Die Musik der heiligen Hildegard ist ohne den Hintergrund ihrer benediktinischen Lebensform nicht zu verstehen. Schon mit 14 Jahren begann für Hildegard das klösterliche Leben im Schatten eines Mönchskonventes. Mit 16 Jahren entschied sie sich auf Lebenszeit für die benediktinische Lebensform. Die heutige Interpretation der Hildegard-Musik ist häufig gelenkt von der Suche nach „Außergewöhnlichem“. Hier nun ein anderer Ansatz: Ihre benediktinische Lebensform, ihr Alltag, der zunächst der gewöhnliche in einem benediktinischen Kloster war.
1. Benediktinische Liturgie im Mittelalter – das Umfeld Hildegards
Wie sah Mönchtum, benediktinisches Leben zur Zeit Hildegards aus? Ja, man darf wohl sagen, das sich viele Spuren, die Grundwerte, bis in unsere Tage erhalten haben. Mönchtum nach Benediktusregel bedeutet, dem Gottesdienst nichts vorziehen. Der Glaube der Mönche äußert sich nirgendwo so intensiv wie in der Liturgie – leiturgia: Gottes Werk an uns, unser Werk für ihn – Dienst. Liturgie steht im Mönchtum in engster Verbindung mit dem gesamten monastischen Leben. Allein schon die Tagesordnung in einem mittelalterlichen Kloster zeigt dies auf: das Opus Dei ist die Hauptpflicht eines Klosters im Mittelalter. Gleichzeitig ist sie damit auch Quelle aller monastischen Bildung zu der sie gleichzeitig anregte und worin sie sich verwirklichte, denn in ihr begegnet der Mönch zu einem großen Teil der Hl.Schrift und den Gedanken der Kirchenväter, also der theologischen Überlieferung. In der Liturgie fand die monastische Bildung aber auch ihre vornehmliche Ausdrucksmöglichkeit. Für die Liturgie, oder durch sie angeregt, verfaßten die Mönche ihre meisten Schriften, ja man darf auch sagen: ihre Meisterwerke, die heute zum Allgemeingut abendländischer Liturgie geworden sind. Liturgie, d.h. hier im weitesten Sinn: alle Ausdrucksformen des Gebetes. Im Mittelalter gewinnt immer mehr die besondere Hochschätzung des öffentlichen Gottesdienstes an Bedeutung, ja sie wird zum Merkmal monastischen Lebens schlechthin. Das ganze monastische Leben verlief unter dem Zeichen der Liturgie, im Rhythmus des Stundegebetes, der Zeiten und Feste des Kirchenjahres. Liturgie war einfach das Beherrschende im Mönchsleben, die Sorge: Gott in allem zu verherrlichen. Dieses Grundanliegen kommt in allen Schriften zum Ausdruck und zwar in dreifacher Hinsicht:
1. Schriften, die Themen der Liturgie behandeln
2. Texte, die für den Gebrauch im Gottesdienst bestimmt waren
3. Schriften, die den Einfluß der Liturgie auf die Frömmigkeit der Mönche bezeugen.
Im Zusammenhang des Themas interessiert besonders der 2.Punkt: Die Schriften, die die Mönche für die Liturgie verfaßten. In diesen Jahrhundert entstehen eine Fülle neuer Texte: Tropen, Hymnen, Sequenzen – Gedichte von höchster künstlerischem Wert – bis hin zu Mysterienspielen. Alle diese Werke haben nur das eine Ziel: Gott zu loben, ihm Antwort zu geben auf seine Liebe. So schreibt z.B. Walter von Coincy, daß alle Mönche in seinem Kloster „die lieblichen Litaneien, die schönen und süßen Sequenzen mit lauter Stimme und in hellen Tönen“ sangen. Es gab sogar Klöster, die ein Fest einsetzten oder einen Festrang erhöhten, nur um der Freude willen, dabei schöne Texte zu singen oder vorzutragen.
Was kennzeichnete diese Literatur?: Sie nährten sich aus der Bibel und den Schriften der Väter. Die Ausdrucksweisen sind konkret und reich an Bildern. Ihre Worte wiegen weniger durch das, was sie sagen, als durch das, was sie sagen wollen; die Kraft der Vergegenwärtigung ist größer als die begriffliche Genauigkeit. Jedes Wort gleicht einer Note, die den ganzen Akkord zum Klingen bringt. Die mittelalterlichen Autoren bedienen sich der Worte der Heiligen Schrift in freier, harmonischer Form. Die großen Heilswahrheiten der Offenbarung stehen im Mittelpunkt ihrer Frömmigkeit, ihres Denkens. In ihren Gottesdiensten feiern die Mönche die Geheimnisse der Erlösung, die Heiligen, die deren lebendige zeugen waren, die Gottesmutter Maria, in der sich die Geheimnisse des Glaubens erfüllt haben. In allen Dichtungen spiegeln sich froher Glaube, glühende Begeisterung, innige Freude und Vertrauen in die Führung Gottes wider. Freude an Gott, an seinen Wohltaten in der Schöpfungen – das mußten die Mönche des Mittelalters einfach heraussingen, herausjubeln und immer wiederholen.
Nun mußten die Texte aber noch in eine musikalische Form gebracht werden. In ihren Gottesdiensten wurde – und bei uns in Eibingen wird es bis auf den heutigen Tag – alles gesungen. Gottesdienst war aber selbstverständlich kein Konzert oder primär ästhetisches Tun. Ja im „Speculum virginum“ (unbekannter Verfasser) wurde sogar gesagt: „Lieber mit rauher Stimme singen als sich im Chor langweilen.“ „Musicus et monachus“ – das war für mittelalterlichen Mönche ein wichtiges Zusammenspiel in einer Persönlichkeit (Guido v. Arezzo). Sie wurden Musiker, weil sie Mönche waren. In allen ihren Schriften stehen nebeneinander Theorien über modi und toni und Gedanken über Liturgie und monastisches Leben. Der Zweck ihrer Arbeit sahen sie darin, ihren Mitbrüdern zu helfen, sich durch einen wohlgeordneten einmütigen Gesang dem Lobpreis anzuschließen, den das All und die Engel Gottes darbringen und schon auf Erden den ewigen Gesang im Himmel vorwegzunehmen.
Insgesamt kann man sagen: Die Liturgie hat dem ganzen Leben der Mönche, der ganzen monastischen Kultur ihr Siegel aufgedrückt. Die Liturgie und ihre Feste haben den Lebensrhythmus der Mönche geprägt. Umgekehrt gilt: Die Liturgie ist Widerschein und Krönung ihrer Kultur. In den Texten und Kompositionen verdichtet sich die Theologie der Mönche, fand ihre Sehnsucht nach Gott den ihr angemessenen Ausdruck. In der Liturgie hatten die Mönche Anteil am ewigen Lobgesang
2. Hildegards musikalisches Schaffen im Rahmen ihrer benediktinischen Lebensform
„Nunc omnis ecclesia in gaudio rutilet ac in symphonia sonet.“ „Nun erstrahle die ganze Kirche in Frohlocken und erschalle in symphonischen Klang.“ Diese Worte aus dem Hymnus, den wir gerade gehört haben, treffen ins Zentrum dessen, was bisher allgemein über das Mönchtum gesagt wurde. Wie zentral die Musik im Leben, in der Theologie, in der Anthropologie und Kosmologie Hildegard war, läßt sich schon an folgendem Phänomen festmachen: In unzähligen Variationen besingt sie Gott, das Schöpfungsgeschehen, das Mysterium der Inkarnation, ja den gesamten Kosmos mit einer Bildersprache aus dem Bereich der Musik. Vom Urbeginn her ist alles vom Musik durchtönt. Schlüsselworte ihres Werkes sind: Symphonie, Harmonie, Klang.
Ich möchte nun in drei Punkten über das musikalische Schaffen Hildegards sprechen: 1. Aspekte der Überlieferung des musikalischen Werkes Hildegards. 2. Die Texte der Gesänge und ihre Verwurzelung im Gottesdienst des Klosters Rupertsberg.3. Die musikalische Umsetzung der Texte.
2.1 Aspekte der Überlieferung
Die Lieder der hl. Hildegard sind uns in zwei bedeutenden Handschriften hinterlassen. Die ältere Handschrift, Kodex 9 (Villarenser Kodex, Kloster Villers) des heutigen Klosters Dendermonde ist noch zu Hildegards Lebzeiten auf dem Rupertsberg geschrieben worden. Dann die jüngere HS, kurz nach dem Tod Hildegards ev. im Zusammenhang mit dem Heiligsprechungsprozess auf dem Rupertsberg geschrieben, der sogenannte Riesenkodex, heute HS 2 in der Hessischen Staatsbibliothek/Wiesbaden. Sodann sind uns einzelne Gesänge in verschiedenen HSS z.T. auch ohne Neumennotation überliefert, insgesamt rechnen wir mit 77 Gesängen und das Mysterienspiel „Ordo virtutum“. Diese Kompositionen umfassen Antiphonen, Hymnen, Sequenzen und Responsorien, meist zu den vielfältigsten Ereignissen des Kirchenjahres verfaßt. Das wohl bedeutendste Selbstzeugnis in Bezug auf ihre Musik gibt uns Hildegard in der Praefatio zum „Liber vite meritorum“. Dort bezeichnet sie selbst ihre Lieder als „symphonia harmoniae caelestium revelationem“, etwas frei übersetzt: musikalische Umsetzung der Harmonie des Himmels. Aber auch im „protocollum canonisationis“, d.h. in der Heiligsprechungsakte aus dem 13. Jh., ziemlich bald nach ihrem Tod, enthält schon Zeugenaussagen über ihr musikalisches Schaffen. Dort kommen Stellen vor wie : „caelestis harmoniae cantum“ – Lieder der himmlischen Harmonie, die sie geschrieben hat, oder von „cantum eius“. Daß eine hohe musikalische Begabung bei ihr vorausgesetzt werden kann, darf man vielleicht auch davon ableiten, daß ihr Bruder Hugo Domkantor in Mainz war.
