweigen, aus dem erst das Hören geboren werden kann und in einem zweiten Schritt das zielorientierte Handeln möglich wird? Haben wir den Mut zur Veränderung: in Freiheit und Verantwortung?

Liebe und Barmherzigkeit als Heilmittel für eine kranke Welt
Ein Letztes: in Freiheit übernommene Verantwortung für sich selbst und für die ganze Welt ist für Hildegard ein schöpferischer Akt der Liebe. Es ist die liebende Antwort des Menschen auf die unendliche, ganz und gar ungeschuldete, immer schon dagewesene Liebe Gottes zum Menschen. Die Liebe bewegt die ganze Welt, sie sitzt genau in der Mitte der Achse und entscheidet darüber, ob die Welt im Lot bleibt oder aus den Fugen gerät. Das zeigt einmal mehr, daß Liebe im eigentlichen Sinn nicht erstlich eine Sache des Gefühls ist. Hildegard, wie nach ihr der große Thomas von Aquin, versteht die Liebe als eine vernünftige, geordnete, bewußt gewollte und weise Lebenskraft, die schöpferisch wirkt und alles zusammenhält. Daß solche Liebe auch Mühe kostet und Kraft, ja sogar Leiden schaffen kann, ist selbstverständlich. Die Liebe ist für Hildegard „brennende Vernunft“, „rationalitas“, in der Gottes Geist selbst west und immer neu – oft unter Schmerzen – Leben schafft. Liebe hat also mit Vernunft zu tun. Sie muß gewollt sein und erstrebt werden. Wäre nicht auch das für uns heute ein geradezu revolutionärer Gedanke? Wissen wir überhaupt noch um eine solche vernünftige, auch kämpferische Liebe – oder baden wir nur noch in der unverbindlichen Gefühligkeit dessen, was moderne Zeitgenossen uns als wahre Liebe verkaufen wollen? Die Liebe beweist sich in der Standhaftigkeit und Treue und ist deswegen keineswegs immer der leichtere, wohl aber der wahrhaftigere Weg.

Gilt die Liebe allen Menschen – und das wäre das Ziel -, so erweist sie sich vor allem in der Barmherzigkeit, die einer für den anderen aufzubringen bereit ist. Für Hildegard – und auch hier steht sie ganz in der Tradition des hl. Benedikt – ist solche Barmherzigkeit die „magna medicina“, die Medizin für Leib und Seele schlechthin. Wer barmherzig sein kann mit sich und vor allem mit anderen, der weiß um seine eigene Begrenztheit und Schwäche, besitzt aber gleichermaßen eine Ahung dessen, wie Gott sich den Menschen und seine ganze Schöpfung ursprünglich gedacht hat. Er kann Fehler nachsehen, strahlt Güte aus und vor allem Geduld. Uns Heutigen sind solche Haltungen vielfach abhanden gekommen, obwohl wir uns im Grunde unseres Herzens so sehr danach sehnen. Besinnung tut da not, aber auch Neuanfang in kleinen Schritten. Wie befreiend und tröstlich kann es sein, wenn wir Menschen begegnen, die etwas ausstrahlen von dem, was im wahrsten Sinne des Wortes Heil und Leben spendet. Benedikt von Nursia und Hildegard von Bingen waren solche Menschen. Doch auch heute können wir Menschen dieser Art begegnen oder danach streben, solche zu werden. Wir sollten sie nicht vorschnell als weltfremde Utopisten und Träumer abtun. Denn sind sie es nicht eigentlich, die uns hoffen lassen? Hoffen, daß es sich lohnt, zu werden, was wir sind: Menschen?

Sr. Philippa Rath OSB

Liebe Gottesdienstbesucher!

Aufgrund der derzeitigen Corona-Situation gelten für  die Feiertage gelten folgende Regelungen:

Es besteht eine generelle Pflicht, in der Kirche medizinische Masken zutragen; die „AHA“-Regeln sind zu beachten.

Wer an einem Gottesdienst oder einer der Gebetszeiten teilnehmen möchte, istz gebeten, sich vorher verbindlich anzumelden. Eine Teilnahme ist nur nach vorheriger Anmeldung möglich, da in unserer Kirche nicht mehr als 38 Plätze zur Verfügung stehen.

Eine Anmeldung kann per Mail: sr.thekla@abtei-st-hildegard.de

oder schriftlich erfolgen.

Sollten sich mehr Gottesdienstteilnehmer/Interessenten anmelden als Plätze vorhanden sind, gilt: wer sich zuerst meldet, bekommt einen Platz.

 

Palmsonntag:  8.15 Uhr   Choral-Hochamt mit Palmenweihe (Beginn ist in der Kirche!)

12.00 Uhr   Mittagshore

17.30 Uhr   Vesper

 

Gründonnerstag:  6.00 Uhr   Laudes

8.15 Uhr   Terz

18.30 Uhr   Abendmahlsamt

Anschließend Komplet (Vesper entfällt)

 

Karfreitag:            6.00 Uhr   Matutin

8.00 Uhr   Laudes

9.00 Uhr   Terz

12.00 Uhr   Mittagshore

15.00 Uhr    Gedächtnisfeier des Herrenleidens

19.20 Uhr    Komplet (Vesper entfällt)

 

Karsamstag:          6.00 Uhr   Matutin

7.30 Uhr   Laudes

8.45 Uhr   Terz

12.00 Uhr   Mittagshore

17.30 Uhr   Vesper

21.00 Uhr   Osternachtfeier (Beginn ist in der Kirche)

 

Ostersonntag:       7.00 Uhr   Laudes

9.00 Uhr   Choral-Hochamt

12.00 Uhr   Mittagshore

17.00 Uhr   Vesper

19.00 Uhr   Komplet

 

