Vor 10 Jahren wurde Hildegard von Bingen offiziell heiliggesprochen. In dankbarer Erinnerung daran ein paar Gedanken zu ihrer Botschaft:

Die Original-Texte zur Heiligsprechung sind auf unserer Homepage hier zu finden. Wer sich für die Werke Hildegards interessiert, im Original oder mit Hinführungen und Erklärungen dazu, wird auf der Hildegard-Seite in unserem Online-Shop fündig werden.

Jede Zeit braucht ihre Propheten, heißt es – Menschen, die ansagen, was die Stunde geschlagen hat. Manchmal weisen die Propheten aber auch über ihre Zeit hinaus und haben den Menschen aller Zeiten etwas zu sagen. Benedikt von Nursia und Hildegard von Bingen waren solche Menschen. Sie können auch heute richtungweisend sein – durch ihr Wort und durch ihr Lebensbeispiel. Beide hatten den Mut, gegen den Strom zu schwimmen und die Welt prophetengleich aus wahrhaft ‚ver-rückter‘ Perspektive zu betrachten. Benedikt, der mit seiner Lebensregel die ganze abendländische Kultur geprägt und ihr die entscheidenden Werte vermittelt hat, und Hildegard von Bingen, die in ihrer Zeit im Geist benediktinischer Lebensordnung lebte und ihn in ganz eigenständiger Weise neu geprägt und weitergegeben hat.

Es lohnt sich, diesem Geist und diesen beiden Persönlichkeiten nachzuspüren.

Die Suche nach dem transzendenten DU
Hildegard von Bingen verstand sich als Prophetin. Vor allem anderen sah sie sich berufen, ihre Zeitgenossen aus dem „Schlaf der Gottvergessenheit“ wachzurütteln. In immer neuen Bildern beschreibt sie in ihren Werken, daß solche Gottvergessenheit, wie sie es nennt, ins Chaos führt – ins Chaos der individuellen menschlichen Beziehungen, aber auch zur Zerstörung des Kosmos insgesamt. Ohne Einschränkung verweist sie die Menschen auf Gott als den Schöpfer aller Dinge. Nur in Ihm kann der Mensch den wirklichen und wahren Sinn seines Lebens finden. Spüren nicht auch wir heute immer deutlicher, daß der Mensch sich selbst niemals genug sein kann und nur dann Sinn findet, wenn er über sich selbst hinausschaut?. Kein innerweltliches Glück, weder Erfolg noch Macht, weder Konsum noch Leistung vermögen ihn auf Dauer zu befriedigen – das wußte Hildegard, und das wissen im Grunde auch wir. Seine Ursehnsucht und seine Suche nach Sinn verweisen den Menschen auf das Absolute und auf das Ewige. Das ist eine Wahrheit, die zu allen Zeiten ihren Bestand hatte.

Nicht umsonst steht die Suche nach Gott für Benediktinerinnen und Benediktiner seit jeher im Mittelpunkt ihres Lebens. Auch Hildegard war und blieb immer eine Suchende und Fragende. Gott und seinen Willen suchen in allen Dingen, in den großen Vollzügen des Lebens, aber auch in den scheinbaren Banalitäten des Alltags – das war ihr Lebensprogramm. Dabei blieb sie allerdings stets nüchtern und illusionslos, fest verwurzelt im Glauben und im Vertrauen auf eine immer neue Zukunft in Gott. Die Suche nach dem Transzendenten also – wäre sie nicht auch heute im wahrsten Sinne des Wortes not-wendend für unsere Zeit? Suchen nicht auch wieder zunehmend viele Menschen nach diesem sie selbst übersteigenden Ursprung und Ziel – oft allerdings auch dabei steckenbleibend im Vorletzten? Der personale Gott läßt sich finden, wenn wir ihn suchen. Aber „machen“ können wir dies nicht – nicht durch noch so ausgefeilte Techniken, Meditationsübungen oder Kurse. Das Bild der leeren Hände und offenen Herzen, in die sich die Gnade ergießt, ist dabei keineswegs ein frommer Überbau. Es wird Realität, wenn es uns gelingt, von uns selbst weg auf den ganz Anderen zu schauen.

Ehrfurcht – ein vergessener Wert?
Hildegard verweist ihre Zeitgenossen in einem weiteren Schritt auf die Dankbarkeit. Für sie ist das Leben Geschenk, sie weiß sich verdankt und ruft dazu auf, den Irrglauben einer falschen Autonomie über Bord zu werfen. Wer sich verdankt weiß, erfährt, daß eben nicht alles machbar ist, daß vieles, ja das Wesentliche unseres Lebens, Geschenk ist und nur dankbar staunend angenommen werden kann. Wer sich verdankt weiß, der wird auch mit dem Leben, mit allem Leben, ehrfürchtig und mit Achtung umgehen. Auch hier war Hildegard ganz Benediktinerin, heißt es doch in der Regel des hl. Benedikt: „Die Brüder und Schwestern sollen einander in Ehrfurcht zuvorkommen“, und an anderer Stelle: „sie sollen alles wie heiliges Altargerät behandeln“. Alles – jeden Menschen ohne Ausnahme, jedes Tier und jede Pflanze, auch alle Dinge – in Ehrfurcht betrachten, im Wissen um die Größe und Schönheit allen Lebens und das Wunder Gottes, das uns in allem Geschaffenen begegnet. Hildegard hat gezeigt, daß dies kein Traum bleiben muß. Jeder kann bei sich selbst anfangen, kann der Wegwerfmentalität im eigenen Herzen begegnen. Und vielleicht wird mancher staunen, wie sehr sich auch durch kleine Schritte die Welt verändern kann. Wäre die Wiederentdeckung der Dankbarkeit und der Ehrfurcht nicht ein Schritt zur Wiederherstellung gesunder menschlicher Beziehungen – im Großen wie im Kleinen, in Politik, Wirtschaft und Gesellschaft ebenso wie im normalen Alltag?

Das Maß aller Dinge
Auf dem Weg zu einer neuen Ehrfurcht nennt Hildegard von Bingen als wichtiges Hilfsmittel die „Discretio“, die weise Maßhaltung und Unterscheidung, die Benedikt in seiner Regel einst als „Mutter aller Tugenden“ bezeichnet hat. Die Maßlosigkeit war und ist offenbar zu allen Zeiten die Versuchung schlechthin. Liegt ihr Ursprung nicht im Bestreben des Menschen, in allem autark und autonom zu sein, niemanden zu brauchen und alles selbst zu beherrschen? Doch nicht erst wir Heutigen wissen, sondern auch Hildegard wußte bereits, daß solche Art Unmäßigkeit und Maßlosigkeit im wörtlichen Sinne weitreichende Folgen haben kann. Die vielen verschiedenen Formen der Sucht in unserer Zeit – Alkohol, Tabletten-, Drogen-, aber auch Arbeits-, Freizeit-, und Spielsucht – sprechen davon eine beredte Sprache. Sie alle, das wissen wir nur zu gut, sind Fehlformen, die aus ungestillter Sehnsucht nach heilem Leben erwachsen. Ausgewogene und maßvolle Lebensführung dagegen kann solchen „Krankheiten“ vorbeugen und darüberhinaus die Grundlage für eine neue Kultur des Alltags schaffen. „Ordo“ und „Regula“, Schlüsselbegriffe benediktinischen Lebens, weisen den Weg zu einer Lebensordnung, die zu heilen vermag. Das gilt für alle Bereiche des Lebens: für Essen und Trinken, Schlafen und Wachen, Bewegung und Ruhe, Schweigen und Kommunikation, Arbeit und Muße, Einsamkeit und Gemeinschaft. Hildegard, die Zeit ihres Lebens in der Ausgewogenheit des benediktinischen „Ora et Labora“ lebte, hat eine solche im wahrsten Sinne heil-bringende Ordnung immer neu im Bild der Harmonie beschrieben. Sich einfügen in das Ordnungsgefüge der Welt, Mitschwingen in der Harmonie des Kosmos und des Lebens, darum geht es. Und um das rechte Verhältnis der Lebensvollzüge, um das, was man heute Lebenstil nennen würde. Der Mensch braucht die Anstrengung ebenso wie das Zur-Ruhe-Kommen, die Stille ebenso wie die Unterhaltung, die Hinwendung zum Mitmenschen ebenso wie die Hinwendung zu Gott. Mit dem, was manche Zeitgenossen heute als Lustprinzip bezeichnen, hat das nur wenig zu tun. Auch die vielzitierten, sogenannten „Sachzwänge“ würde Hildegard nicht gelten lassen. Denn meist genügt schon ein kleiner Schritt, um die Meßlatte für Sinn, Inhalt und Ausrichtung des alltäglichen Lebens im Sinne der „Discretio“ wieder zurechtzurücken. Allerdings braucht es dazu den konkreten Willen zur Veränderung. Die Möglichkeit der Einsicht dazu hat der Mensch durch seinen Verstand. Er ist eben nicht dem eigenen Sosein hoffnungslos ausgeliefert, sondern kann sein Leben ändern. Er ist in der Lage, in Freiheit das rechte Maß zu finden und das Gute zu tun, denn, so wußte Hildegard von Bingen schon vor 900 Jahren: „O Mensch, du hast das Wissen um das Gute und Rechte in dir selbst. Deshalb kannst du dich durch nichts entschuldigen“. Womit entschuldigen wir uns?