2.2 Die Texte und ihre Verwurzelung im Gottesdienst des Klosters Rupertsberg
Inhaltlich darf man die Lieder Hildegards nicht lösen von ihrem gesamten Prosawerk, wenngleich sie auch daneben recht eigenständig stehen. Sie verarbeiten die Themen etwas anders als in ihren Prosawerken, aber es sind dennoch die Themen, die auch für das 12. Jh. als typisch belegt sind. Gott, der Schöpfer und Vater, neigt sich in Liebe seinen Geschöpfen zu. Jesus Christus, der menschgewordene Sohn Gottes – die Menschwerderung war besonders bei Bernhard von Clairvaux das große Thema des Hochmittelalters. Jesus Christus, der Erlöser steht ganz im Mittelpunkt ihrer Lieder. Der Hl. Geist – die Lieder an den Hl.Geist, zu Ehren des Hl. Geistes, gehören sicher mit zu den schönsten Teilen ihres Schaffens. In einer dieser Aantiphonen „Spiritus Sanctus vivificans vita“ besingt Hildegard den Hl.Geistes als „radix in omni creatura“ , die Wurzel alles Schöpfung. Der Hl.Geist ist in ihrem Denken derjeigen, der in allem lebt und alles bewegt und neu belebt. Ein relativ großer Teil ihrer Carmina ist Maria gewidmet. Durch Bernhard von Clairvaux wissen wir auch, welche große Stellung als Folge der Menschwerdung Maria im Denken des Hochmittelalters hatte. Durch ihr Ja-Wort holt sie das Nein Evas im Paradies wieder ein (Doppelung Eva – Ave). Maria heilt die Wunde des Todes. Hildegard nennt sie in einem Responsorium „mater sanctae medicinae“ – Mutter der Heilkunde. Maria gibt durch die Geburt der verlorenen Menschheit das Leben zurück; und sie gießt dadurch Salböl in die Wunde des Todes und hat dadurch das Leben wieder aufgerichtet. Solche Bilder aus dem Bereich der Medizin benutzt Hildegard immer wieder und weist damit auf die eigentliche Krankheit des Menschen hin, nämlich die Krankheit zum Tod, die Krankheit der Gottverlassenheit, der der Mensch durch die Gottvergessenheit entfliehen will. Heil wird – im Denken Hildegards – nur da, wo sich der Mensch wieder auf den Weg zu rück, auf den Ursprung besinnt und sich wieder in die Urverbundenheit mit Gott begibt. Insgesamt sind uns 16, als eine sehr große Zahl, an Maria überliefert. Die anderen Teile ihres musikalischen Schaffens gelten vor allem den Heiligen. Es fällt auf, wenn man es überblickt, daß sie jeweils zwei Gesänge zu einem Thema geschrieben hat, zwei über die Engel, zwei über die Patriarchen und Propheten, zwei über die Apostel, zwei über die Martyrer, zwei über die Bekenner, drei über die Jungfrauen, eine über die heiligen Frauen. Im Mittelalter beachtete man besonders hoch den Stand der Jungfräulichkeit, d.h. es kommt in ihrem musikalischen Schaffen der ganze „himmlische Hofstaat“ vor. Dies ist insofern bemerkenswert, als sie in der Schlußvision ihres Werkes Scivias verschlüsselt beschreibt, welches in ihrem Denken die Aufgabe der Musik ist. In dieser Vision schaut sie die Himmelsbürger in der Gemeinschaft der Heiligen. Sie sind vereint in einem einzigen Lobpreis der Herrlichkeit Gottes. Jeder Gruppe der Heiligen ist ein Musikinstrument zugeordnet, entsprechend Ps 150, wo beschrieben wird, wie und mit welchen Instrumenten in besonderer Weise Gott zu loben ist. Der Mensch wird in dieser Schlußvision aufgerufen, in diesen Lobpreis einzustimmen, denn, so schreibt Hildegard: „Jubellieder, die in Einfalt, Einmütigkeit und Liebe erschallen, geleiten die Gläubigen zu jener Seeleneinheit, die keine Zwietracht kennt. Sie bewirken, daß die, die auf Erden weilen, mit Herz und Mund nach dem himmlischen Lohn trachten.“ Hildegard meint, daß im Lied, in der Musik der Mensch hier auf Erden schon Anteil am ewigen Lob des Himmels nimmt. Mit dieser Deutung des Liedes sind wir eigentlich im Zentrum dessen, was Hildegard mit ihrer Musik ausdrücken will. Sie steht da ganz in der Tradition unseres Ordensvaters, des hl.Benedikt. Im 19. Kapitel seiner Regel spricht er vom Verhalten beim Psalmensingen: Der Mönch soll wissen, daß er beim Chorgebet Anteil hat an der himmlischen Liturgie, eindedenk des Psalmenwortes: Im Angesicht der Engel will ich dir lobsingen. Das Beten der Klostergemeinschaft ist also ein Eintauchen in das ewige Gebet der Engel, ein Eintauchen in die Gemeinschaft der Heiligen. Engel, hier verstanden als Bild, als Symbol von Gottes Gegenwart. Durch das Gebet, den Lobpreis als gesungenen Gebet wird der Mensch hineingenommen in die heilende und liebende Gegenwart Gottes. Im musikalischen Tun, im Singen erhebt sich der Mensch gleichsam aus seiner Erdenverhaftung und läßt sich schon, natürlich nur anfanghaft, in die Sphäre des Himmels mit hineinnehmen, die Sphäre des Himmels, die uns allen als letztendliches Lebensziel zugedacht ist: das Einswerden mit Gott und mit allen, die schon vor uns dieses Ziel erreicht haben. Wie schlimm muß in diesem Zusammenhang für sie und ihre Schwestern auf dem Rupertsberg das Interdikt durch die Mainzer Prälaten gewesen sein. In einem Brief beschreibt sie ihre Not: Das Interdikt untersagte dem Konvent den gesungenen Vollzug des Stundengebetes. Deswegen war sie und ihre Schwestern in große Traurigkeit gesunken. Gott singend zu loben, ist die Berufung des Menschen, darin sind sie Gefährten der Engel, dadurch halten sie die Verbindung zum ihrem heilen Ursprung aufrecht. Die singende Stimme eines Menschen spiegelt ähnlich der Körpersprache seinen inneren Zustand wider. Das Singen des Gotteslobes ist eine Erinnerung daran, wie wir von Gott gemeint sind und worauf wir uns hin entwickeln dürfen. Es gab zu allen Zeiten Menschen, deren Aufgabe es war, im Menschen die Sehnsucht nach dem göttlichen Ursprung wachzuhalten (Propheten). Als ich diese Gedanken zusammenstellte, fiel mir ein: man müßte einmal darüber nachdenken, was es heißt, wenn heute das Singen für viele Menschen „auf das Badezimmer“ reduziert ist. Damit verlernen wir etwas, was Hildegard noch ganz elementar gewußt hat: daß wir im Singen schon unser Lebensziel vorausnehmen, daß wir uns im Singen schon abheben können von dieser Erdenverhaftung. Wenn man weiter darüber nachdächte, käme man sich auf viele anthropologische, psychologische oder vielleicht auch theologische Konsequenzen. Dies sei aber nur am Rande bemerkt. In den monastisch-liturgischen Zusammenhang sind noch andere Gesänge Hildegards einzureihen, die bisher noch nicht erwähnt wurden. Es sind dies Gesänge von mehr lokaler Bedeutung. Hildegard schreibt Lieder auf Heilige, die ihr durch Klosterpatrozinien bekannt sind, z.B. Disibod, Rupertus, Matthias, Eucharius, Maximin und Bonifatius. Diese Lieder geben Aufschluß darüber, welche Beziehung Hildegard zu welchen Klöstern hatte, so natürlich zu ihrem Heimatkloster Disibodenberg, aber auch zu den Klöstern in Trier und Mainz. Auffällig ist auch, daß Hildegard eine große Anzahl von Liedern der hl.Ursula und den Elftausend Jungfrauen gewidmet hat – 13 an der Zahl.. An diesem Beispiel läßt sich erkennen, wie sehr Hildegard trotz der Universalität doch auch ihrer Zeit verhaftet ist. Wir wissen aus anderen Berichten, daß Elisabeth von Schönau, mit der sie sehr verbunden war, die Verehrung der hl.Ursula und der Elftausend Jungfrauen sehr gepflegt und empfohlen hat. Damals fing man auch in Köln an, die vermeintlichen Reliquien auszugraben. Von daher versteht sich die große Anzahl der Ursula-Gesänge. Ein kleiner Teil läßt auch einen direkten liturgischen Bezug ihrer Gesänge erkennen, vier Gesänge zum Kirchweihfest, zwei Antiphonen zu neutestamentlichen Cantica – Magnificat und Benedictus – und ein Kyrie. Im Villarenser Kodex, einer Gebrauchshandschrift, sind auch alle Antiphonen mit Psalmenkadenzen versehen. Das trifft nicht zu für den Riesenkodex in Wiesbaden, weil dieser als Prachthandschrift nicht für den täglichen Gebrauch bestimmt war. In jedem Fall ist jedoch dadurch belegt, daß die Carmina zum liturgischen Gebrauch vorgesehen waren. Wir wissen auch aus Zeugnissen, daß Hildegard ihre Musik im liturgischen Vollzug des Klostergottesdienstes gebraucht hat. Wibert von Gembloux, der 1177- 1179 auf dem Rupertsberg mitlebte, in einem Brief von 1175, die Gesänge von Hildegard seien geschrieben: ad laudem Dei et Sanctorum honorem compositi et in ecclesia publice de cantori facit. – zum Lob Gottes und zu Ehre der Heiligen komponiert, und sie wurden öffentlich in der Kirche vorgetragen.
2.3 Die musikalische Umsetzung der Texte
Die Gesänge, die uns in den erwähnten Codices überliefert sind, sind in der für das 12. Jahrhundert typischen Neumennotation geschrieben. ( 4 Notenlinien, fa-Linie jeweils rot , do-Linie gelb eingefärbt) Kirchmusikalisch gesehen befinden wir uns in der Spätzeit des Gregorianischen Chorals. Die feine Notationsweise der Blütezeit, wie wir das auch heute noch aus den HSS z.B. der Kodices von St.Gallen oder aus dem französischen Laon kennen, ist schon vorbei. Hildegard kennt eben schon das System der Notenlinien, wie es Guido von Arrezzo entwickelt hat. Aus den HSS läßt sich ein Rhythmisierung nicht ableiten. (Interpretationsweisen: Aequalismus – Mensuralismus) Wenn man sich das kirchmusikalische Umfeld des 12. Jh. vor Augen führt, dann scheinen die Gesänge Hildegards das Gewohnte zu überschreiten. Selbst die aus der Spätzeit der Gregorianik entstanden Kompositionen haben zwar Ansatzpunkte und Vergleichspunkte, aber Hildegards Schaffen geht immer über diesen Rahmen hinaus. Die Modalitäten lassen sich oftmals nur schwer erkennen, der Tonraum ( Extrem: 2 ½ Oktaven“(O vos angeli“, durchschnittlich 1 1/2) sprengt oft alles das, was wir sonst aus dieser Zeit gewohnt sind. Diese Melismenfreudigkeit fordert von den Sängern ein Höchstmaß an Perfektion, sowohl technisch als auch musikalisch. Dieser Befund steht – vordergründig gesehen – etwas im Widerspruch zu einer Selbstaussage Hildegards, nämlich die, daß sie musikalisch ungebildet war. An vielen Stellen spricht sie davon, daß sie „indocta“ sei, ungelehrt. Dies bezieht sich auch auf die Musik. Sie sagt damit von sich, daß ihr das handwerkliche Rüstzeug zum Komponieren gefehlt hat. Aber andererseits ist das auch kein Widerspruch. Wenn man bedenkt, daß das 12.Jh. noch ganz dem antiken Bildungsideal verhaftet war, dann kann sich Hildegard tatsächlich als „indocta“ bezeichnen, denn die Antike reihte die Musik innerhalb der sieben Künste an den fünten Platz zwischen Arithmetik und Geometrie. Man betrachtete die Musik rein unter den Aspekten von Gesetzmäßigkeit und Struktur. In diesem Sinn kann man tatsächlich sagen – und würde das alles-sprengende der Hildegardischen Lieder erklären -, daß sie „indocta“ war, nämlich in Beziehung auf Struktur und Gesetzmäßigkeit von Musik. Aus meiner Sicht war das vielleicht gerade ihr großer Vorteil. Sie spürte in sich eine große musikalische Intuition und konnte – befreit von allen Strukturen und Gesetzen der Musik – ihren Empfindungen freien Lauf lassen. Insgesamt entspricht meiner Vermutung einem Urteil, dem ich mich anschließen möchte, das Professor Dronke von der Universität Cambridge hinsichtlich der Liedtexte gefunden hat. Dies korrespondiert genau mit dem, was wir auch in der Musik, in den Melodien vorfinden: „In den poetischen Werken Hildegards begegnet uns eine höchst individuelle Sprache, manchmal unbeholfen, manchmal unklar. Die Aneinanderreihung von Adjektiven wirkt begrenzt, manche Einschübe gar übertrieben. Es ist nicht die geschliffene Sprache eines Humanisten des 12.Jh., sondern die eines Menschen, der durch seine einzigartige Kraft poetischen Vision mehr als einmal mit den Grenzen dichterischen Ausdrucks konfrontiert wird. An Höhepunkten jedoch überschreitet Hildegard diese Grenzen nahezu triumphierend und erreicht eine visionäre Konzentration und einen beschwörenden und assoziativen Reichtum, der ihr Werk absetzt von nahezu allen anderen religiösen Dichtungen ihrer Zeit.“
Hildegard sagt einmal: symphonialis est anima. Die Seele ist symphonisch. Dieses Wort gilt im höchsten Maß für sie selbst. Symphonisch, so interpretiere ich es, ist die Seele, die zu einer inneren Ordnung zurückgefunden hat, in der die inneren widerstrebenden Kräfte zur Einheit, zur Harmonie zusammengewachsen sind. Dies ist und bleibt Ziel jeden menschlichen Lebens, das wir in dieser Zeitlichkeit und Begrenztheit nie erreichen werden. Genau dies ist der Wurzelgrund, auf dem die Lieder Hildegards gewachsen sind. Sie sind Ausdruck eines Menschen ihrer Zeit, der auch von den Wellen der Zeit hin- und hergerissen wurde, aber dennoch in diesem Hin-und Hergerissensein das Streben nach Ganzheit, nach Einheit nicht aufgegeben hat. Der Einheitspunkt – da dürfen wir vom 12. Jh. lernen, ist für Hildegard unumstritten, der Zentralisationspunkt ist Gott selbst. Nur der kann zur Einheit und Ganzheit finden, der seinen Lebensanker an die richtige Stelle geworfen hat, nämlich in Gott hinein. Hildegards Musikschaffen kann vielleicht in diesem Sinn auch therapeutische wirken. Ihre Musik will heilen, indem sie Zugang zum Heil vermittelt, letztlich zum Heiler selber, der Gott ist, Gott in Christus, Christus in Maria. Da ist das Heil, das Hildegard uns vermitteln will.