Ostermontag:         8.15 Uhr   Terz/Choral-Hochamt

12.00 Uhr   Mittagshore

17.30 Uhr   Vesper

 

 

+  Liebe Schwestern und Brüder in den benediktinischen Klöstern in aller Welt,

zur Fastenzeit wünsche ich Ihnen den Frieden und grüße Sie herzlich aus Sant’Anselmo in Rom. Ich danke aufrichtig all denen, die bereits geschrieben haben, dass Sie uns in ihr Gebet mit einschließen: die Mönche in Sant’Anselmo, alle Mönche der Benediktinischen Konföderation und die Schwestern und Nonnen der Communio Internationalis Benedictinarum (CIB). Wir erleben gerade gemeinsam eine Zeit beispielloser Veränderungen in vielen Bereichen unseres Lebens. Wir alle haben gesehen, wie vieles von einem Moment zum anderen zum Stillstand gekommen ist: lang geplante Veranstaltungen; unser guter Wille, anderen zu dienen; die Vorbereitungen für unsere Feiern in der Gemeinschaft. All unsere Bemühungen, gesund zu essen und zu leben, scheinen plötzlich nutzlos zu sein, wenn das Virus in unsere Gemeinschaft eindringt. Mit dem Zusammenbruch des Reise- und Geschäftsverkehrs sind viele unserer Einnahmequellen durch unsere Gästehäuser, unsere Kurse und unsere Kleinbetriebe und Werkstätten eingebrochen oder sogar ganz verschwunden. Während all dies enttäuschend, entmutigend, beunruhigend und beängstigend sein kann, erinnert uns unser Glaube doch daran, dass alle Menschen, alle Dinge und alle Ereignisse in den Händen Gottes liegen, der uns liebt, sich um uns kümmert und für uns sorgt. Wir können an den im Advent so oft gebrauchten Namen Gottes denken: Immanuel, Gott mit uns – es ist ein göttlicher Name, der jeden Tag unseres Lebens wahr ist; Gott ist in der Tat mit uns. Wir dürfen das nicht einfach nur sagen, wir müssen es glauben und es auf eine Weise in die Tat umsetzen, die uns selbst und denjenigen, mit denen wir zusammenleben und denen wir dienen, Leben schenkt. Das ist unsere Ermutigung und unsere Stärke, während wir im Glauben unseren Weg gehen.
Am vergangenen Dienstagabend vor der Vesper hatten wir eine Zusammenkunft für alle Hausbewohner hier in Sant’Anselmo. Der Prior informierte die Gemeinschaft über die aktuelle Lage im Zusammenhang mit dem Coronavirus auf der Basis von Dokumenten sowohl der Regierung als auch der Kirche. Danach war Zeit für Fragen und Gespräch. Wir haben das Glück, dass einer unserer Mönche Arzt ist, der also die Situation gut versteht und auf Bedenken und Fragen antworten kann. Es ist Dom Alfio Catalano aus der Abtei Praglia in der Nähe von Padua. Ich schloss das Treffen mit einem geistlichen Impuls ab. An diesem Abend wollten wir bei der Vesper Psalm 125 beten. In diesem Psalm gibt es einen schönen Vers, der uns eine alte Wahrheit vermittelt, die auch heute noch für uns relevant ist. Der Text lautet in Vers 2: „Wie Berge Jerusalem rings umgeben, so ist der Herr um sein Volk / von nun an bis in Ewigkeit.“ Das ist ein starkes Bild, über das wir nachdenken sollten. Tatsächlich sagt uns der Psalmist, dass wir in der Umarmung von Gottes liebevoller Fürsorge leben, die unser ganzes Sein umfängt. Gottes lebensspendender Schutz und seine Fürsorge umgeben uns, auch wenn wir sie nicht spüren. Aber wie die Berge, die fest an ihrem Platz stehen und Jerusalem umgeben, so bleiben Gottes zuverlässige und starke Arme ein Bild für die göttliche Kraft, die den Lauf der Weltereignisse lenkt, und dies gilt auch die Ereignisse, die wir jetzt alle erleben.

In diesen Tagen wurde mir die Frage gestellt, ob das Coronavirus eine Strafe Gottes für unsere heutige Welt sei. – Nein, das ist er sicher nicht. Wenn solche Katastrophen passieren, ist es ganz natürlich zu fragen: „Warum ist das passiert, woher kommt das, wer ist schuld daran?“ Dieselbe Frage findet sich im Lukas-Evangelium, als man Jesus nach den 18 Menschen fragte, die beim Einsturz des Turmes von Schiloach erschlagen wurden. Jesus antwortete: „Meint ihr, dass sie größere Schuld auf sich geladen hatten als alle anderen Einwohner von Jerusalem? Nein, sage ich euch.“ (Lk. 13,4-5a). Die Antwort Jesu an das Volk zeigte, dass ihre Interpretation falsch war. Es ist doch so, dass wir vieles einfach nicht wissen oder erklären können, und unsere menschliche Existenz ist angefüllt mit vielen unbeantworteten Fragen. Ein weiteres Beispiel findet sich im JohannesEvangelium, als die Jünger Jesus fragten: „Rabbi, wer hat gesündigt? Er selbst oder seine Eltern, so dass er blind geboren wurde? Jesus antwortete: „Weder er noch seine Eltern haben gesündigt.“ (Joh 9, 2-3a) Jesus sagt den Jüngern, dass sie auf sich selbst schauen und in dem Licht wandeln sollen, das Jesus ihnen zeigt, d.h. dass sie ihm treu folgen sollen.