Die armen Reichen und die reichen Armen
Eng verbunden mit der „Discretio“ ist für Hildegard der Wert der Armut im umfassenden Sinne. Armut hat im heutigen Sprachgebrauch einen ausschließlich negativen Klang. Im benediktinischen Sinne geht es bei der Armut nicht um die Idealisierung von Not oder Mangel, sondern um ein konkretes Mehr an Leben, um ein Reicherwerden an Freiheit – im Loslassen der Dinge, die uns binden. Mehr Lebensqualität kann durchaus darin bestehen, sich zu bescheiden und die eigenen Grenzen anzuerkennen, nicht aus Zwang, sondern freiwillig, großmütig und gern. Gewinn durch Verzicht – wäre das nicht auch heute ein ganz und gar alternatives Lebensmodell? Dabei muß freilich der ganze Mensch in den Blick genommen werden. Zu allen Zeiten strebten die Menschen danach, zu haben, zu besitzen, mehr zu haben und immer mehr zu besitzen – und das nicht nur in materiellem Sinne. Der Mensch kann vieles, ja nahezu alles haben wollen: Begabung, Wissen, Zeit, Ehre, Ansehen, Beruf, Erfolg, Geld, Freiheit, Sicherheit, Gesundheit, Schönheit, Macht, Recht, Liebe, um nur einiges zu nennen. Wer aber alles haben will, der hat am Ende nichts. Wenn Hildegard und lange vor ihr der heilige Benedikt von Armut und Demut – diesem heute so vielfach verkannten Wert – sprechen, dann geht es ihnen darum, von „Menschen des Habens“ zu „Menschen des Seins“ zu werden. In der Freiheit des Loslassen-Könnens, des Verzichts z.B. auf bestimmte Lebensmöglichkeiten, Ausdrucksformen, Ideen und Ideale liegt für sie der eigentliche, oft ungeahnte Reichtum des Lebens. Nur, wer sich selbst loslassen kann, ist auch in der Lage, sich selbst zu überschreiten – hinein in die Unendlichkeit. Ahnen wir eigentlich noch, daß es durchaus möglich sein kann, sich selbst zu verwirklichen, in dem man sich selbst zurücknimmt? Wissen wir noch – oder vielleicht wieder – , daß das Wesentliche des Lebens eben nicht darin besteht, alles zu haben und alles zu tun, was wir tun möchten und tun können? Dies alles hat nichts mit Einschränkung und Minderung zu tun, viel aber mit wahrer Freiheit und mit Verantwortung. Vielleicht brauchen wir heute eine neue Befreiung, eine Emanzipation von der Versklavung an die Selbstsucht – hinein in eine neue Freiheit in Gebundenheit und Verantwortung.

Weltgestaltung in Freiheit und Verantwortung
Die Spannungseinheit von Freiheit und Verantwortung ist vielleicht der für uns heute wichtigste Kerngedanke, den uns Hildegard von Bingen ans Herz legt. Zwar ist der Mensch frei erschaffen, aber diese Freiheit darf keineswegs mit Beliebigkeit oder gar Willkür gleichgesetzt werden. Der Mensch ist Geschöpf und von daher eingebunden in die Schöpfungsordnung. Er ist immer und von jeher Gerufener, Hörender und Antwortender zugleich. Es lohnt sich an dieser Stelle, einen Blick in die Benediktus-Regel zu werfen, aus der Hildegard gelebt und geschöpft hat. Nicht umsonst beginnt dieser auch nach 1400 Jahren noch faszinierende Text mit dem Wort „Höre!“ – „Obsculta o fili, praecepta magistri“ (Höre, mein Sohn, auf die Weisung des Meisters). Hören setzt Schweigen voraus, ebenso aber die Bereitschaft, dem Anruf in Freiheit zu antworten. Ant-wort und Ver-antwort-ung gehören dabei untrennbar zusammen. Für Hildegard wie für Benedikt ist der Mensch nicht nur „Opus“, freies Geschöpf Gottes, sondern zugleich auch „Operarius“, Mitschöpfer Gottes, der die Weltkräfte kultiviert und sie zum Wohle aller gebraucht. Der Mensch hat einen Auftrag in der Welt und an der Welt und trägt Verantwortung für sich selbst wie für die gesamte Schöpfung. Das gilt für jede und jeden, nicht nur für die Großen und Mächtigen. Hildegard betont dabei immer wieder die Wechselwirkung zwischen dem Handeln des einzelnen und den Auswirkungen dieses Handelns auf das Ganze dieser Welt. Mikro- und Makrokosmos sind wechselseitig Spiegel füreinander. Das gilt im positiven wie im negativen Sinne. Nichts geht verloren oder ist unwichtig. Kein Bemühen ist umsonst. Ist dies nicht ein tröstlicher, aber auch ein ungeheuer herausfordernder Gedanke angesichts des in unserer Zeit oft so entsetzlichen Gefühls der Ohnmacht und des Ausgeliefertseins an anonyme Mächte und Gewalten? Wissen wir überhaupt noch um diese einmalige Würde des Menschen, die ihn befähigt, sich selbst und die ganze Welt sinnvoll zu gestalten? Schaffen wir uns noch Raum für das Schweigen, aus dem erst das Hören geboren werden kann und in einem zweiten Schritt das zielorientierte Handeln möglich wird? Haben wir den Mut zur Veränderung: in Freiheit und Verantwortung?

Liebe und Barmherzigkeit als Heilmittel für eine kranke Welt
Ein Letztes: in Freiheit übernommene Verantwortung für sich selbst und für die ganze Welt ist für Hildegard ein schöpferischer Akt der Liebe. Es ist die liebende Antwort des Menschen auf die unendliche, ganz und gar ungeschuldete, immer schon dagewesene Liebe Gottes zum Menschen. Die Liebe bewegt die ganze Welt, sie sitzt genau in der Mitte der Achse und entscheidet darüber, ob die Welt im Lot bleibt oder aus den Fugen gerät. Das zeigt einmal mehr, daß Liebe im eigentlichen Sinn nicht erstlich eine Sache des Gefühls ist. Hildegard, wie nach ihr der große Thomas von Aquin, versteht die Liebe als eine vernünftige, geordnete, bewußt gewollte und weise Lebenskraft, die schöpferisch wirkt und alles zusammenhält. Daß solche Liebe auch Mühe kostet und Kraft, ja sogar Leiden schaffen kann, ist selbstverständlich. Die Liebe ist für Hildegard „brennende Vernunft“, „rationalitas“, in der Gottes Geist selbst west und immer neu – oft unter Schmerzen – Leben schafft. Liebe hat also mit Vernunft zu tun. Sie muß gewollt sein und erstrebt werden. Wäre nicht auch das für uns heute ein geradezu revolutionärer Gedanke? Wissen wir überhaupt noch um eine solche vernünftige, auch kämpferische Liebe – oder baden wir nur noch in der unverbindlichen Gefühligkeit dessen, was moderne Zeitgenossen uns als wahre Liebe verkaufen wollen? Die Liebe beweist sich in der Standhaftigkeit und Treue und ist deswegen keineswegs immer der leichtere, wohl aber der wahrhaftigere Weg.

