Hildegard von Bingen (1098-1179) antwortete auf die Herausforderungen ihrer Zeit mit ihrem gesamten Lebenswerk: ihrem theologischen Schrifttum, ihrem gesellschaftlich-kirchenpolitischen Engagement und ihrem karitativen Einsatz für Bedürftige und Kranke. Die Basis für all ihre Tätigkeiten in Kirche und Welt schuf sie mit ihren Klostergründungen auf dem Rupertsberg und in Eibingen. Nach Jahrhunderten benediktinischen Lebens wurde das Kloster Rupertsberg 1632 von den Schweden zerstört, das Kloster Eibingen zu Beginn des 19. Jahrhunderts im Zuge der Säkularisation aufgelöst. Mehrere Jahrzehnte nach der Aufhebung, in den 80er-90er Jahren des 19. Jahrhunderts, reifte der Plan einer Wiederbelebung der hildegardischen Klöster auf die Initiative des Bischofs von Limburg, Peter Joseph Blum (1842-1883). Im Jahre 1900 wurde der Grundstein für ein neues Kloster in den Weinbergen über Rüdesheim, ein paar Kilometer entfernt vom ehemaligen Eibinger Kloster gelegt. Dank dem großzügigen Stifter, Fürst Karl zu Löwenstein-Wertheim-Rosenberg, konnten die Gründerinnen, acht Nonnen und sechs Schwestern aus St. Gabriel / Prag, am 17. September 1904 in das neue Kloster einziehen. Die wiederbegründete Abtei St. Hildegard Eibingen führt die Tradition beider Klöster Hildegards fort und gilt als deren rechtliches Nachfolgekloster, die Äbtissinnen werden auch heute von der hl. Hildegard ausgehend gezählt. 1908 feierte die Gemeinschaft bereits die Kirchweihe, der gleich die Weihe der ersten Äbtissin, Mutter Regintrudis Sauter (1865-1957, Äbtissin von 1904-1955), folgte. Im Laufe der kommenden Jahre und Jahrzehnte wurde der Klosterbau erst allmählich vollendet.
Grundlegung der Hildegard-Forschung in der Abtei
Parallel zum äußeren Aufbau von Neu-St. Hildegard waren die Nonnen sichtlich bemüht, sich auch das geistige Erbe von Rupertsberg und Eibingen anzueignen. Ein wesentlicher Schritt dabei bedeutete die intellektuelle Rezeption der Werke Hildegards von Bingen. Abt Ildefons Herwegen von Maria Laach (1847-1946) gab starke Impulse, die für die Hildegard-Forschung der Abtei grundlegend waren. Auf seine Unterstützung und geistige Anregung hin begann Sr. Maura Böckeler (1890-1971), sich mit Person und Werk der hl. Hildegard zu befassen. Mutter Regintrudis lag es daran, die Hildegard-Forschung in der Gemeinschaft aufzubauen. Begeistert förderte sie die wissenschaftliche Tätigkeit ihrer Nonnen durch ihre Aufmunterung, großzügige Gewährung von Arbeitsmöglichkeiten und nicht zuletzt durch den „Segen des hl. Gehorsams“. Ihr Ziel war, „im tiefsten Verstehen der Schriften unserer hl. Patronin der Welt diese verborgenen Schätze und Reichtümer wieder im vollen Umfang zugänglich“ zu machen. In diesem Sinne fühlt sich die Gemeinschaft der Abtei St. Hildegard von Anfang an bis heute verpflichtet, Person, Leben und Werk ihrer begnadeten Gründerin aus dem 12. Jahrhundert wissenschaftlich zu erschließen.
Studien, Übersetzungen, kritische Editionen
Im Februar 1927 erschien Sr. Maura Böckelers erste deutsche Übersetzung des Ordo virtutum – mit den Worten der damaligen Chronistin als „unsere Erstlingsgabe auf diesem Gebiet an die hl. Hildegard“. Ein Jahr später, im Jahre 1928, wurde die erste deutsche Scivias-Übersetzung herausgegeben, ebenso ein Werk von Sr. Maura, an dem sie mit mehreren Mitschwestern an der Seite über mehr als ein Jahrzehnt lang gearbeitet hat. Das Geleitwort zu beiden Werken verfasste Abt Ildefons Herwegen.
Wichtige Beiträge leistete Sr. Marianna Schrader (1882-1970) mit historischen Studien, die in der quellenkritischen Erforschung der Schriften der hl. Hildegard gipfelten. Dieses Forschungsprojekt wurde durch Initiative von Frau Dr. Margarete Kühn, einer Mitarbeiterin der Monumenta Germaniae Historica in Berlin, der Abtei angetragen, nachdem Professor Bernhard Schmeidler in seiner Veröffentlichung „Bemerkungen zum Corpus der Briefe der hl. Hildegard von Bingen“ die Autorschaft Hildegards in Frage gestellt hatte. Bei der Beweisführung in der Echtheitsfrage stand Sr. Marianna Sr. Adelgundis Führkötter (1905-1991), eine temperamentvolle und intellektuell begabte Mitschwester, zur Seite. Während Sr. Marianna mit hervorragenden geschichtlichen Kenntnissen die literarhistorischen Zeugnisse für die Echtheit der Werke der hl. Hildegard erarbeite, erbrachte Sr. Adelgundis die Beweise aus den Handschriften.[1] Unterstützt durch fachkundige Beratung von Mediävisten, vor allem vom berühmten Paläographen Bernhard Bischoff, wurde 1956 die Monographie Die Echtheit des Schrifttums der heiligen Hildegard veröffentlicht, die zu den Standardwerken der Hildegard-Forschung zählt. Noch vor dem Erscheinen der kritischen Editionen gelang den beiden Mitschwestern, die Echtheitsfrage der hildegardischen Werke zu klären, und damit bereitetet sie den Weg zu den kritischen Textausgaben der Werke Hildegards.
Die unter Mutter Regintrudis in Gang gesetzte Hildegard-Forschung wurde von ihren Nachfolgerinnen im Äbtissinnenamt weiterhin gefördert. Während der Amtszeit von Mutter Fortunata Fischer (1903-1980, Äbtissin von 1955-1978) entstand die kritische Edition des Erstlingswerkes der hl. Hildegard, Scivias. Mit diesem zweibändigen Werk in der Reihe Corpus Christianorum haben die beiden Editorinnen, Sr. Adelgundis Führkötter und Sr. Angela Carlevaris (1921-2015), dem groß angelegten Projekt der kritischen Textausgabe aller Schriften Hildegards einen würdigen Anfang gesetzt. Dank der editorischen Arbeiten von Sr. Angela stammt die kritische Textausgabe des zweiten Hauptwerkes Hildegards, des Liber vitae meritorum, ebenso aus der Abtei, erschienen 1995, unter der dritten Äbtissin, Mutter Edeltraud Forster (*1922, Äbtissin von 1978-1998). Auch Mutter Clementia Killewald (1954-2016, Äbtissin von 2000-2016) machte sich das Anliegen ihrer Vorgängerinnen zu eigen und sorgte dafür, dass Sr. Angela bei zunehmendem Alter eine jüngere Mitschwester, Sr. Maura Zátonyi (*1974), als Gehilfin bekommt. Dieser konnte Sr. Angela trotz ihrer Erblindung vieles aus dem Reichtum ihrer Kenntnisse weitergeben und etliche Problemata Hildegardiana zur weiteren Erforschung anvertrauen.
Als fast alle Werke Hildegards in kritischen Editionen vorlagen, plante die Abtei eine deutschsprachige Gesamtausgabe der Werke Hildegards. Sr. Philippa Rath übernahm die Verantwortung für die Herausgeberschaft. 2010 erschien im Beuroner Kunstverlag der erste Band mit der Neuübersetzung des Scivias von Frau Studienrätin Mechthild Heieck († 2011), die als engagierte Oblatin mit der Abtei verbunden war. Zum Projekt, das bis 2016 in zehn Bänden verwirklicht wurde, konnte Sr. Philippa größtenteils neue Übersetzungen besorgen, die auf den kritischen Editionen basieren. In manchen Bänden wurden bereits vorhandene Übersetzungen, die aber längst vergriffen waren, neu aufgelegt und dadurch wieder zugänglich gemacht. Die Beuroner Gesamtausgabe erfüllt eine bedeutsame Aufgabe, wenn sie nun alle Schriften der hl. Hildegard, die noch im Laufe der Veröffentlichungen der Bände 2012 zur Kirchenlehrerin erhoben wurde, einem breiten Leserkreis zur Verfügung stellt.
Karl Kardinal Lehmann, der Bischof von Mainz, würdigte das Verdienst der Abtei für die Hildegard-Forschung zum Anlass der Erhebung der hl. Hildegard zur Kirchenlehrerin mit folgenden Worten: „Wenn wir heute die hl. Hildegard mit sehr viel mehr Differenzierungen verstehen, ist dies auch ein Erfolg der immens fleißigen wissenschaftlichen Erforschung im 20. Jahrhundert. […] Nicht zuletzt ist es ein Hauptverdienst der Abtei Eibingen, viele aufklärende Studien und vor allem kritische Editionen und Übersetzungen aufbereitet und zur Verfügung gestellt zu haben. Ich nenne nur die Schwestern Maura Böckeler, Angela Carlevaris, Adelgundis Führkötter, Marianne Schrader, Walburga Storch, Caecilia Bonn und heute fortgesetzt von Schwester Maura Zátonyi, unterstützt von den Äbtissinnen Schwester Edeltraud Forster und Schwester Clementia Killewald.“[2
Höhepunkte: Jubiläumsjahre und die Erhebung der hl. Hildegard zur Kirchenlehrerin
Die drei Jubiläumsjahre im 20. Jahrhundert brachten auch der Hildegard-Forschung zum Aufschwung und spiegeln sich auch in bedeutenden Publikationen wider.
Die erste deutsche Übersetzung von Scivias und die zahlreichen Beiträge von Sr. Maura Böckeler zeugen von der produktiven Auswirkung der Jubelfeier zum 750. Todestag der hl. Hildegard im Jahre 1929.
Die kritische Edition des Scivias leitete das zweite Hildegardis-Jubiläum ein, das vom September 1978 bis zum September 1979 zum 800. Todestag Hildegards begangen wurde. Neben der Fülle von Veranstaltungen und Vorträgen entstand eine Festschrift auf die Anregung der Stadt Bingen, die im Auftrag der Gesellschaft für Mittelrheinische Kirchengeschichte von Professor Anton Ph. Brück herausgegeben wurde: Hildegard von Bingen 1179-1979, Mainz 1979. Das Konzept des Bandes erstellte er in enger Zusammenarbeit mit der Abtei. Mehrere Mitschwestern wirkten an der Festschrift mit: Sr. Adelgundis Führkötter, Sr. M. Immaculata Ritscher, Sr. Adelheid Simon, Sr. Johanna Isenbarth, und der Hymnus der damals schon verstorbenen Sr. Maura zu Ehren der hl. Hildegard wurde abgedruckt.
Zur Feier des 900. Geburtstages ihrer Gründerin hat die Abtei die Festschrift Hildegard von Bingen. Prophetin durch die Zeiten (Freiburg e.a. 1997) herausgegeben. Im Vorwort legt Äbtissin Mutter Edeltraud Forster die Überzeugung des Konventes dar, die diesen zu der Festschrift veranlasste: Auf der Schwelle zum dritten Jahrtausend erkannten die Schwestern der Abtei, dass in der Zeit des Umbruchs, der Unruhe und der Haltlosigkeit Hildegard und ihre prophetische Botschaft im wahrsten Sinne des Wortes Lebensweisungen sind, an denen wir uns orientieren können. Prominente Wissenschaftler, darunter zwei Mitschwestern, Sr. Angela und Sr. Caecilia, erleuchteten in der Festschrift wichtige Aspekte der Hildegard-Forschung: die Frage nach der Aktualität Hildegards, ihr Selbstverständnis, Probleme der Überlieferung ihrer Werke, Themen zur Anthropologie, Kosmologie, Theologie und Spiritualität, ihre Musik, die Miniaturen in den Handschriften, das Verhältnis zur Heilkunde, schließlich die Rezeption der Werke und die Verehrung der Person Hildegards.
Der kontinuierlichen wissenschaftlichen Tätigkeit ist zu verdanken, dass bei der historischen Aufgabe, die 2011 die Vorbereitung der Heiligsprechung und der Erhebung Hildegards zur Kirchenlehrerin bedeutete, Mitschwestern aus der Abtei aktiv mitwirken konnten. Papst Benedikt XVI. setzte eine Kommission ein, die er beauftragte, die für die Positio super canonizatione ac ecclesiae doctoratu erforderlichen Gutachten zu verfassen. Unter der Leitung von P.Vincenzo Criscuolo OFMCap trat die Kommission am 30. April 2011 in unserer Abtei zusammen und nahm ihre Arbeit auf. In den Monaten von Mai bis Dezember 2011 erstellten die Mitglieder ihre Beiträge: Herr Professor Dr. Michael Embach über die Biographie Hildegards und die Überlieferung und Rezeption ihrer Werke, Frau Dr. Monika Klaes-Hachmöller über den ersten Versuch einer Kanonisation Hildegards im 13. Jahrhundert, Sr. Matthia Eiden OSB über die Geschichte der Verehrung und des Kultes von Hildegard, Pater Prof. Dr. Rainer Berndt SJ zusammen mit Sr. Maura Zátonyi OSB über die Tugenden und den Ruf der Heiligkeit Hildegards, ferner über ihre Werke und ihre herausragende theologische Lehre („eximia doctrina“), Sr. Philippa Rath OSB stellte die ikonographische Sammlung zusammen. Aufgrund der hingebungsvollen und sorgfältigen Arbeit aller Beteiligten konnte Hildegards Erhebung zur Kirchenlehrerin am 7. Oktober 2012 auf dem Petersplatz in Rom erfolgen.[3]

Das historische Ereignis im Jahre 2012 gab Anlass dazu, Person, Leben und Werk der neuen Kirchenlehrerin in einem wissenschaftlichen Kongress zu reflektieren. So reifte die Idee einer internationalen und interdisziplinären Tagung. Mutter Clementia lud Pater Prof. Dr. Rainer Berndt SJ, den Direktor des Hugo von Sankt Viktor-Instituts, der bereits 2011 wesentliche Teile der Positio erarbeitet und verantwortet hatte, für die Konzeption und die Durchführung eines Kongresses ein. Im Auftrag und in Zusammenarbeit mit unserer Abtei, vertreten durch Sr. Philippa und Sr. Maura, organisierte Pater Berndt das Symposium „Unversehrt und unverletzt. Hildegards von Bingen Menschenbild und Kirchenverständnis heute“, das von 27. Februar-3. März 2013 im Erbacher Hof, Akademie des Bistums Mainz, in Mainz stattfand. Pater Berndt gelang es, Forscher aus den verschiedenen Disziplinen und aus aller Welt zu gewinnen. Das Ziel des Kongresses bestand darin, bei der historischen und der geistesgeschichtlichen Kontextualisierung Hildegards sowie der Erfassung der Überlieferungs- und Rezeptionsgeschichte ihrer Werke einen theologischen Akzent zu setzen. So hat dieses Hildegard-Symposium die historischen Ereignisse des Jahres 2012 nicht nur auf eine würdige Weise abgeschlossen, sondern es hat wegweisende Impulse für die künftige Forschung gegeben.
Die Hildegard-Forschung gehört von der ersten Stunde der Neugründung der Abtei St. Hildegard an zum Kern unserer Sendung. Dem Bekenntnis von Sr. Adelgundis aus dem Jahre 1980 schließt sich auch die heutige Generation an: „Es wird eine bleibende Aufgabe der Benediktinerinnenabtei Eibingen sein, das geistige Erbe ihrer bedeutenden Gründer-Äbtissin Hildegard von Bingen lebendig in der eigenen Gemeinschaft zu erhalten und zur Entfaltung zu bringen und es den fragenden und suchenden Menschen unserer Zeit als einen Weg zu Gott zu vermitteln.“[4]
Die Erforschung von Leben und Werk der heiligen Hildegard und die Vermittlung ihrer Botschaft und ihrer Person in Kirche und Gesellschaft hinein bedeutet für unsere Abtei eine Form, den Dienst am Evangelium zu verwirklichen.
Diesem Ziel dient auch die am 10. Mai 2019 der Öffentlichkeit vorgestellte neugegründete „St. Hildegard-Akademie Eibingen e.V. – Zentrum für Wissenschaft, Forschung und europäische Spiritualität“, mit der die Hildegardforschung nun endlich einen institutionalisierten Rahmen gefunden hat und deren Vorsitzende Sr. Dr. Maura Zátonyi OSB ist.
Literaturverzeichnis
- Verwendete Literatur
Annalen und Chroniken im Archiv der Abtei St. Hildegard.
Aris, Marc-Aeilko/Embach, Michael/Lauter, Werner/Müller, Irmgard/Staab, Franz/Steinle, Scholastica: Hildegard von Bingen. Internationale wissenschaftliche Bibliographie, unter Verwendung der Hildegard-Bibliographie von Werner Lauter, Mainz 1998.
Berndt, Rainer SJ/Zátonyi, Maura OSB: Glaubensheil. Wegweisung ins Christentum gemäß Hildegard von Bingen (Erudiri Sapientia 10), Münster 2013.
Brück, Anton Philipp: „Chorfrau Marianna Schrader OSB“, in Archiv für mittelrheinische Kirchengeschichte 23 (1971) 368.
Führkötter, Adelgundis: „Die Benediktinerinnenabtei St. Hildegard zu Eibingen. Das erste Frauenkloster der Beuroner Kongregation auf deutschem Boden und seine Bedeutung für die Hildegardforschung“, in Archiv für mittelrheinische Kirchengeschichte 32 (1980) 135-146.
Lauter, Werner: „Maura Böckeler“, in Biographisch-Bibliographisches Kirchenlexikon 20, Herzberg 2002, 217-221.
Lauter, Werner: Bibliographischer Wegweiser zu den Veröffentlichungen von und über Sr. Adelgundis Führkötter OSB, zum 80. Geburtstag, Maschinenschrift 1985.
Lehmann, Karl Kardinal: „Größe und Elend des Menschen in der Schöpfung nach der heiligen Hildegard von Bingen, in Unversehrt und unverletzt. Hildegards von Bingen Menschenbild und Kirchenverständnis heute, hg. von Rainer Berndt SJ in Verbindung mit Maura Zátonyi OSB (Erudiri Sapientia 12), Münster 2015, 369-383.
Zátonyi, Maura: „Kirchbauten, Buchstaben, Theologie. Die dreifache Rezeption des Rupertsberger SCIVIAS-Kodex“, in Erbe und Auftrag 90 (2014) 152-169.
- Sammelbände, die in der Abtei oder in Verbindung mit ihr entstanden sind – chronologisch geordnet
Hildegard von Bingen 1179-1979, Festschrift zum 800. Todestag der Heiligen, hg. von Anton Ph. Brück, Mainz 1979.
Hildegard von Bingen. Prophetin durch die Zeiten, hg. von Edeltraud Forster, Freiburg/Basel/Wien 1997.
Unversehrt und unverletzt. Hildegards von Bingen Menschenbild und Kirchenverständnis heute, hg. von Rainer Berndt SJ in Verbindung mit Maura Zátonyi OSB (Erudiri Sapientia 12), Münster 2015.
- Deutschsprachige Gesamtausgabe der Werke Hildegards, herausgegeben von der Abtei St. Hildegard – nach der Band-Nummer geordnet
Hildegard von Bingen: Wisse die Wege – Liber Scivias. Eine Schau von Gott und Mensch in Schöpfung und Zeit, Neuübersetzung von Mechthild Heieck, mit einer Einführung von Maura Zátonyi OSB, hg. von der Abtei St. Hildegard, Rüdesheim/Eibingen (Hildegard von Bingen. Werke 1), Beuron 2010.
Hildegard von Bingen: Ursprung und Behandlung der Krankheiten – Causae et Curae, vollständig neu übersetzt und eingeleitet von Ortrun Riha, hg. von der Abtei St. Hildegard, Rüdesheim/Eibingen (Hildegard von Bingen. Werke 2), Beuron 2011.
Das Leben der heiligen Hildegard von Bingen – Vita Sanctae Hildegardis, mit einer Einführung von Prof. Dr. Michael Embach, übersetzt von Monika Klaes-Hachmöller, hg. von der Abtei St. Hildegard, Rüdesheim/Eibingen (Hildegard von Bingen. Werke 3), Beuron 2013.
Hildegard von Bingen: Lieder – Symphoniae, neu übersetzt und eingeleitet von Barbara Stühlmeyer, hg. von der Abtei St. Hildegard, Rüdesheim/Eibingen (Hildegard von Bingen. Werke 4), Beuron 2012.
Hildegard von Bingen: Heilsame Schöpfung – Die natürliche Wirkkraft der Dinge. Physica, vollständig neu übersetzt und eingeleitet von Ortrun Riha, hg. von der Abtei St. Hildegard, Rüdesheim/Eibingen (Hildegard von Bingen. Werke 5), Beuron 2012.
Hildegard von Bingen: Das Buch vom Wirken Gottes – Liber divinorum operum, Neuübersetzung aus dem Lateinischen von Mechthild Heieck, Einführung von Caecilia Bonn OSB, hg. von der Abtei St. Hildegard, Rüdesheim/Eibingen (Hildegard von Bingen. Werke 6), Beuron 2012.
Hildegard von Bingen: Das Buch der Lebensverdienste – Liber vitae meritorum, neu übersetzt und eingeleitet von Maura Zátonyi OSB, hg. von der Abtei St. Hildegard, Rüdesheim/Eibingen (Hildegard von Bingen. Werke 7), Beuron 2014.
Hildegard von Bingen: Briefe – Epistolae, vollständige Ausgabe, übersetzt und eingeleitet von Walburga Storch OSB, hg. von der Abtei St. Hildegard, Rüdesheim/Eibingen (Hildegard von Bingen. Werke 8), Beuron 2012.
Hildegard von Bingen: Katechesen – Kommentare – Lebensbilder. Opera minora, hg. von der Abtei St. Hildegard, Rüdesheim/Eibingen (Hildegard von Bingen. Werke 9), Beuron 2015.
Hildegard von Bingen: Prophetisches Vermächtnis. Testamentum propheticum, übersetzt und eingeleitet von Maura Zátonyi OSB, hg. von der Abtei St. Hildegard, Rüdesheim/Eibingen (Hildegard von Bingen. Werke 10), Beuron 2016.