Gott führt und sorgt für uns weiterhin durch die engagierten Männer und Frauen in unseren Regierungen auf der ganzen Welt. Sie haben den Bedrohungen ins Auge geschaut, vor denen wir stehen und die wir durch die Ereignisse kennen, die sich von China über Italien und darüber hinaus ausgebreitet haben und weiter ausbreiten. Gott spricht zu uns durch sie und auch durch die Verantwortlichen in unserer Kirche, die uns aufgefordert haben, die Einschränkungen und Richtlinien zu befolgen, die die Ärzteschaft unseren Regierungen gegeben hat. Es sind Gesetze, die eingeführt wurden, um die Ausbreitung dieses krankmachenden Virus zu stoppen, Leben zu erhalten und diejenigen zu schützen, die am verwundbarsten sind – und im Grunde uns alle. Dieses Virus schaut nicht nach dem Alter, sondern bedroht uns alle. Die Einschränkungen setzen uns Grenzen in dem, was wir tun können, wohin wir gehen dürfen und wie wir miteinander umgehen sollen – alles zu unserem Nutzen. Diese Männer und Frauen sind ein Sprachrohr der Stimme Gottes, und in der menschlichen Kommunikation erkennen wir die göttliche Gegenwart. Wir dürfen glauben, dass unser Gehorsam und unsere Kooperation ein Beitrag zur Erlösung ist, wenn sowohl Leben gerettet werden als auch die Ausbreitung dieses Virus aufgehalten wird.

In einer italienischen Zeitung erschien dieser Tage ein Artikel über einen Arztes aus Norditalien, der Patienten behandelte, die am Coronavirus schwer erkrankt waren. Die Botschaft des Arztes kommt am besten zum Ausdruck, wenn ich seine Worte so weitergebe, wie sie der Journalist aufgeschrieben hat. In Italien darf niemand ein Krankenhaus zu betreten, um jemanden zu besuchen – kein Priester, keine Ordensschwester, kein Familienmitglied. Es ist also eine Geschichte über einen Priester, der ins Krankenhaus kam, weil er selbst an den Symptomen des Coronavirus erkrankt war. „Vor neun Tagen kam ein 75-jähriger Priester zu uns und bat um medizinische Hilfe. Er war ein freundlicher Mann, er hatte schwere Atemprobleme, aber er hatte eine Bibel bei sich, und es beeindruckte uns, dass er den Menschen, die im Sterben lagen, aus der Bibel vorlas und ihnen die Hand hielt. Wir Ärzte waren alle müde und entmutigt, psychisch und physisch erschöpft, und wir hörten ihm in dieser Verfassung auch zu. Wir sind an dem Punkt, an dem wir zugeben müssen: Als Menschen sind wir an unsere Grenzen gestoßen, wir können nichts mehr tun, und jeden Tag sterben mehr Menschen. Und wir sind erschöpft. Zwei unserer Kollegen sind gestorben, andere sind infiziert. Wir haben erkannt, dass wir die Grenzen dessen, was der Mensch tun kann, erreicht haben. Wir brauchen Gott, und wir haben begonnen, ihn um Hilfe zu bitten. Wir sprechen miteinander und können kaum glauben, dass wir, die wir überzeugte Atheisten waren, jetzt nach innerem Frieden suchen, indem wir den Herrn bitten, uns Kraft zu geben, damit wir uns um die Kranken kümmern können. Gestern starb der 75-jährige Priester. Trotz der Tatsache, dass in den letzten drei Wochen über 120 Menschen auf unserer Station gestorben sind und wir alle erschöpft sind und uns am Boden fühlen, ist es ihm gelungen, uns trotz seines eigenen Zustands und unserer eigenen Schwierigkeiten einen FRIEDEN zu bringen, den wir nicht mehr zu finden hofften. Der Priester ging heim zum Herrn, und bald werden wir ihm folgen, wenn es so weitergeht. Ich bin seit sechs Tagen nicht mehr zu Hause gewesen; ich weiß nicht, wann ich das letzte Mal etwas gegessen habe; ich erkenne meine eigene Schwäche und mein Unvermögen auf dieser Erde, und ich möchte meinen letzten Atemzug der Hilfe für andere widmen.“1

Meine lieben Brüder und Schwestern, das Coronavirus stellt uns ein großes Geheimnis vor, ein Paradox, über das wir nachdenken müssen: im Leiden und im Tod gibt es Heilung und neues Leben. Der Gott, der unser Leben umgibt, ist in der Lage, Trauer, Leid und sogar Tod hinwegzunehmen und Seele und Leib zu heilen und zu einem neuen Leben zu bringen. Wir verstehen, dass aus den Worten dieses Arztes das Ostergeheimnis spricht; sein aufopferungsvoller Dienst hat Bedeutung in Gottes sich entfaltendem Plan für unser Heil und unsere Erneuerung. Die Verwandlung des menschlichen Herzens ist das Werk Gottes, und oft benutzt Gott uns als Werkzeuge der göttlichen Gnade, um das Leben der Menschen neu werden zu lassen. Deshalb können wir sicher sein, dass Gott inmitten aller Ereignisse der menschlichen Geschichte steht. Das heißt nicht, dass er sie herbeigeführt hat, sondern dass er der Herr der menschlichen Geschichte ist und wir nie weit von der erlösenden Hand Gottes entfernt sind.
Im Buch des Propheten Jesaja gibt es einen Moment, in dem das Volk und die Stadt Jerusalem von den assyrischen Truppen belagert werden. Der Feind steht schon vor den Toren und ist bereit zum Angriff. Als Israel überlegt, ein Bündnis mit Ägypten einzugehen, um die assyrischen Truppen abzuwehren, sendet Gott durch den Propheten Jesaja ein Wort als Gegenimpuls, das auch auf unsere heutige Situation bezogen werden kann. „So spricht Gott der Herr, der Heilige Israels: Durch Umkehr und Ruhe werdet ihr gerettet, im Stillhalten und Vertrauen liegt eure Kraft.“ (Jes. 30,15) Rettung und Befreiung liegen nach wie vor in den Händen Gottes; unsere Aufgabe ist es, gelassen zu bleiben und zu vertrauen. Das ist keine leichte Aufgabe. Die Arbeit von Wissenschaftlern, Chemikern, Ärzten und Forschern haben in den letzten Jahrhunderten große Fortschritte möglich gemacht, um Katastrophen einzudämmen und drohenden Schaden von uns fernzuhalten. Gut und schön, aber wir haben jetzt gesehen, dass selbst die klügsten Köpfe und die qualifiziertesten Mediziner ratlos sind und darauf warten, dass sich eine Besserung abzeichnet. Jetzt ist also ein Moment für einen großen Glauben und für ein herausforderndes Vertrauen, während wir warten, wie Gott uns vorwärts führen wird. Der Psalmist sagt es anders: „Lasst ab und erkennt, dass ich Gott bin: erhaben über die Völker, erhaben über die Erde“ (Ps. 46:11). Gott erleuchtet den Verstand und die Herzen der Fachleute, so dass sie die Dinge auf neue Weise sehen und neue Entdeckungen machen können. Die Herausforderung für uns besteht darin, darauf zu vertrauen, dass Gott mitten in allen Geschehnissen gegenwärtig ist und uns vorwärts führen wird.
Für uns Benediktiner und Benediktinerinnen bleibt unser tägliches Gebet eine Quelle der Ermutigung, wenn unsere Gemeinschaften zusammenkommen, um das Wort Gottes zu hören und die Psalmen zu beten. Die Texte der Heiligen Schrift und der Psalmen vereinen uns, so dass wir in einer Stimme zu Gott schreien, und zwar nicht nur für uns selbst, sondern für alle, die in irgendeiner Weise Verluste erlitten haben. Manchmal haben mir Menschen gesagt, dass sie sich mit den harten