Gilt die Liebe allen Menschen – und das wäre das Ziel -, so erweist sie sich vor allem in der Barmherzigkeit, die einer für den anderen aufzubringen bereit ist. Für Hildegard – und auch hier steht sie ganz in der Tradition des hl. Benedikt – ist solche Barmherzigkeit die „magna medicina“, die Medizin für Leib und Seele schlechthin. Wer barmherzig sein kann mit sich und vor allem mit anderen, der weiß um seine eigene Begrenztheit und Schwäche, besitzt aber gleichermaßen eine Ahung dessen, wie Gott sich den Menschen und seine ganze Schöpfung ursprünglich gedacht hat. Er kann Fehler nachsehen, strahlt Güte aus und vor allem Geduld. Uns Heutigen sind solche Haltungen vielfach abhanden gekommen, obwohl wir uns im Grunde unseres Herzens so sehr danach sehnen. Besinnung tut da not, aber auch Neuanfang in kleinen Schritten. Wie befreiend und tröstlich kann es sein, wenn wir Menschen begegnen, die etwas ausstrahlen von dem, was im wahrsten Sinne des Wortes Heil und Leben spendet. Benedikt von Nursia und Hildegard von Bingen waren solche Menschen. Doch auch heute können wir Menschen dieser Art begegnen oder danach streben, solche zu werden. Wir sollten sie nicht vorschnell als weltfremde Utopisten und Träumer abtun. Denn sind sie es nicht eigentlich, die uns hoffen lassen? Hoffen, daß es sich lohnt, zu werden, was wir sind: Menschen?

Sr. Philippa Rath OSB

In dem 2018 erschienenen, ebenso umfangreichen wie spannenden Band „Katholikinnen und das Zweite Vatikanische Konzil“, herausgegeben von Regina Heyder und Gisela Muschiol (Aschendorff Verlag, Münster 2018) sind u.a. auch die umfangreichen Aktivitäten unserer verstorbenen Hildegardforscherin, Sr. Marianna Schrader, zum Thema Diakoninnenweihe dokumentiert. Wie weit unsere Sr. Marianna und viele andere Frauen des Konzils ihrer Zeit voraus waren, und wie wenige Fortschritte seither in dieser für die Frauen in der Kirche so wichtigen Frage erzielt wurden, veranlasst uns dazu, die untenstehenden Dokumente hier allen interessierten und engagierten Leserinnen und Lesern zugänglich zu machen. Wir danken den Herausgeberinnen und dem Verlag Aschendorff für die freundliche Abdruckgenehmigung.

Ihre Schwestern von St. Hildegard

 

 

 

Die Konzilsaktivitäten Marianna Schraders OSB (1961–1969)

„Das Konzil mit all seinen Ereignissen hat meine Seele in Brand gesteckt und sie zu einer neuen Gesamtsicht geführt“[1] – diesen Satz stellt Sr. Marianna Schrader OSB (1882–1970), Benediktinerin der Abtei St. Hildegard in Eibingen, über ein ihrer Äbtissin vorgelegtes Exposé. Die Hildegardforscherin hat von 1961 an, fast schon achtzigjährig, ihre Reformvorschläge verschiedenen Konzilsvätern vorgetragen und stand darüber im Austausch mit zahlreichen katholischen Akademikerinnen und Akademikern. Anhand der bis zu ihrem letzten Lebensjahr geführten Korrespondenzen lassen sich nicht nur die überragende Bedeutung des Konzils für eine Ordensfrau in einem kontemplativen Orden und das Interesse der gesamten Klostergemeinschaft an diesem Ereignis nachvollziehen, sondern ebenso die Dynamik, die das Konzil ausgelöst hat. Dies gilt zunächst für Marianna Schrader persönlich: waren es zunächst Jungfrauen- und Diakoninnenweihe[2], mit denen sie sich befasste, so weiteten sich allmählich der Kreis ihrer Korrespondenzpartner und der von ihr vorgeschlagenen Reformen. In „heiliger Freiheit“[3] nannte sie später Anliegen, die die Lebensform der Benediktinerinnen selbst berührten: moderatere Klausurvorschriften und die Abschaffung des Gitters, das in vielen kontemplativen Klöstern den Kirchenraum der Nonnen vom Mittelschiff der Kirche trennt(e) und im Sprechzimmer üblich war. Horizont ihrer Überlegungen war „die Frage, ob wir Benediktinerinnen der Beuroner Kongregation bei diesem Aufbruch mitgehen, ob wir das Überlebte des Mittelalters abstreifen, aber ohne von der Verwirklichung des monastischen Ideals abzuweichen.“[4]

Marianna Schraders Korrespondenz erlaubt darüber hinaus einen Blick aus der Schlüssellochperspektive auf die Konzilsdynamik im Eibinger Konvent, der nicht nur mit „ständigen Gebeten“ das Geschehen in Rom begleitete, sondern auch mit „lebhaftem Interesse“[5] die Konzilsereignisse mittels verschiedenster Medien verfolgte. Agierte Marianna Schrader zunächst ausdrücklich „aus eigener Initiative, nicht im Auftrag unserer hochwürdigen Mutter Äbtissin, aber mit ihrer Erlaubnis“[6] – Randnotizen von Mutter Fortunata Fischer zu einem Manuskript Marianna Schraders ist zu entnehmen, dass die Äbtissin die Aktivitäten ihres Konventsmitglieds zunächst skeptisch bis kritisch verfolgt hat – so erschloss sich Äbtissin und Klostergemeinschaft zunehmend die Plausibilität solcher Petitionen. 1963 trugen Äbtissin und Seniorat in einer Konzilseingabe den letztlich schon seit Kriegsende existenten Wunsch vor, die Trennung von Chorfrauen und Laienschwestern in kontemplativen Frauenklöstern aufzuheben;[7] 1965 verfasste man ein Memorandum zur Jungfrauenweihe.[8]

Aus der Retrospektive ist Marianna Schrader als prophetisch zu bezeichnen – bis auf die Diakoninnenweihe sind heute alle ihre Reformanliegen Wirklichkeit geworden. 2012 schließlich erfüllte sich ein letzter, bereits 1967 unter Berufung auf Weihbischof Kampe vorgetragener Wunsch Marianna Schraders: die Erhebung Hildegards von Bingen zur Kirchenlehrerin.[9]

 

[1] AAStH Eibingen, Nachlass Schrader, undatierte Schreibmaschinendurchschrift (2 Seiten) mit handschriftlichen Anmerkungen von Äbtissin Fortunata Fischer. Thematik ist das Verständnis des Konvents als „Kirche“. Die Durchschrift ist so schlecht lesbar, dass der Text leider nicht vollständig ediert werden kann. Wir danken M. Clementia Killewald OSB †, Sr. Matthia Eiden OSB † und Sr. Philippa Rath OSB für die gute Zusammenarbeit und die Erlaubnis zum Abdruck der Dokumente.

[2] Zur Terminologie: Marianna Schrader spricht zunächst bevorzugt von „Diakonissin“, später verwendet sie den Begriff „Diakonin“. In der Einführung wird einheitlich der Begriff „Diakonin“ verwendet.

[3] Diese Formulierung in einer Vorlage für das Exposé „Das Konzil verfolgt u. a. zwei Ziele“ (vgl. Dok. 76).

[4] Dok. 75.

[5] Vgl. z. B. Dok. 74, 78 und 80.

[6] Dok. 74.

[7] Vgl. Dok. 96.

[8] Vgl. dazu Heyder, Antizipation und Partizipation (in Vorbereitung).

[9] Vgl. Dok. 91.

 

Reformanliegen Diakonninnenweihe

Marianna Schrader verstand die Diakoninnenweihe als Weihe für Frauen, die in ihrem kirchlichen Dienst dem Bischof zugeordnet sein sollen und nicht einer klösterlichen Gemeinschaft im engeren Sinne angehören (müssen): „Die Wiedereinführung der Diakonissinnenweihe würde den berechtigten Wunsch der Frau nach einer ihrem Wesen entsprechenden Stellung in der Kirche erfüllen.“ Auch für das Institut der Diakoninnen rekurrierte Marianna Schrader auf historische Vorbilder, insbesondere die „Didascalia et Constitutiones Apostolorum“. In Schraders Argumentationen sind mehrere bemerkenswerte Züge feststellbar: ihre Kirchlichkeit, erkennbar an verschiedenen aus der Korrespondenz mit Experten entstehenden Modifikationen; ihr Pragmatismus, mit dem sie zuletzt „wenigstens einstweilen“ die Thematik der Weihe zurücksetzte, solange Frauen „alle Dienste des männlichen Diakonats, … ausgenommen die Assistenz beim heiligen Opfer am Altar“ übertragen werden; ihre umfassende theologische und historische Bildung, mit der sie sich genau auf jene Texte bezog, die bis heute die Diskussion bestimmen.