Maura Böckeler OSB (16. Januar 1890 – 29. Oktober 1971)
Schwester Maura, mit Taufnamen Theresia, wuchs in Aachen in einer kinderreichen Familie auf, deren geistiges Erbe sie ihr ganzes Leben lang prägte: „eine tiefe, glaubensstarke Religiosität und theologische Begabung, Forschertalent und künstlerische Intuition, besonders auf musikalischem Gebiet, verbunden mit Herzensgüte und Freigebigkeit.“[5] Nach dem Abschluss des höheren Lehrerinnen-Examens ging sie zu einem Studienaufenthalt nach Fouron-le-Comte (Belgien), den sie mit dem Examen in Französisch abschloss, danach studierte sie zwei Jahre an der Universität Cambridge, wo sie das Examen in Englisch ablegte.
Am 28. März 1913 trat sie in die Abtei St. Hildegard ein und legte am 17. November 1914 ihre feierliche Profess ab und empfing die Jungfrauenweihe. Sie erlernte autodidaktisch die lateinische und die griechische Sprache und beschäftigte sich mit der patristischen Literatur. Ermutigt und gefördert von Ildefons Herwegen (1874-1946), Abt von Maria Laach, der selbst ein renommierter Hildegard-Forscher war, widmete sich Sr. Maura der Erforschung des Werkes ihrer Klosterpatronin. Ab den 1920er Jahren verfasste sie zahlreiche Beiträge, u.a. über den Ordo virtutum (Reigen der Tugenden bzw. Spiel der Kräfte) und den Scivias (Wisse die Wege), die sie, mangels einer kritischen Edition, auf der Grundlage der in Wiesbaden aufbewahrten Prachthandschrift als Erste ins Deutsche übertrug.
Nachdem die Gestapo am 2. Juli 1941 die Nonnen aus dem Kloster vertrieben hatte, verbrachte Sr. Maura mit vielen ihrer Mitschwestern das Exil im Mutterhaus der Franziskanerinnen in Waldbreitbach. Als der Krieg zu Ende ging, kehrte sie nach Eibingen zurück und setzte ihre schriftstellerische Tätigkeit fort. Im Kloster übernahm sie lange Zeit als „Zelatrix“ und einige Jahre als „Magistra“ (Novizenmeisterin) die Verantwortung für die Bildung der jungen Mitschwestern. Ein schweres Herzleiden zwang sie, ihr Amt und ihre wissenschaftliche Arbeit loszulassen. In ihren letzten Lebensjahren wurde sie von Krankheit und mit den schwindenden geistigen Kräften auch von Einsamkeit heimgesucht, die sie einfach und demütig trug.
Nach dem Zeugnis jener, die Sr. Maura persönlich kannten, „verstand sie es, in einmaliger Weise das nicht immer leicht zugängliche Gedankengut der hl. Hildegard, das ihr in jahrelangem Bemühen ganz zu eigen geworden war, für ihre Zuhörer zum Leuchten zu bringen.“[6]
Publikationen
- Monographien
Das große Zeichen. Die Frau als Symbol göttlicher Wirklichkeit, mit einem Geleitwort von Ildefons Herwegen, Salzburg 1941.
Der Tröstergeist, Freiburg u.a. 1948.
Die Macht der Ohnmacht. Mutter Maria Rosa Flesch, Stifterin der Franziskanerinnen BMVA von Waldbreitbach, Mainz 1962.
- Aufsätze
„Aufbau und Grundgedanke des Ordo virtutum der hl. Hildegard“, in Benediktinische Monatsschrift 5 (1923) 300-310.
„Beziehungen des Ordo virtutum der hl. Hildegard zu ihrem Hauptwerke Scivias. I. Ein Rundgang durch das Gebäude des Scivias, II. Die lebendigen Beziehungen zwischen Ordo und Scivias“, in Benediktinische Monatsschrift 7 (1925) 25-44 und 135-145.
„Sankt Hildegard, die Prophetin vom Rupertsberg“, in Kölnische Volkszeitung 66 (1925), Nr. 453.
„Die heilige Hildegard als Äbtissin im Rahmen des 12. Jahrhunderts“, in Benediktinische Monatsschrift 11 (1929) 435-450.
„Die mystische Begabung der heiligen Hildegard“, in St. Hildegard von Bingen, die größte deutsche Frau. Festschrift zur St. Hildegardis-Jubelfeier, hg. von Johannes Kohl, Bingen am Rhein 1929, 10-22.
„Das Mysterium der heiligen Kirche in der mystischen Schau der heiligen Hildegard“, in Kölnische Volkszeitung (1929), Nr. 649.
„Die Prophetin vom Rupertsberg: Ein Lebensbild der hl. Hildegard“, in St. Matthiasbote 3 (1929) 258-263.
„Die Abtei St. Matthias und die hl. Hildegard von Eibingen“, in St. Matthiasbote 3 (1929) 265-280.
„Die Prophetin vom Rupertsberg“, in Frauenland 22 (1929) 225-232.
„Das Leben der Töchter St. Benedikts und dessen übernatürliche Bedeutung“, in Frauenland 22 (1929) 233-238.
„Der einfältige Mensch – Hildegard von Bingen“, in Hildegard von Bingen: Wisse die Wege. Scivias, übersetzt von Maura Böckeler, Salzburg 19635, 373-408.
„Die Gesichte der hl. Hildegard“, in Benediktinische Monatsschrift 28 (1952) 55-58.
„Die Ordensfrau – Die Braut Christi“, in Das Wirken der Orden und Klöster in Deutschland, 2: Die weiblichen Orden, Kongregationen und Klöster, hg. von Adam Wienand, Köln 1964, 68-87.
„Die Jungfrauenweihe“, in Das Wirken der Orden und Klöster in Deutschland, 2: Die weiblichen Orden, Kongregationen und Klöster, hg. von Adam Wienand, Köln 1964, 88-100.
„Der Anruf der Zeit“, in Das Wirken der Orden und Klöster in Deutschland, 2: Die weiblichen Orden, Kongregationen und Klöster, hg. von Adam Wienand, Köln 1964, 101-104.
- Übersetzungen
Der Tugenden Würde und Aufgabe. Ein Singspiel der hl. Hildegard, Übersetzung [Ordo virtutum], in Benediktinische Monatsschrift 5 (1923) 368-378.
St. Hildegards Lied an Maria [O virga ac diadema, Übersetzung und Erklärung], in Benediktinische Monatsschrift 8 (1926) 452-458.
Der heiligen Hildegard von Bingen Reigen der Tugenden. Ordo virtutum. Ein Singspiel. Mit einem Geleitswort von Abt Ildefons Herwegen, hg., übertragen und eingeleitet von der Abtei Sankt Hildegard Eibingen im Rheingau [Einführung, deutsche Übertragung mit Erläuterungen und szenischen Anweisungen von Maura Böckeler, der musikalische Teil von Pudentiana Barth], Berlin 1927.
Der heiligen Hildegard von Bingen Wisse die Wege. Scivias. Nach dem Urtext des Wiesbadener kleinen Hildegardiskodex ins Deutsche übertragen und bearbeitet von D. Maura Böckeler OSB, mit 35 Tafeln nach den Miniaturen des Kodex, mit einem Geleitswort von DDr. Ildefons Herwegen OSB, Berlin 1928.
Hildegard von Bingen: Wisse die Wege. Scivias. Nach dem Originaltext des illuminierten Rupertsberger Kodex der Wiesbadener Landesbibliothek ins Deutsche übertragen und bearbeitet von Maura Böckeler [2., neubearbeitete Auflage], Salzburg 1954, 19553, 19614, 19635, 19756, 19817, 19878, 19969.
Der heiligen Hildegard Hymnus auf den hl. Matthias, in St. Matthiasbote 3 (1929) 281.
- Sonstiges
Hymnus. Ex Officio in honorem S. Hildegardis auctore Maura Böckeler OSB, in Hildegard von Bingen 1179-1979, Festschrift zum 800. Todestag der Heiligen, hg. von Anton Ph. Brück, Mainz 1979, 461.
Hildegard von Bingen: A megváltás tüzes műve, fordította Kemenczky Judit [Das feurige Werk der Erlösung, ungarische Übersetzung des zweiten Buches aus Wisse die Wege, übersetzt und bearbeitet von Maura Böckeler, ins Ungarische übertragen von Judit Kemenczky], Budapest 1995
- Unveröffentlicht
Das Buch vom verdienstlichen Leben. Übersetzung der 1. Vision vom Liber Vitae Meritorum (handgeschrieben), 1925.
Die Mystik der hl. Hildegard in ihrem Werk Wisse die Wege.
Die Posaune Gottes. Meisterin Hildegard vom Rupertsberg (handgeschrieben).
Hildegards Heiligkeit. Nachgewiesen aus ihrem Leben und ihren Schriften (Maschinenschrift) 1935.

Marianna Schrader OSB (24. Februar 1882 – 27. September 1970)
Sr. Marianna, mit Taufnamen Maria Charlotte, verbrachte ihre Kindheit in Darmstadt und Mannheim. Ab 1896 besuchte sie das Institut der Englischen Fräulein in Bensheim, anschließend das höhere Lehrerinnenseminar in Darmstadt. Einen längeren Studienaufenthalt in Belgien schloss sie mit dem Examen in Französisch ab.
Am 2. September 1910 trat sie in die Abtei St. Hildegard ein, am 14. Juni 1912 legte sie ihre feierliche Profess ab und empfing die Jungfrauenweihe. Mehrere Aufgaben wurden ihr im klösterlichen Bereich zugeteilt, u.a. war sie als Cellerarin verantwortlich für die wirtschaftlichen Belange des Klosters. Ihr Talent für historisches Arbeiten zeigte sich in ihren Studien über die Klöster Rupertsberg und Eibingen. So beteiligte sie sich am Aufbau des Abtei-Archivs unter der sachkundigen Anleitung des Direktors des Wiesbadener Staatsarchivs, Dr. Max Domarus, und stellte sich als Archivarin in den Dienst der Gemeinschaft. „Begabt mit historischem Spürsinn, Tatkraft und Finderglück“[7] begann sie die historische Erforschung von Leben und Werk der hl. Hildegard. Ihre größte Entdeckung war, ausgehend vom Mainzer Urkundenbuch Bermersheim bei Alzey als den wahren Geburtsort der hl. Hildegard zu identifizieren. Zusammen mit Sr. Adelgundis widmete sie sich der quellenkritischen Untersuchung der Werke Hildegards. Die Klärung der Echtheitsfrage haben die beiden Mitschwestern in einer Monographie zusammengefasst, die in der Tat „einen Baustein zum Fundament der Hildegardforschung“[8] beitrug, wie die Verfasserinnen es gewünscht hatten.
Bis zum Ende ihres Lebens behielt Sr. Marianna ihre geistige Frische, trotz körperlicher Leiden. Die Mitschwestern, die in der Gemeinschaft mit ihr lebten, erinnerten sich so an sie: „Traditionstreue, volle Gegenwartsbejahung und eine für ihr hohes Alter ungewöhnliche Aufgeschlossenheit für weltweite Probleme charakterisierten ihre gereifte Persönlichkeit.“[9]
Publikationen
- Monographien
Heimat und Sippe der deutschen Seherin Sankt Hildegard, Salzburg/Leipzig 1941.
Sankt Hildegards Leben dem Volke erzählt, Mainz 1946, 21949.
(zusammen mit Adelgundis Führkötter OSB): Die Echtheit des Schrifttums der heiligen Hildegard von Bingen. Quellenkritische Untersuchungen, Köln/Graz 1956.
- Aufsätze
„Die Heimat und Abstammung der heiligen Hildegard“, in Studien und Mitteilungen zur Geschichte des Benediktinerordens 54 (1936) 199-221.
„Die heilige Hildegard ‚von Vermersheym'“, in Der Katholik. Sonntagsblatt zur Pflege des religiösen Lebens und Fühlens 7/3 (1937) 3.
„Wo ist St. Hildegards Geburtsort?“, in Pastor bonus 48 (1937) 210-214; in St. Georgsblatt 47/37 (1937) 4.
„Zur Heimat- und Familiengeschichte der heiligen Hildegard“, in Studien und Mitteilungen zur Geschichte des Benediktinerordens 57 (1939) 117-133.
„Aus Heimat und Sippe der heiligen Hildegard“, in Die Christliche Frau 38 (1940) 110-112.
„Die heilige Hildegard (1098-1179). Zum 850. Geburtstag der großen Seherin“, in Nassauische Lebensbilder 3, Wiesbaden 1948, 1-34.
„Trithemius und die heilige Hildegard ‚von Bermersheim'“, in Archiv für mittelrheinische Kirchengeschichte 4 (1952) 171-184.
„Bingen, die Stadt der heiligen Hildegard“, in 80 Jahre „Musica sacra“ in Bingen am Rhein, Gau-Algesheim 1952, 23-26.
„‚Eure Wohnstatt wird nicht zerstört werden.‘ Zum 775. Todestag der heiligen Hildegard und zum 50. Gedenktag der Wiedererrichtung ihrer Abtei am 17. September“, in Der Sonntag (Limburg) 1954, Nr. 38, 5.
„Ein Jubeltag in der Abtei St. Hildegard (50. Gedenktag der Wiedererrichtung der Abtei)“, in Erbe und Auftrag. Benediktinische Monatsschrift 31 (1955) 53-57.
„Wibert von Gembloux. Schicksal eines Mönches im 12. Jahrhundert“, in Erbe und Auftrag. Benediktinische Monatsschrift 37 (1961) 381-392.
„Das Kloster der hl. Hildegard in Eibingen“, in 75 Jahre Rheingauerkreis, Rüdesheim 1962, 207-210.
„Die heilige Elisabeth von Schönau. Zu ihrem 800. Todestag, in Archiv für mittelrheinische Kirchengeschichte 17 (1965) 259-261.
„Hildegarde de Bingen (sainte), bénédictine allemande“, in Dictionnaire de spiritualité 7, Paris 1968, 505-521.
- Sonstiges
Marianna Schrader: Die Herkunft der heiligen Hildegard, neu bearbeitet von Adelgundis Führkötter (Quellen und Abhandlungen zur mittelrheinischen Kirchengeschichte 43), Mainz 1981.
- Unveröffentlicht
Der Convent der hl. Hildegard auf dem Rupertsberg (handgeschrieben).
St. Hildegards letzte Nachfolgerin auf dem Rupertsberg: Anna Lerch von Dürmstein, 1580-1666 (handgeschrieben).
Leben der hl. Hildegard (unvollendetes Konzept).
Die Rechtslage der Kirche in Bermersheim bei Alzey nach ihrer historischen Entwicklung (Maschinenschrift).
Die wiedererrichtete Abtei St. Hildegard, Eibingen. Ihr erstes Jahrhundert (handgeschrieben).

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Adelgundis Führkötter OSB (28. September 1905 – 24. Dezember 1991)
Sr. Adelgundis wurde 28. September 1905 in Wattenscheid geboren, in der Taufe erhielt sie den Namen Hedwig. In ihrer Kindheit erfuhr sie die tiefe Religiosität ihrer Mutter, die ihr für das weitere Leben ein Ideal blieb. Nach dem misslungenen Versuch, in der Frauenschule der Franziskanerinnen in Olpe hauswirtschaftliche Kenntnisse zu erwerben, besuchte sie das Gymnasium der Ursulinen in Werl. Daraufhin studierte sie Geographie, Germanistik, Philosophie und Anglistik an den Universitäten in Freiburg, München, Berlin und Münster. Es schlossen sich zwei größere Auslandsreisen nach Rom und London an.
Angezogen von der Liturgie in Maria Laach entschloss sich Sr. Adelgundis für den Eintritt in die Abtei St. Hildegard, der sich am 12. September 1935 erfolgte. Am 28. April 1940 legte sie ihre feierliche Profess ab und empfing die Jungfrauenweihe. Bei der Vertreibung der Nonnen durch die Gestapo am 2. Juli 1941 ging Sr. Adelgundis mit einigen Mitschwestern zusammen in das St. Elisabeth Krankenhaus in Neuwied, 1944 wechselte sie in das Zisterzienserinnenkloster Marienthal in Sachsen. Nach der Rückkehr 1945 beteiligte sie sich am Wiederaufbau des monastischen Lebens und der Renovierung der Klostergebäude.
1948 wurde sie beauftragt, am Werk der hl. Hildegard zu arbeiten. Dabei handelte es sich um die Echtheitsproblematik der hildegardischen Schriften. Die Chronik berichtet: „Zielstrebig und unermüdlich machte sich Sr. Adelgundis ans Werk. Unter der Leitung von Sr. Marianna Schrader und Sr. Maura Böckeler nahm sie Kontakt auf zu allen großen Bibliotheken und Archiven, in denen Handschriften zum Werk Hildegards vermutet wurden. Sie korrespondierte über alle Kontinente mit Wissenschaftlern, die ihr auf ihrem Forscher-Weg mit Rat und Tat zur Seite stehen könnten. All diesen bleib sie lebenslang in treuer Dankbarkeit verbunden und sprach mit großem Respekt von ihnen, wissend, dass sie ihr Lebenswerk niemals ohne ihre Unterstützung hätte fortführen können.“
Durch die zusammen mit Sr. Marianna verfasste Monographie Die Echtheit des Schrifttums der heiligen Hildegard von Bingen wies sich Sr. Adelgundis als eine hervorragende Hildegard-Expertin aus. Auf weitere kleinere Schriften folgte ihr bedeutendes Buch Briefwechsel, der eine Auswahl von den Briefen der hl. Hildegard in deutscher Übersetzung und mit Erläuterungen enthält. Ihr umfangreichstes und am nachhaltigsten bleibendes Werk war die textkritische Ausgabe des Scivias, die sie in Zusammenarbeit mit Sr. Angela erstellte. In den nachfolgenden Jahren veröffentlichte sie zahlreiche kleinere Schriften und führte eine ausgedehnte Korrespondenz mit Wissenschaftlern in aller Welt. Am Vigiltag des Weihnachtsfestes 1991 vollendete sich ihr Leben, das sie vollständig in den Dienst am Werk der hl. Hildegard stellte.
Publikationen (Auswahl)
- Edition
Hildegardis Bingensis: Sciuias, ed. Adelgundis Führkötter, collaborante Angela Carlevaris (Corpus Christianorum. Continuatio Mediaeualis 43-43A), Turnhout 1978.
- Monographien
(zusammen mit Marianna Schrader OSB): Die Echtheit des Schrifttums der heiligen Hildegard von Bingen. Quellenkritische Untersuchungen, Köln/Graz 1956.
(zusammen mit Hans Ederer): Hildegard – ein Mensch vor Gott. Doppeltonbild, Arbeitsunterlagen und Einzelmeditationen zum Leben Hildegards von Bingen und zur Meditation der Schöpfung, München 1966.
Hildegard von Bingen, Salzburg 1972.
Hildegard af Bingen, oversat af Ruth Plum, Taastrup 1989 [Übersetzung von Hildegard von Bingen, Salzburg 1972].
- Aufsätze
„Die Gotteswerke. Vom Sinn und Aufbau des Liber divinorum operum der heiligen Hildegard“, in Benediktinische Monatsschrift 29 (1953) 195-204, 306-314.
„Vrouwe Hiltgart“, in Katholischer Kirchenkalender der Pfarreien des Dekanats Bingen 32 (1953) 9-12.
„Die Eibinger Sciviashandschrift“, in Zeitschrift für Bibliothekswesen und Bibliographie 2 (1955) 146-147.
„Hildegardis- und Abtei-Jubiläum 1954 in Eibingen“, in Katholischer Kirchenkalender der Pfarreien des Dekanats Bingen 34 (1955) 18-19.
„Hildegard von Bingen (1098-1179)“, in Die großen Deutschen, hg. von Hermann Heimpel e.a., Bd. 5, Berlin e.a. 1957, 39-47.
„Sankt Hildegard besingt Mariens Lob“, in Maria siegt. Monatsschrift zur Förderung der Marienverehrung 10 (1961) 66-67.
„Hildegard von Bingen und Bernhard von Clairvaux“, in Heimatjahrbuch Landkreis Bingen 11 (1967) 51-54.
„Hildegard von Bingen. Kosmische Schau“, in Große Gestalten christlicher Spiritualität, hg. von Josef Sudbrack, James Walsh, Würzburg 1969, 135-151.
„Hildegard, die Prophetin“, in Mariastein 19/3-4 (1972) 41-43.
„Hildegard von Bingen als Lehrmeisterin“, in Heimatjahrbuch Landkreis Mainz-Bingen 18 (1974) 147-150.
„Mensch, Natur, Zeit: Zur Mystik der Hildegard von Bingen“, in Christ in der Gegenwart 30 (1978) 296.
„Hildegard von Bingen. Leben und Werk“, in Hildegard von Bingen 1179-1979, Festschrift zum 800. Todestag der Heiligen, hg. von Anton Ph. Brück, Mainz 1979, 31-54.
„Hildegard von Bingen und ihr Werk Scivias: 14 Miniaturen“, in Bilder der Gegenwart 32 (1979) 3ff.
„Hildegard von Bingen und ihre Beziehungen zu Trier“, in Paulinus. Trierer Bistumsblatt 105/37 (1979) 16-18.
„Gelebte Spiritualität. Hildegard von Bingen (1098-1179)“, in Heute. Zeitschrift vinzentinischer Gemeinschaften (1979) 19-21.
„Wie Hildegard von Bingen betete“, in Geist und Leben 52 (1979) 324-335.
„Posaunenton lebendigen Lichtes: Hildegard von Bingen als Prophetin“, in Christ in der Gegenwart 31 (1979) 305-306.
„Das Jubiläumsjahr der heiligen Hildegard von Bingen“, in Erbe und Auftrag. Benediktinische Monatsschrift 55 (1979) 466-469.
„Die heilige Hildegard und das Interdikt“, in Der Sonntag (Limburg) 33/49 (1979) 10.
„Die Benediktinerinnenabtei St. Hildegard zu Eibingen. Das erste Frauenkloster der Beuroner Kongregation auf deutschem Boden und seine Bedeutung für die Hildegardforschung“, in Archiv für mittelrheinische Kirchengeschichte 32 (1980) 135-146.
„Hildegard von Bingen – betende Frau“, in Titlis-Grüsse 66 (1980) 137-142.
„Hildegard von Bingen. Ein Lebensbild“, Eibingen o.J. [1980].
„Beziehungen zwischen dem St. Marienkrankenhaus und der Abtei St. Hildegard Eibingen“, in St. Marienkrankenhaus Frankfurt am Main 1907-1982, Festschrift, Frankfurt am Main 1982, 41-42.
„Das Spiel der Kräfte. Ein Stück der heiligen Hildegard“, in Christ in der Gegenwart 34 (1982) 268.
„Zum Stand der Hildegard-Forschung. Festvortrag anlässlich des 65. Geburtstages von Prof. Dr. Heinrich Schipperges in der Heidelberger Akademie der Wissenschaften“, in Medizinische Anthropologie, hg. von Eduard Seidler, Berlin u.a. 1984, 11-16.