In der Sequenz „O virga ac diadema“ besingt Hildegard das gesamte Erlösungswerk. In der Heiligsprechungsakte aus dem 13. Jh. wird berichtet, daß drei Nonnen des Rupertsberges nach dem Tod Hildegards bezeugt, daß sie durch den Keuzgang ihres Klosters geschritten und eben diese Sequenz gesungen hat. Der Text der Sequenz endet in der letzten Strophe mit einer Bitte an Maria – Hildegard nennt sie sogar ’salvatrix‘, Heilerin, Miterlöserin: „Sammle die Glieder deines Sohnes zur himmlischen Harmonie“. Wenn man eines aus dem musikalischen Schaffen Hildegards heraushören kann, dann ist es vielleicht die Aktualität dieser Bitte auch für uns heute. Welche Gebetsbitte wäre für die Menschen unserer Tage notwendiger denn diese: Führe uns zur himmlischen Harmonie!
Sr. Christiane Rath OSB
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(7) Der Gesamtvorstand kann in besonderen Fällen Beiträge ganz oder teilweise erlassen oder stunden.
§ 5 Ehrenmitgliedschaft
Der Verein kann Personen, die sich um die Abtei St.Hildegard besonders verdient ge-macht haben, die Ehrenmitgliedschaft verleihen.
§ 6 Mitgliedsbeitrag
(1) Es ist ein jährlicher Mitgliedsbeitrag zu zahlen, dessen Höhe und Fälligkeit auf Vorschlag des Gesamtvorstandes durch die Mitgliederversammlung bestimmt wird. Im Einzelfall kann der Gesamtvorstand den jährlichen Mitgliedsbeitrag erlassen.
(2) Förderbeiträge und Spenden sind erwünscht.
§ 7 Organe des Vereins
Organe des Vereins sind:
a) die Mitgliederversammlung,
b) der Gesamtvorstand,
c) der Beirat § 8 Mitgliederversammlung
(1) Die Mitgliederversammlung ist oberstes Organ des Vereins. Sie regelt die Angelegenheiten des Vereins, soweit sie nicht vom Gesamtvorstand wahr-genommen werden. Aufgaben der Mitgliederversammlung sind insbesondere:
a) Wahl der von der Mitgliederversammlung zu benennenden Gesamtvorstandsmitglieder und der Rechnungsprüfer,
b) Beschlussfassung über die Jahresrechnung und den Haushaltsplan,
c) Entgegennahme der Berichte des Gesamtvorstandes und der Rechnungsprüfer,
d) Entlastung des Gesamtvorstandes nach Rechnungslegung,
e) Festsetzung der Mitgliedsbeiträge,
f) Änderung der Satzung,
g) Auflösung des Vereins,
h) sonstige gesetzliche Aufgaben.
(2) Die Mitgliederversammlung wird vom 1. Vorsitzenden schriftlich einberufen, bzw. bei Verhinderung durch dessen Stellvertreterin
a) sooft das Interesse des Vereins es erfordert, mindestens jedoch einmal im Jahr,
b) wenn mindestens ein Zehntel der Vereinsmitglieder die Einberufung verlangt unter Angabe der Zwecke und der Gründe,
c) beim Ausscheiden eines Gesamtvorstandsmitgliedes binnen angemessener Frist.
(3) Die Einladung zur Mitgliederversammlung muss schriftlich unter Angabe der Tagesord-nungspunkte mit einer Frist von zwei Wochen erfolgen. Die Mitgliederversammlung wird von dem 1. Vorsitzenden, bei dessen Verhinderung durch die Stellvertreterin geleitet. Ist auch diese verhindert, so bestimmt die Mitgliederversammlung aus den anwesenden Gesamtvorstandsmitgliedern den Versammlungsleiter .
§ 8 Mitgliederversammlung
Die Mitgliederversammlung ist oberstes Organ des Vereins.
Sie regelt die Angelegenheiten des Vereins, soweit sie nicht vom Gesamtvorstand wahrgenommen werden. Aufgaben der Mitgliederversammlung sind insbesondere:
a) Wahl der von der Mitgliederversammlung zu benennenden Gesamtvorstandsmitglieder und der Rechnungsprüfer,
(2) Die Mitgliederversammlung wird vom 1. Vorsitzenden schriftlich einberufen, bzw. bei Verhinderung durch dessen Stellvertreterin.
(3) Die Einladung zur Mitgliederversammlung muss schriftlich unter Angabe der Tagesordnungspunkte mit einer Frist von zwei Wochen erfolgen. Die Mitgliederversammlung wird von dem 1. Vorsitzenden, bei dessen Verhinderung durch die Stellvertreterin geleitet. Ist auch diese verhindert, so bestimmt die Mitgliederversammlung aus den anwesenden Gesamtvorstandsmitgliedern den Versammlungsleiter.
§ 9 Beschlussfähigkeit
(1) Beschlussfähig ist jede ordnungsgemäß einberufene Mitgliederversammlung unabhängig von der Anzahl der erschienenen Mitglieder.
(2) Bei der Beschlussfassung entscheidet die Mehrheit der erschienenen Mitglieder.
(3) Bei der Beschlussfassung über eine Änderung der Satzung – einschließlich einer Änderung des Vereinszwecks entscheidet ebenfalls die Mehrheit der erschienenen Mitglieder.
(4) Bei der Beschlussfassung über die Auflösung des Vereins ist die Anwesenheit von einem Drittel der Vereinsmitglieder erforderlich. Ist die einberufene Mitgliederversammlung beschlussunfähig, so ist eine neue Mitgliederversammlung einzuberufen, die ohne Rücksicht auf die Zahl der erschienenen Mitglieder beschlussfähig ist. Auf diesen Tatbestand ist in der Einladung hinzuweisen. Diese Versammlung darf frühestens einen Monat nach dem ersten Versammlungstag stattfinden, hat aber jedenfalls spätestens drei Monate nach diesem Zeitpunkt zu erfolgen.
Bei der Beschlussfassung über die Auflösung des Vereins entscheidet die Mehrheit der erschienenen Mitglieder.
(5) Es wird durch Handzeichen abgestimmt. Die Abstimmung muss geheim durchgeführt werden, wenn ein Fünftel der erschienenen Mitglieder dies wünscht. In Personalangelegenheiten genügt der Wunsch eines einzelnen Mitglieds zur Durchführung einer geheimen Abstimmung.
(6) Über die Beschlüsse der Mitgliederversammlung ist eine Niederschrift anzufertigen, in der Ort und Zeit der Versammlung sowie die Anträge und das jeweilige Abstimmungsergebnis festgehalten werden. Das Protokoll ist von dem jeweiligen Versammlungsleiter, sowie dem Protokollführer zu unterschreiben. Wenn mehrere Versammlungsleiter tätig waren, unterzeichnet der letzte Versammlungsleiter die gesamte Niederschrift gemeinsam mit dem Protokollführer. Jedes Vereinsmitglied ist berechtigt, die Niederschrift einzusehen.
§ 10 Gesamtvorstand
(1) Der Gesamtvorstand des Vereins besteht aus sechs Mitgliedern, nämlich dem ersten Vorsitzenden, der jeweiligen Äbtissin, bzw. der jeweiligen Oberin der Abtei St.Hildegard oder einer von ihr benannten Stellvertreterin aus dem Konvent der Abtei St. Hildegard als geborene Stellvertreterin, dem Schriftführer, dem Schatzmeister, sowie dem Vorsitzenden des Beirats und dessen Stellvertreter. Der erste Vorsitzende, Schriftführer und Schatzmeister werden von der Mitgliederversammlung für die Dauer von drei Jahren gewählt. Sie bleiben auch nach Ablauf der Amtszeit bis zur Neuwahl des Gesamtvorstandes im Amt. Wiederwahl ist zulässig. Zu Gesamtvorstandsmitgliedern können nur Mitglieder des Vereins bestellt werden. Die Wahl erfolgt einzeln offen oder geheim, falls ein Mitglied dies wünscht.
(2) Der Verein wird gerichtlich und außergerichtlich im Sinne des § 26 BGB durch den 1. Vorsitzenden zusammen mit der Stellvertreterin oder durch einen dieser beiden zusammen mit dem Schatzmeister vertreten. Im Innenverhältnis wird bestimmt, dass der Schatzmeister nur handeln darf, wenn der 1. Vorsitzende oder die Stellvertreterin verhindert ist.
(3)) Verschiedene Vorstandsämter können nicht in einer Person vereinigt werden.
§ 11 Aufgaben des Gesamtvorstandes
(1) Dem Gesamtvorstand obliegt die gesamte Geschäftsführung und die Verwaltung des Vereins-vermögens.
(2) Der 1. Vorsitzende oder dessen Stellvertreterin beruft die Sitzungen des Gesamtvorstandes unter Bekanntgabe der Tagesordnung ein.
(3) Der Gesamtvorstand ist beschlussfähig, wenn mindestens drei Mitglieder anwesend sind. Er beschließt mit Stimmenmehrheit. Bei Stimmengleichheit entscheidet die Stimme des 1. Vorsitzenden. Ist der 1. Vorsitzende nicht anwesend, so entscheidet bei Stimmengleichheit die Stimme der Stellvertreterin.
(4) Die Beschlussfassung kann durch schriftliche Zustimmung aller Gesamtvorstandsmitglieder erfolgen (Umlaufverfahren).
(5) Die Buchführung und die Erstellung des Jahresabschlusses werden vom Schatzmeister wahrgenommen.
(6) Dem Vereinsvorsitzenden und seiner Stellvertreterin obliegen gemeinsam die Berufung der Mitglieder des Beirates.
§ 12 Geschäftsführer
Der Gesamtvorstand kann zur Wahrnehmung seiner Aufgaben einen Geschäftsführer ernennen. Er ist an die Weisungen des Gesamtvorstandes gebunden.
§ 13 Geschäftsjahr und Rechnungsprüfung
Das Geschäftsjahr ist das Kalenderjahr. Kasse und Rechnung des Vereins sind mindestens einmal jährlich durch zwei von der Mitgliederversammlung beauftragte Personen zu prüfen.
§ 14 Beirat
(1) Zur Förderung der Zwecke des Vereins erfolgt die Berufung eines Beirates, der maximal aus 20 Vereinsmitgliedern besteht. Die Berufung erfolgt auf einen Zeitraum von drei Jahren. Wiederberufung ist möglich.
(2) Der Beirat soll sich, sooft es die Geschäfte erfordern, jedoch mindestens einmal im Jahr versammeln. Der Vereinsvorsitzende beruft den Beirat ein.
(3) Der Beirat bestellt seinen Vorsitzenden und dessen Vertreter auf die Dauer von vier Jahren.
(4) Der Beirat ist vom Gesamtvorstand laufend über alle wichtigen Belange zu unterrichten. Der Beirat ist berechtigt und verpflichtet, den Gesamtvorstand zu beraten und ihm Anregungen zu geben. In diesem Fall kann der Beirat vom Gesamtvorstand Auskunft über den Stand der Vereinsangelegenheiten verlangen. Hierzu kann der erste Vorsitzende des Beirats den Beirat einberufen.
§ 15 Verwendung des Vereinsvermögens bei Auflösung oder Aufhebung
Bei Auflösung des Vereins oder bei Wegfall steuerbegünstigter Zwecke fällt das Vermögen des Vereins an den Träger der Benediktinerinnenabtei St.Hildegard e.V. bzw. deren Rechtsnachfolger, die es unmittelbar und ausschließlich für gemeinnützige, mildtätige oder kirchliche Zwecke zu verwenden haben.
§ 16 Schlussbestimmung
Sollten im Zuge von Eintragungsverfahren, durch das Registergericht oder das Finanzamt angeregt, redaktionelle Satzungsänderungen erforderlich werden, so ist hierzu der Gesamtvorstand berechtigt. Der Vorsitzende hat darüber der nächsten Mitgliederversammlung zu berichten.
§ 17 Inkrafttreten der Satzung
Vorstehende Satzung wurde von der Gründungsversammlung am 11.10.2001 beschlossen: Sie tritt in Kraft, sobald der Verein in das Vereinsregister beim Amtsgericht Rüdesheim eingetragen ist.