Marianna Schrader hat ihre Bemühungen um die Einführung der Diakoninnenweihe im letzten Konzilsjahr – nach Verabschiedung der Kirchenkonstitution Lumen gentium, die in Nr. 29 die Wiederherstellung des ständigen Diakonats ermöglicht hat – nochmals intensiviert. Dazu gehörte auch, dass sie weitere Verbündete suchte und fand: Die Zusammenarbeit mit Gertrud Ehrle in der Diakonatsfrage ist charakteristisch für die neuen Allianzen zwischen Ordensfrauen und Laienkatholikinnen nach dem Konzil. Dass Marianna Schraders Forderung durchaus plausibel war, zeigen die undogmatischen Reaktionen der Weihbischöfe Frotz und Kampe und nicht zuletzt das von der Würzburger Synode (1971–1975) verabschiedete Votum: „Die Synode bittet den Papst, … die Frage des Diakonats der Frau entsprechend den heutigen theologischen Erkenntnissen zu prüfen und angesichts der gegenwärtigen pastoralen Situation womöglich Frauen zur Diakonatsweihe zuzulassen.“

Von Dr. Regina Heyder

 

Das genannte Buch gibt es auch in unserem Online-Shop, hier.

GRÜNDONNERSTAG

Nachdem uns mit dem Palmsonntag die „große Woche“ aufgenommen hat, treten wir mit dem Abendmahlsamt des Gründonnertags wie durch ein hohes Tor in die Feier des Leidens und der Auferstehung unseres Herrn Jesus Christus ein. Wir „feiern“ also das Leiden, den Tod und die Auferstehung Jesu. Ebenso bezeugen wir ja auch bei jeder Eucharistiefeier, dass wir den Tod und die Auferstehung des Herrn „verkünden“, – dem haftet auch etwas Feierliches an. Zu Beginn des Abendmahlsamtes im Eingangslied heißt es ja: „Wir rühmen uns im Kreuz unseres Herrn Jesus Christus . .“, ja, wir können und dürfen nicht anders, – es ist unerlässlich – opportet, so heißt es – wir müssen uns rühmen im Kreuz, – im Zeichen der Schwäche, des Scheiterns, des Untergangs, des Todes. Ist hier das Wort – „rühmen“ – im Zusammenhang mit Leiden und Tod nicht zu großartig? Ja, es ist großartig und muss es sein, weil Pascha Hindurchgang, Hinübergang ist, vom Dunkel und Leid ins Licht und in die Auferstehung. Weiterlesen

KARFREITAG

Feier der Passion und der Auferstehung Jesu Christi. Nach dem Abendmahl hatte Jesus in einer Atmosphäre liebender Nähe und Vertrautheit die Abschiedsworte den Seinen zugesprochen, – es ist das Tiefste und Zarteste, das uns aus dem Munde Jesu überliefert ist. Da steht zu Beginn die Aufforderung: “Euer Herz ängstige sich nicht, es lasse sich nicht verwirren, durcheinanderbringen und erschüttern von Angst.“ „tarassein“, heißt es da im Griechischen, wofür wir im Deutschen gleich mehrere Begriffe brauchen, um das auszudrücken, was Jesus meint. „Lasst euch nicht ängstigen, verwirren, erschüttern . .“ Und doch berichtet das Evangelium von Jesus mehrmals die Aussage: „Jetzt ist meine Seele zutiefst erschüttert.“ Er hat diese Erschütterung nicht zu verbergen gesucht, die ihn offenbar angesichts des nahen Todes überwältigte. Weiterlesen

Die Aufforderung zum Hören ist das Signalwort der Regula Benedicti (RB). Es eröffnet und strukturiert den gesamten Regelprolog und bringt programmatisch zum Ausdruck, wie der Mönch die Heilige Schrift lesen und lernen soll: als lauschender Hörer des Wortes, der das Ohr seines Herzens neigt (obsculta et inclina aurem cordis tui, RB Prol. 1). Überblickt man die Struktur des Regelprologs, so gruppieren sich um dessen Sinnmitte zwei Psalmenerklärungen: der Weg zum Leben (Psalm 34) und der Weg zum Wohnen im Zelt (Psalm 15).

Im Prolog der Regel steht Psalm 34 an exponierter Stelle und gibt dem eigentlichen Berufungsdialog (RB Prol. 9-18), der ganz und gar vom Hören geprägt ist, allein in diesem Abschnitt wird siebenmal das Wort audire/hören genannt, seine besondere Gestalt. Der Ordensvater Benedikt will ein flüchtiges Lesen verhindern und stellt darum an den Anfang seines Psalmenkommentars ein klangmalerisches Signal. Er mahnt dazu, mit „angedonnerten Ohren“ (adtonitis auribus, RB Prol. 9) auf die laut rufende Stimme Gottes zu hören und fügt subito piano nachforschend hinzu: „Und was sagt er?“. Die Frage „Wer ist der Mensch, der das Leben liebt und gute Tage zu sehen wünscht?“ (34, 13), wird in der Benediktusregel zu einer persönlichen Motivationsfrage, die vitale Bedürfnisse anspricht, die tieferen Beweggründe hinterfragt und herausfordernd ergänzt: „Wenn du wirkliches und ewiges Leben haben willst, dann …“ (RB Prol. 17). Der Mensch wird hier als homo viator vorgestellt, dem Psalm 34 als Kompass auf dem Lebensweg dient: „Ecce pietate sua demonstrat nobis dominus viam vitae“ (RB Prol. 20). Vor jeder menschlichen Initiative steht die Erfahrung, dass Gott es ist, der zuerst gesucht, angesprochen und herausgerufen hat. Zwischen Berufung und Zumutung liegt nicht mehr, aber auch nicht weniger als die Lust und die Last der Freiheit, sich dieser unausweichlichen Grundentscheidung zu stellen, und sie persönlich zu beantworten.

Beachtenswert ist besonders der letzte Vers des Psalmenkommentars der Benediktusregel, der sinngemäß der Nukleus des Prologs ist: „Gürten wir uns [a] also mit Glauben und Treue [b] im Guten [c], und gehen wir unter der Führung des Evangeliums seine Wege [d], damit wir gewürdigt werden [c‘], ihn, der uns in sein Reich gerufen hat [b‘], zu schauen [a‘]“ (RB Prol. 21). Dieser kunstvoll gestaltete Vers, den man als kleinen Chiasmus darstellen kann, fasst Psalm 34 prägnant zusammen: Am Anfang steht der Aufbruch, das sich Gürten (34, 5). Am Ende das Ziel, das Sehen (34, 9). Der Glaube kommt aus dem Hören, dem Ruf und der Berufung (34, 3.12) und konkretisiert sich in der Übung guter Werke (34, 14f). Im Zentrum steht der homo viator, der der Führung und Schulung bedarf. Die Ausgangsfrage (34, 13) wird im Regelprolog mit dem Hinweis beantwortet, sich der Unterweisung der gesamten heiligen Schrift, die hier personifiziert wird, anzuvertrauen. Der Weg des Gehorsams, der Demut, der Gottesfurcht, des Lobpreisens, des Schweigens, des Leidens und der Liebe erweist sich als Weg konkreter Nachfolge. Im Kontext der Benediktusregel ist Christus selbst der Lehrer, der hier ruft und mahnt, und der sich unter der Chiffre des Weges an die Seite des Armen und Suchenden stellt. Vers 21 des Prologs veranschaulicht in nur einem Satz die zeitliche und existenzielle Erstreckung dieser lebenslangen Pilgerschaft: Vergangenheit: vocavit (er hat uns gerufen), Gegenwart: pergamus (lasst uns gehen), Zukunft: ut mereamur videre (damit wir gewürdigt werden, zu sehen).