1 Marco Tosatti, “THE CRY OF A DOCTOR IN LOMBARDY. ABOUT THE VIRUS, DEATH AND GOD.” (Der Schrei eines Arztes in der Lombardei. Über das Virus, den Tod und Gott), 20. März 2020. Link zum englischen Original: https://www.marcotosatti.com/2020/03/21/the-cry-of-a-doctor-in-lombardy-about-the-virus-death-andgod/

und gewalttätigen Worten der Psalmen schwer tun, insbesondere mit denen, die in den Klagepsalmen zu finden sind. In diesem Augenblick, in dem so viele unter den Schmerzen eines fremden Feindes leiden, der in den menschlichen Körper eindringt und ihn schwächt, geben uns die Worte der Klagepsalmen eine Sprache der Solidarität mit denjenigen unserer Brüder und Schwestern in der Menschheitsfamilie, die Tod, Krankheit und Not erlitten haben und erleiden. Die Worte der biblischen Klagen verbinden unsere Stimmen mit jenen Menschen, die den erlebten Schmerz kaum ausdrücken können; wir können ihre Stimme zu Gott werden und um Gnade bitten oder nach einem Ende ihrer Gefangenschaft oder ihres Exils rufen. Ein tiefes Gefühl der Solidarität verbindet uns mit ihnen, denn gemeinsam bestürmen wir den Himmel sowohl mit unseren Worten als auch mit unseren Opfertaten. Wenn wir die Opfer, die von uns verlangt werden, mit Bereitschaft und einem Geist echter Nächstenliebe annehmen können, erfüllen wir die Worte Gottes, die uns durch den Propheten Jesaja gegeben wurden: „Durch Umkehr und Ruhe werdet ihr gerettet, im Stillhalten und im Vertrauen liegt eure Kraft.“ (Jes. 30,15) Die tägliche Praxis der lectio divina taucht uns in das Wort Gottes ein, in dem eine göttliche Stimme zu uns spricht und uns um eine Antwort bittet. Mögen wir mit offenem Herzen auf das hören, was Gott uns in den stillen Momenten sagen will, wenn wir in der Schrift seine Stimme voller Mitleid, Hoffnung und Frieden hören. In dieser täglichen geistlichen Übung kommen wir mit dem lebendigen Gott in Kontakt, der mit uns in Gemeinschaft und Austausch treten möchte. Lasst uns treu und hoffnungsvoll zuhören.
Es ist auch wichtig zu erwähnen, dass mir bewusst ist, dass viele unserer benediktinischen Frauenklöster ohne Priester sein werden, um die Liturgie des Triduum zu feiern; und das gilt ebenso für viele unserer engagierten Laien, deren Pfarreien aus Sicherheitsgründen geschlossen sind, um die Verbreitung des Virus zu verlangsamen. Ich weiß nicht, wie genau die einzelnen Länder betroffen sind, in denen unsere Klöster liegen, aber es gibt Gemeinsamkeiten, die wir alle teilen. Unsere tägliche Feier des Stundengebetes bietet uns reiche geistliche Nahrung für unsere Gedanken und Meditationen und hat so den Glauben der Kirche seit Jahrhunderten gestützt. Die Psalmen wie auch die biblischen und die nichtbiblischen Lesungen erzählen die Geschichte des Geheimnisses, das wir in den Tagen des Triduums feiern, in einer Sprache, die uns die Größe des Ostergeheimnisses offenbart. Ich habe gelesen, dass einige Männerklöster ihre Liturgie live übertragen, damit die Schwestern, Oblaten und Oblatinnen sowie alle, die ihnen in ihrer Region verbunden sind, auf diese Weise an der Liturgie des Triduums teilnehmen können. Eine Oblatin aus meinem Heimatkloster schrieb mir, wie nahe sie sich den Mönchen von Conception Abbey fühlt, wenn sie jetzt jeden Tag die Laudes, die Vesper und die Messe am Bildschirm live mitfeiern kann. Die modernen Technologien geben uns eine Vielzahl verschiedener Möglichkeiten an die Hand, um die Liturgien des Triduums zu gestalten. Für uns alle, auch für die Mönche, wird das diesjährige Osterfest eine ganz neue Erfahrung sein, an die wir uns noch viele Jahre lang erinnern werden. Auch die Isolation, die wir alle erleben, kann zu einer Gelegenheit werden, tiefer nach innen zu schauen. Wir alle wissen, dass das lateinische Wort monachus/monacha sich auf jemanden bezieht, der allein ist. In der Erfahrung der Einsamkeit liegt die Gnade und die Chance, in uns einen tiefen Brunnen des Glaubens zu graben, in dem eine reiche Quelle sprudelt, und zwar in einem jeden von uns. Und wie klein unsere Gemeinschaft auch sein mag, wir können uns als Gemeinschaft versammeln, die von Christus zusammengeführt wird, denn er sagt uns, dass er dort, wo zwei oder drei in seinem Namen versammelt sind, mitten unter uns ist. (Mt. 18,20)