Er trete einfach ein und bete (RB 52,4)
Geistliches LebenFür das Kloster Montecassino baute Benedikt zwei Kirchen. So erzählt es Papst Gregor. Eine für die Mönche zu Ehren des heiligen Martin und eine zweite zu Ehren des heiligen Johannes für die Bevölkerung der Umgebung. Die Kirchen seien ihm wichtig gewesen für die Bekämpfung des Heidentums und für seine Bemühung, die Menschen „zum Glauben zu rufen“. So ist es nicht verwunderlich, dass er auch in der Regel auf das Oratorium zu sprechen kommt, im Kapitel 52. „Das Oratorium sei, was sein Name besagt, ein Haus des Gebetes. Nichts anderes werde dort getan oder aufbewahrt.“ Nun könnte man erwarten, dass Benedikt nach dieser grundsätzlichen Feststellung etwas über die Einrichtung und die Gestaltung der Kirche sagt. Stattdessen spricht er über den Bruder, der vielleicht für sich allein dort beten möchte. Ein solcher Bruder soll nicht gestört werden; dazu ermahnt er nachdrücklich. Das Gebet des Einzelnen ist ihm also sehr wichtig. Dazu ermutigt er: „Wenn ein Bruder still für sich beten will, trete er einfach ein und bete.“ Lateinisch heißt es ebenso schlicht: simpliciter intret et oret.
Der Einzelne zählt
Das lenkt unseren Blick auf das persönliche Beten. Es war damals eine fast allgemeine Überzeugung der Seelsorger, dass das persönliche Beten die Grundlage dafür sei, in rechter Weise am gemeinsamen Beten, also am Gottesdienst der Gemeinde und an der Feier der Sakramente, teilzunehmen. Es war eine Erfahrung, dass ohne dieses Tun des einzelnen die Gefahr besteht, dass das gemeinsame Sprechen und Singen zu einem ausgetrockneten Ritual wird.
Im Kapitel 58 über die Aufnahme neuer Brüder lässt Benedikt nicht prüfen, ob der Neue den richtigen Glauben hat und ob er sich am Leben seiner Heimatgemeinde und an deren Gottesdiensten eifrig beteiligt hat, sondern er sagt: „Man achte sorgfältig darauf, ob der Neue wirklich Gott sucht.“ Damit meint er, ob der oder die Neue ein Mensch ist, der betet. Wer Gott wirklich sucht, der betet. Benedikt kommt es in diesem Zusammenhang nicht darauf an, ob jemand bereit ist, über Gott zu sprechen, sondern ob er sich schon persönlich Gott zugewandt hat. Diese Haltung des einzelnen ist für ihn eine Voraussetzung dafür, dass der oder die Neue sich in die Gemeinschaft des Klosters einleben kann.
Weil Benedikt offensichtlich das persönliche Beten so wichtig ist, setzt er auch den Raum der Kirche dafür ein: Das Oratorium als Bauwerk soll eine Einladung zum persönlichen Beten sein.
Beten und Raum
Es lohnt sich vielleicht, etwas über den Zusammenhang zwischen Raum und Gebet nachzudenken. Überall kann jemand beten; das ist richtig. Benedikt sagt dazu: „Überall ist Gott gegenwärtig.“ Doch fügt er hinzu: „Das wollen wir ohne Zweifel ganz besonders glauben, wenn wir Gottesdienst feiern“ (Kapitel 19). Diese verdichtete Gegenwart des Herrn haftet bildlich gesprochen am Raum. So ist der Raum einer Kirche eine Erinnerung an Gott. Das gilt bei guter Architektur auch für das Bauwerk von außen betrachtet, selbst in unseren Lebensverhältnissen.
Man könnte die Anregung Benedikts, „er trete einfach ein …“, in unterschiedlicher Weise aufgreifen. Wem zum Beispiel das persönliche Beten abhandengekommen ist, kann damit beginnen, dass er an einen Ort des Gebetes geht. So etwas Körperliches bindet die Aufmerksamkeit. Man könnte von Zeit zu Zeit eine bestimmte Kirche aufsuchen, ohne dass dort ein Gottesdienst stattfindet. Wenn man sich dann hinsetzt und sein gegenwärtiges Empfinden von sich selbst wahrnimmt und dies Gott anvertraut, ist das Beten, auch wenn das alles ohne Worte geschieht.
Für die Verbindung von Beten und Raum gibt es noch weitere Gelegenheiten. Auf Reisen besichtigt zum Beispiel jemand eine Kirche. Er könnte als erstes sich hinsetzen, ruhig werden und seine Gedanken auf Gott ausrichten; denn davon spricht der Raum.
„Kulträume öffnen sich für Touristen“, liest man in einschlägigen Magazinen. Bei touristischen Kirchenführungen könnte man den, der die Erklärungen gibt, bitten: „Könnten wir bitte erst einen kurzen Moment der Stille halten?“ Dieses Zeichen der Ehrerbietung ist wie ein kurzes Gebet.
Einfach beten
Benedikt gibt wenig Hinweise zur Art und Weise des persönlichen Betens. Er steht da selbst in einer damals lebendigen Tradition. Lautes Beten und viele Worte hat er nicht gern. Es kommt ihm auf die Regungen des Herzens an. Er bete „mit wacher Aufmerksamkeit des Herzens“ (lateinisch intentio cordis, wörtlich übersetzt: Zuwendung des Herzens). Außerdem weist er auf die Demut hin. Dafür verwendet er den Ausdruck „unter Tränen“, das heißt: im Bewusstsein der eigenen Schwäche, wie der Zöllner im Evangelium.
Fünf Dinge sind für das persönliche Beten wichtig.
Man kann überall beten, aber wenn man richtig als ganzer Mensch mit Jesus in Kontakt kommen möchte, muss man innehalten und die Verpflichtungen und Tätigkeiten des Alltags abschalten.
Hinschauen auf das eigene Leben – mit allem, was vorkommt. Die Gedanken zur Ruhe kommen lassen. Einfach da sein.
Sich auf Jesus ausrichten, einfach an ihn denken. Auf die innere Stimme im Herzen Hören, durch die Jesus sprechen kann.
Zu Jesus sprechen in der Überzeugung, dass er hört. Danken oder bitten oder gerade das sagen, was jetzt wichtig ist.
Beim Beten sehe ich mein Lebens anders: Es wird mir bewusst, was wichtig ist und was zweitrangig ist. Es wird mir immer deutlicher, worauf es im Leben ankommt.
Es ermutigt uns Mönche und Nonnen, wenn wir sehen, dass immer wieder einzelne Besucher in die Kirche unserer Klöster gehen und dort verweilen. Sie besichtigen die Kirche nicht, sondern sind einfach ruhig da. Anscheinend gibt es einen Kontakt zwischen dem Raum mit seiner Botschaft und ihrer Seele.
Von Athanasius Polag OSB, Trier/Huysburg
Convers(at)io morum – Der Weg der Umkehr nach Bernhard von Clairvaux
Stationen im KirchenjahrZu den großen Gestalten der benediktinischen Ordensgeschichte gehört neben dem heiligen Benedikt ohne Zweifel der heilige Bernhard von Clairvaux. Er lebte uns in seiner Zeit überzeugend vor, was uns in jeder Fastenzeit aufgegeben ist: neu auf das Wort Gottes zu hören, sich ihm neu zuzuwenden und ihm in Wort und Lebenswandel zu folgen. Wie zentral das Thema „conversio – und conversatio für Bernhard war, zeigt bereits die elektronische Konkordanz, die im Umfeld des 900. Geburtstags Bernhards erarbeitet wurde. In seinem umfangreichen Werk erwähnt Bernhard das Wort „conversio“ 397 Mal, das Wort „conversatio“ 341 Mal.
Bernhards Weg der Umkehr war sicher auch eines seiner Motive, den klösterlichen Lebensweg zu beginnen. Jean Leclercq berichtet in seinem Lebensbericht über Bernhard anschaulich davon: „Bernhard machte sich, wie die Legende berichtet, auf den Weg nach Deutschland, aber bald geriet er in eine innere Krise; er ging in eine Kirche, um dort zu beten. So überwand er seine Zweifel und fasste den Entschluss, Mönch zu werden, mehr noch: Er wollte alle seine Brüder zum gleichen Schritt bewegen. Er kehrte um und begann, sie für diese Idee zu begeistern.
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Grundpfeiler kontemplativen Lebens
Klösterliches LebenTheodoret von Kyros, einer der bedeutendsten Theologen der griechischen Kirche des 5. Jahrhunderts und selber Mönch, gab seiner zwischen 444 und 449 entstandenen Schilderung des Mönchtums den bezeichnenden Titel: Geschichte der Gottesliebe. Er trifft damit genau jenen Punkt, der das Geheimnis, die Mitte und Seele des Mönchtums ausmacht. Nur eine leidenschaftliche Liebe zu Gott ist imstande, ein Phänomen wie das Mönchtum hervorzubringen, zu rechtfertigen und zu erklären. Davor verblassen alle anderen Motive, die es auch gegeben haben und geben mag. Das Mönchtum ist mehr und anderes als Protest, Weltflucht, Rückkehr zur Urkirche, Weltpessimismus oder individualistische Heilssorge; es ist in seinem Kern eine alles andere in den Schatten stellende Liebe zu Gott und Jesus Christus, Gottes- und Christusliebe im Ernstfall. Alles, was darunter liegt, reicht für ein Leben als Manch nicht aus. Es mag sein, daß diese Liebe stimmungs- und erfahrungsmäßig bald mehr als unstillbare Sehnsucht und Unruhe des Herzens, bald mehr als unwiderstehliche Anziehung und Begeisterung erlebt wird, das ändert nichts an ihrer Einmaligkeit und Ausschließlichkeit. Die Eigenart der für das Mönchtum typischen Gottesliebe wird sofort deutlich, wenn man auf ihren Zusammenhang achtet. Weiterlesen
Leben aus der Liturgie
Liturgie und StundengebetEs war sicher eine der schwersten Stunden im Leben der heiligen Hildegard: 1178, im letzten Lebensjahr Hildegards, verhängte das Mainzer Domkapitel über ihr Kloster auf dem Rupertsberg bei Bingen das Interdikt. Wie kam es zu einer so harten Maßnahme?
Das Kloster hatte, wie es in damaliger Zeit üblich war, die Erlaubnis, verstorbene Freunde und Wohltäter auf dem Klosterfriedhof beizusetzen. Hildegard ließ einen exkommunizierten Edelmann, der sich mit der Kirche ausgesöhnt hatte, auf ihrem Friedhof bestatten. Da die Aussöhnung mit der Kirche aber nicht in der Öffentlichkeit stattgefunden hatte, forderten die Mainzer Prälaten die Exhumierung und Umbettung des Leichnams. Im Weigerungsfall werde das Kloster mit dem Interdikt belegt.