Der kleine Psalmenkommentar der Benediktusregel zu Psalm 34 skizziert die Voraussetzungen, um das in Aussicht gestellte Ziel auch erreichen zu können. Er appelliert und ermutigt aber zugleich, möglichen Widerwertigkeiten zum Trotz, in dieser Schule (dominici scola servitii, RB Prol. 45) auszuharren und auf dem Weg der Gebote Gottes (viam salutis, RB Prol. 48) mutig voranzuschreiten; wissend, dass sich dadurch zwar nicht die Wegstrecke, wohl aber das Herz weitet. Die dialogische Dimension (Frage-Antwort, Anruf-Aufnahme) verdeutlicht zudem, dass ein persönliches Bekenntnis ein Ich und ein Du voraussetzt, das sich in einem Wir, in einer Gemeinschaft, erschliesst. Psalm 34 erschöpft sich nicht in Belehrungen und Entscheidungshilfen; die Weisung des Psalms ermöglicht ein Hineinleben in eine gesättigte Lebenserfahrung und Lebensform. Die persönliche Antwort vollzieht sich als ein Einstimmen, ein Aufnehmen und Aufgenommenwerden in die Entscheidung, die bereits als Gabe vorgegeben ist. In der Mitte des Psalms und im Zentrum des Regelprologs wird deutlich, dass dies ein immerwährender Lernprozess ist. Und mehr noch: Das Mitlernen und Mitfragen mit dem suchenden Menschen übersteigt jeden bloß organisatorischen Rahmen. Aus Paränese (I) und Theorie (II) will ein achtsamer, gereifter und lebendiger (Mit-)Vollzug werden.

Hüte deine Zunge!

Der Psalm dreht sich buchstäblich um den Spruch: Hüte deine Zunge! (Nezor LeSchoncha). Zum Lohn dafür verspricht David langes Leben und gute Tage. An diese erstaunliche Unverhältnismäßigkeit von Tun oder vielmehr Unterlassen und Ergehen hat einer der Tora-Riesen unserer Zeit, Rabbi Israel Meir HaKohen Kagan (1883-1933) aus Radin in Polen, mit einem umfassenden Regelwerk angeknüpft, das er nach Psalm 34, 13 unter dem Titel Sefer Chofez Chajim, Buch des Lebenbegehrenden veröffentlichte. Da Tora-Meister gewöhnlich nach ihrem Hauptwerk genannt werden, ruft man den Verfasser eines der bedeutendsten zeitgenössischen rabbinischen Kodizes (Mischna Brurah) allgemein Chofetz Chajim, Lebenbegehrender. Die Regel des heiligen Benedikt zählt 73 Kapitel, das 6. Kapitel befasst sich mit der Schweigsamkeit (De taciturnitate). Der Chofez Chajim widmet allein diesem Punkt 19 Prinzipien (Klalim) und 180 Regeln. In seinem Buch vom Zungenhüten (Sefer Schmirat HaLaschon) begründet er jene Disproportion von Imperativ und Sanktion mit drei moraltheologischen Überlegungen. Erstens ist die scheinbar lässliche Sünde der bösen Zunge (Laschon HaRa) ein folgenschwerer Anfangsfehler, der mehr als jede andere Sünde einen Rattenschwanz von weiteren Sünden nach sich zieht. Wer umgekehrt seine Zunge im Zaum hält, wird sich daran gewöhnen, nicht nur den Ruf, sondern auch das Eigentum und das Leben des Nächsten zu respektieren, so dass er sich mit der Zeit überhaupt keine Pflichtverletzungen mehr gegen ihn zuschulden kommen lassen wird (Tor der Erinnerung 1). Die Gesetze gegen üble Nachrede, Verleumdung, Beleidigung, Verhetzung, Anzeigen, Anklagen und dgl. erfüllen also auch einen wichtigen erzieherischen Zweck: sie lehren die Unantastbarkeit des Anderen. Der zweite Grund dafür, dass die Zunge das Organ der schlimmsten Sünde wie der größten Tugend sein kann, schöpft der Chofez Chajim aus der Lehre der Elemente. Betrachtet man nämlich die vier Elemente (Erde, Wasser, Luft, Feuer), dann erkennt man sofort, wie sehr die spirituellen Elemente die materiellen überwiegen, so dass die Letzteren geradezu als quantité negligeable erscheinen. Naturgemäß überwiegen deshalb auch Gebote und Strafen, die mit Wort und Geist zu tun haben, bei weitem sämtliche Gebote und Strafen, die mit dem Körper verbunden sind (ebd.). Der dritte Grund rührt aus den schweren Folgen, die auch gerechte Urteile haben können. Um es kurz und, anders als der Chofez Chajim, ohne kabbalistische Umschweife zu sagen: Urteile vergiften auch dann, wenn sie zu Recht fallen die Atmosphäre. Sie fallen keineswegs nur auf ihre Urheber zurück, sie setzen vielmehr Strafverfolgungen in Gang, die letztendlich allen Schaden zufügen und ein Gemeinwesen zerstören können. Es ist eigenartig, diesen strengen Rabbiner dem Übersehen der Fehler und Sünden, der Versöhnung und dem Frieden das Wort reden zu hören (Tor der Erinnerung 2). Aber gerade damit wird er unserem Psalm gerecht: „Suche den Frieden und jage ihm nach!“

Martyrium

Während Psalm 34 im Officium per annum eher selten vorkommt, einzig Vers 9 als wohl ältester Kommuniongesang, wird er in der Liturgie für die Gedenktage der Märtyrer auffallend häufig vertont. Zum Introitus (Eingangsgesang) und als Graduale (Antwortgesang auf die erste Schriftlesung) deuten ausgewählte Verse und zentrale Begriffe den Zusammenhang von Bekenntnis und Verfolgung: beständiger Lobpreis (2), Gottesfurcht (10), Gottsuche (11), Errettung aus Ängsten (18), Leiden des Gerechten (20), Schutz (21).

Die Taufspiritualität der Alten Kirche greift diese Dynamik auf und deutet Psalm 34 in vielen Taufkatechesen für Taufbewerber und Neugetaufte als Lehrstück für ein entschiedenes Christsein. Die beständige Gottsuche (V. 5.11), die auch im benediktinischen Mönchtum fortwährendes Kriterium für die Echtheit einer Berufung bleibt (vgl. RB 58,7), wird Lernziel und Lerninhalt der Unterweisung. Der Aufruf zur Umkehr, zu der jeder Getaufte seiner Taufwürde entsprechend bleibend aufgefordert ist, verwirklicht sich in dem persönlichen Bekenntnis der Glaubenszusage und in der entschiedenen Passion für Gott: Leidenschaft und Leidensbereitschaft gehen Hand in Hand. Die mystagogischen Katechesen sehen daher eine Analogie zwischen Taufe, Mönchsprofess und Martyrium. Tauf- und Professriten tragen zunehmend einen personalen Sendungscharakter. So beginnt der Professdialog mit dem zentralen Vers 12 „Venite filii audite me timorem Domini docebo vos“, worauf der Profitent seine brennende Taufkerze zur Hand nimmt und mit einem Vers aus dem Buch Daniel antwortet: „Nun folge ich dir aus ganzem Herzen. Ich fürchte dich und suche dein Antlitz zu schauen. Herr, verlass mich nicht, sondern handle an mir nach deiner Güte und nach deinem großen Erbarmen“ (Dan 3,41f.). Der Wandel vom blutigen Martyrium der ersten Jahrhunderte zum sogenannten „weißen Martyrium“ des Mönchtums, führt damit zu einer neuen Lesart der Taufmotivation und auch der Psalmen. Der Lebensweg der entschlossenen Hingabe erschließt sich nun als beständige Ausrichtung des Lebens coram Deo: in lobpreisender Nachfolge und in einer konkreten Gemeinschaft (vgl. Ps 34, 1-11). So wird das Zeugnis (Griechisch: martyrion) auf Dauer gestellt, und die Gottsuche zur lebenslangen Aufgabe.

Psalm 34 prägt als Leitmotiv die Gesänge der Märtyrerfeste und verbindet Nachfolge und Hingabe des Einzelnen mit der Indienstnahme für alle. Wer ein glückliches Leben sucht (13), wird dies in der Gottesfurcht finden. Nicht fern aller Bedrängnis, sondern durch sie hindurch (20) ist die Güte des Herrn mit allen Sinnen zu erfahren (kostet, seht, 9). Die Gottesfurcht hat nichts mit krankhafter Ängstlichkeit zu tun. Sie kennzeichnet vielmehr das Leben in Gottes Gegenwart als beständige Suche und Hinwendung des Herzens. Da die Herzensbildung grundlegend für ein geistliches Leben ist, erscheint sie in der Benediktusregel als erste Stufe der zwölfstufigen Demutsleiter: „Der Mensch achte stets auf die Gottesfurcht und hüte sich, Gott je zu vergessen.“ (RB 7,10). Wer nicht schon auf der ersten Sprosse ins Straucheln geraten will, darf diese nicht voreilig und allzu zielstrebig überspringen wollen. Als indica, als Wegweiser und Zeichen, markiert die Gottesfurcht den Anfang und die Fortdauer jedweder Unterweisung, die zum Leben führt (Ps 34, 12).

