„Da robur, fer auxilium“, „Gib Kraft, bring Hilfe.“ Diese Zeile aus dem lateinischen Laudeshymnus von Fronleichnam ist kein zartes, vorsichtiges Flehen: „Gib mir, gib uns doch bitte Kraft“, sondern viel stärker, ein Befehl, ja ein Schrei: „Da robur! Fer auxilium!“, „Gib Kraft! Bring Hilfe!“

Fronleichnam ist keine fromme Verzierung, kein Fest am Rande, sondern zutiefst existenziell: Der Schrei nach Brot, der Schrei nach Lebenskraft.

Sicher, der Weg zum Himmel ist offen, Heil und Erlösung geschehen, doch auf diesem Weg ist nicht alles leicht, da gibt es Krieg, „Krieg“ in Anführungszeichen in uns, Krieg und Gewalt zwischen den Völkern, der bestanden und überlebt werden will. Da braucht es „Robur“, Robustheit, Kraft und „Auxilium“, Waffenhilfe, das heißt, das Beistehen und Zuhilfekommen eines Stärkeren, Eines, der gerüstet ist, zu bestehen.

Die ganze Strophe heißt:

„O salutaris hostia,              

O heilbringendes Opfer

Quæ cæli pandis ostium,    

das du öffnest das Tor zum Himmel.

Bella premunt hostilia:        

Wo feindlich Kriege bedrängen:    

Da robur, fer auxilium.         

Gib [uns] Kraft, bring [uns] Hilfe!“

Allein diese Worte sind kraftvoll und geben beim Gebet Kraft. Mir ist es vor Jahren passiert, dass ich in den Ferien gelaufen bin und den ganzen Tag die Worte „Da robur, fer auxilium“ vor mich hin gesungen habe. Die Worte haben damals mein Gebet ausgedrückt, obwohl das nicht bewusst geschah. Es ist ein archaisches, existenzielles Gebet: „Da robur! Fer auxilium!“, „Gib Kraft! Bring Hilfe!“ Wenn ich heute in den Nachrichten das Weltgeschehen wahrnehme, dann kommt es mir so aktuell vor, so existenziell wie der Krieg, so existenziell das Gebet um Kraft und Hilfe.

Es ist auch das Gebet des Volkes unterwegs. Ein Gebet Schritt für Schritt, für lange Wege. Für den langen, gewundenen und vielleicht Umwege umfassenden Lebensweg, der gestärkt wird von Gottes Speise und Segen. Die Fronleichnamsprozession ist ein Zeichen dafür, dass wir nicht im Gewohnten stehen bleiben wollen, sondern dass wir im Glauben wandern, wandeln, uns verändern. Uns Schritt für Schritt neu verorten.

Noch eine andere Strophe, aus dem Hymnus der Matutin, betont die Bewegung:

„Sacris solemniis iuncta sint gaudia,

Den heiligen Feiern sei verbunden die Freude

Et ex præcordiis sonent præconia;

und aus den Herzen mögen erschallen die Lobpreisungen!

Recedant vetera, nova sint omnia,

Altes weiche zurück, alles sei neu:

Corda, voces et opera,

Herzen, Stimmen und Werke.“

Bleibe nicht stehen! Alles sei heute neu!

Sicher ist der Festinhalt die Nachfeier des Gründonnerstags, weil die Freude über das festliche Mahl sich in der Karwoche nicht genug ausdrücken konnte. Aber das Mahl ist nur der Ausgangspunkt für den Weg. Gefeiert wir nicht der Tisch, sondern die Wegzehr, der Proviant. In der Sequenz singen wir:

„Ecce panis Angelorum,    

                        Seht, das Brot der Engel,

              Factus cibus viatorum,      

                        es ist Speise der Wanderer geworden.“

Es stärkt auf dem Weg, es bringt Kraft und Hilfe. Wie es auch im „Panis angelicus“, im Hymnus der Matutin heißt:

              „Panis angelicus fit panis hominum;       

                        Engelsbrot wird Brot für die Menschen;

              Dat panis cœlicus figuris terminum;        

                        Himmelsbrot gibt den Gestalten ein Ziel.“

– Gibt unserem Suchen ein Ziel.