Und dann geschah es: Hildegard nahm das Interdikt auf sich in der Gewissensüberzeugung: „Besser ist es für mich, in die Hände der Menschen zu fallen, als das Gesetz meines Gottes zu verlassen.“ Interdikt; das hieß konkret in der mittelalterlichen kirchlichen Praxis: Dem Kloster wurde jegliche gottesdienstliche Handlung verboten. Was das für ein Kloster, eine Gemeinde im Kleinen, bedeutet, kann auch jede und jeder ermessen, die bzw. der nicht im Kloster lebt. Hildegard und ihrem Benediktinerinnenkonvent wurde das genommen, was das Herzstück christlichen Lebensvollzugs und die Mitte der benediktinischen Lebensform ist, und von dem in unseren Tagen das 2. Vatikanische Konzil sagte: „Die Liturgie ist der Höhepunkt, dem das Tun der Kirche zustrebt, und zugleich die Quelle, aus der all ihre Kraft strömt.“
Umso verständlicher ist, was die Äbtissin von Rupertsberg und Eibingen in einem Brief an das Mainzer Domkapitel zum Ausdruck bringt: „Ich selbst und alle meine Schwestern wurden deswegen von großer Traurigkeit befallen.“ Bis zuletzt kämpft sie gegen das Unrecht, „Gott die Ehre des Ihm zustehenden Lobes zu rauben“, wie sie es schreibt. Und sie hört eine Stimme rufen: „Die Stärke der Gerechtigkeit Gottes ist am Werk und erweist sich als Kämpferin gegen die Ungerechtigkeit, bis diese besiegt am Boden liegt.“ Dieser Brief ist aber noch viel mehr als nur eine Bekundung ihres Kampfgeistes und ihrer Trauer, nämlich ein kostbares Zeugnis liturgischen Geistes, des Geistes der Einheit von gefeierter und gelebter Liturgie. Hildegard wusste: Wer christliche Liturgie feiert, lebt zum Lob der Herrlichkeit Gottes. Auch in diesem Sinn war sie ganz und gar Benediktinerin. Sie lebte entsprechend der Weisung des hl. Benedikt, der seinen Mönchen ins Stammbuch geschrieben hatte: „Dem Gottesdienst soll nichts, überhaupt nichts vorgezogen werden.“ Warum? Weil Gott uns, den Menschen, nichts vorgezogen hat und sogar seinen Sohn für uns hingegeben hat. Im Glauben wissen auch wir: In der Feier der Liturgie nimmt der Mensch intensiv und auf einmalige Weise Anteil an der Mitte des christlichen Glaubens, an Christus selbst, an seinem Heilswerk, an dem Werk der Erlösung. In ihr wird Vergangenheit, Heutiges und Zukünftiges Gegenwart und eint sich in Christus. Niemals können wir so von der Hoffnung auf Herrlichkeit berührt werden wie in der Feier der Liturgie. Und wer von uns wäre nicht von der Sehnsucht nach Herrlichkeit erfüllt?. Das sind Momente der Fülle und Gnade, der Dichte der Begegnung mit dem lebendigen Gott, der sich uns in der liturgischen Feier offenbaren, kundtun will. In dieser Begegnung werden Himmel und Erde eins. Dieses Einswerden ist einem Wachstumsprozess unterworfen. Mehr und mehr sollen wir in den Leib Christi verwandelt werden, damit wir wie Lebensbäume Frucht tragen, Liebende werden kraft der Liebe, die Gott selbst in uns ist. ‘Deificatio’, Vergöttlichung nennt die Tradition der Väter diesen Prozess. Paulus fasst diesen Werdegang in die Worte: „Nicht mehr ich lebe, sondern Christus lebt in mir.“ Damit wir darin aber nicht einer Illusion erliegen, ist die Voraussetzung, dass wir diesem Prozess umfassend zustimmen, uns bedingungslos dem Wirken des Heiligen Geistes in uns, in der ganzen Kirche überantworten. Augustinus hat es in unnachahmlicher Weise ausgedrückt: „Werde, was du empfängst: Leib Christi. Empfange, was du bist: Leib Christi.“
Ist ein solcher Glaube, ein christliches Leben aus dem Geist der Liturgie für den Menschen im dritten Jahrtausend noch erstrebenswert? So könnten wir uns fragen. Ist es nicht an der Zeit, dass die Christen endlich aktiv werden und sich nicht wieder einmal – wie schon so oft – in das Ghetto der betenden Kirche zurückziehen? Nein, ich meine, es sei überfällig, umgekehrt zu fragen: Ist es nicht an der Zeit, dass wir wieder beten lernen, uns der eigentlichen Kraftquelle unseres Glaubens neu zuwenden: dem betenden Christus, der sich mit seiner Kirche vereinigen will in der Anbetung des Vaters. Wenn wir uns darauf wieder neu besinnen, mag für uns wahr werden, was Paulus der Gemeinde in Philippi zuruft: „Sorgt euch um nichts, sondern bringt in jeder Lage betend und flehend eure Bitten mit Dank vor Gott. Und der Friede, der alles Verstehen übersteigt, wird eure Herzen und Gedanken in der Gemeinschaft mit Christus Jesus bewahren.“ (Phil 4, 6-7) Nicht endlose Sitzung, Diskussionen, Aktenberge von Papieren und moralisierende Appelle führen uns zu einer lebendigen Kirche, sondern die Sorge um die Stärkung der inneren Quelle – der Vergegenwärtigung und des Eingehens in das Christus-Mysterium. Wenn wir wirklich lebendig beten, dann „bricht nach allen Seiten hin überirdische Helligkeit, tätiger Friede, Lebens- und Menschenkenntnis, wahre Menschenliebe hervor.“
Der betende, Gott suchende Mensch findet Heilung und Heil. Im gemeinsamen Gebet der Kirche, dem wir mit unserem ganzen Sein zustimmen, wird uns die Brücke zur Ewigkeit gebaut. Wir werden verwandelt in den neuen Menschen und gewürdigt, schon hier anfanghaft und in Zukunft auf ewig Lebensfülle zu genießen.
Wie diese Verwandlung des Menschen durch das liturgische Handeln geschehen kann, davon spricht exemplarisch die Berufungsgeschichte des Mose. Sicher ist diese Erzählung nicht auf den ersten Blick auf einen liturgischen Akt hin ausgerichtet. Von daher können wir nicht erwarten, dass in ihr alle zentralen Elemente der Liturgie, des litugischen Betens zur Sprache kommen. Ohnehin bleibt alles Stückwerk, was menschliche Worte über das ‘mysterium tremendum’, das ehrfurchtgebietende Geheimnis der Gegenwart Gottes in der Liturgie aussagen. Dennoch können wir aus ihr Grundelemente liturgischer Gottesbegegnung und Gotteserfahrung ablesen. In einigen Punkten möchte ich diese Grunderfahrungen unserer weiteren Betrachtung anheim geben.
1. In der Feier der Liturgie ergreift Gott die Initiative
Das Buch Exodus berichtet: Mose hütet die Schafe seines Schwiegervaters Jitro. Ein Kleinviehhirte der Wüste wird von Gott mitten aus der Arbeit gerufen. Gott ergreift die Initiative und will sich in Erfahrung bringen im Zeichen des Dornbuschs, der brennt und doch nicht verbrennt. Dieses Zeichen muss entfachend gewirkt haben, denn Gott hat in Mose, dem aus dem Wasser Gezogenen, wie sein Name wörtlich übersetzt heißt, der gefährdet war auf Leben und Tod, Faszination, ja nahezu Neugier geweckt, ihn in seinem Innern wachgerüttelt. Herausgerufen aus dem Alltag, bewegt sich Mose auf den zu, der ihn aufgeschreckt hat. Er begibt sich auf den Weg der Suche nach dem „rettenden Engel“, dem Boten Jahwes, dem Retter in der Not. Wie viel an Frage, an keimhafter Hoffnung und gleichzeitig an Verunsicherung mag in diesem Zugehen auf das Feuer verborgen gewesen sein? Mose sieht zunächst nur den brennenden Dornbusch, und erst nach genauem Hinsehen, erkennt er, dass er zwar brennt, aber dennoch nicht verbrennt. Dann spricht er sich selbst Mut zu: „Ich will hingehen und diese gewaltige Erscheinung ansehen.“ Seinen ganzen Willen aktiviert er, um die Chance der Begegnung mit dieser ungewöhnlichen Erscheinung nicht zu verpassen.
Und wir? Lassen wir uns immer neu wie Mose durch die Unverständlichkeiten und das Ereignishafte des Alltags von Gott herausrufen? Sind wir noch von Neugier bewegt? Lassen wir uns von Gott faszinieren, wenn wir uns aus dem Alltag hinbewegen zur Feier der Liturgie? Gott ergreift die Initiative, wenn uns täglich mehrmals wie bei uns im Kloster oder doch allsonntäglich die Glocken zum Gottesdienst rufen. Ist das für uns noch das Zeichen unseres großen Gottes, der sich uns in Christus offenbart hat? Glauben wir wirklich, dass er schon auf uns wartet, bevor wir uns auf den Weg machen? Für uns heute besteht sehr leicht die Gefahr, das wir den Ton der Glocken überhören im Lärm des Alltags. Ja, fast symbolisch gelten Glocken für nicht wenige Zeitgenossen als Lärmbelästigung. Wie soll Gott uns noch wachrütteln, wenn wir unsere Ohren nur mit ‘Walkmen’ und Geräuschkulissen überladen, wenn wir unsere Ohren des Herzens mit den Sorgen des Alltags unnötig überlasten oder gar verbauen? „Heute, wenn ihr seine Stimme hört, verhärtet eure Herzen nicht“, mahnt uns der Psalmist. Wenn wir uns aufmachen zur Feier der Liturgie, so ist schon das Hingehen, sich auf ein Gotteshaus, dem verdichteten Raum göttlicher Gegenwart zu bewegen, eine Bereitung unserer Herzen für das Kommen Gottes, für seine Gegenwart, die er unserer Zeit im Wort und im Sakrament nicht weniger schenken will als Mose in der Wüste. In früheren Zeiten gehörte es z. B. wie selbstverständlich zur religiösen Erziehung, dass die Familie auf dem Weg zum Sonntagsgottesdienst schwieg, um sich innerlich zu bereiten auf das große Mysterium, an dessen Feier uns Teilhabe geschenkt werden sollte. Darin sollten wir erspüren: Wer sich aufmacht zur Liturgie, begibt sich in eine zielgerichtete Bewegung auf Gott, auf Christus hin, eine Bewegung „vom Anfang zu je neuem Anfang“
Bevor wir uns aufmachen, ist Gott immer schon der Rufende. Er ergreift täglich neu Initiative, wendet uns seinen gütigen, liebenden und sorgenden Blick zu. Es kommt alles darauf an, ob wir uns für diese Initiative Gottes öffnen und bereiten.
2. In der Feier der Liturgie wird der Mensch beim Namen gerufen.
Nachdem sich Mose dem Zeichen der göttlichen Gegenwart angenähert hat, geschieht etwas ganz Großes: Der sich offenbarende Gott ruft ihn zweimal beim Namen. Es geht in der Begegnung des Menschen mit Gott um eine ganz persönliche Inanspruchnahme. Die Namensgebung und Namensnennung ist für den biblisch geprägten Menschen etwas ganz Zentrales. Wir haben uns den Namen in der Regel nicht selbst gegeben. Als Kinder, in Taufe und Firmung nannte uns Gott durch unsere Eltern beim Namen. Aber erst im Laufe unseres Lebens haben wir mit seinem Klang uns selbst und all das vernommen, was wir sind und haben: unseren persönlichen Weg mit allen seinen Entwicklungen, mit allem Gelingen und mit allem Missgeschick, mit allem, was zu uns gehört. Wenn Gott Mose und jede und jeden von uns beim Namen ruft, so heißt das im gläubigen Kontext: Unser Name macht unser Wesen aus. Wer mit Gott im Bund steht, wird immer von ihm bei seinem Namen gerufen, denn er ist Gottes Eigentum. „Ich habe dich bei deinem Namen gerufen. Mein bist du“, bezeugt uns der Prophet Jesaja. Wir alle, die wir jetzt und hier gemeinsam vor Gott stehen, sind von ihm beim Namen und darin zur Lebensfülle gerufen, die er einmal zur Vollendung führen wird. Und wir alle sind einander ein Geschenk Gottes. Jeder und jede Gläubige ist eine Gabe, ein Geschenk Gottes an die Kirche und an die Welt. Dieses frohe Wissen im Glauben feiern wir gemeinsam mit unserem Schöpfer und Erlöser, wenn wir einschwingen in die Liturgie. Die byzantinische Liturgie hat einen alten Ritus bewahrt, der tief anrührt, wenn man ihn erleben darf: Der Priester reicht die Kommunion unter beiderlei Gestalt, in dem er die Hinzutretenden mit Namen anspricht: „Leib und Blut unseres Herrn Jesus Christus für – dann folgt die Namensnennung – zum ewigen Leben.“ Ja, wir alle sind in ganz personaler Weise gefragt. In der Feier der Liturgie geht es um unser Leben, um das ewige Leben. Wer Liturgie mitfeiert, feiert das Leben, feiert Pascha, Hinübergang in ewige Leben. Das kann niemanden kalt lassen, es erfordert von uns eine Reaktion.
3. In der Feier der Liturgie ist der Mensch zur Antwort gerufen.
Mose ist durch den Anruf Gottes ermutigt worden zu antworten. Er sagt: „Ja, da bin ich!“ Seine ganze Aktivität , ja mehr noch: sein ganzes Herz ist eingefordert. Der ganze Mensch, mit Leib und Seele, mit Verstand und Herz muss sich dem Anruf Gottes öffnen. Dieses persönliche ‘Ja’ lässt sich nicht delegieren. Sie ist die eigentliche ‘actuosa participatio’, die tätige Teilnahme aller Gläubigen am Gottesdienst, von der das 2. Vatikanische Konzil so eindringlich spricht. In jedem gesprochenen ‘Amen’, ‘Ja, so sei es,’ „dein Wille geschehe wie im Himmel, so auf Erden,“ dein Wille auch in meinem Leben, in jedem ‘Amen’ dürfen wir Gott mit ganzem Herzen, mit unserer ganzen Existenz Antwort geben. Das ‘Amen’ kennzeichnet die im Glauben Gereiften. „Kraft der Taufe sind wir – wie es das Konzil gesagt hat – berechtigt und verpflichtet, am Gottesdienst voll, bewusst und tätig teilzunehmen“.