(zusammen mit Josef Sudbrack): „Hildegard von Bingen (1098-1179)“, in Große Mystiker. Leben und Wirken hg. von Gerhard Ruhbach, Josef Sudbrack, München 1984, 122-141.
„Hildegard von Bingen. Das Schauen Gottes“, in Dienender Glaube 60 (1984) 285-286.
„Hildegard von Bingen (1098-1179)“, in Rheinische Lebensbilder, Bd. 10, Köln 1985, 7-30.
„Una donna straordinaria. Ildegarda di Bingen“, in Monastica 26 (1985) 1-13.
„Hildegard von Bingen und ihre Beziehungen zu Trier“, in Kurtrierisches Jahrbuch 25 (1985) 61-72.
„Hildegard von Bingen vor dem unfassbaren Gott“, in Dienender Glaube 62 (1986) 177-178.
„Die Abtei St. Hildegard zu Eibingen, das Mutterkloster des neuen Priorats Marienrode“, in Marienrode. Gegenwart und Geschichte eines Klosters, hg. von Wilfried Meyer, Hildesheim 1988, 20-27.
„Die heilige Hildegard (1098 bis 1179)“, in Bingen. Geschichte einer Stadt am Mittelrhein. Vom frühen Mittelalter bis zum 19. Jahrhundert, hg. von Helmut Mathy, Mainz 1989, 217-234.
„Hildegard von Bingen und Bernhard von Clairvaux“, in Rheingau-Taunus-Heimatbrief mit Rheingauer-Riesling-Kurier 4 (1990) 14-15.
„Kloster Eberbach und Hildegard von Bingen“, in Rheingau-Taunus-Heimatbrief. Zeitschrift für Geschichte, Kultur, Wein und Tourismus 4/2 (1990) 15.
„Hildegard von Bingen. Ein Lebensbild“, Eltville o.J.
- Übersetzungen
Hildegard von Bingen: Briefwechsel, nach den ältesten Handschriften übersetzt und nach den Quellen erläutert von Adelgundis Führkötter OSB, Salzburg 1965, 21990.
Das Leben der heiligen Hildegard von Bingen. Vita S. Hildegardis auctoribus Godefrido et Theodorico monachis, herausgegeben, eingeleitet und übersetzt von Adelgundis Führkötter OSB (Heilige der ungeteilten Christenheit 18), Düsseldorf 1968.
Das Leben der heiligen Hildegard von Bingen, berichtet von dem Mönchen Gottfried und Theoderich, aus dem Lateinischen übersetzt und kommentiert von Adelgundis Führkötter OSB (2. Auflage), Salzburg 1980.
Hildegard von Bingen: Lieder, nach den Handschriften herausgegeben von Pudentiana Barth OSB, Maria Immaculata Ritscher OSB, Joseph Schmidt-Görg, übersetzt und kommentiert von Adelgundis Führkötter OSB, Salzburg 1969.
Josef Sudbrack: „Hildegard von Bingen: Hymnus an die Kirche“, übersetzt von Adelgundis Führkötter OSB, in Geist und Leben 52 (1979) 321-323 [O coruscans lux stellarum]
Hildegard von Bingen: Lieder, hg. von Silvia Sager, übersetzt von Adelgundis Führkötter OSB, Zürich 1996.
Hildegard von Bingen: „Nun höre und lerne, damit du errötest …“. Briefwechsel, nach den ältesten Handschriften übersetzt und nach den Quellen erläutert von Adelgundis Führkötter OSB, Freiburg e.a. 1997.
- Lexikonartikel
„Hildegardis-Kodex Scivias“, in Kinlders Malerei-Lexikon, Bd. 3, Köln 1977, 166-168.
(zusammen mit Maria Immaculata Ritscher): „Hildegard von Bingen“, in Das große Lexikon der Musik in acht Bänden, Bd. 4, Freiburg e.a. 1981, 90.
- Sonstiges
Hildegard von Bingen: Der Mensch in der Verantwortung. Das Buch der Lebensverdienste (Liber Vitae Meritorum), nach den Quellen übersetzt und erläutert von Heinrich Schipperges, Geleitwort von Adelgundis Führkötter, Salzburg 1972.
Adelgundis Führkötter: Les Miniatures du Scivias – La connaissance des voies – de Sainte Hildegarde de Bingen, tirées du codex Rupertsberg, texte français de N. N. Huyghebaert OSB (Armaria Patristica et Mediaevalia 1), Turnhout 1977.
Adelgundis Führkötter: The Miniatures from the Book Scivias – Know the Ways – of St. Hildegard of Bingen from the illuminated Rupertsberg codex, English version by Fr. Hockey OSB (Armaria Patristica et Mediaevalia 1), Turnhout 1977.
Adelgundis Führkötter: De Miniaturen van het boek Scivias – ken de wegen – van de heilige Hildegard van Bingen uit de verluchte prachtkodex van Rupertsberg, Nederlandse tekst Dom Petrus van Aalst OSB (Armaria Patristica et Mediaevalia 1), Turnhout 1977
Marianna Schrader: Die Herkunft der heiligen Hildegard, neu bearbeitet von Adelgundis Führkötter (Quellen und Abhandlungen zur mittelrheinischen Kirchengeschichte 43), Mainz 1981.
Hildegard von Bingen: Quellen des Heils. Textauswahl, hg. von Adelgundis Führkötter OSB, Salzburg 1982.
Kosmos und Mensch aus der Sicht Hildegards von Bingen, hg. von Adelgundis Führkötter OSB (Quellen und Abhandlungen zur Mittelrheinischen Kirchengeschichte 60), Mainz 1987.

Angela Carlevaris OSB (21. Juni 1921 – 17. November 2015)
In Fiume (Rijeka), der damaligen freien Grenzstadt zwischen Italien und Kroatien, geboren, lernte Sr. Angela, mit Taufnamen Gigliola Aloysia, von früher Kindheit an die Vielfalt der Religionen, Sprachen und Kulturen kennen. Die Offenheit und das Interesse für das „andere“ bewahrte sie für ihr ganzes Leben lang. Zum Studium der slawischen Sprachen ging sie nach Padua, 1941 wechselte sie jedoch zum Studium der Altphilologie, das sie 1944 mit der Promotion in griechischer Geschichte abschloss. Im selben Jahr trat sie in den Konvent der Sacré-Coeur-Schwestern in Florenz ein. Nach ihrer feierlichen Profess wurde sie Lehrerin und später Studiendirektorin an dem Mädchengymnasium.
1969 wurde Sr. Angela in den Konvent nach Rom versetzt. In den unruhigen Zeiten nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil reifte in ihr die Entscheidung, sich klösterlich neu zu orientieren. Durch die Vermittlungen eines Mönches aus Maria Laach lernte Sr. Angela die Abtei St. Hildegard in Deutschland kennen und wurde am 6. Dezember 1970 dort aufgenommen. Zwei Jahre später, am 6. August 1972, übertrug sie ihre Gelübde auf die Abtei in Eibingen.
Bald begann sie die Arbeit mit Sr. Adelgundis Führkötter an der Edition des Scivias, die 1978 als die erste kritische Textausgabe von Hildegard im Verlag Brepols erschien. 1995 legte Sr. Angela nach jahrelanger beharrlicher Arbeit die kritische Edition des Liber vitae meritorum vor. Sr. Angela setzte sich auch dafür ein, die Kenntnisse von Leben und Werk der hl. Hildegard in Italien zu verbreiten und zu fördern. Dazu verbrachte sie immer wieder längere Zeiten in Mailand, wo sie an der Gründung des Hildegard-Studienzentrums, „Centro Studi St. Ildegarda“, maßgeblich beteiligt war.
Unbemerkt von der Außenwelt verlor Sr. Angela ab März 2002 ihr Sehvermögen. Selbst die zwei Augenoperationen konnten ihre Erblindung nicht mehr aufhalten. Im vollen Besitz ihrer geistigen Kräfte musste sie 2003 ihre wissenschaftliche Tätigkeit aufgeben. Sie ertrug ihre Situation tapfer und war bis zu ihren letzten Tagen erfüllt von Dankbarkeit und Heiterkeit. Ihre wissenschaftliche Kompetenz, mit der sie auch in den Jahren ihrer Blindheit vielen Wissenschaftlern half, bleibt ebenso unvergesslich wie ihr temperamentvolles fröhliches Wesen und ihre positive Einstellung zum Leben.
Herr Professor Dr. Michael Embach (Trier), mit der Sr. Angela in gegenseitiger Wertschätzung bis zu ihrem Tod verbunden war, würdigt in seinem wissenschaftlichen Nachruf die Bedeutung unserer lieben Mitschwester für die Hildegard-Forschung.
Publikationen
- Editionen
Hildegardis Bingensis: Sciuias, ed. Adelgundis Führkötter, collaborante Angela Carlevaris (Corpus Christianorum. Continuatio Mediaeualis 43-43A), Turnhout 1978.
Hildegardis Bingensis: Liber uite meritorum, ed. Angela Carlevaris (Corpus Christianorum. Continuatio Mediaeualis 90), Turnhout 1995.
Ildegarda di Bingen: Il centro della ruota. Spiegazione della Regola di San Benedetto (testo lattino a fronte), Traduzione e introduzione a cura di Angela Carlevaris, con un saggio di Patricia Alloni, Milano 1997.
- Monographien
Das Werk Hildegards von Bingen im Spiegel des Skriptoriums von Trier St. Eucharius (Mitteilungen und Verzeichnisse aus der Bibliothek des Bischöflichen Priesterseminars zu Trier 12), Trier 1999.
Die Vision der heiligen Hildegard von Bingen in der Vita Juttae (Mitteilungen und Verzeichnisse aus der Bibliothek des Bischöflichen Priesterseminars zu Trier 18), Trier 2003.
- Aufsätze
„De S. Hildegarde abbatissa (+ 1179)“, in Vox latina 15 (1979) 205-207.
„Scripturas subtiliter inspicere subtiliterque excribrare“, in Tiefe des Gotteswissens. Schönheit der Sprachgestalt bei Hildegard von Bingen, Internationales Symposium in der Katholischen Akademie Rabanus Maurus, Wiesbaden-Naurod vom 9.-12. September 1994, hg. von Margot Schmidt (Mystik in Geschichte und Gegenwart I 10), Stuttgart-Bad Cannstatt 1995, 29-48.
„Hildegard von Bingen. Urbild einer Benediktinerin?“, in Hildegard von Bingen. Prophetin durch die Zeiten, hg. von Edeltraud Forster, Freiburg/Basel/Wien 1997, 87-108.
„Ildegarda e la Patristica“, in Hildegard of Bingen. The Context of her Thought and Art, ed. by Charles Burnett, Peter Dronke (Warburg Institut Colloquia 4), London 1998, 65-80.
„Sie kamen zu ihr, um sie zu befragen. Hildegard und die Juden“, in Hildegard von Bingen in ihrem historischen Umfeld, Internationaler wissenschaftlicher Kongress zum 900jährigen Jubiläum 13.-19. September 1998, Bingen am Rhein, hg. von Alfred Haverkamp, Mainz 2000, 117-128.
„Hildegard von Bingen (1098-1179)“, in Dizionario Interdisziplinare di Scienza e Fede. Cultura scientifica, filosofia e teologia, a cura di Giuseppe Tanzella-Nitti, Alberto Strumia, 2 Bde., Rom 2002, 1846-1853.

Maura Zátonyi OSB (*2. November 1974)
Geboren in Szombathely (Ungarn), absolvierte Sr. Maura, mit Taufnamen Éva, 1993-1999 in der Hauptstadt Budapest ihr Studium der Klassischen Philologie. Zugleich trat sie 1994 in die Zisterzienserinnenabtei Kismaros ein, wo sie 1997 ihre zeitliche Profess ablegte. Bei einem zunächst für ein Jahr geplanten Aufenthalt in der Abtei St. Hildegard entschied sie sich 1999 für das benediktinische Leben in Eibingen. Dort erhielt sie den Namen Maura, der sie zu einem Auftrag wurde. 2004 legte sie ihre feierliche Profess ab. Da sie die Kenntnisse der klassischen Sprache mitbrachte, wurde sie unter Sr. Angela Carlevaris in die Hildegard-Forschung eingeführt. Ihre Äbtissin, Mutter Clementia Killewald, schickte sie 2007 nach Mainz, wo Sr. Maura 2011 bei Frau Professor Dr. Mechthild Dreyer über die Schrifthermeneutik bei Hildegard in Philosophie promoviert wurde. Wenige Wochen nach ihrer Rückkehr erhielt sie im April 2011 den Auftrag, in der Kommission zur Vorbereitung der Heiligsprechung und Erhebung Hildegards zur Kirchenlehrerin mitzuarbeiten. Zusammen mit Herrn Professor Dr. Rainer Berndt SJ erarbeitete sie die theologischen Gutachten, die die zentralen Kapitel der Positio super canonizatione ac ecclesiae doctoratu bildeten. 2012-2106 studierte Sr. Maura Theologie an der Philosophisch-Theologischen Hochschule Sankt Georgen (Frankfurt am Main), wo sie 2011-2015 gleichzeitig den Lehrauftrag in der Geschichte der Philosophie im Mittelalter erhielt. 2012-2013 war sie an der Konzeption un der Durchführung des internationalen und interdisziplinären Symposiums „Unversehrt und unverletzt. Hildegards von Bingen Menschenbild und Kirchenverständnis heute“ beteiligt, das die Abtei zusammen mit dem Hugo von Sankt Viktor-Institut (Frankfurt am Main), namentlich mit Professor Dr. Rainer Berndt SJ, 2013 im Erbacher Hof in Mainz veranstaltete. Neben ihrer Vortragstätigkeit gilt Sr. Mauras Einsatz der Übersetzung und der philosophisch-theologischen Erschließung der Werke Hildegards, sie befasst sich aber mit dem größeren Horizont des hildegardischen Lebenswerkes, indem sie sich auch der Erforschung der benediktinischen Ordensgeschichte im Frühmittelalter widmet.
Publikationen
Stand: September 2016
- Monographien
Vidi et intellexi. Die Schrifthermeneutik in der Visionstrilogie Hildegards von Bingen (Beiträge zur Geschichte der Philosophie und Theologie des Mittelalters. Neue Folge 76), Münster 2012.
(mit Rainer Berndt SJ): Glaubensheil. Wegweisung ins Christentum gemäß der Lehre Hildegards von Bingen (Erudiri Sapientia 10), Münster 2013.
- Aufsätze
„Gotteskräfte. Über die Tugenden bei Hildegard von Bingen“, in Erbe und Auftrag 84 (2008) 246-262.
(mit Stefan Albrecht): „Die Visionen Hildegards und der Disibodenberg. Bergdarstellungen in Vita S. Disibodi und Scivias“, in Als Hildegard noch nicht in Bingen war. Der Disibodenberg – Archäologie und Geschichte, hg. von Falko Daim und Antje Kluge-Pinsker, Regensburg/Mainz 2009, 173-181.
„Lebendige Ordnung. Über die Disziplin nach Hildegard von Bingen“, in Erbe und Auftrag 86 (2010) 154-171.
„Einführung“, in Hildegard von Bingen: Wisse die Wege – Liber Scivias. Eine Schau von Gott und Mensch in Schöpfung und Zeit, Neuübersetzung von Mechthild Heieck, hg. von der Abtei St. Hildegard, Rüdesheim/Eibingen, Beuron 2010, 6-13.
„»Die Gabe tiefsinnender Schriftauslegung.« Schriftverständnis durch Bildhermeneutik: Der Beitrag Hildegards von Bingen zu neuen Deutungsmustern der Bibel“, in Theologie und Glaube 103 (2013) 280-294.
„Christozentrische Anthropologie. Eine Studie zur modellhaften Schriftauslegung Hugos von Saint-Victor und Hildegards von Bingen“, in Wort Gottes. Die Offenbarungsreligionen und ihr Schriftverständnis, hg. von Josef Rist in Verbindung mit Christof Breitsameter (Theologie im Kontakt. Neue Folge 1), Münster 2013, 85-114.
„Kirchbauten, Buchstaben, Theologie. Die dreifache Rezeption des Rupertsberger SCIVIAS-Kodex“, in Erbe und Auftrag 90 (2014) 152-169.
„Hugo von Saint-Victor (+ 1141). Ordnung und Methode der Schriftauslegung“, in Studienbuch Hermeneutik. Bibelauslegung durch die Jahrhunderte als Lernfeld der Textinterpretation. Portraits – Modelle – Quellentexte, hg. von Susanne Luther und Ruben Zimmermann, Gütersloh 2014, 120-126 und 345-347.
„Hildegard von Bingen (1098-1179). Prophetie als Schriftauslegung“, in Studienbuch Hermeneutik. Bibelauslegung durch die Jahrhunderte als Lernfeld der Textinterpretation. Portraits – Modelle – Quellentexte, hg. von Susanne Luther und Ruben Zimmermann, Gütersloh 2014, 127-135 und 348-351.
„Der Mensch in der Mitte der Schöpfung. Christozentrische Dimensionen in der Anthropologie und der Kosmologie Hildegards von Bingen“, in Gießener Hochschulgespräche und Hochschulpredigten der ESG 25 (WS 2013-2014), Sonderausgabe Hildegard von Bingen, 9-23.
„Tempus praesens. Benediktinische Entwürfe aus dem 12. Jahrhundert über das Verhältnis des Menschen zur Zeit“, in Unversehrt und unverletzt. Hildegards von Bingen Menschenbild und Kirchenverständnis heute, hg. von Rainer Berndt in Verbindung mit Maura Zátonyi OSB (Erudiri Sapientia 12), Münster 2015, 99-120.
(mit Rainer Berndt SJ): „Leitlinien“, in Unversehrt und unverletzt. Hildegards von Bingen Menschenbild und Kirchenverständnis heute, hg. von Rainer Berndt in Verbindung mit Maura Zátonyi OSB (Erudiri Sapientia 12), Münster 2015, 15-22.
„Rectissima norma vitae humanae. Christusgelehrsame Schriftauslegung in der vita religiosa – eine Erkundung der Handschriften mit der Regula Benedicti in der Bibliothek der Pariser Abtei Saint-Victor“, in Diligens scrutator sacri eloquii. Beiträge zur Exegese- und Theologiegeschichte des Mittelalters, Festschrift für Rainer Berndt SJ zum 65. Geburtstag, hg. von Hanns-Peter Neuheuser, Ralf M. W. Stammberger, Matthias M. Tischler zusammen mit Christiane Storeck (Archa Verbi. Subsidia 14), Münster 2016, 311-349.
- Übersetzungen
Hildegard von Bingen: Die Auslegung der Regel Benedikts. Explanatio Regulae Benedicti (Mitteilungen und Verzeichnisse aus der Bibliothek des Bischöflichen Priesterseminars zu Trier, hg. von Michael Embach 17), Trier 2003. [Aus dem Lateinischen ins Deutsche übertragen]
Császár István, Soós Viktor Attila: Der ungarische Tarsitius. Das Leben und Martyrium von János Brenner, Kőszeg (Ungarn) 2005. [Aus dem Ungarischen ins Deutsche übertragen]
Hildegard von Bingen: Das Buch der Lebensverdienste. Liber vitae meritorum, übersetzt und eingeleitet von Maura Zátonyi OSB, hg. von der Abtei St. Hildegard, Rüdesheim / Eibingen (Hildegard von Bingen. Werke 7), Beuron 2014. [Aus dem Lateinischen ins Deutsche übertragen]
Hildegard von Bingen: Über die Regel des heiligen Benedikt. De Regula Sancti Benedicti, übersetzt und eingeleitet von Maura Zátonyi OSB, in Hildegard von Bingen: Katechesen – Kommentare – Lebensbilder. Opera minora, hg. von der Abtei St. Hildegard, Rüdesheim / Eibingen (Hildegard von Bingen. Werke 9), Beuron 2015, 130-156. [Aus dem Lateinischen ins Deutsche übertragen]
Hildegard von Bingen: Prophetisches Vermächtnis. Testamentum propheticum, übersetzt und eingeleitet von Maura Zátonyi OSB, hg. von der Abtei St. Hildegard, Eibingen (Hildegard von Bingen. Werke 10), Beuron 2016 (im Druck). [Aus dem Lateinischen ins Deutsche übertragen]
„Interview mit Karl Rahner (1967)“, aus dem Ungarischen übersetzt von Maura ZÁTONYI OSB, in Karl Rahner: Sämtliche Werke, Bd. 31, hg. von Karl Lehmann, Johann Baptist Metz, Albert Raffelt und Andreas R. Batlogg SJ, Freiburg e.a. (im Druck).
Karl Rahner: „Wo ist die Grenzlinie? Karl Rahner über die schweren und die läßlichen Sünden sowie die heutige Beichtpraxis“, aus dem Ungarischen übersetzt von Maura ZÁTONYI OSB [Abdruck in deutscher Übersetzung], in Karl Rahner: Sämtliche Werke, Bd. 31, hg. von Karl Lehmann, Johann Baptist Metz, Albert Raffelt und Andreas R. Batlogg SJ, Freiburg e.a. (im Druck).
- Buchbesprechungen
Boyd Taylor Coolman: The Theology of Hugh of St. Victor. An Interpretation, Cambridge 2010, X-247 S., in Francia-Recensio, 2012-2, Mittelalter – Moyen Âge (500-1500)
URL: http://www.perspectiva.net/content/publikationen/francia/francia-renecio/2012-2-1/MA/coolman_zatonyi, Zugriff vom 21. Juli 2012.
Joachim Ehlers: Otto von Freising. Ein Intellektueller im Mittelalter, München 2013, 383 S., in Theologie und Philosophie 89 (2014) 604-606.
Marco Rainini: Corrado di Hirsau e il „Dialogus de cruce.“ Per la ricostruzione del profilo di un autore monastico del XII secolo, Firenze 2014, XXVI + 436 S., 10 Tafeln, in Theologie und Philosophie 91 (2016) 297-299.
Michael Estler: Rigans montes (Ps 104,13). Die Antrittsvorlesung des Thomas von Aquin in Paris 1256 (Stuttgarter Biblische Beiträge 73), Stuttgart 2015, 415 S., in Theologie und Philosophie (im Druck).
- Sonstiges
Geschaut im lebendigen Licht. Die Miniaturen des Liber Scivias der Hildegard von Bingen, erklärt und gedeutet von Sr. Hiltrud Gutjahr OSB und Sr. Maura Zátonyi OSB, mit einer Kunsthistorischen Einführung von Lieselotte Saurma-Jeltsch, hg. von der Abtei St. Hildegard, Rüdesheim/Eibingen, Beuron 2011.
[1] Vgl. Führkötter 1980, S. 145.
[2] Lehmann 2015, S. 375.
[3] Siehe dazu Berndt/Zátonyi 2013, S. 15-17.
[4] Führkötter 1980, S. 140.
[5] Führkötter 1980, S. 140.
[6] Chronik im Archiv der Abtei St. Hildegard.