Schließen möchte ich mit der Schlussstrophe des Matutinhymnus:

   „Te, trina Deitas unaque, poscimus:

                        Dich, dreifaltige und eine Gottheit, bitten wir:

              Sic nos tu vísita, sicut te cólimus;

                        Besuche du uns so, wie wir dich verehren.

              Per tuas semitas duc nos quo tendimus,

                        Auf deinen Wegen führ uns, wohin wir streben,

              Ad lucem, quam inhabitas,

                        zum Licht, in dem du wohnst. Amen.“

 

Text: Sr Klara Antons OSB

Bild: Ausschnitt aus dem Evangeliarbild für Fronleichnam von Sr. Josepha Knips OSB, um 1930.

„Der Mensch soll es niemals vergessen, mich, den Einen Gott, in diesen drei Personen anzurufen; denn deshalb habe ich sie dem Menschen offenbart, damit er umso glühender in Liebe zu mir entbrenne, da ich ja aus Liebe zu ihm meinen Sohn in die Welt gesandt habe.“                                                                                                                                                                                                                           Hildegard von Bingen

 

Wohl kaum eine andere Miniatur aus der großen Visionsschrift „Scivias – Wisse die Wege“ der heiligen Hildegard ist so kühn in der Darstellung, so ausdrucksstark, so bewegend und so faszinierend wie die bildgewordene Vision der Allerheiligsten Dreifaltigkeit. Sie sprengt nicht nur den Rahmen des Bildes, sondern auch meine eigene Vorstellung und Bilderwelt. Gerade darin gelingt es ihr, mir das Trinitarische Geheimnis ganz neu, ganz überraschend und ganz lebendig nahe zu bringen.

„Ich schaute ein überhelles Licht und darin eine saphirblaue Menschengestalt, die durch und durch in funkelndem Feuer brannte. Das Licht durchflutete das Feuer und das Feuer ganz das helle Licht. Beide durchdringen die Menschengestalt: alle drei eine einzige Lichtfülle, wesend in einer Kraft und in einer Macht.“

Welch ein dynamisches Gottesverständnisses kommt hier zum Ausdruck. Da ist nichts Statisches, nichts Starres. Das Trinitätsdogma wird in Hildegards Vision vielmehr ganz „undogmatisch“ lebendig. Das war ja ihr besonderes Charisma, ihre ganz große Stärke: sie verstand es, die Lehre der Kirche in Bilder umzusetzen und uns so einen ganz neuen Zugang zum Geheimnis Gottes zu vermitteln.

Alles ist in dieser Dreifaltigkeitsvision in Bewegung und voller Leben. Und dennoch strahlt das Bild eine große Ruhe aus. Gott selbst ist das wunderbare Licht, das alles durchstrahlt und durchleuchtet; die innere Kraft, die alles bewegt; der sprudelnde Lebensquell, der alles durchflutet. Er umfängt das gesamte All und kommt uns Menschen doch zugleich ganz nah. Er kommt uns entgegen in der Gestalt seines Sohnes, der – in der Orante-Haltung verharrend – IHN, seinen Vater anbetet und verherrlicht. Christus in der saphirblauen Menschengestalt ist mir als Betrachter des Bildes frontal zugewandt. Er schaut mich an und schaut doch zugleich ganz nach innen. Er ist ganz eins mit dem Vater, ganz umhüllt von seinem, dem göttlichen Licht. Der Heilige Geist schließlich, der die Herzen entzündet und bewegt, ist lebensspendender Hauch, hellleuchtendes pulsierendes Feuer, das alles umkreist und in Liebe entbrennt. Sie, die Liebe, ist das einende Band der drei göttlichen Personen. Sie ist die Urkraft, die die Welt und den Kosmos, die alles Leben zusammenhält.

Das Gottesbild der heiligen Hildegard, das in dieser Vision einen so lebendigen Ausdruck findet, ist ganz und gar dialogisch. Gerade darin wird es uns so vertraut. Die frühe Kirche kannte die Trinitarische Gebetsformel: „Ehre sei dem Vater durch den Sohn im Heiligen Geist“. Das gleichgeord-nete Nebeneinander der drei göttlichen Personen wird hier durch die Besonderheit der jeweiligen göttlichen Person und deren je individueller Wirkweise ergänzt. Dadurch entsteht die wahre Einheit in der Dreiheit –  das göttliche Geheimnis von Vater, Sohn und Geist, das wir nie ganz begreifen können, dem wir uns nur in Staunen und Anbetung, in Lob und Dank immer neu nähern können.