Unser Charisma der Gastfreundschaft hat jetzt eine besondere Bedeutung, wenn wir liebevoll und kreativ denken und handeln. Für viele von uns ist es nicht möglich, Gäste aufzunehmen, andere zu unserem gemeinsamen Gebet einzuladen, oder unseren Mitarbeitern zu erlauben, bei uns zu arbeiten. Wie das Sprichwort sagt: „Nächstenliebe beginnt zu Hause.“ Unsere Offenheit und unsere Freundlichkeit gegenüber unseren Brüdern oder Schwestern in der
Gemeinschaft kann jetzt zu einem echten Ausdruck der Gastfreundschaft werden. Wenn jemand in der Gemeinschaft einsam oder ängstlich aussieht, wird ein freundliches Wort, ein Gruß oder ein einfaches Zeichen der Freundschaft zu einer Möglichkeit, unsere gegenseitige Fürsorge auszudrücken. Wenn wir innerhalb unserer Häuser verschiedene Bereiche haben, können wir uns Zeit nehmen, um einander zu besuchen, natürlich unter Wahrung der empfohlenen Distanz, und dies ist eine Weise sich zusammen dafür einzusetzen, die Krankheit zu bekämpfen und die Bande der brüderlichen oder schwesterlichen Wertschätzung zu stärken. Auch der Kontakt mit denen, die wir kennen und die vielleicht allein sind, ist eine weitere Möglichkeit, unsere Wertschätzung für unsere Verbindung als Freunde oder Mitglieder einer Familie auszudrücken. Gastfreundschaft lässt uns liebevoll die Hand ausstrecken, wo immer wir sehen oder wissen, dass jemand in Not ist.

Hier in Sant’Anselmo haben wir einige zusätzliche Gebetszeiten eingeführt: die Anbetung des Allerheiligsten, das Rosenkranzgebet und das Gebet für die besonders betroffenen Menschen in Italien. Unser gemeinsames Gebet schafft Vertrauen, baut Ängste ab und lässt uns eine Solidarität spüren, die uns alle in den Zwängen dieser Situation stärkt. Es sind Momente wie diese, in denen uns unsere menschlichen Besitztümer wenig bedeuten und in denen unser Glaube ein hochgeschätztes Geschenk ist, das uns befähigt, jederzeit selbstlos, großzügig und gütig zu sein. Wir bleiben stark in der Umarmung Gottes. Unser Gebet besitzt eine Kraft, die stärker ist als wir voll und ganz verstehen können, also lasst uns diesem täglichen Flehen an Gott für ein Ende dieser furchtbaren Krankheit treu bleiben. Und lasst uns aufmerksam auf die Stimmen hören, die Gott durch die Regierung und die Kirche zu uns sendet und die versuchen, einen guten Weg zur Überwindung dieser gegenwärtigen Situation zu weisen.
Was die Veranstaltungen betrifft, die hier in Sant’Anselmo in diesem Sommer geplant sind, werden wir in der Karwoche eine Entscheidungen treffen: sowohl über den Kurs „Kulturelle Dimensionen der christlichen Spiritualität“ als auch über das Programm „Leadership nach der Regel des heiligen Benedikt“; wir werden dies allen unseren Klöstern dann mitteilen. Weiterhin haben mir eine Reihe von Äbten geschrieben, um nach dem für Anfang September geplanten Äbtekongress zu fragen. Wir haben beschlossen, bis zum Monat Mai zu warten, da wir eine genauere Vorstellung davon brauchen, wie sich weltweit die Lage entwickelt, denn es handelt sich bei dem Kongress um eine internationale Veranstaltung. Sobald wir einen besseren Überblick haben, wie das Coronavirus weiter die Nationen der Welt beeinflusst, werden wir sehen, ob die Fachleute uns Hinweise für unsere Entscheidung geben können, was das Beste für uns ist; der Äbtekongress ist ein internationales Treffen, und das muss mit berücksichtigt werden. Wir arbeiten zunächst weiter auf den Kongress hin, aber eine Entscheidung wird erst Mitte Mai getroffen.

Lasst uns nicht aufhören, für diejenigen beten, die vom Coronavirus ernsthaft betroffen sind, für diejenigen, die einen Impfstoff suchen, um seine Ausbreitung zu verhindern, und für alle, die unter den physischen und psychischen Auswirkungen der aktuellen, vom Virus verursachten Krisensituation leiden. Wir blicken auf Maria, deren mütterliche Liebe und Fürsorge für uns alle eine sichere Hoffnung auf Heilung und Wiederherstellung ist. Und während wir mit dem Fest der Verkündigung des Herrn seine Menschwerdung feiern, werden wir daran erinnert, wie nahe uns Jesus Christus ist, der unser menschliches Fleisch annimmt, um eine zerbrochene Welt von innen heraus zu heilen. Lasst uns weiterhin mit Vertrauen, Zuversicht und Hoffnung auf Christus schauen.