[7] Führkötter 1980, S. 144.
[8] Vgl. Schrader/Führkötter 1956, S. IX.
[9] Vgl. Chronik im Archiv der Abtei St. Hildegard.
Gott als Grundlage und Ziel klösterlichen Lebens
Geistliches Leben, Klösterliches LebenOhne Gott ist ein Kloster nicht denkbar. Gott ist die Grundlage und das Ziel christlich geprägten klösterlichen Lebens. Der christliche Gott, in der Tradition des Abendlandes bis in die Mitte des vorigen Jahrhunderts noch weithin bekannt, ist heute nur noch wenigen geläufig oder gar vertraut.
Aus diesem Grunde möchten wir ihn hier kurz vorstellen. Kenntnis haben wir von ihm durch die Bibel, das bisher am häufigsten verlegte, übersetzte und verkaufte Buch der Welt. Die christliche Bibel gliedert sich in zwei Teile, das Alte und das Neue Testament.
Das Alte Testament verbindet die christliche Religion mit dem Judentum und dem Islam. Wesentliche Teile dieser Texte sind für alle drei Religionen gemeinsam grundlegend, vor allem die Aussage, daß es nur einen einzigen Gott gibt.
Das Neue Testament knüpft an die Existenz von Jesus von Nazareth an. Die sogenannten vier Evangelien, nach Matthäus, nach Markus, nach Lukas und nach Johannes, beschreiben dessen Lebensweg, wie er bis dahin erzählt worden ist. Allerdings handelt es sich in keinem Fall um eine Dokumentation im heutigen Sinne. Vielmehr wird deutlich, daß mit Jesus etwas Neues anbricht, ein neues Verhältnis Gottes zu den Menschen und der Menschen zu Gott. Das Alte Testament ist voll von Hinweisen darauf, daß diese Erneuerung notwendig ist, weil der Mensch seine Beziehung zu Gott aufgekündigt hat. So begründet sich die Erwartung des jüdischen Volkes auf den so genannten Gesalbten, den Christus, den Messias.
Diejenigen Juden, die der Auffassung sind, bei Jesus handele es sich um den erwarteten Messias, werden seither Christen genannt. So beschreibt es die Apostelgeschichte, der nächste Text im Neuen Testament. In ihm wird außerdem erzählt, daß nunmehr nicht ausschließlich die Juden das im Alten Testament so genannte Volk Gottes bilden, daß also nicht mehr die Abstammung ausschlaggebend für die Zugehörigkeit zum Volk Gottes ist, sondern die Einstellung zu Jesus von Nazareth. Wenn man ihn für den vom jüdischen Volk erwarteten Messias hält, zählt man zu den Christen. Die Gemeinschaft der Christen wird schon sehr früh „Kirche“ genannt.
Die Gemeinschaft der Christen, die Kirche, war es auch, die Ende des 4.Jahrhunderts verbindlich und abschließend festgelegt hat, welche der vielen Texte über Jesus Christus und die Gemeinschaft der Christen, die im ersten und zweiten Jahrhundert entstanden waren, zur Bibel gehören sollen. Seither gilt die Bibel als Grundlage für christliches Leben.
Gleichwohl handelt es sich beim Christentum nicht um eine Buchreligion, sondern gründet sich auf Personen, erstlich auf die persönliche Beziehung des einzelnen Christen zu Jesus Christus.
Von ihm wird in der Bibel erzählt, daß seine Anhänger nicht nur seinen Tod am Kreuz miterlebt haben, sondern schon kurze Zeit später, in den Texten ist vom „dritten Tag“ die Rede, zum Teil unabhängig voneinander bemerkt und erfahren haben, daß er nicht mehr tot war, sondern lebt. Die zentrale christliche Botschaft lautet denn auch: „Jesus Christus hat den Tod am Kreuz erlitten und ist begraben worden. Er ist auferstanden am dritten Tag und den Jüngern erschienen.“ Seither ist er bis in unsere Zeit wirksam in der Gemeinschaft der Christen, der Kirche.
Die Christen haben im Nachsinnen über Gott und Jesus Christus dessen Wesen als „Gott gleich“ beschrieben. So entstand nach und nach die Vorstellung vom dreipersonalen Gott, von dem einen Gott, der sich in drei Personen entfaltet: Gott, der Vater, Gott, der Sohn, und Gott der Heilige Geist, als Verbindung zwischen Vater und Sohn.
Gott, der Vater, wird dabei erstlich als der Schöpfer der Welt und des Lebens angesehen.
Von Gott, dem Sohn, also von Jesus Christus, wird gesagt, er habe die Schöpfung, die sich verselbständigt hat, durch seinen Tod und seine Auferstehung wieder in die ursprüngliche Heilssituation gebracht.
Der Heilige Geist, gleichfalls eigenständige Person, gilt als Verbindung zwischen Vater und Sohn. Die Verbindung zwischen den göttlichen Personen wird für so wichtig gehalten, daß sie ebenfalls als Person dargestellt wird. Die Verbindung vollzieht sich im Gespräch zwischen Vater und Sohn. Von daher kommt dem Wort im Christentum besondere Bedeutung zu. Schon im Johannesevangelium wird Jesus Christus selbst „Wort Gottes“ genannt, durch das Gott die Schöpfung, die Welt, ins Werk setzt.
Im gemeinsamen Nachdenken der Christen über die Bibeltexte hat sich ergeben, daß das Thema des innergöttlichen Gespräches die Welt und das Wohlergehen der Menschen ist.
Abzulesen ist das vor allem an der immer wiederkehrenden Aufforderung der Bibel an die Menschen, Frieden zu ermöglichen und zu bewahren und das menschliche Zusammenleben von der Liebe zueinander bestimmen zu lassen.
Das kann allerdings niemals durch die Verdrängung von Problemen und Konflikten geschehen, sondern durch das gemeinsame Bemühen, die Konflikte auszutragen und die Probleme zu lösen. Der „unerledigte Rest“, den jede Bewältigung von Schwierigkeiten nach sich zieht, ist durch Wahrhaftigkeit und Rücksichtnahme zu entschärfen.
Dieses Existenzmodell liegt nicht nur der christlichen Kirche sondern darüberhinaus der ganzen abendländischen Gesellschaft zugrunde und bestimmt auch mehr und mehr die Arbeit der Politiker, unabhängig davon, ob sie sich zu den Christen zählen oder nicht.
So wird der christliche Gott als ein menschenliebender Gott beschrieben, der in Jesus Christus den Menschen so nahe kommt, daß er, obwohl er Gott ist, selbst Mensch wird. Im Heiligen Geist hinterläßt er den Menschen Anteil am göttlichen Leben und versetzt sie grundsätzlich in die Lage, gut miteinander zu leben. Der Blick ins eigene Leben und der Blick auf die Kirchengeschichte erweisen allerdings, daß dieses Ziel noch längst nicht zuverlässig und auf Dauer erreicht ist.
Die christliche Kirche stellt aber eine Möglichkeit dar, sich ihm manchmal zu nähern.
Sr. Scholastica Steinle OSB
Gründungsfeier der St. Hildegard-Akademie Eibingen e.V. am 10. Mai
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Mit einem feierlichen Festakt ist am Freitag, dem 10. Mai, die „ST. HILDEGARD-AKADEMIE EIBINGEN E.V. – ZENTRUM FÜR WISSENSCHAFT, FORSCHUNG UND EUROPÄISCHE SPIRITUALITÄT“ der Öffentlichkeit vorgestellt worden. An der Feier, die am siebten Jahrestag der offiziellen Heiligsprechung Hildegards von Bingen, stattfand, nahmen der Hessische Kultusminister Alexander Lorz, der Speyerer Bischof Karl-Heinz Wiesemann, die Weihbischöfe Dr. Udo Bentz, Mainz, und Dr. Thomas Löhr, Limburg, sowie mehr als 200 weitere Gäste aus Wissenschaft und Kultur, Kirche und Gesellschaft teil.
Den theologischen und spirituellen Beitrag Hildegards für ein gemeinsames Europa fruchtbar machen
Angesichts der gesellschaftlichen, kulturellen und religiösen Herausforderungen in Europa ist es das erklärte Ziel der neu gegründeten Akademie, das Bewusstsein um die christlichen Grundlagen Europas zu stärken. Dabei stützt sich die St. Hildegard-Akademie auf die spirituellen und wissenschaftlichen Ressourcen unserer Abtei, die von der heiligen Hildegard im 12. Jahrhundert gegründet wurde. Im Sinne der großen Heiligen, die gleichermaßen Theologin wie Politikerin war, verknüpft die Akademie die theologische Erforschung von Hildegards Werken mit der Übertragung wissenschaftlicher Ergebnisse in aktuelle gesellschaftliche Kontexte. Die neue Akademie will zu einer mutigen christlichen Gestaltung der europäischen Gegenwart und Zukunft inspirieren.
„Mit einer europapolitisch angewandten Theologie liegt die Akademie in der Tradition der heiligen Hildegard“, so Sr. Maura Zátonyi OSB, Vorsitzende der St. Hildegard-Akademie. Ziel der Akademie ist es, den theologischen und spirituellen Beitrag der Kirchenlehrerin Hildegard für ein gemeinsames Europa fruchtbar zu machen. Seit über hundert Jahren ist unsere Abtei in der Hildegard-Forschung aktiv. Aus dieser lebendigen Wissenschaftstradition kommend waren es nicht zuletzt unsere Mitschwestern, die maßgeblich zu den theologischen Vorbereitungen beitrugen, die zur offiziellen Heiligsprechung Hildegards durch Papst Benedikt XVI. am 10. Mai 2012 und zu ihrer Erhebung zur Kirchenlehrerin am 07. Oktober desselben Jahres geführt haben. Bereits damals reifte die Idee, eine Institution zur theologischen Erschließung der Werke Hildegards zu Gründung.
Drei wesentliche Aufgabenbereiche
Die entscheidende Initiative zur Gründung der St. Hildegard-Akademie ist nun Monsignore Michael H. Weninger, Mitglied des Päpstlichen Rates für den interreligiösen Dialog beim Heiligen Stuhl, zu verdanken. Die Akademie verbindet in einzigartiger Weise drei Aufgabenbereiche: Förderung der wissenschaftlichen Arbeit, Vermittlung von Bildungsaktivitäten und Entwicklung einer christlichen Gesellschaftslehre in europäischer Dimension.
Am 10. Mai 2019, dem siebten Jahrestag der offiziellen Heiligsprechung Hildegards von Bingen, stellt sich die St. Hildegard-Akademie in einer festlichen Gründungsfeier einer breiteren Öffentlichkeit vor und lädt Interessierte dazu ein, eines oder mehrere der Anliegen der Akademie als Mitglieder zu unterstützen.
Reaktionen auf die Gründung der St. Hildegard-Akademie
HildegardforschungHildegard-Forscherinnen der Abtei St. Hildegard
HildegardforschungHildegard von Bingen (1098-1179) antwortete auf die Herausforderungen ihrer Zeit mit ihrem gesamten Lebenswerk: ihrem theologischen Schrifttum, ihrem gesellschaftlich-kirchenpolitischen Engagement und ihrem karitativen Einsatz für Bedürftige und Kranke. Die Basis für all ihre Tätigkeiten in Kirche und Welt schuf sie mit ihren Klostergründungen auf dem Rupertsberg und in Eibingen. Nach Jahrhunderten benediktinischen Lebens wurde das Kloster Rupertsberg 1632 von den Schweden zerstört, das Kloster Eibingen zu Beginn des 19. Jahrhunderts im Zuge der Säkularisation aufgelöst. Mehrere Jahrzehnte nach der Aufhebung, in den 80er-90er Jahren des 19. Jahrhunderts, reifte der Plan einer Wiederbelebung der hildegardischen Klöster auf die Initiative des Bischofs von Limburg, Peter Joseph Blum (1842-1883). Im Jahre 1900 wurde der Grundstein für ein neues Kloster in den Weinbergen über Rüdesheim, ein paar Kilometer entfernt vom ehemaligen Eibinger Kloster gelegt. Dank dem großzügigen Stifter, Fürst Karl zu Löwenstein-Wertheim-Rosenberg, konnten die Gründerinnen, acht Nonnen und sechs Schwestern aus St. Gabriel / Prag, am 17. September 1904 in das neue Kloster einziehen. Die wiederbegründete Abtei St. Hildegard Eibingen führt die Tradition beider Klöster Hildegards fort und gilt als deren rechtliches Nachfolgekloster, die Äbtissinnen werden auch heute von der hl. Hildegard ausgehend gezählt. 1908 feierte die Gemeinschaft bereits die Kirchweihe, der gleich die Weihe der ersten Äbtissin, Mutter Regintrudis Sauter (1865-1957, Äbtissin von 1904-1955), folgte. Im Laufe der kommenden Jahre und Jahrzehnte wurde der Klosterbau erst allmählich vollendet.
Grundlegung der Hildegard-Forschung in der Abtei
Parallel zum äußeren Aufbau von Neu-St. Hildegard waren die Nonnen sichtlich bemüht, sich auch das geistige Erbe von Rupertsberg und Eibingen anzueignen. Ein wesentlicher Schritt dabei bedeutete die intellektuelle Rezeption der Werke Hildegards von Bingen. Abt Ildefons Herwegen von Maria Laach (1847-1946) gab starke Impulse, die für die Hildegard-Forschung der Abtei grundlegend waren. Auf seine Unterstützung und geistige Anregung hin begann Sr. Maura Böckeler (1890-1971), sich mit Person und Werk der hl. Hildegard zu befassen. Mutter Regintrudis lag es daran, die Hildegard-Forschung in der Gemeinschaft aufzubauen. Begeistert förderte sie die wissenschaftliche Tätigkeit ihrer Nonnen durch ihre Aufmunterung, großzügige Gewährung von Arbeitsmöglichkeiten und nicht zuletzt durch den „Segen des hl. Gehorsams“. Ihr Ziel war, „im tiefsten Verstehen der Schriften unserer hl. Patronin der Welt diese verborgenen Schätze und Reichtümer wieder im vollen Umfang zugänglich“ zu machen. In diesem Sinne fühlt sich die Gemeinschaft der Abtei St. Hildegard von Anfang an bis heute verpflichtet, Person, Leben und Werk ihrer begnadeten Gründerin aus dem 12. Jahrhundert wissenschaftlich zu erschließen.
Studien, Übersetzungen, kritische Editionen
Im Februar 1927 erschien Sr. Maura Böckelers erste deutsche Übersetzung des Ordo virtutum – mit den Worten der damaligen Chronistin als „unsere Erstlingsgabe auf diesem Gebiet an die hl. Hildegard“. Ein Jahr später, im Jahre 1928, wurde die erste deutsche Scivias-Übersetzung herausgegeben, ebenso ein Werk von Sr. Maura, an dem sie mit mehreren Mitschwestern an der Seite über mehr als ein Jahrzehnt lang gearbeitet hat. Das Geleitwort zu beiden Werken verfasste Abt Ildefons Herwegen.
Wichtige Beiträge leistete Sr. Marianna Schrader (1882-1970) mit historischen Studien, die in der quellenkritischen Erforschung der Schriften der hl. Hildegard gipfelten. Dieses Forschungsprojekt wurde durch Initiative von Frau Dr. Margarete Kühn, einer Mitarbeiterin der Monumenta Germaniae Historica in Berlin, der Abtei angetragen, nachdem Professor Bernhard Schmeidler in seiner Veröffentlichung „Bemerkungen zum Corpus der Briefe der hl. Hildegard von Bingen“ die Autorschaft Hildegards in Frage gestellt hatte. Bei der Beweisführung in der Echtheitsfrage stand Sr. Marianna Sr. Adelgundis Führkötter (1905-1991), eine temperamentvolle und intellektuell begabte Mitschwester, zur Seite. Während Sr. Marianna mit hervorragenden geschichtlichen Kenntnissen die literarhistorischen Zeugnisse für die Echtheit der Werke der hl. Hildegard erarbeite, erbrachte Sr. Adelgundis die Beweise aus den Handschriften.[1] Unterstützt durch fachkundige Beratung von Mediävisten, vor allem vom berühmten Paläographen Bernhard Bischoff, wurde 1956 die Monographie Die Echtheit des Schrifttums der heiligen Hildegard veröffentlicht, die zu den Standardwerken der Hildegard-Forschung zählt. Noch vor dem Erscheinen der kritischen Editionen gelang den beiden Mitschwestern, die Echtheitsfrage der hildegardischen Werke zu klären, und damit bereitetet sie den Weg zu den kritischen Textausgaben der Werke Hildegards.
Die unter Mutter Regintrudis in Gang gesetzte Hildegard-Forschung wurde von ihren Nachfolgerinnen im Äbtissinnenamt weiterhin gefördert. Während der Amtszeit von Mutter Fortunata Fischer (1903-1980, Äbtissin von 1955-1978) entstand die kritische Edition des Erstlingswerkes der hl. Hildegard, Scivias. Mit diesem zweibändigen Werk in der Reihe Corpus Christianorum haben die beiden Editorinnen, Sr. Adelgundis Führkötter und Sr. Angela Carlevaris (1921-2015), dem groß angelegten Projekt der kritischen Textausgabe aller Schriften Hildegards einen würdigen Anfang gesetzt. Dank der editorischen Arbeiten von Sr. Angela stammt die kritische Textausgabe des zweiten Hauptwerkes Hildegards, des Liber vitae meritorum, ebenso aus der Abtei, erschienen 1995, unter der dritten Äbtissin, Mutter Edeltraud Forster (*1922, Äbtissin von 1978-1998). Auch Mutter Clementia Killewald (1954-2016, Äbtissin von 2000-2016) machte sich das Anliegen ihrer Vorgängerinnen zu eigen und sorgte dafür, dass Sr. Angela bei zunehmendem Alter eine jüngere Mitschwester, Sr. Maura Zátonyi (*1974), als Gehilfin bekommt. Dieser konnte Sr. Angela trotz ihrer Erblindung vieles aus dem Reichtum ihrer Kenntnisse weitergeben und etliche Problemata Hildegardiana zur weiteren Erforschung anvertrauen.
Als fast alle Werke Hildegards in kritischen Editionen vorlagen, plante die Abtei eine deutschsprachige Gesamtausgabe der Werke Hildegards. Sr. Philippa Rath übernahm die Verantwortung für die Herausgeberschaft. 2010 erschien im Beuroner Kunstverlag der erste Band mit der Neuübersetzung des Scivias von Frau Studienrätin Mechthild Heieck († 2011), die als engagierte Oblatin mit der Abtei verbunden war. Zum Projekt, das bis 2016 in zehn Bänden verwirklicht wurde, konnte Sr. Philippa größtenteils neue Übersetzungen besorgen, die auf den kritischen Editionen basieren. In manchen Bänden wurden bereits vorhandene Übersetzungen, die aber längst vergriffen waren, neu aufgelegt und dadurch wieder zugänglich gemacht. Die Beuroner Gesamtausgabe erfüllt eine bedeutsame Aufgabe, wenn sie nun alle Schriften der hl. Hildegard, die noch im Laufe der Veröffentlichungen der Bände 2012 zur Kirchenlehrerin erhoben wurde, einem breiten Leserkreis zur Verfügung stellt.
Karl Kardinal Lehmann, der Bischof von Mainz, würdigte das Verdienst der Abtei für die Hildegard-Forschung zum Anlass der Erhebung der hl. Hildegard zur Kirchenlehrerin mit folgenden Worten: „Wenn wir heute die hl. Hildegard mit sehr viel mehr Differenzierungen verstehen, ist dies auch ein Erfolg der immens fleißigen wissenschaftlichen Erforschung im 20. Jahrhundert. […] Nicht zuletzt ist es ein Hauptverdienst der Abtei Eibingen, viele aufklärende Studien und vor allem kritische Editionen und Übersetzungen aufbereitet und zur Verfügung gestellt zu haben. Ich nenne nur die Schwestern Maura Böckeler, Angela Carlevaris, Adelgundis Führkötter, Marianne Schrader, Walburga Storch, Caecilia Bonn und heute fortgesetzt von Schwester Maura Zátonyi, unterstützt von den Äbtissinnen Schwester Edeltraud Forster und Schwester Clementia Killewald.“[2
Höhepunkte: Jubiläumsjahre und die Erhebung der hl. Hildegard zur Kirchenlehrerin
Die drei Jubiläumsjahre im 20. Jahrhundert brachten auch der Hildegard-Forschung zum Aufschwung und spiegeln sich auch in bedeutenden Publikationen wider.
Die erste deutsche Übersetzung von Scivias und die zahlreichen Beiträge von Sr. Maura Böckeler zeugen von der produktiven Auswirkung der Jubelfeier zum 750. Todestag der hl. Hildegard im Jahre 1929.
Die kritische Edition des Scivias leitete das zweite Hildegardis-Jubiläum ein, das vom September 1978 bis zum September 1979 zum 800. Todestag Hildegards begangen wurde. Neben der Fülle von Veranstaltungen und Vorträgen entstand eine Festschrift auf die Anregung der Stadt Bingen, die im Auftrag der Gesellschaft für Mittelrheinische Kirchengeschichte von Professor Anton Ph. Brück herausgegeben wurde: Hildegard von Bingen 1179-1979, Mainz 1979. Das Konzept des Bandes erstellte er in enger Zusammenarbeit mit der Abtei. Mehrere Mitschwestern wirkten an der Festschrift mit: Sr. Adelgundis Führkötter, Sr. M. Immaculata Ritscher, Sr. Adelheid Simon, Sr. Johanna Isenbarth, und der Hymnus der damals schon verstorbenen Sr. Maura zu Ehren der hl. Hildegard wurde abgedruckt.
Zur Feier des 900. Geburtstages ihrer Gründerin hat die Abtei die Festschrift Hildegard von Bingen. Prophetin durch die Zeiten (Freiburg e.a. 1997) herausgegeben. Im Vorwort legt Äbtissin Mutter Edeltraud Forster die Überzeugung des Konventes dar, die diesen zu der Festschrift veranlasste: Auf der Schwelle zum dritten Jahrtausend erkannten die Schwestern der Abtei, dass in der Zeit des Umbruchs, der Unruhe und der Haltlosigkeit Hildegard und ihre prophetische Botschaft im wahrsten Sinne des Wortes Lebensweisungen sind, an denen wir uns orientieren können. Prominente Wissenschaftler, darunter zwei Mitschwestern, Sr. Angela und Sr. Caecilia, erleuchteten in der Festschrift wichtige Aspekte der Hildegard-Forschung: die Frage nach der Aktualität Hildegards, ihr Selbstverständnis, Probleme der Überlieferung ihrer Werke, Themen zur Anthropologie, Kosmologie, Theologie und Spiritualität, ihre Musik, die Miniaturen in den Handschriften, das Verhältnis zur Heilkunde, schließlich die Rezeption der Werke und die Verehrung der Person Hildegards.