Bildnachweis:  Miniatur aus dem Rupertsberger Scivias-Kodex der heiligen Hildegard von Bingen, um 1175, Original verschollen, Handkopie auf Pergament, um 1930 Abtei St. Hildegard, Rüdesheim/Eibingen

 

Die Pfingstsequenz, die im 13. Jahrhundert entstanden und deren Verfasserschaft unklar ist, hat ihren liturgischen Ort in der Messe am Pfingstsonntag vor dem Evangelium. Am Ende der Osterzeit entläßt sie uns mit ihren flehentlichen Bitten in den Jahreskreis und leitet in diese über. Die Sequenz ist ein Gebet, das unseren Alltag begleiten, uns die gefeierten Festgeheimnisse von Advent bis Ostern vor Augen stellen und unser Leben daran auf- und ausrichten lassen könnte. Denn wie in allen Texten der geprägten Zeiten leuchten in der Pfingstsequenz auch adventliche und weihnachtliche Gedanken, sowie Motive des Osterfestkreises auf. Die Sequenz ist ein Gebet, mit dem wir alle Not und Bedrängnis in der Welt, der Kirche und in uns selbst vor Gott tragen können.
Die Sequenz besteht aus 10 Strophen mit jeweils 3 Zeilen. Gunda Brüske weist in einem Artikel im Schweizer Liturgieportal (Gunda Brüske, Veni Sancte Spiritus, in: www.liturgie.ch) darauf hin, daß die Strophen, von denen jeweils zwei zusammengehören, von außen nach innen zu lesen sind. Sie schreibt: „Die ersten beiden rufen viermal um sein Kommen, die letzten beiden rufen viermal nach seinen Gaben. Ein Rahmen bildet sich auf diese Weise, der Anfang und Schluss der Dichtung umrundet. Wie ein Passepartout schließen sich nach innen wieder je zwei Strophen an: die 3. und 4. Strophe nennen sechs Eigenschaften des Heiligen Geistes – die 7. und 8. Strophe rufen sechsmal sein Wirken herbei.“ Die 5. und 6. Strophe bilden den Höhepunkt und das Zentrum der Sequenz. Die folgenden betrachtenden Gedanken zu den einzelnen Strophen orientieren sich in der Reihenfolge an dieser Struktur.

Pfingstsequenz_PDF-Download

Der Rahmen – die Strophen 1 und 2, 9 und 10
1. Strophe

Kraftvoll beginnt die Sequenz und ruft das göttliche Licht gegen Finsternis und Nacht.
In diesen ersten Zeilen entfaltet sich schon die gesamte Spannbreite der geschaffenen Existenz, sie eröffnen den Raum, in dem sich das Leben abspielt, zwischen Finsternis und Licht, zwischen dem Chaos des ersten Schöpfungstages und der gottgeschaffenen Ordnung. So zeigt es sich am Anfang der Schöpfung im Buch Genesis: „Am Anfang schuf Gott Himmel und Erde; die Erde aber war wüst und wirr, Finsternis lag über der Urflut und Gottes Geist schwebte über dem Wasser. Gott sprach: Es werde Licht. Und es wurde Licht.“ Der Geist Gottes schafft Licht und schafft Leben.
In dieser ersten Strophe der Pfingstsequenz können wir alle großen Feste mitklingen hören, er spannt sich aus wie ein Lichtbogen von Weihnachten bis zum Pfingstfest, der auch jeden einzelnen Tag unseres Lebens mit seinen Strahlen streift:
An Weihnachten feiern wir das göttliche Licht, das den Menschen geschenkt wird, so hören wir in der Lesung: „Das Volk, das im Dunkel lebt, sieht ein helles Licht; über denen, die im Land der Finsternis wohnen, strahlt ein Licht auf.“ (Jes 9,1)
An Ostern überstrahlt das unvergängliche Licht jegliche Finsternis mit einem Strahlen, vor dem kein Dunkel Bestand haben kann. So bitten wir Ihn, dass Sein Licht das Dunkel auch unserer Herzen vertreiben möge. Fünfzig Tage brennt die Osterkerze, bis wir in der Pfingstsequenz den Heiligen Geist rufen „strahle Licht in diese Welt“ und wiederum bitten: „komm, der jedes Herz erhellt.“.