Schabbat

Das Gebet des Vorbeters David in der Höhle ist zum festen Bestandteil der Gebete der Synagoge und der Kirche geworden. In der Synagoge gehört er zu den Psalmen des Morgengottesdienstes am Schabbat (Psuke DeSimra). Dort figuriert er in den meisten Gebetsordnungen an zweiter Stelle nach Psalm 19. Man kann sich fragen, was der Psalm 34 mit dem Schabbat zu tun hat. Anders als in Psalm 92 fällt das Wort Schabbat nicht und auch das Schöpfungslob des Ps 19 fehlt. Andererseits deutet vielleicht der obstinate Siebener-Rhythmus, der die drei Teile des Psalms durchzieht auf den Schabbat. Versteht man unter Schabbat nicht nur den 7. Wochentag, sondern einen Daseinszustand, eine alternative Lebensform, dann zeugt die Wahl des Psalms für die Schabbat-Liturgie von einem tieferen Verständnis. Die Veränderung (LeSchanot) des Verstandes, die die Überschrift von David berichtet, ist in einem gewissen Sinn auch am Schabbat erforderlich, eine Umstellung der profanen Denkungsart, ähnlich wie die bei frommen Juden zu beobachtenden Umschaltung der Gangart von presto auf lento, der sogennante „Schabbesgang“. Ja, das gleiche Wort, Schnui, ist ein Begriff des Schabbat-Gesetzes, der besagt, dass eine verbotene Arbeit nicht strafbar ist, wenn sie am Schabbat anders, gleichsam mit der „Rückhand“ (Kilachar Jad) ausgeführt wird. Es stimmt, der Psalm enthält keine schöpfungstheologischen Anknüpfungspunkte, wohl aber befreiungstheologische. Man darf nicht vergessen, dass der Schabbat, wenigstens nach der zweiten Version der 10 Gebote eine Fiesta de la libertad ist, die den Auszug aus dem Sklavenhaus kommemoriert und allen Hausgenossen, vom Hausherrn bis zum Vieh Frei gibt (Deut 5, 14-15). In dieser sozialrevolutionären Hinsicht entspricht das Haus der Freiheit, der Höhle Davids, sie sind Reservate des Gebets, des Lernens, der Ruhe und des Glaubens.

Lebensprogramm

In den Apophtegmata Patrum, den Vätersprüchen des frühen Wüstenmönchtums, findet sich folgende Erzählung: „Die Brüder bringen zu Abbas Abraham Pergament und bitten ihn, einen langen Text zu schreiben. Aber er schreibt nur den Vers Psalm 34, 15: ,Meide das Böse, und tu das Gute, suche den Frieden, und jage ihm nach.‘ Die Brüder sagen ihm: ,Schreibe uns doch den vollen Psalm.‘ Doch er antwortet: ,Wenn ihr euer ganzes Leben dem Programm dieses einen Verses angepasst habt, dann werde ich euch einen anderen Text schreiben“ (Coll. Arm. X, 67).
Programmatische und pointierte Worte: Wer wissen will, wie gläubiges Leben gelingen kann, der benötigt, so legt es Abbas Abraham nahe, nicht umfassende Information, sondern ein „Lehrstück“, das sich durch den Vollzug erklärt und das die Reifung des Erfahrenden ermöglicht. Teilgabe an einer lebendigen Tradition will performative Lehre sein. Denn ein Lebensprogramm, das nur gedacht, aber nicht vollzogen wird, wäre nur die halbe Wahrheit und bliebe auf halber Strecke stehen. Daher gilt: meide, tue, suche, jage nach (34, 15). Ein solch zunehmend verständiges Sich-Einüben buchstabiert Psalm 34 von A bis Z durch.

Von Sr. Raphaela Brüggenthies OSB

Im allgemeinen wird die Vita des heiligen Benedikt von vielen immer noch eher ein wenig belächelt und als erbauliche, legendenumrangte Literatur verlegen bei Seite gelegt. Die Benediktusregel allein sei es, so hört man oft, die das benediktinische Leben begleitet, ihm Fundament und Form gibt und die dem Leser, so Gott will, irgendwann auch zum Buch seines eigenen Lebens wird. Die Lebensbeschreibung des hl. Benedikt aus der Feder Papst Gregors des Großen dagegen führt eher ein Schattendasein – und das zu Unrecht, denn sie ein Buch voller Kraft und voller Weisheit. Sie enthält ähnlich wie die Regel des hl. Benedikt, aber in literarisch ganz anderer Form, gelebte Wahrheit und schildert uns das Leben des hl. Benedikt als ein exemplarisches spirituelles Leben. Die Geschichten, die die Vita erzählt, sind wie Ikonen, die das Antlitz des Ordensvaters und im Tiefsten auch das Antlitz Christi und des Vatergottes aufstrahlen lassen. Deshalb kann die meditierende Lektüre der Vita Benedicti zu einem vertieften Verständnis des Glaubens und des benediktinischen Lebens führen. Der Anlass zur Abfassung der Dialoge

Das zweite Buch der Dialoge Gregors des Großen

Wie kaum ein anderes Werk hat das zweite Buch der Dialoge („Dialogorum Libri quattuor de miraculis Patrum Italicorum“) Papst Gregors des Großen (540 – 604), das die Lebensbeschreibung des hl. Benedikt enthält, die Spiritualität des benediktinischen Mönchtums durch die Jahrhunderte geprägt. Dieses Buch gehörte zu den weitest verbreiteten und meist übersetzten Büchern in den Klöstern unseres Ordens und darf deshalb in seiner Bedeutung für die Tradition, aber auch für uns heute, nicht unterschätzt werden. Die Vita Benedicti ist bis heute die einzige Quelle über Leben und Wirken unseres Mönchsvaters. Es gibt keine zeitgenössischen Zeugnisse über das Leben Benedikts.

Das benediktinische Mönchtum hat seine Formung vor allem durch die Benediktusregel gefunden. Die Person des hl. Benedikt trat und tritt immer hinter seinem Werk, d.h. hinter seiner Regel, zurück. Doch schon Papst Gregor wusste zu berichten: “Wer sein [Benedikts] Wesen und sein Leben genauer kennen lernen will, kann in den Weisungen seiner Regel alles finden, was er als Meister vorgelebt hat: denn der heilige Mann konnte gar nicht anders lehren, als er lebte.“ (Vita 36). In diesen letzten Worten leuchtet für mich das auf, was das eigentliche Geheimnis dieser Vita Benedicti und damit auch des hl. Benedikt selbst ausmacht: Leben und Lehre sind zu einer untrennbaren Einheit geworden. Von uns, den Nachfolgenden, wird nicht mehr und nichts anderes erwartet, als unser Vater Benedikt selbst vorgelebt hat. „Der Abt“, so heißt es im 2. Kapitel der Regula (2, 12), „zeige mehr durch sein Beispiel als durch Worte, was gut und heilig ist“. Und wer von uns wüsste nicht, dass das gelebte Beispiel weit mehr überzeugt als jedes noch so gut gemeinte Wort.

Gregor der Große verfasste die Vita Benedicti in den Jahren 593 und 594, also fast 50 Jahre nach dem Tod des hl. Benedikt (ca. 548). Äußerer Anlass war die Bitte zahlreicher Kleriker und Mönche, Beispiele heiligmäßigen Lebens in Italien niederzuschreiben, um die Menschen zu erbauen und im Glauben zu stärken. Im Vordergrund stand also zunächst ein durchaus pastorales und auch spirituelles Anliegen. Betrachtet man allerdings das Vorwort Gregors zu seinen „Vier Büchern der Dialoge“, so wird deutlich, dass auch ein sehr persönliches Interesse hinter diesem Buch stand. Gregor, ursprünglich selbst Mönch im Andreaskloster in Rom, war bereits nach wenigen Klosterjahren Abgesandter des Papstes in Konstantinopel geworden und wurde dann 590 selbst zum Papst gewählt. Die Bürde des Amtes lastete schwer auf ihm – die Verflochtenheit in weltliche Aufgaben ließ ihn in wachsendem Maße hin- und hergerissen sein zwischen den Pflichten seines Papstamtes und der Sehnsucht nach einem kontemplativen, geistlichen Leben im Kloster.