Der kontinuierlichen wissenschaftlichen Tätigkeit ist zu verdanken, dass bei der historischen Aufgabe, die 2011 die Vorbereitung der Heiligsprechung und der Erhebung Hildegards zur Kirchenlehrerin bedeutete, Mitschwestern aus der Abtei aktiv mitwirken konnten. Papst Benedikt XVI. setzte eine Kommission ein, die er beauftragte, die für die Positio super canonizatione ac ecclesiae doctoratu erforderlichen Gutachten zu verfassen. Unter der Leitung von P.Vincenzo Criscuolo OFMCap trat die Kommission am 30. April 2011 in unserer Abtei zusammen und nahm ihre Arbeit auf. In den Monaten von Mai bis Dezember 2011 erstellten die Mitglieder ihre Beiträge: Herr Professor Dr. Michael Embach über die Biographie Hildegards und die Überlieferung und Rezeption ihrer Werke, Frau Dr. Monika Klaes-Hachmöller über den ersten Versuch einer Kanonisation Hildegards im 13. Jahrhundert, Sr. Matthia Eiden OSB über die Geschichte der Verehrung und des Kultes von Hildegard, Pater Prof. Dr. Rainer Berndt SJ zusammen mit Sr. Maura Zátonyi OSB über die Tugenden und den Ruf der Heiligkeit Hildegards, ferner über ihre Werke und ihre herausragende theologische Lehre („eximia doctrina“), Sr. Philippa Rath OSB stellte die ikonographische Sammlung zusammen. Aufgrund der hingebungsvollen und sorgfältigen Arbeit aller Beteiligten konnte Hildegards Erhebung zur Kirchenlehrerin am 7. Oktober 2012 auf dem Petersplatz in Rom erfolgen.[3]
Das historische Ereignis im Jahre 2012 gab Anlass dazu, Person, Leben und Werk der neuen Kirchenlehrerin in einem wissenschaftlichen Kongress zu reflektieren. So reifte die Idee einer internationalen und interdisziplinären Tagung. Mutter Clementia lud Pater Prof. Dr. Rainer Berndt SJ, den Direktor des Hugo von Sankt Viktor-Instituts, der bereits 2011 wesentliche Teile der Positio erarbeitet und verantwortet hatte, für die Konzeption und die Durchführung eines Kongresses ein. Im Auftrag und in Zusammenarbeit mit unserer Abtei, vertreten durch Sr. Philippa und Sr. Maura, organisierte Pater Berndt das Symposium „Unversehrt und unverletzt. Hildegards von Bingen Menschenbild und Kirchenverständnis heute“, das von 27. Februar-3. März 2013 im Erbacher Hof, Akademie des Bistums Mainz, in Mainz stattfand. Pater Berndt gelang es, Forscher aus den verschiedenen Disziplinen und aus aller Welt zu gewinnen. Das Ziel des Kongresses bestand darin, bei der historischen und der geistesgeschichtlichen Kontextualisierung Hildegards sowie der Erfassung der Überlieferungs- und Rezeptionsgeschichte ihrer Werke einen theologischen Akzent zu setzen. So hat dieses Hildegard-Symposium die historischen Ereignisse des Jahres 2012 nicht nur auf eine würdige Weise abgeschlossen, sondern es hat wegweisende Impulse für die künftige Forschung gegeben.
Die Hildegard-Forschung gehört von der ersten Stunde der Neugründung der Abtei St. Hildegard an zum Kern unserer Sendung. Dem Bekenntnis von Sr. Adelgundis aus dem Jahre 1980 schließt sich auch die heutige Generation an: „Es wird eine bleibende Aufgabe der Benediktinerinnenabtei Eibingen sein, das geistige Erbe ihrer bedeutenden Gründer-Äbtissin Hildegard von Bingen lebendig in der eigenen Gemeinschaft zu erhalten und zur Entfaltung zu bringen und es den fragenden und suchenden Menschen unserer Zeit als einen Weg zu Gott zu vermitteln.“[4]
Die Erforschung von Leben und Werk der heiligen Hildegard und die Vermittlung ihrer Botschaft und ihrer Person in Kirche und Gesellschaft hinein bedeutet für unsere Abtei eine Form, den Dienst am Evangelium zu verwirklichen.
Diesem Ziel dient auch die am 10. Mai 2019 der Öffentlichkeit vorgestellte neugegründete „St. Hildegard-Akademie Eibingen e.V. – Zentrum für Wissenschaft, Forschung und europäische Spiritualität“, mit der die Hildegardforschung nun endlich einen institutionalisierten Rahmen gefunden hat und deren Vorsitzende Sr. Dr. Maura Zátonyi OSB ist.
Literaturverzeichnis
Annalen und Chroniken im Archiv der Abtei St. Hildegard.
Aris, Marc-Aeilko/Embach, Michael/Lauter, Werner/Müller, Irmgard/Staab, Franz/Steinle, Scholastica: Hildegard von Bingen. Internationale wissenschaftliche Bibliographie, unter Verwendung der Hildegard-Bibliographie von Werner Lauter, Mainz 1998.
Berndt, Rainer SJ/Zátonyi, Maura OSB: Glaubensheil. Wegweisung ins Christentum gemäß Hildegard von Bingen (Erudiri Sapientia 10), Münster 2013.
Brück, Anton Philipp: „Chorfrau Marianna Schrader OSB“, in Archiv für mittelrheinische Kirchengeschichte 23 (1971) 368.
Führkötter, Adelgundis: „Die Benediktinerinnenabtei St. Hildegard zu Eibingen. Das erste Frauenkloster der Beuroner Kongregation auf deutschem Boden und seine Bedeutung für die Hildegardforschung“, in Archiv für mittelrheinische Kirchengeschichte 32 (1980) 135-146.
Lauter, Werner: „Maura Böckeler“, in Biographisch-Bibliographisches Kirchenlexikon 20, Herzberg 2002, 217-221.
Lauter, Werner: Bibliographischer Wegweiser zu den Veröffentlichungen von und über Sr. Adelgundis Führkötter OSB, zum 80. Geburtstag, Maschinenschrift 1985.
Lehmann, Karl Kardinal: „Größe und Elend des Menschen in der Schöpfung nach der heiligen Hildegard von Bingen, in Unversehrt und unverletzt. Hildegards von Bingen Menschenbild und Kirchenverständnis heute, hg. von Rainer Berndt SJ in Verbindung mit Maura Zátonyi OSB (Erudiri Sapientia 12), Münster 2015, 369-383.
Zátonyi, Maura: „Kirchbauten, Buchstaben, Theologie. Die dreifache Rezeption des Rupertsberger SCIVIAS-Kodex“, in Erbe und Auftrag 90 (2014) 152-169.
Hildegard von Bingen 1179-1979, Festschrift zum 800. Todestag der Heiligen, hg. von Anton Ph. Brück, Mainz 1979.
Hildegard von Bingen. Prophetin durch die Zeiten, hg. von Edeltraud Forster, Freiburg/Basel/Wien 1997.
Unversehrt und unverletzt. Hildegards von Bingen Menschenbild und Kirchenverständnis heute, hg. von Rainer Berndt SJ in Verbindung mit Maura Zátonyi OSB (Erudiri Sapientia 12), Münster 2015.
Hildegard von Bingen: Wisse die Wege – Liber Scivias. Eine Schau von Gott und Mensch in Schöpfung und Zeit, Neuübersetzung von Mechthild Heieck, mit einer Einführung von Maura Zátonyi OSB, hg. von der Abtei St. Hildegard, Rüdesheim/Eibingen (Hildegard von Bingen. Werke 1), Beuron 2010.
Hildegard von Bingen: Ursprung und Behandlung der Krankheiten – Causae et Curae, vollständig neu übersetzt und eingeleitet von Ortrun Riha, hg. von der Abtei St. Hildegard, Rüdesheim/Eibingen (Hildegard von Bingen. Werke 2), Beuron 2011.
Das Leben der heiligen Hildegard von Bingen – Vita Sanctae Hildegardis, mit einer Einführung von Prof. Dr. Michael Embach, übersetzt von Monika Klaes-Hachmöller, hg. von der Abtei St. Hildegard, Rüdesheim/Eibingen (Hildegard von Bingen. Werke 3), Beuron 2013.
Hildegard von Bingen: Lieder – Symphoniae, neu übersetzt und eingeleitet von Barbara Stühlmeyer, hg. von der Abtei St. Hildegard, Rüdesheim/Eibingen (Hildegard von Bingen. Werke 4), Beuron 2012.
Hildegard von Bingen: Heilsame Schöpfung – Die natürliche Wirkkraft der Dinge. Physica, vollständig neu übersetzt und eingeleitet von Ortrun Riha, hg. von der Abtei St. Hildegard, Rüdesheim/Eibingen (Hildegard von Bingen. Werke 5), Beuron 2012.
Hildegard von Bingen: Das Buch vom Wirken Gottes – Liber divinorum operum, Neuübersetzung aus dem Lateinischen von Mechthild Heieck, Einführung von Caecilia Bonn OSB, hg. von der Abtei St. Hildegard, Rüdesheim/Eibingen (Hildegard von Bingen. Werke 6), Beuron 2012.
Hildegard von Bingen: Das Buch der Lebensverdienste – Liber vitae meritorum, neu übersetzt und eingeleitet von Maura Zátonyi OSB, hg. von der Abtei St. Hildegard, Rüdesheim/Eibingen (Hildegard von Bingen. Werke 7), Beuron 2014.
Hildegard von Bingen: Briefe – Epistolae, vollständige Ausgabe, übersetzt und eingeleitet von Walburga Storch OSB, hg. von der Abtei St. Hildegard, Rüdesheim/Eibingen (Hildegard von Bingen. Werke 8), Beuron 2012.
Hildegard von Bingen: Katechesen – Kommentare – Lebensbilder. Opera minora, hg. von der Abtei St. Hildegard, Rüdesheim/Eibingen (Hildegard von Bingen. Werke 9), Beuron 2015.
Hildegard von Bingen: Prophetisches Vermächtnis. Testamentum propheticum, übersetzt und eingeleitet von Maura Zátonyi OSB, hg. von der Abtei St. Hildegard, Rüdesheim/Eibingen (Hildegard von Bingen. Werke 10), Beuron 2016.
Maura Böckeler OSB (16. Januar 1890 – 29. Oktober 1971)
Schwester Maura, mit Taufnamen Theresia, wuchs in Aachen in einer kinderreichen Familie auf, deren geistiges Erbe sie ihr ganzes Leben lang prägte: „eine tiefe, glaubensstarke Religiosität und theologische Begabung, Forschertalent und künstlerische Intuition, besonders auf musikalischem Gebiet, verbunden mit Herzensgüte und Freigebigkeit.“[5] Nach dem Abschluss des höheren Lehrerinnen-Examens ging sie zu einem Studienaufenthalt nach Fouron-le-Comte (Belgien), den sie mit dem Examen in Französisch abschloss, danach studierte sie zwei Jahre an der Universität Cambridge, wo sie das Examen in Englisch ablegte.
Am 28. März 1913 trat sie in die Abtei St. Hildegard ein und legte am 17. November 1914 ihre feierliche Profess ab und empfing die Jungfrauenweihe. Sie erlernte autodidaktisch die lateinische und die griechische Sprache und beschäftigte sich mit der patristischen Literatur. Ermutigt und gefördert von Ildefons Herwegen (1874-1946), Abt von Maria Laach, der selbst ein renommierter Hildegard-Forscher war, widmete sich Sr. Maura der Erforschung des Werkes ihrer Klosterpatronin. Ab den 1920er Jahren verfasste sie zahlreiche Beiträge, u.a. über den Ordo virtutum (Reigen der Tugenden bzw. Spiel der Kräfte) und den Scivias (Wisse die Wege), die sie, mangels einer kritischen Edition, auf der Grundlage der in Wiesbaden aufbewahrten Prachthandschrift als Erste ins Deutsche übertrug.
Nachdem die Gestapo am 2. Juli 1941 die Nonnen aus dem Kloster vertrieben hatte, verbrachte Sr. Maura mit vielen ihrer Mitschwestern das Exil im Mutterhaus der Franziskanerinnen in Waldbreitbach. Als der Krieg zu Ende ging, kehrte sie nach Eibingen zurück und setzte ihre schriftstellerische Tätigkeit fort. Im Kloster übernahm sie lange Zeit als „Zelatrix“ und einige Jahre als „Magistra“ (Novizenmeisterin) die Verantwortung für die Bildung der jungen Mitschwestern. Ein schweres Herzleiden zwang sie, ihr Amt und ihre wissenschaftliche Arbeit loszulassen. In ihren letzten Lebensjahren wurde sie von Krankheit und mit den schwindenden geistigen Kräften auch von Einsamkeit heimgesucht, die sie einfach und demütig trug.
Nach dem Zeugnis jener, die Sr. Maura persönlich kannten, „verstand sie es, in einmaliger Weise das nicht immer leicht zugängliche Gedankengut der hl. Hildegard, das ihr in jahrelangem Bemühen ganz zu eigen geworden war, für ihre Zuhörer zum Leuchten zu bringen.“[6]
Publikationen
Das große Zeichen. Die Frau als Symbol göttlicher Wirklichkeit, mit einem Geleitwort von Ildefons Herwegen, Salzburg 1941.
Der Tröstergeist, Freiburg u.a. 1948.
Die Macht der Ohnmacht. Mutter Maria Rosa Flesch, Stifterin der Franziskanerinnen BMVA von Waldbreitbach, Mainz 1962.
„Aufbau und Grundgedanke des Ordo virtutum der hl. Hildegard“, in Benediktinische Monatsschrift 5 (1923) 300-310.
„Beziehungen des Ordo virtutum der hl. Hildegard zu ihrem Hauptwerke Scivias. I. Ein Rundgang durch das Gebäude des Scivias, II. Die lebendigen Beziehungen zwischen Ordo und Scivias“, in Benediktinische Monatsschrift 7 (1925) 25-44 und 135-145.
„Sankt Hildegard, die Prophetin vom Rupertsberg“, in Kölnische Volkszeitung 66 (1925), Nr. 453.
„Die heilige Hildegard als Äbtissin im Rahmen des 12. Jahrhunderts“, in Benediktinische Monatsschrift 11 (1929) 435-450.
„Die mystische Begabung der heiligen Hildegard“, in St. Hildegard von Bingen, die größte deutsche Frau. Festschrift zur St. Hildegardis-Jubelfeier, hg. von Johannes Kohl, Bingen am Rhein 1929, 10-22.
„Das Mysterium der heiligen Kirche in der mystischen Schau der heiligen Hildegard“, in Kölnische Volkszeitung (1929), Nr. 649.
„Die Prophetin vom Rupertsberg: Ein Lebensbild der hl. Hildegard“, in St. Matthiasbote 3 (1929) 258-263.
„Die Abtei St. Matthias und die hl. Hildegard von Eibingen“, in St. Matthiasbote 3 (1929) 265-280.
„Die Prophetin vom Rupertsberg“, in Frauenland 22 (1929) 225-232.
„Das Leben der Töchter St. Benedikts und dessen übernatürliche Bedeutung“, in Frauenland 22 (1929) 233-238.
„Der einfältige Mensch – Hildegard von Bingen“, in Hildegard von Bingen: Wisse die Wege. Scivias, übersetzt von Maura Böckeler, Salzburg 19635, 373-408.
„Die Gesichte der hl. Hildegard“, in Benediktinische Monatsschrift 28 (1952) 55-58.
„Die Ordensfrau – Die Braut Christi“, in Das Wirken der Orden und Klöster in Deutschland, 2: Die weiblichen Orden, Kongregationen und Klöster, hg. von Adam Wienand, Köln 1964, 68-87.
„Die Jungfrauenweihe“, in Das Wirken der Orden und Klöster in Deutschland, 2: Die weiblichen Orden, Kongregationen und Klöster, hg. von Adam Wienand, Köln 1964, 88-100.
„Der Anruf der Zeit“, in Das Wirken der Orden und Klöster in Deutschland, 2: Die weiblichen Orden, Kongregationen und Klöster, hg. von Adam Wienand, Köln 1964, 101-104.
Der Tugenden Würde und Aufgabe. Ein Singspiel der hl. Hildegard, Übersetzung [Ordo virtutum], in Benediktinische Monatsschrift 5 (1923) 368-378.
St. Hildegards Lied an Maria [O virga ac diadema, Übersetzung und Erklärung], in Benediktinische Monatsschrift 8 (1926) 452-458.
Der heiligen Hildegard von Bingen Reigen der Tugenden. Ordo virtutum. Ein Singspiel. Mit einem Geleitswort von Abt Ildefons Herwegen, hg., übertragen und eingeleitet von der Abtei Sankt Hildegard Eibingen im Rheingau [Einführung, deutsche Übertragung mit Erläuterungen und szenischen Anweisungen von Maura Böckeler, der musikalische Teil von Pudentiana Barth], Berlin 1927.
Der heiligen Hildegard von Bingen Wisse die Wege. Scivias. Nach dem Urtext des Wiesbadener kleinen Hildegardiskodex ins Deutsche übertragen und bearbeitet von D. Maura Böckeler OSB, mit 35 Tafeln nach den Miniaturen des Kodex, mit einem Geleitswort von DDr. Ildefons Herwegen OSB, Berlin 1928.
Hildegard von Bingen: Wisse die Wege. Scivias. Nach dem Originaltext des illuminierten Rupertsberger Kodex der Wiesbadener Landesbibliothek ins Deutsche übertragen und bearbeitet von Maura Böckeler [2., neubearbeitete Auflage], Salzburg 1954, 19553, 19614, 19635, 19756, 19817, 19878, 19969.
Der heiligen Hildegard Hymnus auf den hl. Matthias, in St. Matthiasbote 3 (1929) 281.
Hymnus. Ex Officio in honorem S. Hildegardis auctore Maura Böckeler OSB, in Hildegard von Bingen 1179-1979, Festschrift zum 800. Todestag der Heiligen, hg. von Anton Ph. Brück, Mainz 1979, 461.
Hildegard von Bingen: A megváltás tüzes műve, fordította Kemenczky Judit [Das feurige Werk der Erlösung, ungarische Übersetzung des zweiten Buches aus Wisse die Wege, übersetzt und bearbeitet von Maura Böckeler, ins Ungarische übertragen von Judit Kemenczky], Budapest 1995
Das Buch vom verdienstlichen Leben. Übersetzung der 1. Vision vom Liber Vitae Meritorum (handgeschrieben), 1925.
Die Mystik der hl. Hildegard in ihrem Werk Wisse die Wege.
Die Posaune Gottes. Meisterin Hildegard vom Rupertsberg (handgeschrieben).
Hildegards Heiligkeit. Nachgewiesen aus ihrem Leben und ihren Schriften (Maschinenschrift) 1935.
Marianna Schrader OSB (24. Februar 1882 – 27. September 1970)
Sr. Marianna, mit Taufnamen Maria Charlotte, verbrachte ihre Kindheit in Darmstadt und Mannheim. Ab 1896 besuchte sie das Institut der Englischen Fräulein in Bensheim, anschließend das höhere Lehrerinnenseminar in Darmstadt. Einen längeren Studienaufenthalt in Belgien schloss sie mit dem Examen in Französisch ab.
Am 2. September 1910 trat sie in die Abtei St. Hildegard ein, am 14. Juni 1912 legte sie ihre feierliche Profess ab und empfing die Jungfrauenweihe. Mehrere Aufgaben wurden ihr im klösterlichen Bereich zugeteilt, u.a. war sie als Cellerarin verantwortlich für die wirtschaftlichen Belange des Klosters. Ihr Talent für historisches Arbeiten zeigte sich in ihren Studien über die Klöster Rupertsberg und Eibingen. So beteiligte sie sich am Aufbau des Abtei-Archivs unter der sachkundigen Anleitung des Direktors des Wiesbadener Staatsarchivs, Dr. Max Domarus, und stellte sich als Archivarin in den Dienst der Gemeinschaft. „Begabt mit historischem Spürsinn, Tatkraft und Finderglück“[7] begann sie die historische Erforschung von Leben und Werk der hl. Hildegard. Ihre größte Entdeckung war, ausgehend vom Mainzer Urkundenbuch Bermersheim bei Alzey als den wahren Geburtsort der hl. Hildegard zu identifizieren. Zusammen mit Sr. Adelgundis widmete sie sich der quellenkritischen Untersuchung der Werke Hildegards. Die Klärung der Echtheitsfrage haben die beiden Mitschwestern in einer Monographie zusammengefasst, die in der Tat „einen Baustein zum Fundament der Hildegardforschung“[8] beitrug, wie die Verfasserinnen es gewünscht hatten.
Bis zum Ende ihres Lebens behielt Sr. Marianna ihre geistige Frische, trotz körperlicher Leiden. Die Mitschwestern, die in der Gemeinschaft mit ihr lebten, erinnerten sich so an sie: „Traditionstreue, volle Gegenwartsbejahung und eine für ihr hohes Alter ungewöhnliche Aufgeschlossenheit für weltweite Probleme charakterisierten ihre gereifte Persönlichkeit.“[9]
Publikationen
Heimat und Sippe der deutschen Seherin Sankt Hildegard, Salzburg/Leipzig 1941.
Sankt Hildegards Leben dem Volke erzählt, Mainz 1946, 21949.
(zusammen mit Adelgundis Führkötter OSB): Die Echtheit des Schrifttums der heiligen Hildegard von Bingen. Quellenkritische Untersuchungen, Köln/Graz 1956.
„Die Heimat und Abstammung der heiligen Hildegard“, in Studien und Mitteilungen zur Geschichte des Benediktinerordens 54 (1936) 199-221.
„Die heilige Hildegard ‚von Vermersheym'“, in Der Katholik. Sonntagsblatt zur Pflege des religiösen Lebens und Fühlens 7/3 (1937) 3.
„Wo ist St. Hildegards Geburtsort?“, in Pastor bonus 48 (1937) 210-214; in St. Georgsblatt 47/37 (1937) 4.
„Zur Heimat- und Familiengeschichte der heiligen Hildegard“, in Studien und Mitteilungen zur Geschichte des Benediktinerordens 57 (1939) 117-133.
„Aus Heimat und Sippe der heiligen Hildegard“, in Die Christliche Frau 38 (1940) 110-112.
„Die heilige Hildegard (1098-1179). Zum 850. Geburtstag der großen Seherin“, in Nassauische Lebensbilder 3, Wiesbaden 1948, 1-34.
„Trithemius und die heilige Hildegard ‚von Bermersheim'“, in Archiv für mittelrheinische Kirchengeschichte 4 (1952) 171-184.
„Bingen, die Stadt der heiligen Hildegard“, in 80 Jahre „Musica sacra“ in Bingen am Rhein, Gau-Algesheim 1952, 23-26.