2. Strophe
Die ersten beiden Strophen rufen zusammen vier Mal „Komm!“. Der Ruf ist uns auch aus vielen adventlichen Texten vertraut. So verbindet dieses Rufen die großen Feste miteinander, und so ist Pfingsten vielleicht die Vollendung nicht nur von Ostern, sondern von Weihnachten und nicht nur vollendet dieses Fest das im vorherigen begonnene Geschehen, sondern es eröffnet gleichzeitig die Zukunft, denn wie die Strophen 9 und 10 in das Wort bringen: wir sind nicht als Waisen in der Zeit geblieben.
„Komm!“ Auch in der zweiten Strophe der Sequenz klingt die Geschichte des Geschöpfes und seines Schöpfers, des Menschen mit Gott mit. Das Rufen ist ein gegenseitiges Rufen, das nach der Schöpfung beginnt. Gott ruft den Menschen: „Adam, wo bist du?“ (Gen 3,9) Aber die gefallene Existenz fürchtet und versteckt sich.
Im Evangelium ruft Christus den Menschen zum Leben, und in seine Nachfolge:
„Als Jesus am See von Galiläa entlangging, sah er Simon und Andreas, den Bruder des Simon, die auf dem See ihr Netz auswarfen, sie waren nämlich Fischer. Da sagte er zu ihnen: Kommt her, folgt mir nach!“( Mk 1,16-20)
„Als sich Jesus wieder auf den Weg machte, lief ein Mann auf ihn zu, fiel vor ihm auf die Knie und fragte ihn: Guter Meister, was muss ich tun, um das ewige Leben zu gewinnen? […] Da sah ihn Jesus an, und weil er ihn liebte, sagte er: Eines fehlt dir noch: Geh, verkaufe, was du hast, gibt das Geld den Armen, und du wirst einen bleibenden Schatz im Himmel haben; dann komm und folge mir nach!“ (Mk 10,21)
Ein gegenseitiges Rufen. Wir rufen nach Seinem Kommen, Er ruft den Menschen zum Leben, und wir rufen um Seinen Geist, dass wir leben können.

9. und 10. Strophe
Die 9. und 10. Strophe sind ein Pendant zu der ersten und zweiten: Die ersten beiden rufen vier Mal „Komm“, die letzten beiden rufen viermal nach seinen Gaben.
Wie die zweite Strophe vertrauend weiß, dass der Geist „gute Gaben gibt“, so bittet die neunte Strophe um das Geleit dieser Gaben für sein vertrauendes Volk.
Die Universalität der ersten Strophe, die mit den Polen Licht und Finsternis die Spannbreite geschichtlicher Existenz eröffnet, nimmt die zehnte Strophe auf und führt sie schließend zu der Bitte: „Lass es in der Zeit bestehn, deines Heils Vollendung sehn und der Freuden Ewigkeit.“ Zielpunkt dieser geschichtlichen Existenz ist die Ewigkeit, das Sein bei Gott.
„Gib, dem Volk, das dir vertraut.“ Eine vertrauensvolle Bitte, die sich auf eine Zusage stützen kann, auf die Zusage, nicht als Waisen in dieser Welt gelassen zu sein, sondern im Schutz eines Beistandes:
„Wenn ihr mich liebt, werdet ihr meine Gebote halten. Und ich werde den Vater bitten und er wird euch einen anderen Beistand geben, der für immer bei euch bleiben soll. Es ist der Geist der Wahrheit, den die Welt nicht empfangen kann, weil sie ihn nicht sieht und nicht kennt. Ihr aber kennt ihn, weil er bei euch bleibt und in euch sein wird. Ich werde euch nicht als Waisen zurücklassen, sondern ich komme wieder zu euch. […] Der Beistand aber, der Heilige Geist, den der Vater in meinem Namen senden wird, der wird euch alles lehren und euch an alles erinnern, was ich euch gesagt habe.“ (Joh 14,15-18.26f.)