Mit herzlichen Grüßen in Christus, unserer großen Hoffnung,

Abtprimas Gregory Polan OSB

Rundbrief des Abtpräses der Beuroner Benediktinerkongregation, Dr. Albert Schmidt OSB, zum Benediktsfest am 21. März 2020. Für alle Schwestern und Brüder in den Klöstern der Beuroner Kongregation und für alle, die sich unseren Klöstern verbunden wissen.   

Liebe Schwestern und Brüder!

Die Corona-Pandemie verändert und verunsichert die Welt, auch die Kirche und die Klöster. In dieser Situation, die manches bisher Selbstverständliche außer Kraft setzt, möchte ich Ihnen ein Wort schreiben. So unterschiedlich unsere Klöster auch sind, viele Herausforderungen und Sorgen teilen wir in diesen Tagen und Wochen; ich erwähne nur das Ende des öffentlichen Gottesdienstes, die Schließung unserer Gästehäuser und Klosterläden, die Einschränkung der Kontakte von und nach außen.

Die Oberen und die Seniorate sowie die in der Verwaltung und in den Krankenstationen Tätigen sehen sich in besonderer Weise grundsätzlichen und organisatorischen Fragen gegenüber, deren Rahmenbedingungen sich ständig wandeln. Jede und jeder einzelne muss sich auf die staatlichen, kirchlichen und örtlichen Entscheidungen einstellen. Ich wünsche Ihnen allen „den Geist der Kraft, der Liebe und der Besonnenheit“ und danke Ihnen für alle Verantwortung und allen Verzicht, die Sie persönlich und gemeinsam auf sich nehmen. Dieser Dank gilt auch den Angestellten der Klöster und den Angehörigen der Pflegedienste, die zu uns kommen.

Ich möchte zum Fest des heiligen Benedikt und an der Schwelle zu Ostern eine Erfahrung dieser Tage und einige Gedanken mit Ihnen teilen. Beim Stundengebet erlebe ich, wie Worte aus den Psalmen in neuer Unmittelbarkeit sprechen, an Leuchtkraft und Wärme, aber auch an Wucht gewinnen. „Furcht und Zittern erfassten mich … mein Elend ist aufgezeichnet bei dir … an einen sicheren Ort möchte ich eilen … du hast mich gebeugt, weil du treu für mich sorgst … birg mich im Schatten deiner Flügel … von deiner Güte, Herr ist die Erde erfüllt“ – dieses vielstimmige Lied habe ich am vergangenen Dienstag allein bei der Morgenhore und Terz aus den Psalmen herausgehört.

Das gemeinsame und persönliche Beten vor Gott und für die Welt ist in der gegenwärtigen Situation mehr denn je unser Auftrag und für uns selbst ein „Anhaltspunkt“: Wir halten in unserem Tageslauf an, und wir halten und wenden uns an den lebendigen Gott. Selbst unsere unauffällige tägliche Bitte am Ende unserer Horen, Gottes Hilfe möge auch „mit unseren abwesenden Brüdern und Schwestern“ bleiben, erhält jetzt eine tiefere Bedeutung: Über die eigenen Mitbrüder und Mitschwestern hinaus können wir damit auch all jene Menschen Gott ans Herz legen, die wegen der notwendigen Nicht-Öffentlichkeit unserer Gottesdienste nicht mehr mit uns zusammen beten und feiern können.

Wir stehen vor dem Hochfest des heiligen Benedikt. Drei Szenen und Worte aus seiner Vita sind mir in diesen Tagen in den Sinn gekommen: Benedikt sieht in der nächtlichen Vision (Dialoge 2,35) kurze Zeit vor seinem Tod „die ganze Welt wie in einem einzigen Sonnenstrahl gesammelt“. Gregor deutet diese Erfahrung so: „Hat die Seele auch nur ein wenig vom Licht des Schöpfers erblickt, wird ihr alles Geschaffene verschwindend klein.“- In der globalen Corona-Krise erleben wir, wie die Welt zusammenschrumpft und zum Spielball eines Virus wird, der – aufgrund der menschlichen Mobilität – die Grenzen von Ländern und Kontinenten überspringt. Wenn wir durch spürbaren Verzicht auf die gewohnte Bewegungsfreiheit dazu beitragen, die Ausbreitung der Pandemie zu verlangsamen, dann ist unser Glaube an den Schöpfer, vor dem alles Geschaffene, auch ein Virus, „verschwindend klein“ wird, keine billige Ausflucht, sondern Grund zu demütiger Hoffnung.

Etwa in der Mitte der Vita lesen wir von einem Besucher Benedikts, der ihn bitter und ohne Ende weinend antrifft – „nicht wie er es bisweilen beim Beten tat, sondern aus großem Kummer“. Benedikt sieht den Untergang des Klosters Montecassino voraus, das er erbaut hat, und sagt seinem Gast: „Nur mit Mühe habe ich erreichen können, dass mir das Leben der Brüder zugestanden wurde“ (Dialoge 2,17).- Die Pandemie führt die Menschheit an ihre Grenzen und in Erfahrungen der Ohnmacht; sie wirft Pläne über den Haufen, kostet Menschen das Leben oder bedroht ihre wirtschaftliche Existenz. In dieser Not ist unser fürbittendes Gebet, das keine Ansprüche stellt, aber nicht aufhört, Gott anzusprechen und anzurufen, ein unschätzbarer Dienst und Beitrag für die Welt und die Kirche.