. Dies geschieht, wenn wir mit all unseren Kräften ‘Amen’ sprechen. Mit unserem gläubigen ‘Ja’ sind wir in unserer menschlichen Würde aufgewertet und in unserer christlichen Würde zutiefst von Gott ernstgenommen. Im ersten Petrusbrief werden wir „ein auserwähltes Geschlecht, eine königliche Priesterschaft, ein heiliger Stamm und Gottes Eigentum genannt (1 Petr 2) Niemals ist der Mensch größer und würdevoller, als wenn er vor Gott in der Gemeinschaft der Kirche steht und bezeugt: „Ja, da bin ich. Ich gebe mich ganz dir anheim.“
4. Die Begegnung mit Gott in der Litugie ist eingebunden in Ausdrucksformen.
Mose hat sein Ja gesprochen. Und doch: Gott kommt ihm zwar entgegen, aber er hört das Wort Gottes: „Komm nicht näher heran!“ „Sosehr Gott in diese Welt einbricht und in ihr da ist, so ist er doch kein Stück dieser Welt, das der Mensch in seinen Griff bekommt.“
Gott durchbricht nicht einfach menschliche Erfahrungsformen. Der Mensch der Bibel weiß: Niemand kann Gott direkt begegnen und am Leben bleiben. Auch Mose weiß das. Er wahrt die Formen der Gottesbegegnung. Er legt zunächst seine Schuhe ab im Bewusstsein: Ich darf heiligen Boden betreten. Noch heute zieht der Orientale die Schuhe aus, wenn er ein Heiligtum betritt. Haben wir noch Gefühl für das Sakrale? Sodann verhüllt Mose sein Gesicht, „denn er fürchtet sich, Gott anzuschauen“. Nicht allein menschliche Angst befällt ihn, sondern Ehrfurcht vor dem unauslotbaren Geheimnis Gottes. Die Liturgie will auch uns immer wieder neu in den ehrfurchtgebietenden Raum des göttlichen Mysteriums führen, das der Mensch niemals erfassen kann. Gott ist für uns nie ganz erkennbar. Ihn zu erkennen, das ist unsere Hoffnung für die Ewigkeit. Gott bleibt auch in der Offenbarung immer der ganz Andere. Die Liturgie will uns die Nähe Gottes in heiligen Zeichen erfahrbar machen und darf deshalb nicht in Banalität, Puritanismus, Kitsch oder zu vieles Reden ausarten. Sie soll uns hinführen zum „Lob seiner Herrlichkeit“ in Schlichtheit und Schönheit, zur Stille, zum Staunen, zur Anbetung und Fürbitte, zur inneren Haltung der Ehrfurcht und liebenden Zuwendung zu allen Brüdern und Schwestern. Nur so ist sie schon hier Abglanz der himmlischen Liturgie.
5. In der Liturgie offenbart sich Gott und sendet den Menschen.
Nachdem Mose sich ehrfurchtsvoll Gott genähert hat, wird ihm ein unsagbares Geschenk zuteil: Gott selbst tritt mit ihm in einen Dialog ein und offenbart sich ihm als der Gott, der bei ihm ist, der mit ihm geht und mit ihm wirkt. Diese Zusage gibt Mose die Befähigung zur Sendung. Er wird berufen zum „Botschafter und Bewirker der von Jahwe für sein Volk gewollten Freiheit“ Gottes zuverlässige, tröstende Gegenwart wird ihm die Kraft geben, seine Sendung zu erfüllen trotz aller Schwachheit und Ängstlichkeit. So ist es auch für uns, wenn wir gläubig die Liturgie mitfeiern. Jahwe, das ist der Gott der uns Menschen sagt: „Ich bin der: Ich bin für dich da. Ich sorge für dich. Ich bin der, der „mit dir geht, der das Leben kennt, der dich versteht, der dich zu allen Zeiten kann begleiten.“ – wie es ein neues geistliches Lied einmal ausgedrückt hat, der in allen Wechselfällen dieser Welt mit dir unterwegs ist. In unerschütterlichem Glauben an diese Gegenwart Gottes in allem, was uns begegnet, hat die hl. Hildegard für die Aufhebung des Interdikts gekämpft. Und ihr wurde Gerechtigkeit zuteil: Im März 1179, sechs Monate vor ihrem Tod, durfte im Kloster Rupertsberg die Glocke wieder zum Gottesdienst rufen. Und wir: glauben wir das wirklich, dass Gott jeden Schritt unseres Lebens mit uns geht, glauben wir noch an die Kraft des Gebetes? Wo immer wir uns auf diesen Gott einlassen, ist er mit uns am Werk. Er geht mit uns hinein in unsere Familien und Gemeinschaften, in unseren Dienst und unsere Lebensaufgaben. Er ist uns nahe in Freude und Leid, in Hoffnung und scheinbarer Ausweglosigkeit, in Liebe und Hass. In jeder lebendigen Mitfeier der Liturgie will er uns umprägen vom ‘homo faber’, dem Menschen der permanenten Aktivität, zum ‘homo liturgicus’, dem Menschen, dessen ganze Person durchstrahlt ist von Gottes Herrlichkeit, von seiner Schönheit, von seinem Licht, seiner Liebe, seiner Treue und seinem Frieden. Hier, in diesem Leben geschieht dies zunächst noch anfanghaft, aber die Anziehung durch den zum Himmel erhobenen Herrn in der Feier der Liturgie wird uns dereinst in den Lebensstrom hineinreißen, der uns führen wird von Herrlichkeit zu Herrlichkeit. Dann wird sich an uns erfüllen, was wir bald in der Sequenz von Ostern singen dürfen: „Ich habe die Herrlichkeit des Auferstandenen gesehen.“ Amen.
Sr. Christiane Rath OSB
(Fastenpredigt im Mainzer Dom am 15. März 1998)
Anmerkungen:
Sacrosanctum Concilium Kp. 1, Art. 10
Hildegard von Bingen, Briefwechsel, Salzburg 1965 S.236 ff
Ildefons Herwegen
Gregor von Nyssa, 8. Homilie über das Hohelied
Sacrosanctum Concilium Art. 14
Erich Zenger, Das Buch Exodus S.46
a. a. O. S. 51
Hildegard-Musik
Geistliche Impulse / Hildegard von Bingen, Werk und WirkenDie Musik der heiligen Hildegard ist ohne den Hintergrund ihrer benediktinischen Lebensform nicht zu verstehen. Schon mit 14 Jahren begann für Hildegard das klösterliche Leben im Schatten eines Mönchskonventes. Mit 16 Jahren entschied sie sich auf Lebenszeit für die benediktinische Lebensform. Die heutige Interpretation der Hildegard-Musik ist häufig gelenkt von der Suche nach „Außergewöhnlichem“. Hier nun ein anderer Ansatz: Ihre benediktinische Lebensform, ihr Alltag, der zunächst der gewöhnliche in einem benediktinischen Kloster war.
1. Benediktinische Liturgie im Mittelalter – das Umfeld Hildegards
Wie sah Mönchtum, benediktinisches Leben zur Zeit Hildegards aus? Ja, man darf wohl sagen, das sich viele Spuren, die Grundwerte, bis in unsere Tage erhalten haben. Mönchtum nach Benediktusregel bedeutet, dem Gottesdienst nichts vorziehen. Der Glaube der Mönche äußert sich nirgendwo so intensiv wie in der Liturgie – leiturgia: Gottes Werk an uns, unser Werk für ihn – Dienst. Liturgie steht im Mönchtum in engster Verbindung mit dem gesamten monastischen Leben. Allein schon die Tagesordnung in einem mittelalterlichen Kloster zeigt dies auf: das Opus Dei ist die Hauptpflicht eines Klosters im Mittelalter. Gleichzeitig ist sie damit auch Quelle aller monastischen Bildung zu der sie gleichzeitig anregte und worin sie sich verwirklichte, denn in ihr begegnet der Mönch zu einem großen Teil der Hl.Schrift und den Gedanken der Kirchenväter, also der theologischen Überlieferung. In der Liturgie fand die monastische Bildung aber auch ihre vornehmliche Ausdrucksmöglichkeit. Für die Liturgie, oder durch sie angeregt, verfaßten die Mönche ihre meisten Schriften, ja man darf auch sagen: ihre Meisterwerke, die heute zum Allgemeingut abendländischer Liturgie geworden sind. Liturgie, d.h. hier im weitesten Sinn: alle Ausdrucksformen des Gebetes. Im Mittelalter gewinnt immer mehr die besondere Hochschätzung des öffentlichen Gottesdienstes an Bedeutung, ja sie wird zum Merkmal monastischen Lebens schlechthin. Das ganze monastische Leben verlief unter dem Zeichen der Liturgie, im Rhythmus des Stundegebetes, der Zeiten und Feste des Kirchenjahres. Liturgie war einfach das Beherrschende im Mönchsleben, die Sorge: Gott in allem zu verherrlichen. Dieses Grundanliegen kommt in allen Schriften zum Ausdruck und zwar in dreifacher Hinsicht:
1. Schriften, die Themen der Liturgie behandeln
2. Texte, die für den Gebrauch im Gottesdienst bestimmt waren
3. Schriften, die den Einfluß der Liturgie auf die Frömmigkeit der Mönche bezeugen.
Im Zusammenhang des Themas interessiert besonders der 2.Punkt: Die Schriften, die die Mönche für die Liturgie verfaßten. In diesen Jahrhundert entstehen eine Fülle neuer Texte: Tropen, Hymnen, Sequenzen – Gedichte von höchster künstlerischem Wert – bis hin zu Mysterienspielen. Alle diese Werke haben nur das eine Ziel: Gott zu loben, ihm Antwort zu geben auf seine Liebe. So schreibt z.B. Walter von Coincy, daß alle Mönche in seinem Kloster „die lieblichen Litaneien, die schönen und süßen Sequenzen mit lauter Stimme und in hellen Tönen“ sangen. Es gab sogar Klöster, die ein Fest einsetzten oder einen Festrang erhöhten, nur um der Freude willen, dabei schöne Texte zu singen oder vorzutragen.
Was kennzeichnete diese Literatur?: Sie nährten sich aus der Bibel und den Schriften der Väter. Die Ausdrucksweisen sind konkret und reich an Bildern. Ihre Worte wiegen weniger durch das, was sie sagen, als durch das, was sie sagen wollen; die Kraft der Vergegenwärtigung ist größer als die begriffliche Genauigkeit. Jedes Wort gleicht einer Note, die den ganzen Akkord zum Klingen bringt. Die mittelalterlichen Autoren bedienen sich der Worte der Heiligen Schrift in freier, harmonischer Form. Die großen Heilswahrheiten der Offenbarung stehen im Mittelpunkt ihrer Frömmigkeit, ihres Denkens. In ihren Gottesdiensten feiern die Mönche die Geheimnisse der Erlösung, die Heiligen, die deren lebendige zeugen waren, die Gottesmutter Maria, in der sich die Geheimnisse des Glaubens erfüllt haben. In allen Dichtungen spiegeln sich froher Glaube, glühende Begeisterung, innige Freude und Vertrauen in die Führung Gottes wider. Freude an Gott, an seinen Wohltaten in der Schöpfungen – das mußten die Mönche des Mittelalters einfach heraussingen, herausjubeln und immer wiederholen.
Nun mußten die Texte aber noch in eine musikalische Form gebracht werden. In ihren Gottesdiensten wurde – und bei uns in Eibingen wird es bis auf den heutigen Tag – alles gesungen. Gottesdienst war aber selbstverständlich kein Konzert oder primär ästhetisches Tun. Ja im „Speculum virginum“ (unbekannter Verfasser) wurde sogar gesagt: „Lieber mit rauher Stimme singen als sich im Chor langweilen.“ „Musicus et monachus“ – das war für mittelalterlichen Mönche ein wichtiges Zusammenspiel in einer Persönlichkeit (Guido v. Arezzo). Sie wurden Musiker, weil sie Mönche waren. In allen ihren Schriften stehen nebeneinander Theorien über modi und toni und Gedanken über Liturgie und monastisches Leben. Der Zweck ihrer Arbeit sahen sie darin, ihren Mitbrüdern zu helfen, sich durch einen wohlgeordneten einmütigen Gesang dem Lobpreis anzuschließen, den das All und die Engel Gottes darbringen und schon auf Erden den ewigen Gesang im Himmel vorwegzunehmen.