Das Passepartout – die Strophen 3 und 4, 7 und 8
3. und 4. Strophe

Die Strophen drei und vier besingen sechs Eigenschaften des Heiligen Geistes. Er ist der höchste Tröster, der erfreuende Gast, eine köstliche, süße Labsal, das Geschenk der Ruhe, eine erfrischende Kühlung und der Spender allen Trostes. Der Geist ist lebendig und macht lebendig. Er wirkt nicht fern von uns, sondern dort, wo wir sind: in der Arbeit, in der Hitze des Tages, in den Sorgen und Nöten unseres Lebens. „Der Geist hilft unserer Schwachheit auf“, schreibt Paulus im Brief an die Römer (Röm 8,26). Der Trost des Geistes führt uns heraus aus dem Kreisen um uns selbst, hinein in die Hoffnung auf Gott. „Du stille Macht, du verborgene Kraft, Geist des Herrn, der in uns lebt und schafft, wohne du uns inne, uns anzutreiben; bete du in uns wo wir stumm bleiben“, so dichtet Marie Luise Thurmaier, die auch die Pfingstsequenz übersetzt hat, in einem anderen Lied (Gotteslob 248).
Auch die dritte und vierte Strophen können von außen nach innen gelesen werden. Die zeitliche Erstreckung unseres Daseins, das Ausgespanntsein zwischen dem Jetzt und der Stunde unseres Todes, bildet den Rahmen. Der höchste Tröster in der Zeit – Er ist es, der Trost in Leid und Tod spendet. Seine Gegenwart erfüllt, erfreut und erfrischt uns. In seiner Gegenwart darf das unstete Herz zur Ruhe kommen. Der Heilige Geist ist uns stets gegenwärtig und nah. Aber er ist kein aufdringlicher Gast, der Zeit raubt oder zur Last fällt. Er ist auch kein Wunscherfüller, der auf Knopfdruck und nach unseren Vorstellungen funktioniert. Seine Gaben sind einfache Gaben – aber sie verändern. Sie ermöglichen wahres und wahrhaftiges Leben.

Sende aus deinen Geist und das Antlitz der Erde wird neu.
7. und 8. Strophe

In den Strophen sieben und acht werden sechs Wirkungen des Heiligen Geistes besungen. Er reinigt, lässt neues Leben entstehen, heilt, wärmt, löst und lenkt. In den innigen Bitten (wasche, gieße, wärme) treffen zwei Urelemente aufeinander: Wasser und Feuer. Stichwort Wasser: „Die Liebe Gottes ist ausgegossen in unsere Herzen durch den Heiligen Geist, der uns gegeben ist“, schreibt Paulus an die Römer (Röm 5,5). Im Gespräch mit der Samariterin am Jakobsbrunnen, einem Gespräch, in dem es auch um die Frage geht, welches der richtige Ort für die Gottesverehrung sei, sagt Jesus: „Wer von dem Wasser trinkt, das ich ihm geben werde, wird niemals mehr Durst haben.“ Die Ausgießung des Geistes ist so einerseits ein erfüllt werden, aber andererseits auch ein Aufruf, selbst zu schöpfen: „Wer Durst hat komme zu mir und trinke.“ (Joh 7,38) Wir dürfen, ja wir müssen rufen: Herr, gib uns dieses Wasser und gieße Ströme des lebendigen Wassers über uns aus! Die Ströme des Lebendigen Wassers – „damit“, so schreibt es der Evangelist Johannes, „meinte er den Geist, den alle empfangen sollten, die an ihn glauben.“ (Joh 7,38) Stichwort Feuer: Wenige Verse später, kurz nachdem Paulus das Bild von der Ausgießung des Geistes benutzt hat, schreibt er: „Lasst euch vom Geist entflammen.“ (Röm 12,11) Sich entzünden lassen, für etwas Feuer und Flamme sein, vor Begeisterung Funken sprühen. Die Wirkungen des Heiligen Geistes, die Paulus hier in wenigen Versen nennt, könnte unterschiedlicher nicht sein und doch haben sie eines gemeinsam: sie wollen den ganzen Menschen. Man kann nicht nur halb erfüllt sein und ein zündeln auf Sparflamme ist kein wahrhaftiges Brennen. Wieder ist es Marie Luise Thurmaier, die dies zu verdichten weiß: „Der Geist des Herrn durchweht die Welt gewaltig und unbändig; wohin sein Feueratem fällt, wird Gottes Reich lebendig.“ (Gotteslob 249)
Auch bei diesen zwei Strophen der Sequenz kann man den Blick von außen nach innen wandern lassen: von äußeren Zuständen (wasche mich rein und zeige mir den Weg, den ich gehen soll) – über bewusste Fehlformen (löse meine Erstarrung, befreie mich von den Fesseln meiner Angst und gieße mir neues Leben ein) – bis zu den tiefen, inneren Wunden der Seele (bring in mir das Eis zum Schmelzen, heile die mich quälende Krankheit an Leib und Seele). So kommt alles zur Sprache. Äußere und innere Wunden rufen nach Heilung. Geist Gottes, durchflute unser Leben.
Neben den sechs Wirkungen des Geistes darf man auch die Verfassung des Beters betrachten und sich in ihr wiederfinden (schmutzig, dürr/dürftig, verwundet, verhärtet, kalt und hart, erstarrt, fern vom Weg, einsam). Doch die Bitten sind nicht hoffnungslos, sondern voller Zuversicht, denn uns ist zugesagt: „Vertrau auf Gott, er wird dir helfen, hoffe auf ihn, er wird deine Wege ebnen.“ (Jesus Sirach 2,6) Wir dürfen, ja wir müssen bitten, denn wie viel mehr wird der Vater im Himmel den Heiligen Geist denen geben, die ihn bitten (Lk 11,13).