Wir müssen unsere Sozialkontakte reduzieren, auf Reisen verzichten und uns auch auf Ausgangssperren gefasst machen. Der überwiegende Aufenthalt in den eigenen vier Wänden, der Verlust an geselligen Begegnungen und kulturellen, sportlichen und anderen sozialen Erlebnissen, bei den Familien die Sorge für die Kinder, deren Kindergärten und Schulen geschlossen sind: je nach den äußeren Umständen und den persönlichen Einstellungen tragen die Menschen unterschiedlich schwer daran. Für die Herausforderung und Fähigkeit, es mit sich selbst auszuhalten, kennen wir aus der Lebensbeschreibung des heiligen Benedikt das Wort habitare secum, „wohnen in sich selbst“, wie er es nach seinem Scheitern in Vicovaro und der Rückkehr nach Subiaco geübt hat (Dialoge 2,2).

„Wohnen in sich selbst“: Könnte das eine konstruktive Umschreibung dessen sein, was die Worte „Quarantäne“ und „Ausgangssperre“ beim ersten Hören so bedrohlich und negativ klingen lässt? Machen wir uns nichts vor: Die eingeschränkte Bewegungsfreiheit fällt auch uns nicht leicht, und die eigene Zelle erweist sich nicht immer als willkommene und friedvolle Zuflucht. Dass Benedikt nach den Worten Gregors „an die Stätte seiner geliebten Einsamkeit“ zurückkehrte und es dort aushalten konnte, ist nicht einfach die Leistung eines Lebenskünstlers. „Allein, unter den Augen Gottes, der aus der Höhe herniederschaut, wohnte er in sich selbst“: Diesen Blick zu suchen und zu erwidern, gibt unserem Leben auch in Zeiten der Krise Sinn und Grund.

Liebe Schwestern, liebe Brüder, in drei Wochen feiern wir Ostern, diesmal ohne Gäste und ohne Gemeinde. Das Evangelium am Zweiten Ostersonntag werden wir dieses Jahr mit anderen Ohren hören: „Am Abend des ersten Tages der Woche, als die Jünger aus Furcht vor den Juden die Türen verschlossen hatten, kam Jesus, trat in ihre Mitte und sagte zu ihnen: ‚Friede sei mit euch!‘“ (Joh 20,19). Im Vergleich zu den Jüngern zwingt uns eine ganz andere Furcht, die Türen zu unseren Kirchen zu verschließen. Doch derselbe Herr, der das Grab, die verschlossenen Türen und die Furcht seiner Jünger überwand, kommt auch in unsere Mitte und eröffnet uns und allen – drinnen und draußen – Seinen Frieden.

Wir teilen und verkünden diesen Glauben und diese Hoffnung. Begehen und gehen wir, ermutigt durch das Wort des heiligen Benedikt und durch sein Leben, den Weg unseres Herrn zum Kreuz und zur Auferstehung! Durch Seinen Geist sind wir im Gebet miteinander verbunden. Ich grüße Sie alle von Herzen.

Ihr fr. Albert

„Jesus erhob seine Augen zum Himmel und betete: Vater, gekommen ist die Stunde : verherrliche deinen Sohn, damit der Sohn dich verherrliche. Du hast ihm ja Macht gegeben über das ganze Menschengeschlecht, dass er allen, die Du ihm gegeben, ewiges Leben schenke. Das ist das ewige Leben, dass sie Dich, den einzigen wahren Gott erkennen und den Du gesandt hast, Jesus Christus.
Ich habe deinen Namen denen geoffenbart, die Du aus der Welt gerufen und mir gegeben hast. Heiliger Vater, bewahre sie in deinem Namen, den du mir gegeben hast, damit sie eins seien wie wir. Solange ich bei ihnen war, bewahrte ich sie in Deinem Namen, den Du mir gegeben hast. Ich habe sie behütet, und keiner von ihnen ging verloren außer dem Sohn des Verderbens, damit die Schrift erfüllt wird. Aber jetzt gehe ich zu Dir; dies rede ich noch in der Welt, damit sie meine Freude ganz in sich haben. (Joh 17,1-3; 6. 11 b – 13)

Wer von uns sehnt sich nicht nach Freude! Lebt doch der Mensch von dem, was ihn freut.
Die heilige Hildegard sagt: „Was der Mensch ersehnt, das freut ihn, und so verlangt er das, wonach sein Sehnen geht, und es wird ihm ganz nach seinem Wollen auch entgegenkommen. Wenn er so Gott um etwas bittet, wird Gott ihm Beistand gewähren.“ (LVM S. 45 )

Was ersehne ich, woran habe ich Freude? Was erfreut mein Herz ? Ein Lächeln, ein gutes Gespräch, wenn ich mich verstanden und angenommen fühle? Freue ich mich über das schöne Wetter, über eine faszinierende Landschaft, über meinen beruflichen Erfolg? Fragen Sie sich selbst, was ihnen Freude macht und was Sie unter Freude verstehen.

Jesus spricht im 17. Kapitel des Johannesevangeliums von der Freude, einer Bitte an seinen Vater (im Rahmen des großen Dank- und Bitt-Gebetes, das der scheidende Gesandte an seinen Vater richtet). Der Herr steht vor seiner Rückkehr zum Vater. Er ist mit seinen Aposteln zum letzten Mal im Abendmahlssaal zusammen, nachdem er ihnen die Füße gewaschen und seine Liebeshingabe im Zeichen von Brot und Wein gegenwärtig gesetzt hat. Unser Herr und Heiland fasst sein Leben zusammen in einem Gebet an den Vater. Er übergibt sein Werk dem Vater mit den einleitenden Worten: Vater, gekommen ist die Stunde, verherrliche deinen Sohn. In der Stunde des Leidens und Sterbens Jesu vollzieht sich die Verherrlichung des Sohnes. Jesus erfüllt den Auftrag des Vaters gehorsam bis zum Tod, in der Hingabe, der Liebe bis zum Äußersten, den Menschen das ewige Leben mitzuteilen, zu schenken. Weiter betet Jesus für die zurückbleibenden Jünger und für die Menschen, die durch ihr Wort an Ihn glauben, für die nachösterliche Kirche, für die Christenheit. Jesus bittet zunächst für die Jünger, die ihm vom Vater gegeben sind, Diese sind quasi die Gefangenen der Liebe. Er fuhr zum Himmel auf und nahm Gefangene mit, die der Vater erwählt hatte, heißt es im Psalm 67.