Insgesamt kann man sagen: Die Liturgie hat dem ganzen Leben der Mönche, der ganzen monastischen Kultur ihr Siegel aufgedrückt. Die Liturgie und ihre Feste haben den Lebensrhythmus der Mönche geprägt. Umgekehrt gilt: Die Liturgie ist Widerschein und Krönung ihrer Kultur. In den Texten und Kompositionen verdichtet sich die Theologie der Mönche, fand ihre Sehnsucht nach Gott den ihr angemessenen Ausdruck. In der Liturgie hatten die Mönche Anteil am ewigen Lobgesang
2. Hildegards musikalisches Schaffen im Rahmen ihrer benediktinischen Lebensform
„Nunc omnis ecclesia in gaudio rutilet ac in symphonia sonet.“ „Nun erstrahle die ganze Kirche in Frohlocken und erschalle in symphonischen Klang.“ Diese Worte aus dem Hymnus, den wir gerade gehört haben, treffen ins Zentrum dessen, was bisher allgemein über das Mönchtum gesagt wurde. Wie zentral die Musik im Leben, in der Theologie, in der Anthropologie und Kosmologie Hildegard war, läßt sich schon an folgendem Phänomen festmachen: In unzähligen Variationen besingt sie Gott, das Schöpfungsgeschehen, das Mysterium der Inkarnation, ja den gesamten Kosmos mit einer Bildersprache aus dem Bereich der Musik. Vom Urbeginn her ist alles vom Musik durchtönt. Schlüsselworte ihres Werkes sind: Symphonie, Harmonie, Klang.
Ich möchte nun in drei Punkten über das musikalische Schaffen Hildegards sprechen: 1. Aspekte der Überlieferung des musikalischen Werkes Hildegards. 2. Die Texte der Gesänge und ihre Verwurzelung im Gottesdienst des Klosters Rupertsberg.3. Die musikalische Umsetzung der Texte.
2.1 Aspekte der Überlieferung
Die Lieder der hl. Hildegard sind uns in zwei bedeutenden Handschriften hinterlassen. Die ältere Handschrift, Kodex 9 (Villarenser Kodex, Kloster Villers) des heutigen Klosters Dendermonde ist noch zu Hildegards Lebzeiten auf dem Rupertsberg geschrieben worden. Dann die jüngere HS, kurz nach dem Tod Hildegards ev. im Zusammenhang mit dem Heiligsprechungsprozess auf dem Rupertsberg geschrieben, der sogenannte Riesenkodex, heute HS 2 in der Hessischen Staatsbibliothek/Wiesbaden. Sodann sind uns einzelne Gesänge in verschiedenen HSS z.T. auch ohne Neumennotation überliefert, insgesamt rechnen wir mit 77 Gesängen und das Mysterienspiel „Ordo virtutum“. Diese Kompositionen umfassen Antiphonen, Hymnen, Sequenzen und Responsorien, meist zu den vielfältigsten Ereignissen des Kirchenjahres verfaßt. Das wohl bedeutendste Selbstzeugnis in Bezug auf ihre Musik gibt uns Hildegard in der Praefatio zum „Liber vite meritorum“. Dort bezeichnet sie selbst ihre Lieder als „symphonia harmoniae caelestium revelationem“, etwas frei übersetzt: musikalische Umsetzung der Harmonie des Himmels. Aber auch im „protocollum canonisationis“, d.h. in der Heiligsprechungsakte aus dem 13. Jh., ziemlich bald nach ihrem Tod, enthält schon Zeugenaussagen über ihr musikalisches Schaffen. Dort kommen Stellen vor wie : „caelestis harmoniae cantum“ – Lieder der himmlischen Harmonie, die sie geschrieben hat, oder von „cantum eius“. Daß eine hohe musikalische Begabung bei ihr vorausgesetzt werden kann, darf man vielleicht auch davon ableiten, daß ihr Bruder Hugo Domkantor in Mainz war.
2.2 Die Texte und ihre Verwurzelung im Gottesdienst des Klosters Rupertsberg
Inhaltlich darf man die Lieder Hildegards nicht lösen von ihrem gesamten Prosawerk, wenngleich sie auch daneben recht eigenständig stehen. Sie verarbeiten die Themen etwas anders als in ihren Prosawerken, aber es sind dennoch die Themen, die auch für das 12. Jh. als typisch belegt sind. Gott, der Schöpfer und Vater, neigt sich in Liebe seinen Geschöpfen zu. Jesus Christus, der menschgewordene Sohn Gottes – die Menschwerderung war besonders bei Bernhard von Clairvaux das große Thema des Hochmittelalters. Jesus Christus, der Erlöser steht ganz im Mittelpunkt ihrer Lieder. Der Hl. Geist – die Lieder an den Hl.Geist, zu Ehren des Hl. Geistes, gehören sicher mit zu den schönsten Teilen ihres Schaffens. In einer dieser Aantiphonen „Spiritus Sanctus vivificans vita“ besingt Hildegard den Hl.Geistes als „radix in omni creatura“ , die Wurzel alles Schöpfung. Der Hl.Geist ist in ihrem Denken derjeigen, der in allem lebt und alles bewegt und neu belebt. Ein relativ großer Teil ihrer Carmina ist Maria gewidmet. Durch Bernhard von Clairvaux wissen wir auch, welche große Stellung als Folge der Menschwerdung Maria im Denken des Hochmittelalters hatte. Durch ihr Ja-Wort holt sie das Nein Evas im Paradies wieder ein (Doppelung Eva – Ave). Maria heilt die Wunde des Todes. Hildegard nennt sie in einem Responsorium „mater sanctae medicinae“ – Mutter der Heilkunde. Maria gibt durch die Geburt der verlorenen Menschheit das Leben zurück; und sie gießt dadurch Salböl in die Wunde des Todes und hat dadurch das Leben wieder aufgerichtet. Solche Bilder aus dem Bereich der Medizin benutzt Hildegard immer wieder und weist damit auf die eigentliche Krankheit des Menschen hin, nämlich die Krankheit zum Tod, die Krankheit der Gottverlassenheit, der der Mensch durch die Gottvergessenheit entfliehen will. Heil wird – im Denken Hildegards – nur da, wo sich der Mensch wieder auf den Weg zu rück, auf den Ursprung besinnt und sich wieder in die Urverbundenheit mit Gott begibt. Insgesamt sind uns 16, als eine sehr große Zahl, an Maria überliefert. Die anderen Teile ihres musikalischen Schaffens gelten vor allem den Heiligen. Es fällt auf, wenn man es überblickt, daß sie jeweils zwei Gesänge zu einem Thema geschrieben hat, zwei über die Engel, zwei über die Patriarchen und Propheten, zwei über die Apostel, zwei über die Martyrer, zwei über die Bekenner, drei über die Jungfrauen, eine über die heiligen Frauen. Im Mittelalter beachtete man besonders hoch den Stand der Jungfräulichkeit, d.h. es kommt in ihrem musikalischen Schaffen der ganze „himmlische Hofstaat“ vor. Dies ist insofern bemerkenswert, als sie in der Schlußvision ihres Werkes Scivias verschlüsselt beschreibt, welches in ihrem Denken die Aufgabe der Musik ist. In dieser Vision schaut sie die Himmelsbürger in der Gemeinschaft der Heiligen. Sie sind vereint in einem einzigen Lobpreis der Herrlichkeit Gottes. Jeder Gruppe der Heiligen ist ein Musikinstrument zugeordnet, entsprechend Ps 150, wo beschrieben wird, wie und mit welchen Instrumenten in besonderer Weise Gott zu loben ist. Der Mensch wird in dieser Schlußvision aufgerufen, in diesen Lobpreis einzustimmen, denn, so schreibt Hildegard: „Jubellieder, die in Einfalt, Einmütigkeit und Liebe erschallen, geleiten die Gläubigen zu jener Seeleneinheit, die keine Zwietracht kennt. Sie bewirken, daß die, die auf Erden weilen, mit Herz und Mund nach dem himmlischen Lohn trachten.“ Hildegard meint, daß im Lied, in der Musik der Mensch hier auf Erden schon Anteil am ewigen Lob des Himmels nimmt. Mit dieser Deutung des Liedes sind wir eigentlich im Zentrum dessen, was Hildegard mit ihrer Musik ausdrücken will. Sie steht da ganz in der Tradition unseres Ordensvaters, des hl.Benedikt. Im 19. Kapitel seiner Regel spricht er vom Verhalten beim Psalmensingen: Der Mönch soll wissen, daß er beim Chorgebet Anteil hat an der himmlischen Liturgie, eindedenk des Psalmenwortes: Im Angesicht der Engel will ich dir lobsingen. Das Beten der Klostergemeinschaft ist also ein Eintauchen in das ewige Gebet der Engel, ein Eintauchen in die Gemeinschaft der Heiligen. Engel, hier verstanden als Bild, als Symbol von Gottes Gegenwart. Durch das Gebet, den Lobpreis als gesungenen Gebet wird der Mensch hineingenommen in die heilende und liebende Gegenwart Gottes. Im musikalischen Tun, im Singen erhebt sich der Mensch gleichsam aus seiner Erdenverhaftung und läßt sich schon, natürlich nur anfanghaft, in die Sphäre des Himmels mit hineinnehmen, die Sphäre des Himmels, die uns allen als letztendliches Lebensziel zugedacht ist: das Einswerden mit Gott und mit allen, die schon vor uns dieses Ziel erreicht haben. Wie schlimm muß in diesem Zusammenhang für sie und ihre Schwestern auf dem Rupertsberg das Interdikt durch die Mainzer Prälaten gewesen sein. In einem Brief beschreibt sie ihre Not: Das Interdikt untersagte dem Konvent den gesungenen Vollzug des Stundengebetes. Deswegen war sie und ihre Schwestern in große Traurigkeit gesunken. Gott singend zu loben, ist die Berufung des Menschen, darin sind sie Gefährten der Engel, dadurch halten sie die Verbindung zum ihrem heilen Ursprung aufrecht. Die singende Stimme eines Menschen spiegelt ähnlich der Körpersprache seinen inneren Zustand wider. Das Singen des Gotteslobes ist eine Erinnerung daran, wie wir von Gott gemeint sind und worauf wir uns hin entwickeln dürfen. Es gab zu allen Zeiten Menschen, deren Aufgabe es war, im Menschen die Sehnsucht nach dem göttlichen Ursprung wachzuhalten (Propheten). Als ich diese Gedanken zusammenstellte, fiel mir ein: man müßte einmal darüber nachdenken, was es heißt, wenn heute das Singen für viele Menschen „auf das Badezimmer“ reduziert ist. Damit verlernen wir etwas, was Hildegard noch ganz elementar gewußt hat: daß wir im Singen schon unser Lebensziel vorausnehmen, daß wir uns im Singen schon abheben können von dieser Erdenverhaftung. Wenn man weiter darüber nachdächte, käme man sich auf viele anthropologische, psychologische oder vielleicht auch theologische Konsequenzen. Dies sei aber nur am Rande bemerkt. In den monastisch-liturgischen Zusammenhang sind noch andere Gesänge Hildegards einzureihen, die bisher noch nicht erwähnt wurden. Es sind dies Gesänge von mehr lokaler Bedeutung. Hildegard schreibt Lieder auf Heilige, die ihr durch Klosterpatrozinien bekannt sind, z.B. Disibod, Rupertus, Matthias, Eucharius, Maximin und Bonifatius. Diese Lieder geben Aufschluß darüber, welche Beziehung Hildegard zu welchen Klöstern hatte, so natürlich zu ihrem Heimatkloster Disibodenberg, aber auch zu den Klöstern in Trier und Mainz. Auffällig ist auch, daß Hildegard eine große Anzahl von Liedern der hl.Ursula und den Elftausend Jungfrauen gewidmet hat – 13 an der Zahl.. An diesem Beispiel läßt sich erkennen, wie sehr Hildegard trotz der Universalität doch auch ihrer Zeit verhaftet ist. Wir wissen aus anderen Berichten, daß Elisabeth von Schönau, mit der sie sehr verbunden war, die Verehrung der hl.Ursula und der Elftausend Jungfrauen sehr gepflegt und empfohlen hat. Damals fing man auch in Köln an, die vermeintlichen Reliquien auszugraben. Von daher versteht sich die große Anzahl der Ursula-Gesänge. Ein kleiner Teil läßt auch einen direkten liturgischen Bezug ihrer Gesänge erkennen, vier Gesänge zum Kirchweihfest, zwei Antiphonen zu neutestamentlichen Cantica – Magnificat und Benedictus – und ein Kyrie. Im Villarenser Kodex, einer Gebrauchshandschrift, sind auch alle Antiphonen mit Psalmenkadenzen versehen. Das trifft nicht zu für den Riesenkodex in Wiesbaden, weil dieser als Prachthandschrift nicht für den täglichen Gebrauch bestimmt war. In jedem Fall ist jedoch dadurch belegt, daß die Carmina zum liturgischen Gebrauch vorgesehen waren. Wir wissen auch aus Zeugnissen, daß Hildegard ihre Musik im liturgischen Vollzug des Klostergottesdienstes gebraucht hat. Wibert von Gembloux, der 1177- 1179 auf dem Rupertsberg mitlebte, in einem Brief von 1175, die Gesänge von Hildegard seien geschrieben: ad laudem Dei et Sanctorum honorem compositi et in ecclesia publice de cantori facit. – zum Lob Gottes und zu Ehre der Heiligen komponiert, und sie wurden öffentlich in der Kirche vorgetragen.