Das Zentrum
5. und 6. Strophe
Die Strophen im Zentrum der Sequenz, auf die die anderen Strophen sich zubewegen, setzen mit dem Ausruf „O“ an, „O du glückseliges Licht“. In diesem Ruf nimmt die Sequenz sozusagen einen letzten Anlauf, um das in den anderen Strophen Gesagte noch einmal im Bild des höchsten Lichtes zusammenzufassen, es darin aufzunehmen, einzufangen und zu einem Höhepunkt zu bringen.
Die Anrufung „O“ deutet wie immer, wenn sie in der Liturgie vorkommt, darauf hin, daß es um etwas Besonderes, im höchsten Maße Beachtenswertes geht. Der Ruf drückt Staunen und Erwartung aus, eine freudige, manchmal vielleicht auch erschrockene Erwartung dessen, was da kommen mag. Der Ruf hat etwas Flehentliches, was durch die der Anrufung gleich folgende Bitte „fülle Herz und Angesicht“ verstärkt wird.
Das glückselige Licht des Heiligen Geistes möge das tiefste Innere des Menschen erfüllen, sein Herz, den Grund seiner Seele erreichen, so betet und bittet hier der Dichter. Und das ist deshalb so notwendig, weil der Mensch ohne den Geist Gottes, ohne seinen lebensspendenden Anruf nicht zu leben vermag. Das zweimalige „nihil“ im Lateinischen weist darauf hin. Absolut gar nichts kann im Menschen bestehen ohne das Wehen des Geistes, er kann nicht leben und kein Heil finden.
Der Mensch wird erst durch den Geist Gottes, durch seinen Hauch und Anruf zum lebendigen Wesen, zur Person, deren Kern nicht zerstört werden kann. Er empfängt seine Bestimmung von oben. „Wenn jemand nicht aus Wasser und Geist geboren wird, kann er nicht in das Reich Gottes kommen.“ (Joh 3,5) Der Mensch, der sich Gott wie eine leere Schale hinhält und öffnet, empfängt von ihm her durch das Wirken des Heiligen Geistes einen Lebensauftrag, ein Wort, das zum Heil führt.
Romano Guardini schreibt in einer seiner letzten Tagebuchaufzeichnungen 1964:
„Heute Nacht, oder es war wohl morgens, wenn die Träume kommen, dann kam auch zu mir einer. Was darin geschah, weiß ich nicht mehr, aber es wurde etwas gesagt, ob zu mir oder von mir selbst, das weiß ich nicht mehr. Es wurde also gesagt, wenn der Mensch geboren wird, wird ihm ein Wort mitgegeben, und es war wichtig, was gemeint war, nicht nur eine Veranlagung, sondern ein Wort. Das wird hineingesprochen in sein Wesen, und es ist wie das Paßwort zu allem, was dann geschieht. Es ist Kraft und Schwäche zugleich. Es ist Auftrag und Verheißung. Es ist Schutz und Gefährdung. Alles, was dann im Gang der Jahre geschieht, ist Auswirkung dieses Wortes, ist Erläuterung und Erfüllung. Und es kommt alles darauf an, daß der, dem es zugesprochen wird, es versteht und mit ihm ins Einvernehmen kommt. Und vielleicht wird dieses Wort die Unterlage sein zu dem, was der Richter einmal zu ihm sprechen wird.“ (Aus Romano Guardini, Stationen und Rückblicke/Berichte über mein Leben, 1995, S.20)
Jedem Menschen ist ein Wort, ein Lebenswort mitgegeben, das er ein Leben lang zu entschlüsseln hat und immer neu ausbuchstabieren muß. Dazu braucht er die Hilfe und die Kraft des Heiligen Geistes. Nicht im unfruchtbaren Kreisen um seine eigene Person verwirklicht er sich selbst, sondern indem er täglich neu auf das hört, was der Geist ihm sagen will. Gesund und heil ist letztlich derjenige, der seinen Lebensauftrag erkennt, annimmt und ihm sowohl in Freude als auch in Schmerz und Leid zu entsprechen sucht, der in dem Weg, der ihm gewiesen ist, das Heil findet. Wir brauchen den Heiligen Geist zur Unterscheidung der Geister. Der Geist schenkt uns Leben und führt uns, wie der Evangelist Johannes sagt, in die Wahrheit über Gott und über uns selbst. „Aber wenn der Helfer kommt, der Geist der Wahrheit, wird er euch anleiten, in der vollen Wahrheit zu leben.“ (Joh 16,13) Um diesen Beistand des Geistes bitten wir, wenn wir die Sequenz beten.