Als Heilmittel gegen seine eigene innere Unruhe setzt Gregor nun die Erinnerung an Beispiele gelungenen, integrierten, ganzen und heilen Lebens. In der Gestalt des hl. Benedikt findet er ein solches Beispiel. In der Erinnerung an ihn gelingt es ihm, die kontemplative Dimension in seinem eigenen Leben zu bewahren und einen neuen Anfang zu setzen. Insofern hat die Niederschrift der Lebensbeschreibung des hl. Benedikt für Papst Gregor neben der pastoralen auch eine „therapeutische“ Funktion. In den Lebensgeschichten der Väter erfährt er Ansporn, Trost und Stärkung und findet das, was er sich tief in seinem Herzen für sein eigenes Leben wünscht: „Viele von ihnen lebten im Verborgenen in Einklang mit dem Schöpfer“ (Prolog der Vita). Papst Gregor versteht seinen Bericht über das Leben Benedikts also nicht erstlich als Geschichtsschreibung, sondern als Schilderung eines exemplarischen spirituellen Lebens. Am Leben des hl. Benedikt will er darlegen, wie der christliche Weg der Verwandlung in das Bild Jesu Christi gelingen kann und welche Stufen auf dem Weg wachsender Gotteserfahrung zu durchschreiten sind.

Das bedeutet allerdings nicht, dass die Vita Benedicti nicht einen wahren und zuverlässigen historischen Kern hat. Papst Gregor lagen Erzählungen und Erzähltraditionen, wie z.B. die vom stehenden Sterben des hl. Benedikt, vor. Solche Erzählfragmente verknüpfte er dann auf vielfältige Weise mit unterschiedlichen Topoi (d.h. Erzähl- und Denkfiguren) aus der altkirchlichen Hagiographie. Dabei spielen die beiden großen Modellviten des alten Mönchtums – die Vita Antonii des Athanasius und die Vita Martini des Sulpicius Severus – eine ganz besondere Rolle. Auf diese Weise entstand ein Bild des Menschen Benedikt, der glaubwürdig und konsequent als Christ und als Mönch lebte. In zweiter Linie dann folgte die Intention einer Darstellung des monastischen Ideals, des Bildes eines vollkommenen Abtes und des vollkommenen Jüngers des Herrn. Wichtig ist dabei der untrennbare Zusammenhang mit der Hl. Schrift und der absolute Vorrang des Wortes Gottes. „Wenn die Mönchsregeln nichts anderes sein wollen als die Einschlagstelle der Hl. Schrift im konkreten Leben der Gemeinschaft, dann zeigen die Mönchsviten diese Einschlagstelle der Hl. Schrift im konkreten Leben eines einzelnen.“ (Einleitung zur Vita, hrsg. von der Salzburger Äbtekonferenz, S.34)

Die literarische Gestalt und Form der Vita Benedicti

Ein Blick auf die literarische Gestalt der Vita zeigt, dass das Leben des hl. Benedikt in einer Art fiktivem Wechselgespräch zwischen dem Verfasser Gregor und seinem Diakon Petrus dargestellt. Näherhin ist diese Form des Dialogs eigentlich die aus den Väterunterweisungen der Wüste bekannte Form der Fragen und Antworten. Der Diakon Petrus gibt sozusagen die Stichworte, damit die Erzählung weitergeht, oder stellt eine Frage, die es dem Erzähler ermöglicht, die Handlung fortzuschreiben oder auch einen kleinen homiletischen Exkurs über ein konkretes Thema einzuschieben (insgesamt 10 solcher Einschübe z.B. 35,5-7 gibt es)

Vir Dei Benedictus

Betrachten wir zunächst die Bezeichnung Benedikts als „Vir Dei Benedictus“. Schon diese Namensgebung weist auf die besondere Stellung des gesegneten Gottesmannes hin. Bedeutende Gestalten der Patriarchen- und Prophetenzeit führten als Ehrenbezeichnung den Titel „Mann Gottes“: Moses (Dt 33,1), Samuel (1 Sam 9,6), David (2 Chr 8,14), Elja und Elischa (1 Kön 17,18 und 3 Kön 19,16). Was zeichnet einen Vir Dei, einen Mann Gottes aus? Er ist zunächst und vor allem Zeuge für Gottes Heilshandeln in der Geschichte und an uns Menschen. Er lebt selbst ganz aus und in Gott, und versucht, allein Gottes Willen zu verwirklichen. Sodann ist er Prophet, d.h. gesandt, das Heil Gottes in eine bestimmte Situation hinein zu verkünden. Und schließlich steht der Vir Dei in der Nachfolge der Apostel, weniger um missionarisch tätig zu sein – dies kann eher eine indirekte Frucht sein – als vielmehr in dem Anspruch, die gleiche Vollkommenheit zu erreichen, wie diejenigen, die ganz in der Nähe des Herrn lebten.

Schließlich der Name „Benedictus“ in seiner doppelten Bedeutung: der von Gott Gesegnete, der selbst ein Segen für viele wird. Hier ist der Anklang an Abraham deutlich und sicher auch bewusst gewählt: „Du sollst ein Segen sein…“ . Schon für den Verfasser der Vita war der hl. Benedikt ein Gesegneter im wahrsten Sinne des Wortes. Und ich denke, er ist es geblieben – durch inzwischen fast 1500 Jahre hindurch und auch für uns.

Grundthemen der Vita Benedicti

Wie oben schon gesagt, berichtet Papst Gregor im 36. Kapitel der Vita von der Niederschrift einer „Regel für Mönche“ und von dem untrennbaren Zusammenhang dieser Regel mit dem Leben des hl. Benedikt. Folgerichtig greift die Vita an vielen Stellen in der Form von Geschichten und Episoden aus dem Leben des Heiligen immer wieder die Grundthemen der Regel auf: den Vorrang des Gebetes als dem Zentrum des monastischen Lebens (Dialoge II 4,1-3 – RB 43,8-9), die Beständigkeit (Dialoge II, 25 – RB 4,78; 58,9; 61,5), der Gehorsam (Dialoge II, 7,1-3 – RB 5,1), der Eigenbesitz (Dialoge 19,2 – RB 33,1) und schließlich auch das weite Herz (Dialoge II 35,7 – RB, Prol 49).

Die Wunder

Entscheidender Bestandteil altkirchlicher Vitenliteratur sind die Wunderberichte – so auch in der Vita Benedicti. Gerade diese Wundergeschichten haben viele an der Seriösität der Vita zweifeln lassen. Doch gilt auch hier: wir müssen tiefer sehen und den Kern dieser Wunderberichte verstehen lernen. Die Wunder, so fasst Gregor selbst den Sinn dieser Berichte zusammen, sind das „bonae vitae testimonium“ (Dialoge I,12,6) das Zeugnis eines gottgefälligen Lebens. Sie stellen die Heiligen in eine Reihe mit den Aposteln und Propheten. Viele der geschilderten Wunder Benedikts sind übrigens Früchte einer Art monastischen Pädagogik und insofern Anschauungsmaterial für unser tägliches klösterliches Leben (Dialoge II, 9: Der Stein in der Mitte; Dialoge II,10: Das Scheinfeuer in der Küche). Meist ist es das Gebet des hl. Mönchsvaters, das das Wunder bewirkt – und dies kann uns helfen, an die heilende und verwandelnde Kraft des Gebetes zu glauben.