„‚Eure Wohnstatt wird nicht zerstört werden.‘ Zum 775. Todestag der heiligen Hildegard und zum 50. Gedenktag der Wiedererrichtung ihrer Abtei am 17. September“, in Der Sonntag (Limburg) 1954, Nr. 38, 5.
„Ein Jubeltag in der Abtei St. Hildegard (50. Gedenktag der Wiedererrichtung der Abtei)“, in Erbe und Auftrag. Benediktinische Monatsschrift 31 (1955) 53-57.
„Wibert von Gembloux. Schicksal eines Mönches im 12. Jahrhundert“, in Erbe und Auftrag. Benediktinische Monatsschrift 37 (1961) 381-392.
„Das Kloster der hl. Hildegard in Eibingen“, in 75 Jahre Rheingauerkreis, Rüdesheim 1962, 207-210.
„Die heilige Elisabeth von Schönau. Zu ihrem 800. Todestag, in Archiv für mittelrheinische Kirchengeschichte 17 (1965) 259-261.
„Hildegarde de Bingen (sainte), bénédictine allemande“, in Dictionnaire de spiritualité 7, Paris 1968, 505-521.
Marianna Schrader: Die Herkunft der heiligen Hildegard, neu bearbeitet von Adelgundis Führkötter (Quellen und Abhandlungen zur mittelrheinischen Kirchengeschichte 43), Mainz 1981.
Der Convent der hl. Hildegard auf dem Rupertsberg (handgeschrieben).
St. Hildegards letzte Nachfolgerin auf dem Rupertsberg: Anna Lerch von Dürmstein, 1580-1666 (handgeschrieben).
Leben der hl. Hildegard (unvollendetes Konzept).
Die Rechtslage der Kirche in Bermersheim bei Alzey nach ihrer historischen Entwicklung (Maschinenschrift).
Die wiedererrichtete Abtei St. Hildegard, Eibingen. Ihr erstes Jahrhundert (handgeschrieben).
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Adelgundis Führkötter OSB (28. September 1905 – 24. Dezember 1991)
Sr. Adelgundis wurde 28. September 1905 in Wattenscheid geboren, in der Taufe erhielt sie den Namen Hedwig. In ihrer Kindheit erfuhr sie die tiefe Religiosität ihrer Mutter, die ihr für das weitere Leben ein Ideal blieb. Nach dem misslungenen Versuch, in der Frauenschule der Franziskanerinnen in Olpe hauswirtschaftliche Kenntnisse zu erwerben, besuchte sie das Gymnasium der Ursulinen in Werl. Daraufhin studierte sie Geographie, Germanistik, Philosophie und Anglistik an den Universitäten in Freiburg, München, Berlin und Münster. Es schlossen sich zwei größere Auslandsreisen nach Rom und London an.
Angezogen von der Liturgie in Maria Laach entschloss sich Sr. Adelgundis für den Eintritt in die Abtei St. Hildegard, der sich am 12. September 1935 erfolgte. Am 28. April 1940 legte sie ihre feierliche Profess ab und empfing die Jungfrauenweihe. Bei der Vertreibung der Nonnen durch die Gestapo am 2. Juli 1941 ging Sr. Adelgundis mit einigen Mitschwestern zusammen in das St. Elisabeth Krankenhaus in Neuwied, 1944 wechselte sie in das Zisterzienserinnenkloster Marienthal in Sachsen. Nach der Rückkehr 1945 beteiligte sie sich am Wiederaufbau des monastischen Lebens und der Renovierung der Klostergebäude.
1948 wurde sie beauftragt, am Werk der hl. Hildegard zu arbeiten. Dabei handelte es sich um die Echtheitsproblematik der hildegardischen Schriften. Die Chronik berichtet: „Zielstrebig und unermüdlich machte sich Sr. Adelgundis ans Werk. Unter der Leitung von Sr. Marianna Schrader und Sr. Maura Böckeler nahm sie Kontakt auf zu allen großen Bibliotheken und Archiven, in denen Handschriften zum Werk Hildegards vermutet wurden. Sie korrespondierte über alle Kontinente mit Wissenschaftlern, die ihr auf ihrem Forscher-Weg mit Rat und Tat zur Seite stehen könnten. All diesen bleib sie lebenslang in treuer Dankbarkeit verbunden und sprach mit großem Respekt von ihnen, wissend, dass sie ihr Lebenswerk niemals ohne ihre Unterstützung hätte fortführen können.“
Durch die zusammen mit Sr. Marianna verfasste Monographie Die Echtheit des Schrifttums der heiligen Hildegard von Bingen wies sich Sr. Adelgundis als eine hervorragende Hildegard-Expertin aus. Auf weitere kleinere Schriften folgte ihr bedeutendes Buch Briefwechsel, der eine Auswahl von den Briefen der hl. Hildegard in deutscher Übersetzung und mit Erläuterungen enthält. Ihr umfangreichstes und am nachhaltigsten bleibendes Werk war die textkritische Ausgabe des Scivias, die sie in Zusammenarbeit mit Sr. Angela erstellte. In den nachfolgenden Jahren veröffentlichte sie zahlreiche kleinere Schriften und führte eine ausgedehnte Korrespondenz mit Wissenschaftlern in aller Welt. Am Vigiltag des Weihnachtsfestes 1991 vollendete sich ihr Leben, das sie vollständig in den Dienst am Werk der hl. Hildegard stellte.
Publikationen (Auswahl)
Hildegardis Bingensis: Sciuias, ed. Adelgundis Führkötter, collaborante Angela Carlevaris (Corpus Christianorum. Continuatio Mediaeualis 43-43A), Turnhout 1978.
(zusammen mit Marianna Schrader OSB): Die Echtheit des Schrifttums der heiligen Hildegard von Bingen. Quellenkritische Untersuchungen, Köln/Graz 1956.
(zusammen mit Hans Ederer): Hildegard – ein Mensch vor Gott. Doppeltonbild, Arbeitsunterlagen und Einzelmeditationen zum Leben Hildegards von Bingen und zur Meditation der Schöpfung, München 1966.
Hildegard von Bingen, Salzburg 1972.
Hildegard af Bingen, oversat af Ruth Plum, Taastrup 1989 [Übersetzung von Hildegard von Bingen, Salzburg 1972].
„Die Gotteswerke. Vom Sinn und Aufbau des Liber divinorum operum der heiligen Hildegard“, in Benediktinische Monatsschrift 29 (1953) 195-204, 306-314.
„Vrouwe Hiltgart“, in Katholischer Kirchenkalender der Pfarreien des Dekanats Bingen 32 (1953) 9-12.
„Die Eibinger Sciviashandschrift“, in Zeitschrift für Bibliothekswesen und Bibliographie 2 (1955) 146-147.
„Hildegardis- und Abtei-Jubiläum 1954 in Eibingen“, in Katholischer Kirchenkalender der Pfarreien des Dekanats Bingen 34 (1955) 18-19.
„Hildegard von Bingen (1098-1179)“, in Die großen Deutschen, hg. von Hermann Heimpel e.a., Bd. 5, Berlin e.a. 1957, 39-47.
„Sankt Hildegard besingt Mariens Lob“, in Maria siegt. Monatsschrift zur Förderung der Marienverehrung 10 (1961) 66-67.
„Hildegard von Bingen und Bernhard von Clairvaux“, in Heimatjahrbuch Landkreis Bingen 11 (1967) 51-54.
„Hildegard von Bingen. Kosmische Schau“, in Große Gestalten christlicher Spiritualität, hg. von Josef Sudbrack, James Walsh, Würzburg 1969, 135-151.
„Hildegard, die Prophetin“, in Mariastein 19/3-4 (1972) 41-43.
„Hildegard von Bingen als Lehrmeisterin“, in Heimatjahrbuch Landkreis Mainz-Bingen 18 (1974) 147-150.
„Mensch, Natur, Zeit: Zur Mystik der Hildegard von Bingen“, in Christ in der Gegenwart 30 (1978) 296.
„Hildegard von Bingen. Leben und Werk“, in Hildegard von Bingen 1179-1979, Festschrift zum 800. Todestag der Heiligen, hg. von Anton Ph. Brück, Mainz 1979, 31-54.
„Hildegard von Bingen und ihr Werk Scivias: 14 Miniaturen“, in Bilder der Gegenwart 32 (1979) 3ff.
„Hildegard von Bingen und ihre Beziehungen zu Trier“, in Paulinus. Trierer Bistumsblatt 105/37 (1979) 16-18.
„Gelebte Spiritualität. Hildegard von Bingen (1098-1179)“, in Heute. Zeitschrift vinzentinischer Gemeinschaften (1979) 19-21.
„Wie Hildegard von Bingen betete“, in Geist und Leben 52 (1979) 324-335.
„Posaunenton lebendigen Lichtes: Hildegard von Bingen als Prophetin“, in Christ in der Gegenwart 31 (1979) 305-306.
„Das Jubiläumsjahr der heiligen Hildegard von Bingen“, in Erbe und Auftrag. Benediktinische Monatsschrift 55 (1979) 466-469.
„Die heilige Hildegard und das Interdikt“, in Der Sonntag (Limburg) 33/49 (1979) 10.
„Die Benediktinerinnenabtei St. Hildegard zu Eibingen. Das erste Frauenkloster der Beuroner Kongregation auf deutschem Boden und seine Bedeutung für die Hildegardforschung“, in Archiv für mittelrheinische Kirchengeschichte 32 (1980) 135-146.
„Hildegard von Bingen – betende Frau“, in Titlis-Grüsse 66 (1980) 137-142.
„Hildegard von Bingen. Ein Lebensbild“, Eibingen o.J. [1980].
„Beziehungen zwischen dem St. Marienkrankenhaus und der Abtei St. Hildegard Eibingen“, in St. Marienkrankenhaus Frankfurt am Main 1907-1982, Festschrift, Frankfurt am Main 1982, 41-42.
„Das Spiel der Kräfte. Ein Stück der heiligen Hildegard“, in Christ in der Gegenwart 34 (1982) 268.
„Zum Stand der Hildegard-Forschung. Festvortrag anlässlich des 65. Geburtstages von Prof. Dr. Heinrich Schipperges in der Heidelberger Akademie der Wissenschaften“, in Medizinische Anthropologie, hg. von Eduard Seidler, Berlin u.a. 1984, 11-16.
(zusammen mit Josef Sudbrack): „Hildegard von Bingen (1098-1179)“, in Große Mystiker. Leben und Wirken hg. von Gerhard Ruhbach, Josef Sudbrack, München 1984, 122-141.
„Hildegard von Bingen. Das Schauen Gottes“, in Dienender Glaube 60 (1984) 285-286.
„Hildegard von Bingen (1098-1179)“, in Rheinische Lebensbilder, Bd. 10, Köln 1985, 7-30.
„Una donna straordinaria. Ildegarda di Bingen“, in Monastica 26 (1985) 1-13.
„Hildegard von Bingen und ihre Beziehungen zu Trier“, in Kurtrierisches Jahrbuch 25 (1985) 61-72.
„Hildegard von Bingen vor dem unfassbaren Gott“, in Dienender Glaube 62 (1986) 177-178.
„Die Abtei St. Hildegard zu Eibingen, das Mutterkloster des neuen Priorats Marienrode“, in Marienrode. Gegenwart und Geschichte eines Klosters, hg. von Wilfried Meyer, Hildesheim 1988, 20-27.
„Die heilige Hildegard (1098 bis 1179)“, in Bingen. Geschichte einer Stadt am Mittelrhein. Vom frühen Mittelalter bis zum 19. Jahrhundert, hg. von Helmut Mathy, Mainz 1989, 217-234.
„Hildegard von Bingen und Bernhard von Clairvaux“, in Rheingau-Taunus-Heimatbrief mit Rheingauer-Riesling-Kurier 4 (1990) 14-15.
„Kloster Eberbach und Hildegard von Bingen“, in Rheingau-Taunus-Heimatbrief. Zeitschrift für Geschichte, Kultur, Wein und Tourismus 4/2 (1990) 15.
„Hildegard von Bingen. Ein Lebensbild“, Eltville o.J.
Hildegard von Bingen: Briefwechsel, nach den ältesten Handschriften übersetzt und nach den Quellen erläutert von Adelgundis Führkötter OSB, Salzburg 1965, 21990.
Das Leben der heiligen Hildegard von Bingen. Vita S. Hildegardis auctoribus Godefrido et Theodorico monachis, herausgegeben, eingeleitet und übersetzt von Adelgundis Führkötter OSB (Heilige der ungeteilten Christenheit 18), Düsseldorf 1968.
Das Leben der heiligen Hildegard von Bingen, berichtet von dem Mönchen Gottfried und Theoderich, aus dem Lateinischen übersetzt und kommentiert von Adelgundis Führkötter OSB (2. Auflage), Salzburg 1980.
Hildegard von Bingen: Lieder, nach den Handschriften herausgegeben von Pudentiana Barth OSB, Maria Immaculata Ritscher OSB, Joseph Schmidt-Görg, übersetzt und kommentiert von Adelgundis Führkötter OSB, Salzburg 1969.
Josef Sudbrack: „Hildegard von Bingen: Hymnus an die Kirche“, übersetzt von Adelgundis Führkötter OSB, in Geist und Leben 52 (1979) 321-323 [O coruscans lux stellarum]
Hildegard von Bingen: Lieder, hg. von Silvia Sager, übersetzt von Adelgundis Führkötter OSB, Zürich 1996.
Hildegard von Bingen: „Nun höre und lerne, damit du errötest …“. Briefwechsel, nach den ältesten Handschriften übersetzt und nach den Quellen erläutert von Adelgundis Führkötter OSB, Freiburg e.a. 1997.
„Hildegardis-Kodex Scivias“, in Kinlders Malerei-Lexikon, Bd. 3, Köln 1977, 166-168.
(zusammen mit Maria Immaculata Ritscher): „Hildegard von Bingen“, in Das große Lexikon der Musik in acht Bänden, Bd. 4, Freiburg e.a. 1981, 90.
Hildegard von Bingen: Der Mensch in der Verantwortung. Das Buch der Lebensverdienste (Liber Vitae Meritorum), nach den Quellen übersetzt und erläutert von Heinrich Schipperges, Geleitwort von Adelgundis Führkötter, Salzburg 1972.
Adelgundis Führkötter: Les Miniatures du Scivias – La connaissance des voies – de Sainte Hildegarde de Bingen, tirées du codex Rupertsberg, texte français de N. N. Huyghebaert OSB (Armaria Patristica et Mediaevalia 1), Turnhout 1977.
Adelgundis Führkötter: The Miniatures from the Book Scivias – Know the Ways – of St. Hildegard of Bingen from the illuminated Rupertsberg codex, English version by Fr. Hockey OSB (Armaria Patristica et Mediaevalia 1), Turnhout 1977.
Adelgundis Führkötter: De Miniaturen van het boek Scivias – ken de wegen – van de heilige Hildegard van Bingen uit de verluchte prachtkodex van Rupertsberg, Nederlandse tekst Dom Petrus van Aalst OSB (Armaria Patristica et Mediaevalia 1), Turnhout 1977
Marianna Schrader: Die Herkunft der heiligen Hildegard, neu bearbeitet von Adelgundis Führkötter (Quellen und Abhandlungen zur mittelrheinischen Kirchengeschichte 43), Mainz 1981.
Hildegard von Bingen: Quellen des Heils. Textauswahl, hg. von Adelgundis Führkötter OSB, Salzburg 1982.
Kosmos und Mensch aus der Sicht Hildegards von Bingen, hg. von Adelgundis Führkötter OSB (Quellen und Abhandlungen zur Mittelrheinischen Kirchengeschichte 60), Mainz 1987.
Angela Carlevaris OSB (21. Juni 1921 – 17. November 2015)
In Fiume (Rijeka), der damaligen freien Grenzstadt zwischen Italien und Kroatien, geboren, lernte Sr. Angela, mit Taufnamen Gigliola Aloysia, von früher Kindheit an die Vielfalt der Religionen, Sprachen und Kulturen kennen. Die Offenheit und das Interesse für das „andere“ bewahrte sie für ihr ganzes Leben lang. Zum Studium der slawischen Sprachen ging sie nach Padua, 1941 wechselte sie jedoch zum Studium der Altphilologie, das sie 1944 mit der Promotion in griechischer Geschichte abschloss. Im selben Jahr trat sie in den Konvent der Sacré-Coeur-Schwestern in Florenz ein. Nach ihrer feierlichen Profess wurde sie Lehrerin und später Studiendirektorin an dem Mädchengymnasium.
1969 wurde Sr. Angela in den Konvent nach Rom versetzt. In den unruhigen Zeiten nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil reifte in ihr die Entscheidung, sich klösterlich neu zu orientieren. Durch die Vermittlungen eines Mönches aus Maria Laach lernte Sr. Angela die Abtei St. Hildegard in Deutschland kennen und wurde am 6. Dezember 1970 dort aufgenommen. Zwei Jahre später, am 6. August 1972, übertrug sie ihre Gelübde auf die Abtei in Eibingen.
Bald begann sie die Arbeit mit Sr. Adelgundis Führkötter an der Edition des Scivias, die 1978 als die erste kritische Textausgabe von Hildegard im Verlag Brepols erschien. 1995 legte Sr. Angela nach jahrelanger beharrlicher Arbeit die kritische Edition des Liber vitae meritorum vor. Sr. Angela setzte sich auch dafür ein, die Kenntnisse von Leben und Werk der hl. Hildegard in Italien zu verbreiten und zu fördern. Dazu verbrachte sie immer wieder längere Zeiten in Mailand, wo sie an der Gründung des Hildegard-Studienzentrums, „Centro Studi St. Ildegarda“, maßgeblich beteiligt war.
Unbemerkt von der Außenwelt verlor Sr. Angela ab März 2002 ihr Sehvermögen. Selbst die zwei Augenoperationen konnten ihre Erblindung nicht mehr aufhalten. Im vollen Besitz ihrer geistigen Kräfte musste sie 2003 ihre wissenschaftliche Tätigkeit aufgeben. Sie ertrug ihre Situation tapfer und war bis zu ihren letzten Tagen erfüllt von Dankbarkeit und Heiterkeit. Ihre wissenschaftliche Kompetenz, mit der sie auch in den Jahren ihrer Blindheit vielen Wissenschaftlern half, bleibt ebenso unvergesslich wie ihr temperamentvolles fröhliches Wesen und ihre positive Einstellung zum Leben.
Herr Professor Dr. Michael Embach (Trier), mit der Sr. Angela in gegenseitiger Wertschätzung bis zu ihrem Tod verbunden war, würdigt in seinem wissenschaftlichen Nachruf die Bedeutung unserer lieben Mitschwester für die Hildegard-Forschung.
Publikationen
Hildegardis Bingensis: Sciuias, ed. Adelgundis Führkötter, collaborante Angela Carlevaris (Corpus Christianorum. Continuatio Mediaeualis 43-43A), Turnhout 1978.
Hildegardis Bingensis: Liber uite meritorum, ed. Angela Carlevaris (Corpus Christianorum. Continuatio Mediaeualis 90), Turnhout 1995.
Ildegarda di Bingen: Il centro della ruota. Spiegazione della Regola di San Benedetto (testo lattino a fronte), Traduzione e introduzione a cura di Angela Carlevaris, con un saggio di Patricia Alloni, Milano 1997.
Das Werk Hildegards von Bingen im Spiegel des Skriptoriums von Trier St. Eucharius (Mitteilungen und Verzeichnisse aus der Bibliothek des Bischöflichen Priesterseminars zu Trier 12), Trier 1999.
Die Vision der heiligen Hildegard von Bingen in der Vita Juttae (Mitteilungen und Verzeichnisse aus der Bibliothek des Bischöflichen Priesterseminars zu Trier 18), Trier 2003.
„De S. Hildegarde abbatissa (+ 1179)“, in Vox latina 15 (1979) 205-207.
„Scripturas subtiliter inspicere subtiliterque excribrare“, in Tiefe des Gotteswissens. Schönheit der Sprachgestalt bei Hildegard von Bingen, Internationales Symposium in der Katholischen Akademie Rabanus Maurus, Wiesbaden-Naurod vom 9.-12. September 1994, hg. von Margot Schmidt (Mystik in Geschichte und Gegenwart I 10), Stuttgart-Bad Cannstatt 1995, 29-48.
„Hildegard von Bingen. Urbild einer Benediktinerin?“, in Hildegard von Bingen. Prophetin durch die Zeiten, hg. von Edeltraud Forster, Freiburg/Basel/Wien 1997, 87-108.
„Ildegarda e la Patristica“, in Hildegard of Bingen. The Context of her Thought and Art, ed. by Charles Burnett, Peter Dronke (Warburg Institut Colloquia 4), London 1998, 65-80.
„Sie kamen zu ihr, um sie zu befragen. Hildegard und die Juden“, in Hildegard von Bingen in ihrem historischen Umfeld, Internationaler wissenschaftlicher Kongress zum 900jährigen Jubiläum 13.-19. September 1998, Bingen am Rhein, hg. von Alfred Haverkamp, Mainz 2000, 117-128.
„Hildegard von Bingen (1098-1179)“, in Dizionario Interdisziplinare di Scienza e Fede. Cultura scientifica, filosofia e teologia, a cura di Giuseppe Tanzella-Nitti, Alberto Strumia, 2 Bde., Rom 2002, 1846-1853.
Maura Zátonyi OSB (*2. November 1974)
Geboren in Szombathely (Ungarn), absolvierte Sr. Maura, mit Taufnamen Éva, 1993-1999 in der Hauptstadt Budapest ihr Studium der Klassischen Philologie. Zugleich trat sie 1994 in die Zisterzienserinnenabtei Kismaros ein, wo sie 1997 ihre zeitliche Profess ablegte. Bei einem zunächst für ein Jahr geplanten Aufenthalt in der Abtei St. Hildegard entschied sie sich 1999 für das benediktinische Leben in Eibingen. Dort erhielt sie den Namen Maura, der sie zu einem Auftrag wurde. 2004 legte sie ihre feierliche Profess ab. Da sie die Kenntnisse der klassischen Sprache mitbrachte, wurde sie unter Sr. Angela Carlevaris in die Hildegard-Forschung eingeführt. Ihre Äbtissin, Mutter Clementia Killewald, schickte sie 2007 nach Mainz, wo Sr. Maura 2011 bei Frau Professor Dr. Mechthild Dreyer über die Schrifthermeneutik bei Hildegard in Philosophie promoviert wurde. Wenige Wochen nach ihrer Rückkehr erhielt sie im April 2011 den Auftrag, in der Kommission zur Vorbereitung der Heiligsprechung und Erhebung Hildegards zur Kirchenlehrerin mitzuarbeiten. Zusammen mit Herrn Professor Dr. Rainer Berndt SJ erarbeitete sie die theologischen Gutachten, die die zentralen Kapitel der Positio super canonizatione ac ecclesiae doctoratu bildeten. 2012-2106 studierte Sr. Maura Theologie an der Philosophisch-Theologischen Hochschule Sankt Georgen (Frankfurt am Main), wo sie 2011-2015 gleichzeitig den Lehrauftrag in der Geschichte der Philosophie im Mittelalter erhielt. 2012-2013 war sie an der Konzeption un der Durchführung des internationalen und interdisziplinären Symposiums „Unversehrt und unverletzt. Hildegards von Bingen Menschenbild und Kirchenverständnis heute“ beteiligt, das die Abtei zusammen mit dem Hugo von Sankt Viktor-Institut (Frankfurt am Main), namentlich mit Professor Dr. Rainer Berndt SJ, 2013 im Erbacher Hof in Mainz veranstaltete. Neben ihrer Vortragstätigkeit gilt Sr. Mauras Einsatz der Übersetzung und der philosophisch-theologischen Erschließung der Werke Hildegards, sie befasst sich aber mit dem größeren Horizont des hildegardischen Lebenswerkes, indem sie sich auch der Erforschung der benediktinischen Ordensgeschichte im Frühmittelalter widmet.