Oh, Heiliger Geist
des lebendigen Gottes,
wenn ich doch heute
so empfänglich wäre
wie Maria
für dich und das Leben,
deine Boten und deine Gnade,
für das, was von dir her
auf mich zukommt
und mich meint und will
und meine Antwort erwartet –
so oder so.

Oh, Heiliger Geist Gottes,
wenn ich doch heute
in deiner Gegenwart
und meinem Leben
meine Fragen wüsste
und sie zu stellen wagte
wie Maria damals.

Oh, Heiliger Geist Gottes,
wenn ich doch heute
hören würde,
was wichtig ist
und was nicht so wichtig ist
und was eher stört –
dich hören würde, oh Gott,
inspirierend,
provozierend,
befreiend und
befruchtend.

Wenn ich doch heute,
ohne noch zu zögern
und für heute
die Antwort geben würde,
die das Leben bejaht und ihm dient
und Wunder in Gang setzen kann
und Gottes heiligem heilendem Wirken
Raum gibt
Den Raum unterm Herzen,
in dem das Leben heranwächst.

Komm, Heiliger Geist Gottes,
lehre mich in deinem Erbarmen,
was ich noch zu lernen haben,
und mitzutun,
was ich mittun kann
an deinem Heilsplan
für alle.
(Aus Johanna Domek, Andreas Felger, Atem Gottes, 2007, S.21 f.)