„Heiliger Vater, bewahre sie in deinem Namen, den du mir gegeben hast, damit sie eins seien.“
So betet Jesus für seine Jünger, dass sie eins seien und in Gottes Namen bewahrt bleiben, in seiner Liebe bleiben. Sie sollen in seiner Liebe eins sein. „Jetzt komme ich zu dir,“ betet Jesus, „und dies rede ich noch in der Welt, damit sie meine Freude in Fülle in sich haben.“ Was für eine Freude ist da gemeint? Es ist Jesu Freude. Diese wird nicht näher beschrieben. Christus schöpft seine Freude aus der Gemeinschaft mit dem Vater. Und in dieser Freude, in seiner Freude, will er die Seinen geborgen wissen. Auch die Glaubenden sollen Anteil haben an der vollkommenen Freude Jesu.

Nicht nur an der Liebe, auch an der Freude müsste man die wahren Jünger erkennen können. Freude ist das Kennzeichen des neuen Lebens mit Jesus. Natürlich ist dies nicht ein oberflächliches Vergnügt sein, sie ist Anteil an Jesu Freude, eine den Menschen im Tiefsten und Innersten erfüllende Freude, eine Freude, die im Einssein mit dem Herrn, in seiner Liebe und in seinem Im–Vatersein gründet. Der Herr betet zum Vater: alle sollen eins sein, wie du Vater in mir und ich in dir. Sie sollen in uns eins sein, damit die Welt glaube, dass du mich gesandt hast. Ist dieses Einssein nicht Jesu Sehnsucht und Freude? Und in Jesu Freude ist auch das Leid umarmt, es ist hineingenommen in seine innige Beziehung zum Vater. „In der Welt habt ihr Drangsal“, sagt Jesus seinen Aposteln, „aber ich habe die Welt überwunden“. Ist nicht unser Sieg – der Glaube an Jesus Christus? Im Glauben, d.h. im innigen Einssein mit Jesus, haben die Apostel sich gefreut, um des Namens Jesu willen Schmach zu leiden. In dieser existentiellen liebenden Verbundenheit sind die Märtyrer in den Tod gegangen.

„Damit sie meine Freude in sich haben“, so betete unser Herr vor seinem Hinübergang zum Vater.Wenn auch Prüfungen und Drangsalen in der Zeit uns nicht erspart bleiben, so haben wir doch die Gewissheit, dass sich unsere Traurigkeit in eine bleibende Freude verwandeln wird. Jesus sagt zu seinen Jüngern: „Ich werde euch wiedersehen; dann wird euer Herz sich freuen und niemand kann euch die Freude nehmen.“ Schon jetzt geht es um diese Freude in unserem Leben, die Freude, die sich in der Verbundenheit mit Jesus Christus schenkt. Dies gilt für jeden Getauften und Gläubigen. Christen sollten an der Freude und Hoffnung zu erkennen sein, wir sollten österliche Menschen sein. Das Wirken nach außen müsste aus der inneren Vereinigung mit Gott fließen.

Papst Franziskus hat ein Jahr des geweihten Lebens ausgerufen vom 30. November, dem ersten Adventssonntag 2014, bis zum Fest der Darstellung Jesu im Tempel am 2. Februar 2016.
Das Jahr des geweihten Lebens betrifft nicht nur die geweihten Personen, wie Papst Franziskus sagt, sondern die gesamte Kirche. Dennoch sind besonders die Ordenschristen angesprochen, wach auf ihre Berufung zu blicken, treu zu ihrer Sendung zu stehen. Jesus verlangt von uns, das Evangelium, seine Worte zu leben, sagt Papst Franziskus. Ist Jesus wirklich die erste und einzige Liebe, wie wir es uns vorgenommen haben, als wir unsere Gelübde ablegten? Genau darin sollten wir Ordenschristen unsere vollkommene Freude finden, von der Sehnsucht der Liebe gedrängt, in die Freude unseres Herrn hineinzuwachsen. Jesus in seiner Freude mehr kennen zu lernen, indem wir uns im Schweigen und Hinhören auf sein Wort hineinnehmen lassen in seine Vaterbeziehung und so seine Wünsche, sein Herz mehr erkennen, das voll Erbarmen ist für jeden Menschen.

Wenn möglichst viele geweihte Christen versuchen, in der Freude Jesu zu leben, wird das Antlitz der Kirche Jesu Antlitz und Freude tragen. Dann wird sich durch Gottes Geist Heilung für die ganze Menschheit ereignen und das Antlitz der Erde erneuert. Damit sie meine Freude in Fülle in sich haben. Komm Heiliger Geist – Geist der Liebe und der Freude!

Von Sr. Hiltrud Gutjahr OSB

Gastkommentar von Kardinal Lehmann in der Mainzer Kirchenzeitung „Glaube und Leben“ Überraschungen durch die Erhebung der hl. Hildegard von Bingen zur Kirchenlehrerin:

Die Erhebung der hl. Hildegard von Bingen zur Kirchenlehrerin am 7. Oktober 2012, zusammen mit dem spanischen Theologen Johannes (Juan) von Avila durch Papst Benedikt XVI. wird gerade in den nächsten Tagen hohe Wellen schlagen. Bei uns in den Bistümern, wo die hl. Hildegard lebte (Limburg, Mainz, Trier), werden die Feiern danach einen Nachhall davon bringen. Weiterlesen