Publikationen
Stand: September 2016
Vidi et intellexi. Die Schrifthermeneutik in der Visionstrilogie Hildegards von Bingen (Beiträge zur Geschichte der Philosophie und Theologie des Mittelalters. Neue Folge 76), Münster 2012.
(mit Rainer Berndt SJ): Glaubensheil. Wegweisung ins Christentum gemäß der Lehre Hildegards von Bingen (Erudiri Sapientia 10), Münster 2013.
„Gotteskräfte. Über die Tugenden bei Hildegard von Bingen“, in Erbe und Auftrag 84 (2008) 246-262.
(mit Stefan Albrecht): „Die Visionen Hildegards und der Disibodenberg. Bergdarstellungen in Vita S. Disibodi und Scivias“, in Als Hildegard noch nicht in Bingen war. Der Disibodenberg – Archäologie und Geschichte, hg. von Falko Daim und Antje Kluge-Pinsker, Regensburg/Mainz 2009, 173-181.
„Lebendige Ordnung. Über die Disziplin nach Hildegard von Bingen“, in Erbe und Auftrag 86 (2010) 154-171.
„Einführung“, in Hildegard von Bingen: Wisse die Wege – Liber Scivias. Eine Schau von Gott und Mensch in Schöpfung und Zeit, Neuübersetzung von Mechthild Heieck, hg. von der Abtei St. Hildegard, Rüdesheim/Eibingen, Beuron 2010, 6-13.
„»Die Gabe tiefsinnender Schriftauslegung.« Schriftverständnis durch Bildhermeneutik: Der Beitrag Hildegards von Bingen zu neuen Deutungsmustern der Bibel“, in Theologie und Glaube 103 (2013) 280-294.
„Christozentrische Anthropologie. Eine Studie zur modellhaften Schriftauslegung Hugos von Saint-Victor und Hildegards von Bingen“, in Wort Gottes. Die Offenbarungsreligionen und ihr Schriftverständnis, hg. von Josef Rist in Verbindung mit Christof Breitsameter (Theologie im Kontakt. Neue Folge 1), Münster 2013, 85-114.
„Kirchbauten, Buchstaben, Theologie. Die dreifache Rezeption des Rupertsberger SCIVIAS-Kodex“, in Erbe und Auftrag 90 (2014) 152-169.
„Hugo von Saint-Victor (+ 1141). Ordnung und Methode der Schriftauslegung“, in Studienbuch Hermeneutik. Bibelauslegung durch die Jahrhunderte als Lernfeld der Textinterpretation. Portraits – Modelle – Quellentexte, hg. von Susanne Luther und Ruben Zimmermann, Gütersloh 2014, 120-126 und 345-347.
„Hildegard von Bingen (1098-1179). Prophetie als Schriftauslegung“, in Studienbuch Hermeneutik. Bibelauslegung durch die Jahrhunderte als Lernfeld der Textinterpretation. Portraits – Modelle – Quellentexte, hg. von Susanne Luther und Ruben Zimmermann, Gütersloh 2014, 127-135 und 348-351.
„Der Mensch in der Mitte der Schöpfung. Christozentrische Dimensionen in der Anthropologie und der Kosmologie Hildegards von Bingen“, in Gießener Hochschulgespräche und Hochschulpredigten der ESG 25 (WS 2013-2014), Sonderausgabe Hildegard von Bingen, 9-23.
„Tempus praesens. Benediktinische Entwürfe aus dem 12. Jahrhundert über das Verhältnis des Menschen zur Zeit“, in Unversehrt und unverletzt. Hildegards von Bingen Menschenbild und Kirchenverständnis heute, hg. von Rainer Berndt in Verbindung mit Maura Zátonyi OSB (Erudiri Sapientia 12), Münster 2015, 99-120.
(mit Rainer Berndt SJ): „Leitlinien“, in Unversehrt und unverletzt. Hildegards von Bingen Menschenbild und Kirchenverständnis heute, hg. von Rainer Berndt in Verbindung mit Maura Zátonyi OSB (Erudiri Sapientia 12), Münster 2015, 15-22.
„Rectissima norma vitae humanae. Christusgelehrsame Schriftauslegung in der vita religiosa – eine Erkundung der Handschriften mit der Regula Benedicti in der Bibliothek der Pariser Abtei Saint-Victor“, in Diligens scrutator sacri eloquii. Beiträge zur Exegese- und Theologiegeschichte des Mittelalters, Festschrift für Rainer Berndt SJ zum 65. Geburtstag, hg. von Hanns-Peter Neuheuser, Ralf M. W. Stammberger, Matthias M. Tischler zusammen mit Christiane Storeck (Archa Verbi. Subsidia 14), Münster 2016, 311-349.
Hildegard von Bingen: Die Auslegung der Regel Benedikts. Explanatio Regulae Benedicti (Mitteilungen und Verzeichnisse aus der Bibliothek des Bischöflichen Priesterseminars zu Trier, hg. von Michael Embach 17), Trier 2003. [Aus dem Lateinischen ins Deutsche übertragen]
Császár István, Soós Viktor Attila: Der ungarische Tarsitius. Das Leben und Martyrium von János Brenner, Kőszeg (Ungarn) 2005. [Aus dem Ungarischen ins Deutsche übertragen]
Hildegard von Bingen: Das Buch der Lebensverdienste. Liber vitae meritorum, übersetzt und eingeleitet von Maura Zátonyi OSB, hg. von der Abtei St. Hildegard, Rüdesheim / Eibingen (Hildegard von Bingen. Werke 7), Beuron 2014. [Aus dem Lateinischen ins Deutsche übertragen]
Hildegard von Bingen: Über die Regel des heiligen Benedikt. De Regula Sancti Benedicti, übersetzt und eingeleitet von Maura Zátonyi OSB, in Hildegard von Bingen: Katechesen – Kommentare – Lebensbilder. Opera minora, hg. von der Abtei St. Hildegard, Rüdesheim / Eibingen (Hildegard von Bingen. Werke 9), Beuron 2015, 130-156. [Aus dem Lateinischen ins Deutsche übertragen]
Hildegard von Bingen: Prophetisches Vermächtnis. Testamentum propheticum, übersetzt und eingeleitet von Maura Zátonyi OSB, hg. von der Abtei St. Hildegard, Eibingen (Hildegard von Bingen. Werke 10), Beuron 2016 (im Druck). [Aus dem Lateinischen ins Deutsche übertragen]
„Interview mit Karl Rahner (1967)“, aus dem Ungarischen übersetzt von Maura ZÁTONYI OSB, in Karl Rahner: Sämtliche Werke, Bd. 31, hg. von Karl Lehmann, Johann Baptist Metz, Albert Raffelt und Andreas R. Batlogg SJ, Freiburg e.a. (im Druck).
Karl Rahner: „Wo ist die Grenzlinie? Karl Rahner über die schweren und die läßlichen Sünden sowie die heutige Beichtpraxis“, aus dem Ungarischen übersetzt von Maura ZÁTONYI OSB [Abdruck in deutscher Übersetzung], in Karl Rahner: Sämtliche Werke, Bd. 31, hg. von Karl Lehmann, Johann Baptist Metz, Albert Raffelt und Andreas R. Batlogg SJ, Freiburg e.a. (im Druck).
Boyd Taylor Coolman: The Theology of Hugh of St. Victor. An Interpretation, Cambridge 2010, X-247 S., in Francia-Recensio, 2012-2, Mittelalter – Moyen Âge (500-1500)
URL: http://www.perspectiva.net/content/publikationen/francia/francia-renecio/2012-2-1/MA/coolman_zatonyi, Zugriff vom 21. Juli 2012.
Joachim Ehlers: Otto von Freising. Ein Intellektueller im Mittelalter, München 2013, 383 S., in Theologie und Philosophie 89 (2014) 604-606.
Marco Rainini: Corrado di Hirsau e il „Dialogus de cruce.“ Per la ricostruzione del profilo di un autore monastico del XII secolo, Firenze 2014, XXVI + 436 S., 10 Tafeln, in Theologie und Philosophie 91 (2016) 297-299.
Michael Estler: Rigans montes (Ps 104,13). Die Antrittsvorlesung des Thomas von Aquin in Paris 1256 (Stuttgarter Biblische Beiträge 73), Stuttgart 2015, 415 S., in Theologie und Philosophie (im Druck).
Geschaut im lebendigen Licht. Die Miniaturen des Liber Scivias der Hildegard von Bingen, erklärt und gedeutet von Sr. Hiltrud Gutjahr OSB und Sr. Maura Zátonyi OSB, mit einer Kunsthistorischen Einführung von Lieselotte Saurma-Jeltsch, hg. von der Abtei St. Hildegard, Rüdesheim/Eibingen, Beuron 2011.
[1] Vgl. Führkötter 1980, S. 145.
[2] Lehmann 2015, S. 375.
[3] Siehe dazu Berndt/Zátonyi 2013, S. 15-17.
[4] Führkötter 1980, S. 140.
[5] Führkötter 1980, S. 140.
[6] Chronik im Archiv der Abtei St. Hildegard.
[7] Führkötter 1980, S. 144.
[8] Vgl. Schrader/Führkötter 1956, S. IX.
[9] Vgl. Chronik im Archiv der Abtei St. Hildegard.
Jahresrückblick Advent 2018 – Advent 2019
JahreschronikAdvent 2018 – Advent 2019
Liebe Mitschwestern und Mitbrüder,
liebe Verwandte und Freunde!
„Alle Jahre wieder…“ singt das bekannte Weihnachtslied und beschreibt auf kindgemäße Weise, was sich jedes Jahr an Weihnachten ereignet, ohne dass es den Kindern je zu viel würde. Trifft das auch auf uns zu, die wir erwachsen sind und so viele „wenn“ und „aber“ kennen? Alle Jahre wieder geschieht das Unerhörte, Ungesehene, Unbegreifbare – und viele gehen zur Tagesordnung über oder denken an Geschäfte und Geschenke.
Das Unerhörte, Machtvolle gibt auch dem Pinsel von Eberhard Münch, der in diesem Jahr eine vielbeachtete Werkausstellung in unserem Kunstkeller hatte, den Schwung, mit dem er im Titelbild unseres Jahresrückblicks die Weihnachtsszene gemalt hat: Da stürzt etwas von Himmel herab in einen kleinen Raum, wo ein paar Menschen versammelt sind – und zerschmettert sie nicht, sondern hält an, leuchtet, erhellt: ein Kind wird geboren! Wir sind eingeladen, diese Bewegung des Himmels nachzuahmen: das sich Hinneigen in Ehrfurcht, aber mit der ganzen Kraft und Glut der Liebe.
„Neige das Ohr deines Herzens“ – dieses Wort aus dem Prolog der Benediktsregel gab uns Mutter Dorothea zu Beginn des Jahres am 1. Advent mit auf den Weg. „Neigen, Zuneigen drückt eine elegante, einfühlsame, bescheidene und diskrete Bewegung aus. Wir sprechen auch im übertragenen Sinn von Zuneigung, wenn wir uns mit Empfindsamkeit, Liebe und Aufmerksamkeit einander zuwenden. Neige das Ohr deines Herzens: wer geneigt mit dem Herzen hört, kann vielleicht das Unmögliche hören, das er nie für möglich gehalten hätte – das ‚Unmögliche‘ vielleicht, dass etwas doch anders ist, als man es immer dachte, dass eine Wendung geschehen kann.“
Jahresrückblick 2019
Viriditas: Die Schöpfungskräfte im geistlichen Leben des Menschen
Geistliche Impulse / Hildegard von Bingen, Werk und WirkenIm fünften Kapitel ihres zweiten großen Visionswerkes “Welt und Mensch“ (Liber divinorum operum) schenkt uns die heilige Hildegard eine bedeutungsvolle Zusammenschau der schöpferischen Kraft Gottes im Sechs-Tage-Werk und dem geistlichen Leben des Glaubenden. Es ist die gleiche viriditas (Grünkraft), die das All vollendet und die Heilung des Menschen zum Ziel hat. Beides ist aufeinander bezogen und führt zur Heilung, zur Wiederherstellung der gestörten Schöpfungsordnung.
Um die Kraft der viriditas ein wenig zu verstehen, könnte man als Vergleich die Photosynthese der Pflanzen anführen. Sie besagt, dass das Blattgrün die „schöpferische“ Fähigkeit besitzt, Sonnenlicht aufzunehmen und es in Energie zu verwandeln, die für den Organismus lebensnotwendig ist. Dieser Stoffwechselvorgang ist einer der wichtigsten physiologischen Prozesse und Voraussetzungen für die Existenz des Lebens. Die Pflanze erhält mittels des Lichtes, einer von außen auf sie treffenden Energie, eine neue Qualität. In Analogie dazu ist festzustellen, dass auch die geistigen Schöpfungskräfte des Menschen im Aufstieg zu Gott in eine höhere Seinsstufe gehoben werden. Dabei verlassen wir den klassischen Weg-Gedanken des geistlichen Lebens: sich Gottes erinnern, zu Ihm rufen, gegen die eigene Schwachheit kämpfen, nach der Niederlage in Reue zu Gott umkehren und geheilt werden, und schließlich das Werk Gottes mit eigenem Tun in Beziehung setzen und damit zur Vollendung der Schöpfung beitragen.
Jetzt umkreisen wir eher das geistliche Leben, so wie auch die Seele mit ihrer Kraft das All umkreist.
Der erste Tag:
„Die Erde ist noch wüst und leer, von Finsternis und Chaos beherrscht. Der Geist Gottes schwebt über diesem Chaos. Und Gott spricht: ‚Es werde Licht!’“ (Gen 1,2f.)
In das Chaos bricht von oben her das Licht ein, hinein in die verworrene Masse. Die erste Kraft des Lichtes (prima virtus lucis) ist im Menschen die compunctio cordis, die Zerknirschung des Herzens, ein unerhörter Aufbruch zu Gott hin. Schmerzlich beglückt verlangt der Mensch aus seiner Gebrochenheit heraus nach Gott. Dieses Sehnen kommt vom Himmel her, auch wenn der Mensch der Sünde verhaftet bleibt. Die compunctio cordis ist wie ein unaufhörliches Tagen, das von keiner Finsternis verdeckt wird. Es ist ein bewegender Aufschrei: „Herr, erbarme dich meiner“, so beschreibt ihn Hildegard, „und wenn man alle Wüsten und Meere durchmessen könnte, würde man kaum das Ausmaß der Heilung mit all’ ihrer Freude und unbeschreiblichen Herrlichkeit bleibenden Lebens ermessen können“.
Uns mahnt sie: „Ihr verbietet eurer Seele dieses Sehnen und nötigt sie, keine Hilfe bei mir zu suchen. Wer aber kann jemandem antworten, dessen Stimme er nicht hört? Niemand. Ihr richtet ja keinen Ruf um Hilfe an mich. Welche Gabe (Heilung) soll dem gegeben werden, der gar nichts sucht, sondern vor dem Geschenk flieht? Ihr verlangt nichts mehr von mir.“
Der zweite Tag:
„ … es scheide sich Wasser von Wasser. Gott machte das Firmament…“ . (Gen 1,6f.)
Dieser beständige Prozess der Scheidung und Unterscheidung ist im Menschen die Kraft der discretio, der weisen Maßhaltung. Sie ist nicht so sehr ein opus, ein Werk, sie ist vielmehr die Unterstützung, der Halt für alles. Die Kraft der discretio ist entscheidend, bedeutend bis in die höchsten Stufen der Vollkommenheit. Solche Kraft berücksichtigt und unterscheidet beides: die Sehnsucht nach dem Himmel und die Sorge um das Irdische. Der Leib ist ja, so Hildegard, „im Feuer des Heiligen Geistes gestaltet worden. Er soll weder durch maßlos Auferlegtes Gutes wirken, noch durch negatives Verhalten zugrunde gehen.“ Er sollte im Wechsel von Gebet, Arbeit und Erholung leben.
Die discretio ist eine Treppe oder Leiter, auf ihr soll die Seele zum Himmel emporsteigen und zur Erde herunterklettern um des irdischen Bedürfnisses willen. Beides ist Gott wohlgefällig.
In einem Brief an eine besorgte Äbtissin rät die Meisterin Hildegard: „Sei Martha und liebe Maria!“
„So besteht das Gefüge der Tugend in beiden Lebensweisen, indem der Mensch in rechtem Maß die Unterscheidung trifft.“ Die discretio lenkt Leib und Seele und schafft feste Lebensgewohnheiten. Sie ist sozusagen ein Tugendgesetz, das das konkrete Leben mit einbezieht, die sanfte Rücksicht nimmt und Augenmaß hat (doctrina quae respicit ad vitam).
Der dritte Tag:
… es erscheine das Trockene. … Die Erde bringe Kräuter und Samen hervor. (vgl. Gen 1,9.11)
Die mütterliche Erde erhält die Kraft, Grünes hervorzubringen. Hildegard sieht in der Demut (humilitas – humus) die dritte Schöpfungskraft, d.h. der Mensch erkennt seine Schwachheit in seinem irdischen Leib. Der gefallene Engel Luzifer brach in Gelächter aus, als er den Plan Gottes vernahm, den Menschen in der Hinfälligkeit des Leibes zu schaffen. Er begriff nicht, dass Gott selbst sich zur Erde geneigt und das Gewand des Menschen angezogen hat, den Leib. Gerade in der Schwachheit des Leibes wollte Gott uns erlösen und den Teufel besiegen.
Demut heißt: auf die Niedrigkeit seines Fleisches schauen und bedenken, dass wir aus Ton sind. „Wie verwehende Asche bin ich vor dir.“ „Nur wer bei der Wurzel mit dem Aufstieg beginnt, kommt nicht so leicht zu Fall. Nur wer die Fühlung mit der Erde behält, kann den Himmel erreichen.“
Hildegard schreibt über die Verkündigung, dass Maria zuerst auf die Erde schaute, aus der sie genommen war, dann seufzte sie auf zum Himmel und sprach: „Siehe, ich bin die Magd des Herrn“.
Hildegard erklärt weiter: „Wenn das Wort einer Zurechtweisung angenommen wird, dann fällt der Same Gottes auf gute Erde und bringt die Frucht der virtutes, der Kräfte Gottes und der Tugend des Menschen hervor.“
Der vierte Tag:
„Es werden Lichter am Himmelsgewölbe…“ (Gen 1,14)
Aus den Gaben des Heiligen Geistes sollen Lichter hervorgehen, damit der Mensch Gott und seinen Nächsten liebe wie sich selbst. – Wie soll das geschehen?
„Mit der ganzen Kraft seiner Seele (viriditas) soll der Mensch beharrlich zu Gott flehen und nicht – gleichsam von außen her – glaubenslos, einen anderen Helfer als Gott suchen, sondern kraftvoll, ohne zu wanken auf Gott schauen.“ Es überrascht, dass Hildegard das als einzige Notwendigkeit vermerkt, will man der Liebe Ausdruck geben. Den Nächsten zu lieben, heißt zuerst einmal, nicht würdelos mit ihm umzugehen, als sei er der Untergebene. Immer die Würde des anderen respektieren! „Erde verwirft die Erde nicht, ihr seid eine Erde!“ Dann gilt es, die Bedürfnisse des anderen zu sehen, ihm zu helfen, ihn nicht zu verachten, sondern Gemeinschaft mit ihm zu haben.
Der fünfte Tag:
„Das Wasser bringe Kriechtiere hervor und die Vögel über der Erde unter dem Himmel!“ (Gen 1,20)
Hier setzt Hildegard die contemptio mundi, den Abstand, die innere Distanz von der Welt an. Das Herz solle weder an Güter noch an Laster gebunden werden. (Man denke an den Hochmut, den Eigenwillen, die Habsucht etc..) Nichts festhalten wollen, an nichts kleben und haften, sich selbst beherrschen in Beten, Fasten und Enthaltsamkeit. Gleichsam wie die Vögel zum Himmel fliegen können.
Es folgen bei Hildegard bemerkenswerte Aussagen: „Wer alles um meines Namens willen verlässt [Eigenwille, Begierden, Hochmut] und auf mich schaut, der wird hundertmal so viel Ruhe, den Frieden des Herzens (quies cordis) auf irdische Weise empfangen, gerade weil er die Sorge um das Irdische abgelegt hat und mir [Gott] gefolgt ist … . Ein solcher Mensch verlässt die Welt und durchdringt sie zugleich mit dem Tau des Heiligen Geistes. Er zieht Scharen von Menschen an sich, so dass viele in Gott wiedergeboren werden … . Ein solcher Mensch ist in allem gelöst und heiter.“
Doch gerade auf der hohen Stufe der Vollkommenheit warnt Hildegard vor der Maßlosigkeit. „In allem aber soll der Mensch sich das rechte Maß auferlegen. Die discretio allein ist es, die die Distanz von der Welt lenkt, dass sie nicht im Überschwang des Geistes höher steige, als sie getragen werden kann.“
Der sechste Tag:
„Die Erde bringe lebendige Wesen hervor … . Und Gott sprach: ‚Lasst uns Menschen machen nach unserem Bilde!’“ (Gen 1,24.26)
Der sechste Tag ist dem Gehorsam zugeordnet: jener starken Kraft, die in Gott dem Tod seine Macht nimmt. Alle Geschöpfe sind dem Menschen untertan (gehorsam). Der Mensch kann nach dem Beispiel Christi seinen Eigenwillen aufgeben, den Geboten Gottes und den Weisungen heiliger Lehrer gehorchen. Und er ist auch anderen Menschen im Gehorsam untertan. Darin liegt für Hildegard ein Doppeltes, nämlich ein männliches und ein weibliches Tun. Einmal ist es die große Kraft des Gehorsams, die weder vor sich noch vor einem anderen feige jedweder Ungerechtigkeit ausweicht. Gott selbst ist diese Kraft der Gerechtigkeit im Gehorsam des Menschen. Hildegard schreibt an die Mainzer Prälaten einen Brief, in dem sie für die Gerechtigkeit ungeschminkt eintritt. „Die Gerechtigkeit Gottes ist eine starke Kämpferin gegen die Ungerechtigkeit, bis diese besiegt am Boden liegt.“ Dem Gehorsam wohnt aber noch eine zweite Kraft inne, die Hildegard dem Wirken der Frau zuschreibt: „So wie Gott sich des Elends des Menschen annimmt und in seine Reue das Öl der Barmherzigkeit gießt, so soll sich auch der Mensch des anderen barmherzig annehmen.“ An anderer Stelle lässt die hl. Hildegard dies poetisch anklingen:
„Die Seele ist wie der Wind, der über die Kräuter weht,
und wie Tau, der auf die Gräser träufelt
und wie Regenluft, die wachsen macht.