2.3 Die musikalische Umsetzung der Texte
Die Gesänge, die uns in den erwähnten Codices überliefert sind, sind in der für das 12. Jahrhundert typischen Neumennotation geschrieben. ( 4 Notenlinien, fa-Linie jeweils rot , do-Linie gelb eingefärbt) Kirchmusikalisch gesehen befinden wir uns in der Spätzeit des Gregorianischen Chorals. Die feine Notationsweise der Blütezeit, wie wir das auch heute noch aus den HSS z.B. der Kodices von St.Gallen oder aus dem französischen Laon kennen, ist schon vorbei. Hildegard kennt eben schon das System der Notenlinien, wie es Guido von Arrezzo entwickelt hat. Aus den HSS läßt sich ein Rhythmisierung nicht ableiten. (Interpretationsweisen: Aequalismus – Mensuralismus) Wenn man sich das kirchmusikalische Umfeld des 12. Jh. vor Augen führt, dann scheinen die Gesänge Hildegards das Gewohnte zu überschreiten. Selbst die aus der Spätzeit der Gregorianik entstanden Kompositionen haben zwar Ansatzpunkte und Vergleichspunkte, aber Hildegards Schaffen geht immer über diesen Rahmen hinaus. Die Modalitäten lassen sich oftmals nur schwer erkennen, der Tonraum ( Extrem: 2 ½ Oktaven“(O vos angeli“, durchschnittlich 1 1/2) sprengt oft alles das, was wir sonst aus dieser Zeit gewohnt sind. Diese Melismenfreudigkeit fordert von den Sängern ein Höchstmaß an Perfektion, sowohl technisch als auch musikalisch. Dieser Befund steht – vordergründig gesehen – etwas im Widerspruch zu einer Selbstaussage Hildegards, nämlich die, daß sie musikalisch ungebildet war. An vielen Stellen spricht sie davon, daß sie „indocta“ sei, ungelehrt. Dies bezieht sich auch auf die Musik. Sie sagt damit von sich, daß ihr das handwerkliche Rüstzeug zum Komponieren gefehlt hat. Aber andererseits ist das auch kein Widerspruch. Wenn man bedenkt, daß das 12.Jh. noch ganz dem antiken Bildungsideal verhaftet war, dann kann sich Hildegard tatsächlich als „indocta“ bezeichnen, denn die Antike reihte die Musik innerhalb der sieben Künste an den fünten Platz zwischen Arithmetik und Geometrie. Man betrachtete die Musik rein unter den Aspekten von Gesetzmäßigkeit und Struktur. In diesem Sinn kann man tatsächlich sagen – und würde das alles-sprengende der Hildegardischen Lieder erklären -, daß sie „indocta“ war, nämlich in Beziehung auf Struktur und Gesetzmäßigkeit von Musik. Aus meiner Sicht war das vielleicht gerade ihr großer Vorteil. Sie spürte in sich eine große musikalische Intuition und konnte – befreit von allen Strukturen und Gesetzen der Musik – ihren Empfindungen freien Lauf lassen. Insgesamt entspricht meiner Vermutung einem Urteil, dem ich mich anschließen möchte, das Professor Dronke von der Universität Cambridge hinsichtlich der Liedtexte gefunden hat. Dies korrespondiert genau mit dem, was wir auch in der Musik, in den Melodien vorfinden: „In den poetischen Werken Hildegards begegnet uns eine höchst individuelle Sprache, manchmal unbeholfen, manchmal unklar. Die Aneinanderreihung von Adjektiven wirkt begrenzt, manche Einschübe gar übertrieben. Es ist nicht die geschliffene Sprache eines Humanisten des 12.Jh., sondern die eines Menschen, der durch seine einzigartige Kraft poetischen Vision mehr als einmal mit den Grenzen dichterischen Ausdrucks konfrontiert wird. An Höhepunkten jedoch überschreitet Hildegard diese Grenzen nahezu triumphierend und erreicht eine visionäre Konzentration und einen beschwörenden und assoziativen Reichtum, der ihr Werk absetzt von nahezu allen anderen religiösen Dichtungen ihrer Zeit.“
Hildegard sagt einmal: symphonialis est anima. Die Seele ist symphonisch. Dieses Wort gilt im höchsten Maß für sie selbst. Symphonisch, so interpretiere ich es, ist die Seele, die zu einer inneren Ordnung zurückgefunden hat, in der die inneren widerstrebenden Kräfte zur Einheit, zur Harmonie zusammengewachsen sind. Dies ist und bleibt Ziel jeden menschlichen Lebens, das wir in dieser Zeitlichkeit und Begrenztheit nie erreichen werden. Genau dies ist der Wurzelgrund, auf dem die Lieder Hildegards gewachsen sind. Sie sind Ausdruck eines Menschen ihrer Zeit, der auch von den Wellen der Zeit hin- und hergerissen wurde, aber dennoch in diesem Hin-und Hergerissensein das Streben nach Ganzheit, nach Einheit nicht aufgegeben hat. Der Einheitspunkt – da dürfen wir vom 12. Jh. lernen, ist für Hildegard unumstritten, der Zentralisationspunkt ist Gott selbst. Nur der kann zur Einheit und Ganzheit finden, der seinen Lebensanker an die richtige Stelle geworfen hat, nämlich in Gott hinein. Hildegards Musikschaffen kann vielleicht in diesem Sinn auch therapeutische wirken. Ihre Musik will heilen, indem sie Zugang zum Heil vermittelt, letztlich zum Heiler selber, der Gott ist, Gott in Christus, Christus in Maria. Da ist das Heil, das Hildegard uns vermitteln will.
In der Sequenz „O virga ac diadema“ besingt Hildegard das gesamte Erlösungswerk. In der Heiligsprechungsakte aus dem 13. Jh. wird berichtet, daß drei Nonnen des Rupertsberges nach dem Tod Hildegards bezeugt, daß sie durch den Keuzgang ihres Klosters geschritten und eben diese Sequenz gesungen hat. Der Text der Sequenz endet in der letzten Strophe mit einer Bitte an Maria – Hildegard nennt sie sogar ’salvatrix‘, Heilerin, Miterlöserin: „Sammle die Glieder deines Sohnes zur himmlischen Harmonie“. Wenn man eines aus dem musikalischen Schaffen Hildegards heraushören kann, dann ist es vielleicht die Aktualität dieser Bitte auch für uns heute. Welche Gebetsbitte wäre für die Menschen unserer Tage notwendiger denn diese: Führe uns zur himmlischen Harmonie!
Sr. Christiane Rath OSB
Ruhe finden – aber wie und wo?
Gast im KlosterViele von uns sehnen sich in diesen Wochen nach ihrem wohlverdienten Urlaub, nach Erholung und vor allem nach Ruhe. Ruhe klingt in unseren Ohren fast schon wie ein Zauberwort, so stark ist unsere Zeit von Unruhe bestimmt. Das liegt nicht nur an der gestiegenen Mobilität. Es muss auch unabhängig davon immer etwas los sein. Wenn es nicht Arbeit ist, dann Unterhaltung, Erlebnisse, Events. Wie unruhig wir leben, zeigt sich bei vielen gerade in den Ferien. Sie empfinden es als beunruhigend, wenn sie auf einmal ruhen sollen. Sie flüchten sich in neue Betätigungen und selbst produzierten Urlaubsstress. An Hektik und Aktionismus gewöhnt, fürchten viele zugleich die Ruhe, die sie sich wünschen. Dabei bedeutet Ruhe eigentlich viel mehr als nur Nichtstun. Wenn von Gott gesagt wird, dass er am siebten Tag ruhte, dann heißt das nicht, dass er sich gelangweilt hätte. Er schaute vielmehr mit bejahendem Wohlgefallen auf sein Werk und umgab es mit der Zusage, dass es sein soll und dass es gut ist. Menschliches Ruhen ist Teilnahme an dieser Ruhe Gottes. Wirklich zur Ruhe kommen wir deshalb nur im Vertrauen darauf, dass das Geheimnis auf dem Grund unseres Lebens voll Licht ist, und dass Gott zu Ende führen wird, was in unserem Leben unfertig und unerfüllt bleibt. Zur Ruhe gehört die Gewissheit, dass ein unumstößliches Jawort über unserer Welt und über meinem ganz persönlichen Leben steht. Eine solche Gewissheit aber können wir Menschen uns nicht selbst geben, wir können sie nicht machen, auch wenn wir uns noch so sehr anstrengen. Wir dürfen uns also getrost von Gott die Last abnehmen lassen, unser Leben selbst vollenden zu müssen. Dazu braucht es nicht viel – nur den kleinen, aber entscheidenden Schritt des Loslassens unseres eigenen Ego, an das wir uns so verbissen klammern. Gottes Ja ist immer größer als unsere Vorstellungen. Nur wer sich hinauswagt in seine Unendlichkeit, wird Ruhe finden für seine aufgescheuchte Seele.
Wir wünschen Ihnen einen schönen Urlaub!
Von Sr. Philippa Rath OSB
Geistlicher Impuls zur Sommerzeit
JahreskreisSommerzeit, Urlaubszeit, Zeit für Muße und Entspannung, vielleicht auch Zeit zum Sich-Gewahr-werden, zur Suche nach den eigenen Wurzeln und nach der eigenen Identität. Ich möchte Ihnen heute eine vielleicht etwas ungewöhnliche Ferienbeschäftigung empfehlen: das Sich-Erinnern. Das Wort „Erinnern“, „Erinnerung“ kommt vom „Inneren“, d.h. es hat zutiefst mit uns selbst zu tun. Erinnerungen sind ein Teil unserer selbst. Unser Gedächtnis ist dabei so etwas wie ein lebendiger Speicher – wie er genau funktioniert, das weiß die Wissenschaft bis heute kaum. Durch Anstöße, seien es Bilder, Worte oder bestimmte Reize, kann der Speicher, der vielfach auf unbewusste Weise wirkt, aktiviert werden. Eine wichtige Rolle spielen dabei unter anderem unsere fünf Sinne. Sie sind sozusagen Gedächtnisträger und können gerade in Zeiten der Entspannung und der Ferien neu geschärft werden Wir sehen ein bestimmtes Bild, ein Gesicht, eine Landschaft – und erinnern uns. Wir hören einen bestimmten Ton, eine Melodie, ein Lied – und erinnern uns. Wir nehmen einen bestimmten Geruch oder Duft wahr – und erinnern uns. Wir erfühlen oder ertasten eine bestimmte Oberfläche, einen Stoff, eine Form – und erinnern uns. Wir schmecken einen bestimmten Geschmack, eine Nuance in einem Gericht oder einem Getränk – und erinnern uns. Was ist das, was sich da in unserem Herzen und in unserer Seele abspielt? Scheinbar längst Vergessenes kommt mit einem mal wieder an die Oberfläche, und wir erinnern uns unserer Gedanken, Gefühle und Empfindungen von einst. In der zeitlichen Entfernung können wir diese ordnen und bewerten und damit bekommen sie eine ganz neue Bedeutung – auch für unser Leben heute. Die Erinnerung stiftet also meine Identität, sie lässt mich zu dem werden, der ich bin. Das gilt für den einzelnen ebenso wie für Familien und Gemeinschaften, für Völker und Kulturen, für Epochen und Generationen. Deshalb ist das Austauschen von Erinnerungen so wichtig und notwendig – sei es in der Familie oder im Freundeskreis, sei es in der Gesellschaft als ganzer oder sei es in meinem ganz persönlichen Umfeld. Nutzen wir die Zeit des Urlaubs vielleicht in Ruhe auch einmal zu einem erinnernden Gespräch – mit uns selbst, mit anderen und vielleicht auch mit Gott. Denn auch Religion hat etwas mit Erinnerung, mit erinnerter Geschichte zu tun: mit der Geschichte Gottes mit uns Menschen. Es lohnt sich, diese Geschichte wieder neu zu entdecken. Und so ganz nebenbei finden wir damit auch uns selbst.
Sr. Philippa Rath OSB