Gefährdungen und Versuchungen

Ein Grundthema der Nachfolge sind die Gefährdungen und Versuchungen, ist der Kampf mit dem alten Feind, wie es die Mönchsväter nennen. Kein Leben in der Nachfolge kann ohne Anfechtungen bleiben, das weiß jeder von uns aus eigener Erfahrung. Evagrius Pontikus und in seiner Tradition Johannes Cassian sprachen von den logismoi, den Gedanken, die vom Weg und vom Eigentlichen abbringen und die es immer neu zu bekämpfen gilt. Diese konkretisieren sich in der Vita in verschiedenen Begegnungen des hl. Benedikt mit dem alten Feind und finden ihren Höhepunkt schließlich in dem Wort: „Der Ort änderte sich, nicht aber der Feind“ (Dialoge II, 8,10). In heutige Sprache übersetzt würden wir sagen: so oft wir den Ort auch wechseln, wir nehmen uns immer mit …

Begleiter auf dem Weg

Ein wichtiges Thema der Vita Benedicti sind auch die begleitenden Gestalten auf dem Weg. Der hl. Mönchsvater war keine einsame Gestalt, sondern traf und fand von Anfang an Menschen, die ihn auf seinem Weg begleiteten: den Mönch Romanus, der ihm das Gewand des klösterlichen Lebens gab und ihn in der Höhle mit Brot speiste (Dialoge II, 1,4); der Osterbote, der mit seinem Besuch in der Höhle eine Wende in das eremitische Leben Benedikts bringt und ihn auf die kirchliche und gemeindliche Dimension des mönchischen Lebens hinweist (Dialoge II, 1,7); der Mönch Theoprobus, mit dem Benedikt seine prophetische Schau der Zerstörung Montecassinos teilt und vor dem der Heilige nicht einmal seine Tränen verbirgt (Dialoge II, 17); seine Schwester Scholastica, von der uns Gregor berichtet, dass sie mehr vermochte, weil sie mehr liebte (Dialoge II, 33,5); schließlich der Diakon Servandus, mit dem Benedikt auf dem Höhepunkt seines geistlichen Lebens seine große kosmische Vision und die überwältigende Erfahrung des göttlichen Lichtes teilt (Dialoge II, 35,4). Alle diese Wegbegleiter stehen als Symbol für die Wirklichkeit brüderlich-schwesterlicher Gemeinschaft und können Mut machen, unseren je persönlichen Weg nicht alleine zu gehen, sondern im vertrauensvollen Austausch mit anderen an unserer Seite.

Geistliches Leben als Weg

Als letztes, aber keineswegs als letztrangiges Grundmotiv der Vita des hl. Benedikt ist der Weg zu nennen. Geistliches Leben, Leben überhaupt ist ein Weg, den wir gehen und den wir geführt werden. Dem Weg Benedikts geht ein Neuanfang voraus, nämlich seine Bekehrung zum Mönchtum. In diesem Sinne kann der hl. Benedikt ein guter Wegbegleiter sein, denn er war ganz ein Mann des Anfangs.

Benedikt verlässt seine Heimatstadt Rom und er verlässt seine Familie. Er verlässt sein Vaterhaus und seinen Besitz. Er verlässt die Welt und kurz darauf auch seine geliebte Amme. Er findet Aufnahme in einer Gemeinschaft von Männern, die ein asketisches Leben führen, und verlässt die Gemeinschaft von Effide schon bald, um neu zu beginnen in radikaler Einsamkeit. Seine Wüste wird nun „eine ganz enge Höhle“ (Dialoge II 1,4) und er beginnt den Weg zurück zu sich selbst – „reditus in semetipsum“, wie die Väter diesen ersten Schritt auf dem Weg der Gotteserfahrung nennen. Auch später, nach dem Scheitern in Vicovaro wird Benedikt noch einmal an „die Stätte der geliebten Einsamkeit zurück-kehren“ (Dialoge II, 3,5) um dort ganz in der Gegenwart Gottes, was Papst Gregor mit dem berühmten Wort vom „habitare secum“ (Dialoge II, 3,5) beschreibt, zu leben.

In einem weiteren Schritt verlässt Benedikt die Höhle und begibt sich „auf die Erde“ in Subiaco. Er fängt neu an, sammelt die ersten Schüler um sich und gründet 12 Klöster. Die Grundzüge zönobitischen, d.h. gemeinschaftlichen Lebens bilden sich heraus. Der Neid eines feindlichen Priesters veranlasst Benedikt schließlich noch einmal zu einem Ortswechsel und Neuanfang. Der Montecassino symbolisiert nun die letzte Station seines Lebens und wird zum Ort seiner geistlichen Vollendung. Wie sehr der Berg der eigentliche Ort der Gottesbegegnung ist, sagt uns die Hl. Schrift an vielen Stellen, angefangen vom Berg Horeb über den Berg Tabor bis hin zum Ölberg. Auf dem Montecassino wird der hl. Benedikt zum eigentlichen Vir Dei, zum guten Hirten und zum geistlichen Vater seiner Mönche. Hier beginnt er mit der Niederschrift seiner Regel und hier vollendet sich auch sein Leben.

Noch einmal führt Papst Gregor den hl. Benedikt weiter hinauf – an die höchste Stelle, auf den Turm, den nichts mehr zu überragen vermag. In einer nächtlichen Vision erfährt er nun den eigentlichen geistlichen Höhepunkt seines Lebens. Er ist zur Vollendung gelangt und darf bereits das jenseitige Licht der Transzendenz schauen. Ähnlich wie Augustinus einst mit seiner Mutter Monika kurz vor deren Tod am Fenster in Ostia stand (Confessiones IX, 23), so erlebt Benedikt hier bereits seinen Hinübergang in das ewige Licht. Es ist seine Ostererfahrung schlechthin, die ihre liturgische Parallele im Exsultet der Osternacht findet, die mit nahezu denselben Worten das Licht der Auferstehung inmitten der Nacht preist. In diesem Licht darf Benedikt wie einst Moses auf dem Berg Nebo (Deut 34,1-5) das gelobte Land in seiner Ganzheit und in seiner vollen Schönheit schauen. Benedikts Tod ist dann nur noch ein Hinübergang, ein transitus im eigentlichen Sinne. Ein letztes Mal nimmt Papst Gregor hier an dieser Stelle das Wegmotiv des geistlichen Aufstiegs in den Blick. Auf unnachahmliche Weise verwendet er eine Terminologie, die an die Himmelfahrtsperikope erinnert: „Haec est via, qua dilectus Domino caelum Benedictus ascendit“ – Dies ist der Weg, auf dem Benedikt, den der Herr liebt, zum Himmel emporstieg“ (Dialoge 37, 3).

Sr. Philippa Rath OSB

„Verwundete Austern
lassen aus blutigen Wunden
eine Perle entstehen.
Den Schmerz, der sie zerreißt,
verwandeln sie in ein Juwel.“

(Richard Shanon)

Zur näheren Erläuterung dieses Leitmotivs soll so etwas wie eine Kindergeschichte beitragen, in der eine erfahrene weise Auster einen kleinen Auster-Nachkömmling ins Leben einführt und ihn den Sinn seiner Existenz verstehen lassen möchte. Zusammengerafft klingt das dann so:

Unter den Austern, so erklärt die weise Alte dem Kleinen, gibt es eine besondere Art, die zur Gattung der Perlmuscheln gehört. Die Perlmuscheln empfinden diese ihre Zugehörigkeit wie eine Art Auserwählung, denn sie haben eine Kraft, die die anderen Muscheln nicht haben: sie können Perlen bilden. „Das ist unser großer Reichtum, aber auch unser großer Schmerz“, so lautet die Erklärung der Alten, „denn ohne Leiden und Schmerzen gibt es keine Erwählung.“ Weiterlesen

Wir wünschen Ihnen und allen, die sich uns verbunden wissen, ein gesegnetes, gesundes und friedvolles Neues Jahr 2022.

Möge der barmherzige Gott der Welt seinen Frieden schenken und Sie auf all Ihren Wegen begleiten!

Ihre Schwestern von St. Hildegard

Ich sagte zu dem Engel,
der an der Pforte des neuen Jahres stand:
gib mir ein Licht,
damit ich sicheren Fusses
der Ungewissheit
entgegengehen kann!

Aber er antwortete:
Gehe nur hin
in die Dunkelheit
und lege deine Hand
in die Hand Gottes.
Das ist besser
als ein Licht
und sicherer
als ein bekannter Weg.

(Wort eines chinesischen Christen)

Liebe Verwandte und Freunde unserer Abtei!

Wieder ist ein Jahr vergangen, in dem viel Erschütterndes, aber auch Schönes geschehen ist.  „Siehe, ich mache alles neu“ (Offb. 21,5) war das Motto, das M. Dorothea uns dazu im Advent 2020 mit auf den Weg gab. Wie bunt sich das Jahr darin entfaltete, spiegelt sich schon in der Fotocollage unseres Jahresrundbriefes. Wir nehmen Anteil am Weltenlauf, wollen aber auch Ihnen Anteil an unserem Leben in der Abtei St. Hildegard geben. Dazu möchten wir wieder unseren Jahresrückblick mit Ihnen teilen.

Jahresrückblick 2020