Genauso ströme der Mensch sein Wohlwollen aus
auf alle, die da Sehnsucht tragen!
Ein Wind sei er, indem er den Elenden hilft,
ein Tau, indem er die Verlassenen tröstet
und Regenluft, indem er die Ermatteten aufrichtet,
und sie mit der Lehre erfüllt wie Hungernde,
indem er ihnen seine Seele gibt.“
Der siebte Tag:
„Also wurden vollendet Himmel und Erde…“ (Gen 2,1)
Am siebten Tag schaut Gott in den Schoß der Jungfrau wie der Adler in die Sonne schaut und bringt alles zur Vollendung in Seinem Sohn. Er ist gewissermaßen die Vollendung, das siebte Werk Gottes. Im Reich der Welt trägt er dann in Maria die Vollendung hinein in die Kirche. Er ist der kostbare Edelstein, mit dem Gott all’ seine Werke schmückt. Gott ruht aus in seinem Sohn von seinen Werken. Der Sohn fängt an, im Schoße der Jungfrau zu wirken.
Er, der Sohn, ist die interiora benedictio, die innerste, tiefste Segnung, die Heilung. Der Mensch aber vermag an seiner Vollendung mitzuwirken, indem er den göttlichen Sohn nachahmt. Und worin besteht solche Nachahmung vor allem?
So wie Christus uns in die Fülle der Freude gehen lässt, indem Er uns jede Schuld vergibt, die wir ehrlich bekennen und bereuen, so ist es die größte Würde und Herrlichkeit des Menschen, wenn er wie Christus jedwedes Unrecht seinem Nächsten vergibt. Auf diese Weise wird dann der Mensch in der Vollendung seines geistlichen Lebens zum Segen, zur Heilung für die Wunden und Unversöhnlichkeiten der ganzen Welt. Wir werden immer nur diese oder jene der schöpferischen Kräfte Gottes in unserem Wirken „gebären“, und doch stehen wir schon im Gefüge des Ganzen, denn alles antwortet einander. Im Bekenntnis unserer Schwachheit aber ist es uns jederzeit möglich, das Licht Gottes über unserem Chaos aufleuchten zu lassen. Wer solchermaßen im Glauben offen bleibt für den Heiligen Geist, wird – so Hildegard – habilitas, d.h. bewohnbar nicht nur für Gott, sondern auch für die Mitmenschen. Er kann ihnen bei sich Heimat geben, Gastfreundschaft im tiefsten Sinne gewähren. Wie viel Sehnsucht gibt es heute danach! Darüber hinaus entsteht ein Stück konkret „bewohnbare“ Erde.
In jenem fünften Kapitel ihres Visionswerkes sieht die Prophetin die Erde in bewohnbare und unbewohnbare Bereiche aufgeteilt; nicht im geographischen Sinne, dennoch nicht irreal oder imaginär, sondern wirklich vorstellbar. Man kann auch die Gestalt der Seele oder eines Engels nicht beschreiben, und doch sind diese Unsichtbaren real und sehr stark da. Die Unbewohnbarkeit ist für Hildegard eines der Symptome der zerfallenen Schöpfung. In Jer 22,6 heißt es: „Sion, ich mache dich zur unbewohnbaren Stadt.“ Ein solches Wort mag stellvertretend stehen für die vielen Gerichtsworte der Hl. Schrift. Auf der anderen Seite hören wir die Heilsverheißungen Gottes an Sein Volk: „Ich führe dich zur bewohnten Stadt. Israel soll in Sicherheit wohnen.“
Anmerkung:
Die sieben Tugendkräfte – Zerknirschung des Herzens (compunctio cordis), Unterscheidung, weise Maßhaltung (discretio), Demut (humilitas), Liebe, ganze Kraft der Seele (viriditas), Enthaltsamkeit, innere Distanz, (contemptio mundi), Gehorsam (oboedentia) und Barmherzigkeit (misericordia) – werden von der hl. Hildegard – sozusagen in einer Art ‚Selbstvorstellung’ – in ihrem Werk „Der Mensch in der Verantwortung“ (Liber vitae meritorum) beschrieben.
Es ist kein Zufall, dass die Barmherzigkeit bei Hildegard in das grüne Gewand der viriditas gekleidet ist, jener Grünkraft, die die elementare Lebenskraft überhaupt ist.
Sr. Caecilia Bonn OSB
Jahreschronik Advent 2017 – Advent 2018
Jahreschronik„Fürchtet euch nicht, denn siehe,
ich verkünde euch eine große Freude,
die allen zuteilwerden soll.“
(Lk 2,10)
Advent 2017 – Advent 2018
Liebe Mitschwestern und Mitbrüder,
liebe Verwandte und Freunde!
Die Nähe des Festes der Menschwerdung Gottes rückt den Menschen selbst, seine Würde und seine Aufgabe in unser Blickfeld. Die heilige Hildegard schrieb einmal: „Des Menschen Heimat ist Gott, und dem Geheimnis von Gottes Liebe verdankt er seine Entstehung. Der Mensch ist ein Bild Gottes und ein Partner aller Kreaturen der Welt. So war es Gottes Plan von Anfang an.“ In unserem Jahresbericht wollen auch wir nun ausdrücklich die Menschen in den Blick nehmen, aus denen unsere Gemeinschaft besteht, und diese durch das vergangene Jahr begleiten.
Klostersprache von A – Z
Information, NoviziatA B C E H I K L M N O P R S V Z
A
B
Die Benediktsregel besteht aus einem Prolog und 73 Kapiteln:
A B C E H I K L M N O P R S V Z
C
E
A B C E H I K L M N O P R S V Z
H
Siehe Stundengebet
A B C E H I K L M N O P R S V Z
I
K
A B C E H I K L M N O P R S V Z
L
M
A B C E H I K L M N O P R S V Z
N
O
A B C E H I K L M N O P R S V Z
P
A B C E H I K L M N O P R S V Z
R
S
Taufe, Firmung, Eucharistie nehmen den Menschen in die Gemeinschaft der Gläubigen auf; Ehe und Weihe (Diakon- Priester- und Bischofsweihe) stärken die Empfänger für ihren Ehebund bzw. für ihren Dienst in der Kirche; Beichte und Krankensalbung sind die Sakramente der Heilung.
Geschriebene Form: Sr. + Vorname.
Der heilige Benedikt teilt das tägliche Stundengebet in Horen (lat. hora „Stunde“) ein:
A B C E H I K L M N O P R S V Z
V
Z
Bildband über die Wandmalereien unserer Abteikirche
Unter dem Titel „Gotteswohnung – Die Wandmalereien der Abteikirche St. Hildegard als ein Hauptwerk der Beuroner Kunstschule“ ist die Doktorarbeit unserer Sr. Klara Antons OSB im Beuroner Kunstverlag erschienen. Der sehr schön gestaltete Band mit einer Fülle von bisher unveröffentlichten Bildern untersucht den konkreten, beuronisch gefassten Kirchenraum unserer Abteikirche, die in den Jahren 1907-14 von den Malerinnen und Malern der Beuroner Kunstschule unter Leitung von Pater Paulus Krebs ausgemalt wurde. Die Mönche und Nonnen der Beuroner Kunstschule wussten um die liturgieprägenden Qualitäten von Raumgestaltung und Einrichtung, von Farbe und Bewegung, von Zeit und Klang.
Der Band hat 384 Seiten und enthält 277 Abbildungen. Er ist ab sofort über unseren Klosterladen (klosterladen@abtei-st-hildegard.de) zum Preis von € 34,80 zu erwerben.
Hier finden Sie eine Zusammenfassung des Bandes und seiner Ergebnisse:
Virulentes Thema gegenwärtiger Liturgiewissenschaft ist der Stellenwert sakraler Räume in einer sich radikal verändernden Gesellschaft. Neuere Forschungen belegen, dass die auratische Wirkung religiöser Orte und Räume stärker als vor einigen Jahrzehnten wahrgenommen und gesucht wird. Die vorliegende Arbeit untersucht den konkreten, beuronisch gefassten Kirchenraum der Abteikirche St. Hildegard in Rüdesheim am Rhein (Ausmalung 1907-14). Die Mönche und Nonnen der Beuroner Kunstschule wussten um die liturgieprägenden Qualitäten von Raumgestaltung und Einrichtung, von Farbe und Bewegung, von Zeit und Klang. Der Anspruch der Kunstschule war nicht nur die christliche Kunst zu reformieren, sondern durch die Rückkehr zu den Wurzeln der Gotteserfahrung der „Alten“ den Lebensraum für die Erneuerung des Mönchtums und der Liturgie zu schaffen.
Die als „Beuroner Kunst“ bezeichnete Gesamtgestaltung kultisch/liturgischer Räume ist hervorgegangen aus der gegenseitigen Befruchtung des 1863 in Beuron neugegründeten benediktinischen Reformklosters und einer Künstlergruppe um Peter Lenz (1832-1928), Jakob Wüger (1829-1892) und Fridolin Steiner (1849-1906), die später selbst Mönche wurden unter den Namen P. Desiderius, P. Gabriel und P. Lukas. Die Begegnung mit der altägyptischen Kunst, vermittelt durch die Forschungsberichte der Königlich-Preußischen Expedition nach Ägypten von 1842-45 von Karl-Richard Lepsius, bestärkte in Lenz das Streben nach Überwindung der – seiner Ansicht nach – gefühlvollen Kunst des Historismus und Naturalismus hin zu einer objektiven christlichen Kunst, die überzeitlich gültige religiöse Wahrheiten ausdrücken sollte. Das Zentrum dieser Suche bildet Lenz‘ Arbeit am Kanon, einer aus der Geometrie abgeleiteten Proportionslehre, die zur allgemeingültigen Richtschnur und Konstruktionsgrundlage der Darstellungen der Kunstschule wurde. Durch die strikte Einhaltung des Kanon sollte alle Subjektivität in der Darstellung vermieden werden.
Forschungen zur Beuroner Kunst haben bisher vor allem deren Genese und Stellung in der Kunst der Moderne erarbeitet. Es wurde jedoch noch nie versucht, an einem großen, in sich geschlossenen Werk der Kunstschule dessen Dimensionen aufzuspüren, aufzuzeigen und deren Wirkungen auf die Betrachter und Betrachterinnen zu untersuchen. Die Abtei St. Hildegard bietet sich dafür an, weil sie der einzige Ort in Europa ist, an dem eine fast geschlossene Beuronische Gestaltung und monastische Liturgie noch zusammen kommen.
Die Fragestellung steht unter einem deutlichen Erwartungshorizont. Am Ende der Untersuchung sollen Grundlagen und Horizonte für die Sanierung des Raumes stehen, für die ein theologisches Gesamtkonzept gegenwärtiger klösterlicher Liturgie in diesem konkreten Raum zu entwerfen ist und in dem kunstgeschichtliche und denkmalpflegerische Positionen ihren je eigenen Stellenwert erhalten.
Die vorliegende Arbeit ist dafür in vier große Teile gegliedert. Im ersten Teil wird einleitend die Geschichte der Abtei St. Hildegard dargestellt. Neben der Bauforschung wird hier auch ein erster Überblick über das theologische Konzept der Ausgestaltung der Kirche und dessen Veränderungen in den 1960er Jahren geboten.
Der zweite Teil besteht im Kern aus einer nur leicht kommentierten und mit zeitgenössischem Bildmaterial illustrierten Quellenedition zum Wirken der Kunstschule für die Zeit der Ausmalung in St. Hildegard. Dadurch können sich die Leser und Leserinnen selbst ein Bild machen von den Erwartungen und Handlungsimpulsen der beteiligten Persönlichkeiten. Die Edition der Quellen zum Entstehungszusammenhang des Gesamtkunstwerkes der Eibinger Abtei St. Hildegard bietet nicht nur einen detaillierten Einblick in die komplexe Entstehungsgeschichte der Wandgemälde, sondern zeigt darüber hinaus viele Einzelheiten und Zusammenhänge zum Klosterleben und zur Organisation der Kunstschule am Anfang des 20. Jahrhunderts auf.
Der dritte Teil wertet die Quellen aus, untersucht die Malereien der verschiedenen Raumteile im Einzelnen und zeigt ihre Genese, Vorbilder, Deutungen und Wirkungen auf. Mit dem Rekurs auf die verschiedenen altägyptischen Vorlagen wird der Blick über Bekanntes hinaus geweitet. Durch die Erforschung der einzelnen Wandbilder (zusammen mit den Ergebnissen des vierten Teils) wird gleichzeitig eine Art Raumbuch geschaffen, sodass in nahezu vollständiger Weise zu jedem Bild Vorlagen, Entwürfe, Kartons, historische Fotos und Unterlagen zu Restaurierungen und Veränderungen bis hin zum materialen Schichtaufbau der Wände greifbar werden. Die Betrachtung bleibt aber nicht auf der pragmatischen Ebene, sondern nimmt auch die geistes- und theologiegeschichtlichen Hintergründe in den Blick. Das Ziel ist eine theologisch-spirituelle Erschließung des ikonografischen Konzepts als Grundlage für einen adäquaten Umgang mit dem Raum und seiner restauratorischen Ertüchtigung in Hinblick auf Liturgie und Spiritualität, aber auch in Hinblick auf wachsende Touristenströme.
Im vierten Teil werden die technischen Daten zur Malerei aufgearbeitet und die im Laufe der Zeit vorgenommenen Veränderungen untersucht. Den wichtigsten Teil nimmt hierbei die Aufarbeitung des Prozesses ein, der zur Übermalung der Malereien im Frauenchor geführt hat.
Als Ergebnisse stehen in Kapitel fünf unter dem Titel Perspektiven einerseits die Eckdaten für den anstehenden Prozess der Erstellung eines soliden Sanierungs- bzw. Restaurierungskonzeptes, bei dem es gilt, Denkmalpflege und Liturgie, ökonomische und ökologische Gesichtspunkte, Außen- und Innenperspektive miteinander in Einklang zu bringen. Darüber hinaus betrachtet die theologische Reflexion die gewonnenen Ergebnisse von der Meta-Ebene aus und beleuchtet ihre kirchliche und gesellschaftliche Relevanz.
Dabei wird deutlich, dass Beuroner Kunst – entgegen dem Vorurteil – keine flache Schablonenmalerei ist. Thomas Holenstein und Paulus Krebs haben eine geniale kontextuelle Theologie für den Frauenchor entworfen, deren Verlust durch Übermalung sowohl aus kunsthistorischer als auch frauentheologischer Perspektive schwer wiegt. Die Bildfindung der Beuroner Malerei in St. Hildegard ist überraschend neu und unangepasst. Die Darstellungen sind Ausdruck des Selbstverständnisses der Nonnen, die ihren aufgetragenen Dienst – den Vollzug des kirchlichen Stundengebetes – gewissenhaft und selbstbewusst als gleichsam priesterlichen Dienst wahrnehmen. Insgesamt ergibt sich ein verblüffend modernes theologisches Konzept, welches die beiden Seiten der Liturgie dargestellt, lange vor den diesbezüglichen Aussagen des Zweiten Vatikanischen Konzils. Dort wird ausgesagt, dass christlicher Gottesdienst ineinander verschränkt Ereignis ist, das uns geschieht, und Tun, das wir vollziehen. „Opus Dei“, so der Fachbegriff benediktinischen Gottdienstes, ist zugleich Gottes Werk an uns und unser Werk für Gott. Die geschenkhafte (katabatische) Dimension ist im Kirchenschiff zum Ausdruck gebracht, die darbringende (anabatische) im Nonnenchor. So ist die Abteikirche mit ihrer Beuronischen Malerei kein purer Versammlungsraum. Sie ist christlicher Sakralraum und darüber hinaus religiös offener Transzendenzraum.
Darüber hinaus ist der Kirchenraum nicht nur, wie ausgehend dargelegt, „Subjekt“ der Liturgie, sondern wirkt durch seine Ausstrahlung auch als „Subjekt“ der Denkmalpflege. Das bedeutet einerseits, dass der Kirchenraum quasi selbst für seine Erhaltung verantwortlich ist. Wenn seine Stellung – überregional und international bekannt durch die Verehrung der hl. Hildegard – so ist, dass er auch als Identifikationspunkt für die Stadt Rüdesheim und den Rheingau wirkt, ist seine Erhaltung das Anliegen vieler. Wenn die Identifizierung dazu noch familiär, lebensgeschichtlich und emotional ist, kann sie enorme Ressourcen freisetzen, diesen geistlichen Mittelpunkt zu erhalten. Damit ist zugleich ausgesagt, dass Kirchenräume eben nicht nur „Adiaphora“ sind, sondern konstitutiv für den Glauben und die Beheimatung in der Glaubensgemeinschaft. Ein nur virtueller Besuch kann diesen Eindruck nicht vermitteln. Der technische Fortschritt kann nicht die Einkehr am „heiligen Ort“ ersetzen. Dem entspricht, dass Globalisierung nicht identisch ist mit fortschreitender Homogenisierung aller Kulturen, sondern es vielmehr immer unterschiedene, unterschiedliche Identitäten gibt und geben wird. Durch „Glokalisierung“, den „spatial turn“ zum einzigartigen Ort werden Räume der Selbsttranszendenz neu wahrgenommen. Kulturdenkmäler erlauben einzutreten in eine fremde und offene Welt, einen Hybridraum der Transzendenz. Kirchen stellen ein Angebot dar für Menschen, die nach Orientierung und Sinn suchen; und das auf mehreren verwobenen Ebenen: der Ebene des Religiösen, der Kunst und der Zeit.
Die Beuronische Ausmalung in St. Hildegard bietet einen Einstieg in den Andersort auch durch die „Heterochronie“ der dargestellten Szenen. Die Arche Noah mit ihren altorientalischen Parallelen, der Sphinx und viele andere Details für die altägyptische Kultur, der Altar des unbekannten Gottes und die Siegeskränze der Heiligen für den griechischen Kulturkreis und die Zitation der römischen Basiliken für den lateinischen. Dargestellt ist eine „Anhäufung von Zeit und Wissen am unerschütterlichen Ort“. Durch die Bilder hat der Kirchenraum „Haken“ oder „Passstellen“ in die wie ein Puzzle-Stück passgenau jeweils aktuelle Blickpunkte und Theologien verankert wurden und verankert werden können. Der Anhäufung von Zeit entsprechen eine Anhäufung von Energie der Verehrung und Klangspuren, die die Raumqualität quasi materiell verdichten. Der bergende Kirchenraum verbindet mit den Generationen von Vorfahren am Ort und dargestellten Heiligen und öffnet den Blick in die Zukunft. Damit ist der Kirchenraum die „materialisierte Erinnerung an die Erinnerung“.
Diesen besonderen und wirkungsvollen Ort gilt es zu bewahren. Ihn den verschiedensten Menschen, auch den zufällig vorbeikommenden Wandernden und Touristen und Touristinnen als Sinnort und Transzendenzort offen zu halten ist eines, ihn darüber hinaus als Liturgieort erkennbar lebendig und inspirierend zu nutzen, könnte ihn noch mehr zu einem spirituellen Kraftort für Suchende und zu einem Glaubenszentrum in der Diözese werden lassen. Ein Drittes ist, die Malerei auch wieder oder neu als besonderes Kulturphänomen, als außergewöhnlichen Kunst- und Kulturschatz zu begreifen, der den Rheingau und die Stadt Rüdesheim am Eingangstor zum Unesco-Weltkulturerbe Oberes Mittelrheintal bereichert.
15.01.2018
Gast im Kloster, WeingutWanderwege rund ums Kloster
Allen Wanderfreunden empfehlen wir folgende Wege, die alle an unserer Abtei direkt vorbeiführen:
Der „Rheinsteig“ ist ein inzwischen sehr bekannter, anspruchsvoller Fernwanderweg, der auf einer Länge von rund 320 Kilometern dem Mittelrhein und dem nördlichsten Teil des Oberrheins auf der rechten Rheinseite folgt.
Der „Rüdesheimer Hildegard-Weg“ wurde als Ergänzung zum „Binger Hildegard-Weg“ angelegt und steuert auf 6,7 km Länge die rechtsrheinischen Wirkungsorte der heiligen Hildegard, d.h. die Wallfahrtskirche in Eibingen und unsere Abtei St. Hildegard, an. Der Weg, der speziell für Hildegard-Freunde und für die vielen Tagestouristen, die Rüdesheim besuchen, konzipiert wurde, ist ein leicht gängiger Wanderweg, der die wunderschöne Rheinlandschaft mit stiller Einkehr und einem ersten Einblick in Leben, Werk und Zeit der heiligen Hildegard miteinander verbindet.
Höher sind die Anforderungen dann wieder an den „Rheingauer Klostersteig“. Er verbindet Kloster Eberbach in Eltville und die Klosterkirche Marienhausen (auf dem Gelände des St. Vincenzstiftes in Rüdesheim-Aulhausen) und ist 30 km lang. Auf dem Weg macht er Station am ehemaligen Kloster Johannesberg, an den Klöstern Marienthal und Nothgottes sowie an unserer Abtei.
Der „Hildegard von Bingen – Pilgerwanderweg“ führt an den verschiedenen Lebensstationen der heiligen Hildegard vorbei. Der 136 Kilometer lange Wanderweg startet in Idar-Oberstein und geht über Bermersheim und Niederhosenbach, den beiden möglichen Geburtsorten Hildegards, weiter zur Ruine des Klosters Disibodenberg, in dem Hildegard 40 Jahre ihres Lebens verbrachte. Der Pilgerwanderweg führt schließlich über Bingen zum Schrein der heiligen Hildegard in der Wallfahrtskirche in Eibingen und hinauf zu unserer Abtei St. Hildegard.
Wanderkarten, Infomaterial und Pilgerpässe sind in unserem Klosterladen erhältlich! Pilgerstempel für den Klostersteig und den Hildegard von Bingen – Pilgerwanderweg bekommen Sie auch in unserem Klosterladen oder in unserem Inforaum.
Wanderwege rund ums Kloster