In der Fastenzeit vor Ostern sind wir zu innerer Erneuerung und zur Besinnung auf das Wesentliche eingeladen. Körperlich und geistig einmal so richtig entschlacken; hautnah erfahren, dass weniger mehr sein kann; selbstgezimmerte Götzen und Abhängigkeiten einmal loslassen – das könnte ein Programm sein, um einmal wieder, zumindest auf Zeit, frei zu werden von sich selbst – oder, um es mit einem Wort der Heiligen Schrift zu sagen, die Freiheit der Kinder Gottes wieder tiefer zu erfahren. Ich möchte Sie einladen, die Fastenzeit einmal zu nutzen, um ganz persönlich innezuhalten und eine eigene kleine Lebensbilanz zu erstellen. Stellen Sie sich dazu zunächst vor, dass Ihre Lebensuhr heute Nacht um 24.00 Uhr unwiderruflich abläuft. Vielleicht kommen Ihnen angesichts dessen folgende Gedanken: Gut, dass ich dies oder jenes in meinem bisherigen Leben erreicht und verwirklicht habe, dass ich dies erlebt und jenem Menschen begegnet bin. Fragen Sie sich nun in aller Ruhe: Wen oder was habe ich geliebt? Welche Werte waren mir wichtig? Welche Erfahrungen sind mir die wertvollsten? Welche Einsichten habe ich in meinem bisherigen Leben gewonnen oder auch überwunden? Welche Leiden habe ich tapfer durchgestanden? Was habe ich vielleicht bereut und welche Lehren hat mir das Leben erteilt? Machen Sie sich ruhig spontan ein paar Notizen dazu. Überlegen Sie dann, wofür Sie nun leider keine Zeit mehr haben. Was ist ungesagt und unausgesprochen geblieben in Ihrem bisherigen Leben? Welche Werte hätten Sie gerne noch verwirklicht? Welches sind Ihre unerfüllten Wünsche und Sehnsüchte? Wem hätten Sie vielleicht noch danken wollen? Auch hier sollten Sie sich das, was Ihnen spontan in den Sinn kommt, kurz notieren. In einem dritten Schritt wird nun die Voraussetzung, unter der unsere Lebensbilanz bisher stand, aufgehoben. Heute ist nicht der letzte Tag Ihres Lebens, sondern vielmehr der erste vom Rest Ihres Lebens. Angesichts dessen gilt nun: schieben Sie das, was Ihnen zum zweiten Teil der Fragen in den Sinn gekommen ist, nicht allzu lange auf! Tun Sie es bald, nutzen Sie die Zeit, die Ihnen geschenkt ist, und leben Sie bewusst – im Jetzt, im Hier und im Heute, im Augen-Blick Gottes. Übrigens: eine Lebensbilanz kann man ruhig öfter einmal ziehen. Sie werden sehen: das Leben wird anders, es wird ganz neu und ganz spannend. Und wir spüren auf einmal wieder, was unser Menschsein ausmacht: Bewusstsein, Freiheit und Verantwortung.

Sr. Philippa Rath

Jemand muß zuhause sein, Herr,
wenn du kommst.
Jemand muß dich erwarten
unten am Fluß
vor der Stadt.

Jemand muß dich erwarten
oberhalb Rüdesheims und Eibingens
zwischen den Weinbergen, so könnten wir es umdichten.

Zuhause sein

Die Abtei ist unser Zuhause. Wir sind dort zuhause, weil jede von uns sich von Gott hierhin gerufen weiß, in Gemeinschaft zu beten und zu arbeiten. Aber die Abtei soll nicht nur für uns Schwestern ein Zuhause sein. Deshalb ist es ein Glück für uns, wenn ich Gäste an der Pforte erlebe, die öfter zu einem Gastaufenthalt kommen und sagen: „Jetzt bin ich wieder zu Hause.“ Oder bei der Verabschiedung: „Ich fühlte mich hier wirklich zuhause.“ Es ist schön ein Zuhause zu haben- wie viele Menschen haben es nicht!- und es ist schön zu hören, daß sich Menschen bei uns angenommen fühlen. Weiterlesen

„Dies ist der Tag, den Gott gemacht hat. Darüber wollen wir uns freuen und jubeln!“ Dieses Wort aus Psalm 118 singen wir hier in der Abtei St. Hildegard in Rüdesheim/Eibingen jeden Sonntag in der Frühe. Sie alle sind täglich in dieses Gotteslob eingeschlossen, denn das, so glauben wir, ist unsere Aufgabe: stellvertretend für die ganze Welt vor Gott zu stehen, ihn zu loben, ihm zu danken und für alle Menschen Gottes Segen und Heil zu erbitten.

Vielleicht haben Sie sich schon einmal gefragt: Was suchen eigentlich Menschen in einem Kloster? Warum gehen auch heute noch junge Menschen ins Kloster? Was bewegt sie, wie vor ungefähr 1400 Jahren Benedikt von Nursia, ein so ganz anderes Leben zu wählen? Aber was ist da anders? Denn auch Klosterleute sind doch nur Menschen. Bei uns zum Beispiel leben ganz normale, alltägliche Menschen miteinander.
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